Mehrfach hatte Trump seinen Anhängern im Wahlkampf eine staatliche Bitcoin-Reserve versprochen. Nach seiner Wiederwahl zum US-Präsidenten wurde es dann aber erstmal ruhig um seine Krypto-Pläne – bis zum Wochenende. Da gab Trump über seine Kurznachrichten-Plattform Truth Social bekannt, eine strategische Reserve aus Solana, XRP und Cardano zu planen. Bitcoin und Ethereum erwähnte er erst später. Die Auswahl sorgte für Verblüffung, schnell wurden Vorwürfe möglicher Insider-Geschäfte laut.
Donald Trump kündigte eine Krypto-Reserve an, die XRP, SOL und ADA umfasst. Später fügte er hinzu, dass BTC und ETH auch enthalten sein sollen.
Bitcoin und der Altcoin-Sektor legten dennoch kräftig zu – der Zauber endete aber schon wenige Stunden später mit einem bärischen Knalleffekt: Trump erhöhte erneut die Zölle gegen China und zeigte sich im Tarifstreit mit Kanada und Mexiko unerbittlich. Die traditionellen Märkte knickten ein, Bitcoin verlor die gesamten Zugewinne des Wochenendes. Dieses ganze Durcheinander folgt einem großen politischen Plan, für den Trump den Kryptomarkt braucht. Warum also macht er das? Und bedeutet seine Politik das Ende des Bullenmarktes?
„Ich will nicht, dass mein Steuergeld in Altcoins fließt!“
„Die strategische US-Reserve wird die wichtige Krypto-Industrie nach Jahren korrupter Attacken der Biden-Regierung wieder groß machen. Deshalb habe ich per Exekutivbefehl veranlasst, eine strategisch Krypto-Reserve aufzusetzen, die XRP, SOL und ADA enthält“, schrieb Donald Trump am Donnerstagnachmittag deutscher Zeit auf Truth Social und fügte in gewohnt markiger Manier an: „Ich werde sicherstellen, dass die USA die Krypto-Großmacht der Welt werden. Wir machen Amerika wieder groß!“
Kaum eine Stunde später schickte Trump per weiterem Post hinterher: „Ach ja, offensichtlich werden Bitcoin und Ethereum, nebst anderen wertvollen Krypto-Assets, den Grundstein dieser Reserve bilden“. Schließlich „liebe“ er „auch Bitcoin und Ethereum!“ Verständlicherweise geriet der Kryptomarkt infolge dieser beiden Posts, die auf den ersten Blick spontan und wenig durchdacht schienen, in Aufruhr. Die Preise von Solana, XRP und Cardano schossen in die Höhe, Bitcoin und Ethereum machten in wenigen Minuten fast die gesamte Korrektur der vorangegangenen Woche wett. Schnell aber wurde Kritik an der recht willkürlich erscheinenden Auswahl von Solana, Ripple und Cardano für die strategische Reserve auf.
Der eigentlich als Krypto-Gegner bekannte Ökonom Peter Schiff tweetete kurz nach Trumps Ankündigung: „Ich verstehe den Gedanken einer Bitcoin-Reserve. Ich mag die Idee nicht, aber ich verstehe sie. Wir haben Gold-Reserven. Bitcoin ist digitales Gold, was besser ist als analoges Gold. Also lasst uns eine Bitcoin-Reserve machen. Aber was ist die Idee hinter einer XRP-Reserve? Warum in aller Welt brauchen wir das?“ Allein war Peter Schiff in seinem offensiven Zweifel nicht – im Gegenteil. Namhafte Köpfe der Krypto-Branche schlossen sich an. Größter Kritikpunkt: Solana, Cardano und vor allem XRP, wo Ripples Führungsriege bis heute milliardenschwere Token-Positionen hält, sind weitaus weniger dezentral als Bitcoin.
