Die letzten Wochen waren mühsam für den Aktienmarkt. Nachdem die großen nordamerikanischen Indizes zu Jahresbeginn ein Allzeithoch ans nächste gereiht hatten, schien die Luft zuletzt raus zu sein. Der tapfere nordamerikanische Leitindex Standard & Poor’s 500 kämpfte sich zuletzt zwar noch ein Stück aufwärts, der Technologie-Index Nasdaq aber stagniert schon länger und durchläuft aktuell eine zähe Konsolidierungsphase. Die Zuspitzung der geopolitischen Krise im Nahen Osten durch die Angriffe des Iran auf Israel traf die unschlüssigen Märkte Anfang der Woche unvorbereitet und triggerten besonders bei risikoreichen Technologieaktien oder im hochvolatilen Krypto-Markt deutliche Rücksetzer. Während die derzeit beobachtbaren Parallelen zur Ölkrise und der jahrelangen 1970er-Rezession vielen Marktbeobachtern Sorge bereiten, könnte der nächste bullische Schub für die Aktienmärkte laut Experten kurz bevorstehen: In den nächsten Tagen veröffentlichen Tech-Giganten um Microsoft, Google und Nvidia ihre Geschäftszahlen und dürften solides Wachstum verzeichnen. Zwar stagnieren Apples iPhone-Verkäufe und Tesla entlässt Tausende Mitarbeiter; Nvidia aber könnte mit einer neuen Software-Plattform seine KI-Dominanz festigen – und einmal mehr die ganze Branche schultern.
Apple von US-Justiz verklagt – und wieder hinter Samsung
Seitdem Microsoft den langjährigen Spitzenreiter Apple als wertvollstes Börsenunternehmen der Welt abgelöst hat, läuft es nicht so richtig für den iPhone-Hersteller. Zwar überflügelte man Anfang des Jahres nach mehr als zehn Jahren den ewigen Kontrahenten Samsung in der Smartphone-Branche – die Feierstimmung wich aber schnell dem Kater des endgültig gescheiterten Apple Car-Projekts und der bitteren Gewissheit, in Sachen Künstlicher Intelligenz von anderen Tech-Giganten abgehängt worden zu sein. Und zu allem Überdruss verlor man die Smartphone-Krone schon nach dem ersten Quartal des aktuellen Jahres wieder an die südkoreanische Konkurrenz von Samsung. Apples Smartphone-Verkäufe fielen in den letzten drei Monaten um rund zehn Prozent, was allerdings auch dem starken Absatz in der Weihnachtszeit geschuldet ist. Gleichzeitig wuchs der Smartphone-Markt nach Jahren der Flaute um knapp acht Prozent, die führenden Konzerne verkauften im ersten Quartal rund 300 Millionen Geräte. Apple rangiert mit gut 17 Prozent Marktanteil erneut auf dem zweiten Platz, geschlagen von Samsung mit rund 20 Prozent. Die Bronzemedaille baumelt um den Hals des chinesischen Senkrechtstarters Xiaomi, der erst kürzlich seinen ersten elektrischen Sportwagen präsentierte, um in die Automobil-Branche einzusteigen.
Dass zwischen Microsoft an der Börsenspitze und Apple mit Blick auf die Marktkapitalisierung mittlerweile eine Lücke klafft, die dem Gesamtwert des E-Auto-Giganten Tesla nahekommt, liegt aber auch an starkem Verkaufsdruck, der in den letzten Wochen bei der Apple-Aktie eingesetzt hatte. Das Vertrauen der Anleger wurde erst vor wenigen Tagen vom Justizministerium der Vereinigten Staaten erschüttert. Ende März leitete die Behörde ein Verfahren wegen Wettbewerbsverzerrung gegen Apple und seinen App Store ein, weil dort laut Anklage Alternativen zu Apple-Produkten kleingehalten werden. Bereits Ende März hatte der Konzern eine milliardenschwere Strafe von der EU kassiert, nachdem Spotify bemängelt hatte, als Streaming-Konkurrent zu Apple Music im App-Store systematisch benachteiligt zu werden. Für das Justizministerium geht es „in diesem Fall darum, den Smartphone-Markt von Apples wettbewerbsschädlichem und diskriminierendem Verhalten zu befreien und den Wettbewerb um niedrigere Smartphone-Preise für Konsumenten wiederherzustellen“. Mit Blick auf den App Store stehe im Vordergrund, „die Gebühren für Entwickler zu verringern und Innovation für die Zukunft zu sichern“ – Apple nutze seine dominante Marktstellung nämlich aus, um mit dem App Store ungebührliche Abgaben einzuheben und Neuheiten zu unterdrücken, die der eigenen Produktpalette gefährlich werden könnten.
