Als bipolare Störung wird in der Psychologie ein Krankheitsbild bezeichnet, bei dem Patienten unter heftigen Stimmungsschwankungen leiden. Innerhalb von Sekunden kann bittere Betrübnis in überbordende Euphorie umschlagen – oder tiefe Verachtung in regelrechte Begeisterungsstürme. Therapeuten berichten, dass Betroffene sie in der einen Sekunde abgrundtief verachten, um sich in der nächsten mitunter in sie zu verlieben. Das passiert völlig willkürlich und ohne Plan, die Patienten können es schlichtweg nicht kontrollieren. Dabei gerät die Aktivität in Hirnarealen aus dem Gleichgewicht, die für Emotionsregulation und Impulskontrolle zuständig sind. Das Ergebnis: emotionale Sprunghaftigkeit und ein wildes Durcheinander der Gefühle.
Hört sich nach der Beziehung an, die Donald Trump zu Bitcoin und dem ganzen Kryptomarkt pflegt. Noch 2019, in seiner ersten Amtszeit, sagte Trump öffentlich: „Ich bin kein Fan von Bitcoin und anderen Kryptowährungen. Ihr Wert ist nichts als heiße Luft.“ Und weiter: „Unregulierte Kryptos ermöglichen Gesetzesbrüche wie Drogenhandel.“ Gut fünf Jahre später, nach seiner Wiederwahl Ende 2024, unterschrieb Donald Trump im Weißen Haus ein Dekret, um Bitcoin zur strategischen Staatsreserve zu erheben. Bevor psychologisch gebildete Leser jetzt protestieren: Natürlich maßen wir uns nicht an, Trump per Ferndiagnose eine bipolare Störung anzudichten. Dafür gibt es auch gar keinen Grund. Denn all das passiert nicht willkürlich. Es folgt einem großen Plan. Dieser Plan dient dem Überleben der USA. Und geht weit über Trumps eigene Interessen hinaus.
Warum Trump auf den Bitcoin angewiesen ist
Warum unterstützt Trump den Bitcoin so offensiv? Weshalb rief er sich im Wahlkampf vergangenes Jahr lautstark zum Krypto-Präsidenten aus? Die Antwort scheint auf der Hand zu liegen: Die Trump-Familie betreibt einen eigenen Krypto-Fonds und will damit gutes Geld verdienen. Außerdem plant der Clan des US-Präsidenten, groß ins Bitcoin-Mining einzusteigen. Und dann sind da noch die Memecoins von Donald und seiner First Lady Melania, die dank geschicktem Marketing Millionen abwerfen. Außerdem sind eine eigene Krypto-Wallet und ein Trump-Stablecoin in Entwicklung. Trump und seine Familie profitieren also großzügig vom Krypto-Hype, den der US-Präsident in den Vereinigten Staaten losgetreten hat. Wer aber glaubt, dass es Trump einzig um die persönliche Bereicherung geht, ist auf dem Holzweg. Denn das ist maximal die halbe Wahrheit.
In starker Korrelation zur US-Staatsverschuldung steigt der Marktwert von USDT und USDC, den größten beiden Stablecoins. Ein Zufall? Wohl eher nicht.
Mit dem radikalen Bitcoin-Sinneswandel ist Donald Trump keineswegs allein. Auch Larry Fink, als Geschäftsführer beim weltgrößten Vermögensverwalter BlackRock einer der einflussreichsten Geschäftsmänner des Planeten, wurde in den vergangenen Jahren vom Krypto-Saulus zum Bitcoin-Paulus. Im Oktober 2017 bezeichnete Fink den Bitcoin als „Index für Geldwäsche“. Da war BTC gerade auf knapp 6000 US-Dollar gestiegen. Im Juli 2023, als BlackRock gerade in die Offensive im Ringen um Spot-Bitcoin-ETFs ging, hörte sich das alles schon ganz anders an: „Wir glauben, dass Bitcoin die Finanzwelt revolutionieren kann“, gab Fink damals zum Besten. Sechs Monate später ergänzte er: „Bitcoin ist eine Anlageklasse, die dich schützt. Er unterscheidet sich darin nicht von dem, was Gold seit Tausenden Jahren darstellt.
Auch Larry Fink könnte man natürlich unterstellen, es ginge ihm nur um den Erfolg der BlackRock-ETFs. Erneut ist das aber zu kurz gedacht. Ebenso wie die US-Staatsführung hat Larry Fink ein lebhaftes Interesse daran, dass die Vereinigten Staaten die weltweite Wirtschaftsmacht Nummer eins bleiben. Und dabei kann die Bitcoin-Adaption eine entscheidende Rolle spielen. Denn der Kryptomarkt hat unmittelbaren Einfluss auf die drei Standbeine der wirtschaftlichen und geostrategischen Vorherrschaft der Vereinigten Staaten: auf die Dominanz des US-Dollars als globale Reservewährung, auf die Refinanzierbarkeit der horrenden US-Staatsverschuldung und natürlich auf die Position der Vereinigten Staaten als Vorreiter bei technologischer Innovation.