Kritiker wie Peter Schiff sehen in Trumps geplanter Altcoin-Reserve die Gefahr, dass die Gründer der jeweiligen Projekte – in diesem Fall von Cardano, XRP und Solana – von staatlichen Käufen profitieren und sich durch massenhafte Verkäufe ihrer Token-Bestände am Steuergeld, das in die Reserve fließen soll, bereichern. Der bekannte Analyst Benjamin Cowen brachte den Konflikt auf den Punkt, als er tweetet: „Ich will nicht, dass mein Steuergeld genutzt wird, um Altcoins zu kaufen.“
Altcoins sind Teil von Trumps Master-Plan
Trump selbst dürfte diese Kritik wenig interessieren. Auch die Vorwürfe, er würde mit der vorläufigen Aufnahme von Solana, Ripple und Cardano in die strategische Reserve vorwiegend seinen großzügigen Wahlkampfspendern hinter diesen Altcoin-Projekten einen lukrativen Gefallen tun, perlen an ihm ab. Das ist nicht verwunderlich – schon in den vergangenen Wochen hat sich gezeigt, dass Trump bei öffentlichem Gegenwind nur noch stärker an kontroversen Entscheidungen festhält. Warum aber macht Trump das? Warum stürzt er die Finanzmärkte regelmäßig ins Chaos? Und welche Rolle spielen Altcoins in seinem politischen Master-Plan?
Die ersten beiden Gründe für Trumps plötzliche Krypto-Offensive liegen in seinen eigenen finanziellen Interessen und denen seiner Unterstützer. Während des Wahlkampfs präsentierte Trump sich als Verfechter eines freien und deregulierten Kryptomarkts. Altcoin-Entwickler, Krypto-Börsenbetreiber und private Anleger spendeten Millionenbeträge, um Trump zum Sieg zu verhelfen. Jetzt wollen mächtige Sponsoren etwas haben für ihre Unterstützung. Und auch Trump selbst investiert fleißig in den Kryptomarkt. Das Onchain-Projekt World Liberty Financial, auf dessen Website die gesamte Familie Trump präsentiert wird und auch Donald selbst als Schirmherr auftritt, akkumulierte in den letzten Wochen allerlei Altcoins. Und Trumps Sohn Eric ruft auf X dazu auf, Ethereum zu kaufen.
Der wichtigste Grund für Trumps unerwartetes Vorpreschen in Sachen Krypto-Reserve liegt aber viel tiefer – und ist trotz der scheinbaren Spontaneität Teil eines großen politischen Plans, den er seit dem ersten Tag im Amt verfolgt. Ob es nun die plötzlichen Zollentscheidungen gegen Mexiko, Kanada und China sind, der unvermittelte Ausstieg aus der WHO und dem Pariser Klimaschutz-Abkommen oder auch die Dutzenden Exekutivbefehle, die er gleich nach der Angelobung unterzeichnete: Trump liebt es, unerwartete Alleingänge hinzulegen, um Freund und Feind zu verwirren und zu demonstrieren, dass die gesamte politische Macht einzig und allein bei ihm liegt.
Dabei genießt er die Verunsicherung der Öffentlichkeit und setzt diese Unsicherheit strategisch ein. Trump lässt alle anderen über seine Pläne vorsätzlich im Ungewissen, um die Öffentlichkeit immer wieder mit zwischenzeitlichen politischen Schnellschüssen aufzurütteln. Dazu gehören unvermittelte Massenentlassungen von Staatsbediensteten ebenso wie die plötzliche Einstellung internationaler Hilfsleistungen oder jetzt eben die Krypto-Reserve mit Altcoin-Beteiligung. Was Trump damit schafft, ist breite Überforderung und Lähmung. Er reizt seinen öffentlichen Einfluss aus, um der ganzen Welt zu spüren zu geben, wie sehr sie von ihm abhängig ist. Das mag Narzissmus sein, folgt aber auch einem politischen Kalkül.
Chaos und Held: Was Trump mit Krypto plant
Indem er seine Gegner und Unterstützer mit der schieren Flut an Exekutivbefehlen, teils absurden Äußerungen und außen- wie innenpolitischen Drohungen überhäuft, weicht Trump verfassungsrechtliche Grenzen seiner Macht auf. Dazu überfordert er Kontrollorgane wie etwa Gerichte, Medien oder staatliche Behörden mit wilder Informationsflut, ignoriert richterliche Beschlüsse oder schafft Kontrollgremien kurzerhand vollständig ab. Trump will, dass alles von ihm und seinen Launen abhängt, dass niemand vorhersehen oder planen kann, was als Nächstes kommt – schon gar nicht die Opposition.