Nvidia revolutioniert (mal wieder) die KI-Branche
Apple wehrte sich entschieden gegen die Vorwürfe des Justizministeriums und bezeichnete die Anklage als „falsch mit Blick auf die Fakten und das Gesetz“. Trotz der juristischen Querelen solle man Apple aber nicht unterschätzen, warnte die Analyse-Sparte der Bank of America vor einigen Tagen. Demnach profitiere Apple vor allem von der Nutzung selbst entwickelter Chips und Hardware sowie von der zunehmenden Selbstständigkeit in Sachen Cloud-Anwendungen. Die Bank of America erwartet starkes Umsatzwachstum dank der baldigen Integration generativer KI in neue iPhone-Modelle: „Unserer Meinung nach unterschätzt die Wall Street das langfristige Profitpotenzial von Apple sowohl bei Geräten als auch bei Software-Dienstleistungen.“ Den Beweis für diese Prognose kann Apple bei der nächsten Veröffentlichung seiner Geschäftszahlen am 2. Mai antreten. Deutlich früher, nämlich schon am 25. April, öffnen Microsoft und Google ihre Bücher. Laut Wall Street-Schätzungen dürfte der Kommunikationssektor mit der Google-Mutter Alphabet als Speerspitze im Vorjahresvergleich um mehr als ein Viertel wachsen, dem Technologiesektor werden kräftige gut 20 Prozent prophezeit. Im vierten Quartal hatte die Kommunikationsbranche beachtliche 53.5 Prozent Jahreswachstum hingelegt, die Tech-Branche glänzte mit fast 25 Prozent. Ein wichtiger Treiber dieses Wachstums war besonders bei Microsoft und Nvidia das Narrativ der Künstlichen Intelligenz.
Etwas abgefallen ist kürzlich der ehemalige E-Auto-Shootingstar Tesla, den Tarifstreitigkeiten mit skandinavischen Mitarbeitern und der Brandanschlag auf die deutsche Gigafactory in Berlin-Grünheide unlängst zurückwarfen. Nun soll Tesla allein im deutschen Werk 3000 Stellen streichen. Zwar dementiert die Landesregierung die durchgesickerten Informationen, abgemachte Sache ist aber bereits die internationale Kürzung der Tesla-Belegschaft um ganze zehn Prozent. Laut einer internen Stellungnahme erfolgen die Verschlankungen als Reaktion auf sinkende Verkaufszahlen in den letzten Monaten. Geschäftsführer Elon Musk schrieb dazu auf X, vormals Twitter: „Etwa alle fünf Jahre müssen wir das Unternehmen für die nächste Wachstumsphase reorganisieren und rationalisieren“. Wie stark diese Maßnahmen den deutschen Standort treffen, bleibt abzuwarten, ebenso wie die Reaktion der Anleger auf diese Neuigkeiten. Während der ehemalige Erfolgsgarant Tesla zu schwächeln scheint, darf der Markt aber zumindest auf Nvidia als zentrale Stütze vertrauen, die Geschäftszahlen des Chip-Herstellers kommen am 22. Mai. Auf seiner alljährlichen GTC-Konferenz stellte Nvidia nicht nur Partnerschaften mit den DAX-Unternehmen Siemens und SAP, sondern auch den bisher leistungsstärksten Prozessor der Computergeschichte vor. Rund um diese neue Chip-Generation soll eine Plattform entstehen, die als „Antrieb einer neuen industriellen Revolution“ fungieren soll, wie das Unternehmen verlauten ließ. Versorgen will Nvidia damit auch die Apple-VR-Brille Vision Pro, was den Umsatz erheblich steigern dürfte. Ob sich die Auswirkungen dieser Partnerschaft bei Apple schon in den aktuellen Geschäftszahlen niederschlagen, bleibt abzuwarten. Insgesamt aber dürfte die Tech-Branche mit ihren anstehenden Geschäftsberichten auch diesmal wichtige Wachstumsimpulse geben.