Das größte Problem der US-Wirtschaft
Beginnen wir von hinten: Dass Kryptowährungen und die Blockchain-Technologie der aktuell größte Trend im globalen Finanzmarkt sind, lässt sich kaum mehr leugnen. Nach ihrer Zulassung im Frühjahr vergangenen Jahres feierten die neuen Bitcoin-ETFs in den Vereinigten Staaten den besten Börsenstart seit Jahrzehnten. Immer mehr Unternehmen folgen dem umstrittenen, bislang aber höchst erfolgreichen Bitcoin-Modell von Microstrategy und Großbanken weltweit ringen um einen Platz an der Krypto-Sonne. Die letzten drei Jahrzehnte rasanter technologischer Entwicklung waren gespeist von Ideen und Innovationen aus den Vereinigten Staaten. Das Silicon Valley lieferte erst das Internet, dann Smartphones und nun Künstliche Intelligenz.
US-Staatsschulden und die US-Dollar im Umlauf stiegen in den letzten Jahren rasant. Um die USA vor dem Kollaps zu bewahren, muss das alles irgendwie aufgesogen werden.
Um diesen Nimbus nicht an den ehrgeizigen Konkurrenten China zu verlieren, wollen die USA auch im Kryptomarkt die Nase vorn haben. Da kommt Trumps unverhoffte Bitcoin-Romanze keineswegs überraschend. Die technologische Komponente ist aber nur ein kleiner Teil des großen Krypto-Plans der US-Regierung. Noch wichtiger ist die Rolle des Kryptomarktes für die finanzielle Gesundheit des ganzen Landes. Und das liegt an der gefährlichen Geldpolitik der Vereinigten Staaten. Allein seit der Corona-Pandemie 2020 sind die US-Staatsschulden von gut 23 Billionen auf mehr als 36 Billionen US-Dollar gestiegen. Gleichzeitig wuchs die Menge an US-Dollar im Umlauf von rund 1.8 Billionen auf auf knapp 2.4 Billionen.
Um diese astronomischen Zahlen nachvollziehbar zu machen, hier ein kleiner Vergleich: Von 1970 bis zur Weltfinanzkrise 2008 wuchsen die US-Schulden um rund neun Billionen Dollar. Allein von 2020 bis heute waren es knapp 13 Billionen. In den letzten fünf Jahren wurden 500 Milliarden neue US-Dollar ausgegeben – so viel wie zwischen 1970 und der Jahrtausendwende. Jedes andere Land dieser Welt wäre bei solchen Statistiken wohl schon lange insolvent und in einer Hyperinflation. Die USA aber können sich dieses Defizit leisten, weil ihre Schulden in Form von Staatsanleihen weltweit gefragt sind und der US-Dollar als Reservewährung eine große Nachfrage erfährt – etwa im Rohöl-Markt, wo jahrzehntelang fast jeder Deal in US-Dollar abgewickelt wurde.
Rettet Krypto die USA vor der Staatspleite?
Die USA können sich also ein horrendes Defizit leisten, so lange der US-Dollar weltweit als Reserve- und zentrale Handelswährung genutzt wird und solange die stetige Nachfrage nach US-Staatsanleihen nicht abreißt. Laut dem Bundesfinanzministerium beträgt die Staatsverschuldung der USA aktuell fast 130 Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts – in Deutschland ist es mit knapp 63 Prozent gerade mal die Hälfte. Dass die US-amerikanische Haushaltsführung alles andere als nachhaltig ist, wissen auch die geopolitischen Gegner der Vereinigten Staaten. So planen China und Russland schon länger, den Ölhandel mithilfe ihrer BRICS-Verbündeten vom US-Dollar abzukoppeln und damit die US-Wirtschaft nachhaltig zu destabilisieren.USDT-Herausgeber Tether deckt gut 80 Prozent seiner 150 Milliarden an Stablecoins mit Bargeld (-Äuqivalenten). Davon wiederum sind 80 Prozent Staatsanleihen.
Und hier kommt der Kryptomarkt ins Spiel: Mit rund drei Billionen US-Dollar Gesamtwert hat sich die Blockchain-Branche in den vergangenen Jahren zu einem Liquiditätsschwamm entwickelt, der gleichzeitig Dollar-Reserven aus dem System zieht und US-Staatsschulden refinanziert. Der Stablecoin-Markt, dessen größte Anbieter ihre stabilen Kryptowährungen mit Fiat-Beständen decken, ist mittlerweile rund 250 Milliarden US-Dollar schwer. Der Marktführer Tether hält laut eigenen Angaben mehr als 80 Prozent seiner rund 150 Milliarden Dollar schweren Reserven in Bargeld und entsprechenden Äquivalenten (davon sind wiederum 80 Prozent in US-Staatsanleihen). Ähnlich sieht es beim großen Konkurrenten Circle aus, der jüngst an die Börse gegangen ist.