Am ersten Tag im Amt unterschrieb Trump dutzende Exekutivbefehle, einige davon verfassungswidrig. Kontrollierende Instanzen überfordert Trump gezielt.
Dafür stiftet Trump vorsätzlich Chaos, schickt die Märkte durch ein Posting in eine plötzliche Rallye und sorgt mit der nächsten Zollankündigung wenige Stunden später für Panik und Abverkäufe. Das ist kein Versehen und schon gar keine Unwissenheit – es ist Teil seines Plans. Jeder Anleger, jeder Bürger, jeder Politiker auf der ganzen Welt soll spüren, wie machtlos er ist, wenn Trump gerade nicht will, dass sein Plan aufgeht. Um dieses Gefühl zu vermitteln, droht Trump der Nato mit seinem Austritt, spielt mit den internationalen Finanzmärkten, kündigt willkürliche Abschiebungen an und baut radikal Stellen im politischen Apparat der USA ab. Keiner soll sich sicher fühlen, jeder soll spüren, dass Wohl und Wehe von Trumps Gutdünken abhängen. Und obwohl dieses Chaos aktuell kaum zu überblicken ist und die Märkte unter anhaltenden Druck setzt, gibt es Hoffnung.
Denn Trumps Kalkül besteht aus zwei Teilen: dem Chaos und der Rettung. Trump will es sein, der die alte Ordnung aufbricht, für Unsicherheit sorgt und die Menschen zittern lässt, damit sie seine Macht spüren und anerkennen. Er will es aber auch sein, der anschließend als großer Retter den Sieg verkündet. Die Wirtschaft befindet sich gerade im ersten Akt dieses Drehbuchs: Trump überschreitet Grenzen, stößt internationale Handelspartner vor den Kopf und wirbelt die Finanzmärkte so sehr durcheinander, dass Unsicherheit und Angst ans Maximum gehen. Diese erste Phase ist für Anleger kaum auszuhalten, denn Unsicherheit ist das Schlimmste, was dem Markt passieren kann. Das weiß auch Trump. Vom Tisch ist die Altcoin-Season damit nicht. Eher im Gegenteil.
Trump will selbsternannter "Krypto-Präsident" werden. Damit der Sieg am Ende glorreich wird, muss es vorher aber düster sein. Der Markt geht gerade durch erstere Phase.
Schließlich sieht Trumps Drehbuch im zweiten Akt den großen, strahlenden Sieg vor. Und das bedeutet am Finanzmarkt: Saftige Gewinne für alle, damit Trump als großer Held dastehen kann und jeder seine vermeintliche Allmacht im Guten wie im Schlechten anerkennt. Damit der Triumph am Ende möglichst glorreich ausfällt, muss es vorher so düster wie möglich sein – ein Motiv, das sich auch in Trumps populistischer Rhetorik spiegelt: Erst ist alles schrecklich, weil andere es verbockt haben. Dann kommt Trump und macht Amerika groß.
Aktuell stecken die Märkte im düsteren ersten Akt dieses Drehbuchs. Bleibt nur zu hoffen, dass Trump bald genug in den zweiten wechselt, bevor die Wirtschaft nachhaltigen Schaden nimmt. Als Katalysator für diese Trendwende könnte Trump den ebenfalls am Wochenende angekündigten, ersten Krypto-Gipfel der USA nutzen. Der findet am Freitag im Weißen Haus statt. Bis dahin bleibt die Unsicherheit bestehen. Sicher ist nur: Trumps Drehbuch für den Finanz- und Kryptomarkt ist noch lange nicht durchgespielt. Die dunkle Bühne wartet noch auf ihren Helden.


Der Bitcoin-Gegner Peter Schiff kritisierte Trump für seine Altcoin-Pläne und kündigte eine parlamentarische Ermittlung zum Trump-Memecoin an
Auch im engsten Kreis des US-Präsidenten wird weiter über Altcoins diskutiert. Eric Trump, der Sohn von Donald Trump, empfiehlt Investitionen in Ethereum.