Bei Konkurrent Circle sieht es ähnlich aus. Etwa die Hälfte aller Reserve-Assets sind durch US-Staatsanleihen gedeckt (US Treasury).
Dass der Kryptomarkt sowohl Dollar-Reserven als auch Staatsanleihen aus dem Markt zieht, sichert nicht nur die Stabilität der US-Währung, sondern sichert auch das enorme Haushaltsdefizit der USA ab. Laut der Investmentbank Standard Chartered könnte allein der Stablecoin-Markt bis 2028 auf zwei Billionen Dollar anwachsen. Schon jetzt halten die größten Stablecoin-Emittenten ein Prozent aller US-Staatsanleihen und belegen gemeinsam den 15. Platz in der Rangliste der größten Besitzer von US-Staatsanleihen außerhalb der Vereinigten Staaten. Laut dem Krypto-Vermögensverwalter Bitwise könnte dieser Anteil in den nächsten Jahren auf satte 15 Prozent ansteigen.
Warum die USA Bitcoin und Krypto zum Überleben brauchen
Noch vor wenigen Jahren sahen viele US-Offizielle die Macht von Stablecoin-Emittenten auf dem Anleihemarkt als Gefahr für den nationalen Haushalt. Heute ist es umgekehrt: Plötzlich wird die Krypto-Industrie umgarnt und mit regulatorischen Rahmenbedingungen versorgt, die weiteres Wachstum ermöglichen – vorausgesetzt natürlich, Tether und Circle bleiben den Vereinigten Staaten und ihrer Währung treu. Um das zu garantieren, soll der Kryptomarkt mit neuen Gesetzen noch enger an die US-Wirtschaft gebunden werden. Dazu geht gerade ein Gesetzesentwurf mit dem nicht gerade bescheidenen Namen GENIUS Act durchs US-Parlament. Dadurch sollen Stablecoin-Emittenten künftig dazu verpflichtet werden, ihre Währungen in großen Teilen mit US-Anleihen zu decken.
Wenn viele Staatsanleihen gekauft werden, fallen die Anleihezinsen (orange). Mit hoher Nachfrage nach US-Schulden könnte sich der Kryptomarkt (Altcoins vs. BTC in Türkis) selbst stärken.
Der Gedanke dahinter ist klar: Je mehr Staatsanleihen von rasant wachsenden Stablecoin-Unternehmen aufgekauft werden, desto besser können die USA ihr Haushaltsdefizit aufrechterhalten. Dass Circle, Tether und Co. gleichzeitig große Dollar-Reserven halten, ist ein angenehmer Nebeneffekt. Schließlich wird auf diese Weise überschüssige Liquidität aus dem System gezogen, was der US-Notenbank größeren Spielraum gibt, frische Liquidität in Form neuer Dollar-Bestände auszugeben, um die zuletzt schwächelnde US-Wirtschaft wieder aufzupäppeln. Dass der Kryptomarkt nicht nur ein Schwamm für billige Dollars (und damit eine Art Inflationsschutz), sondern auch ein dankbarer Abnehmer für US-Schulden ist, haben Donald Trump und Co. verstanden. Der Krypto-Kuschelkurs der US-Regierung ist die logische Konsequenz daraus.
Dass Donald Trump die USA zum Krypto-Weltmarktführer machen will, schlägt in dieselbe Kerbe. Je dominanter die Vereinigten Staaten im Blockchain-Markt sind, desto mehr wird dort in US-Dollar gehandelt und desto mehr Dollar-Reserven werden aufgesogen. Bleibt die Dominanz des US-Dollars im Kryptomarkt so hoch wie jetzt, könnte das langfristig etwaige Marktverluste im Rohöl-Sektor kompensieren, dessen Dollar-Kopplung seit Jahrzehnten die Vorherrschaft der USA sichert. Für den Kryptomarkt ist die unverhoffte Romanze mit der US-Regierung ein zweischneidiges Schwert: Einerseits steigen Aufmerksamkeit und Nachfrage, andererseits begibt man sich in Abhängigkeit von US-Währungsreserven und Anleihen, die von Washington kontrolliert werden. Sicher ist nämlich eines: Aus Donald Trump sprach kein Krypto-Maxi, sondern ein eiskalt berechnender Geostratege, als er sagte: „Verkaufen Sie niemals Ihre Bitcoins!“




