Inflation, Ölpreise und Israel-Krise: Wiederholt sich die Rezession der Siebzigerjahre?
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Inflation, Ölpreise und Israel-Krise: Wiederholt sich die Rezession der Siebzigerjahre?

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Simeon Koch

Die Benzinpreise steigen exorbitant, die Bundesregierung diskutiert über ein Tempolimit auf Autobahnen und der Verkehr mit Verbrenner-Motoren soll eingeschränkt werden. Kommt Ihnen das bekannt vor? So eine Situation gab es in Deutschland schon einmal – vor etwa 50 Jahren. Damals kürzten die OPEC-Staaten ihre Ölförderung und verknappten – so wie in den letzten Monaten auch – den Markt. Ähnlich wie heute mit den Unruhen im Roten Meer oder dem Konflikt zwischen Israel und Palästina sorgten geopolitische Spannungen in Nahost auch in den 1970ern für ökonomische Sorgen im Westen. Damals lag Israel ebenfalls im militärischen Clinch mit einigen seiner Nachbarn, die erbosten OPEC-Mitglieder wandten sich gegen die mit Israel verbündeten Vereinigten Staaten. Die Inflation in Europa und Nordamerika stieg rasant an, nachdem der Goldstandard von Bretton Woods gefallen war. Die Zentralbanken schraubten die Zinsen hoch, die Teuerung aber war hartnäckig – so wie beim derzeitigen Zinskampf der FED gegen die zuletzt wieder steigende Inflation. In den 1970ern schlugen mehrere Versuche der Währungshüter fehl, die Wirtschaft durch Zinskürzungen zu beleben. Die Inflation blieb hoch und man steuerte geradewegs in die sogenannte Stagflation (eine Wortschöpfung aus den Begriffen Stagnation und Inflation). Die Gemeinsamkeiten zwischen der aktuellen Situation und den Anfängen der 1970er-Rezession sind also nicht von der Hand zu weisen – und werfen für viele Beobachter die Frage auf: Wiederholt sich die Geschichte des großen Abschwungs?

Israel-Konflikte als Indikator für weltweite Rezession?

Der Iran war in den frühen 1970ern nicht Israels Problem. Damals waren beide Staaten noch befreundet und pflegten enge wirtschaftliche Zusammenarbeit. Der damalige iranische Herrscher, Schah Reza Pahlavi, regierte zwar mit diktatorischen Mitteln, wurde vom Westen aber nicht nur geduldet, sondern sogar unterstützt. Die Schah-Diktatur war 1953 errichtet worden, als der ehemalige iranische Ministerpräsident Mohammad Mossadegh bei einem Putsch gestürzt wurde. Heute ist bekannt, dass die nordamerikanischen und britischen Geheimdienste an diesem Umsturz beteiligt waren. Vorausgegangen waren Ankündigungen Mossadeghs, die Ölproduktion im Iran zu verstaatlichen. Seit dem Zweiten Weltkrieg hatten westliche Förderfirmen ihre Hand auf vielen Ölquellen im Nahen Osten, wodurch den Staaten der Region wichtige Einnahmen durch die Lappen gingen. Der Iran schnitt besonders schlecht gegen den britischen Konzern Ango-Iranian Oil Company ab, der später in British Petroleum (kurz: BP) umbenannt werden sollte und das iranische Ölaufkommen weitgehend kontrollierte. Schah Reza Pahlavi ließ den Westen weitgehend gewähren, seine amerikafreundliche Politik beinhaltete auch die diplomatische Nähe zu Israel. Nach der Islamischen Revolution, bei der Schah Pahlavi abdanken musste, änderte sich das außenpolitische Klima im Nahen Osten schlagartig: Nun stand der Iran den Vereinigten Staaten und Israel feindlich gegenüber.

Welche Bewandtnis aber hatte dieser Konflikt für die Rezession der 1970er-Jahre und – wichtiger noch – für die heutige Situation, die sich verblüffend ähnlich anlässt wie damals? Der Grund ist damals wie heute das Erdöl aus dem Nahen Osten. Zwar hatten die USA in den 1950er Jahren ihren Einfluss im Iran durch die Installation von Reza Pahlavi gesichert, andere Länder der Region folgten dennoch dem iranischen Vorbild und trieben die Verstaatlichung ihrer Erdölförderung voran. 1960 gründete der Iran gemeinsam mit dem Irak, Kuwait, Saudi-Arabien und Venezuela die Organisation der erdölexportierenden Länder (kurz: OPEC), in den Folgejahren wuchs die Organisation rasch. Zunächst wurde die OPEC politisch kaum wahrgenommen, in den frühen 1970ern aber wendete sich das Blatt: Gleich mehrere Mitglieder der OPEC kämpften im Jom Kippur-Krieg 1973 gegen Israel. Initiiert wurde der Konflikt von Ägypten und Syrien, die verlorene Gebiete aus dem ebenfalls mit Israel ausgefochtenen Sechstagekrieg einige Jahre zuvor zurückerobern wollten. Der Iran hatte sich schon vorher vom nordamerikanischen Einfluss auf seine Ölpolitik distanziert, während des Jom Kippur-Krieges drosselten die arabischen Mitglieder der OPEC aus politischem Protest ihre Erdöl-Fördermengen. Die resultierende Knappheit führte zu starker Inflation im Westen, die deutsche Bundesregierung kämpfte mit der ersten Wirtschaftskrise seit dem Wirtschaftswunder der Nachkriegszeit und beschloss neben autofreien Tagen auch ein Tempolimit auf deutschen Autobahnen, um knappe Brennstoffe zu sparen.

Langer Schatten der 1970er: Befeuert Erdöl-Knappheit die Inflation?

Die Weltwirtschaft hat sich in den letzten 50 Jahren rasant weiterentwickelt, die Abhängigkeit vom Erdöl aber ist nicht nur geblieben, sondern hat sogar nochmals zugenommen. 1970 wurden weltweit rund 2.3 Milliarden Tonnen Erdöl verbraucht, 2020 waren es etwa 4.9 Milliarden. Auch in den kommenden Jahren soll die Nachfrage nach fossilen Brennstoffen laut OPEC und der Internationalen Energieagentur (IEA) weiter deutlich steigen und erst 2030 ihren Höhepunkt erreichen. Entsprechend empfindlich würden Industrienationen von Engpässen beim Schwarzen Gold getroffen – und das weiß auch der Iran. Schon länger drängt das Land innerhalb der OPEC auf Sanktionen gegen Israel und seine westlichen Verbündeten. Die Organisation selbst beschränkt ihre kollektive Fördermenge seit Monaten. Das geschieht freilich weniger aus politisch als aus ökonomischen Gründen, die Initiative des Iran bringt hierbei aber auch eine politische Dimension ins Spiel, ähnlich wie in den 1970er Jahren. In der Wissenschaft wird bis heute diskutiert, ob der Ölpreisschock der Hauptauslöser für die starke Inflation dieser Dekade war, deren Teuerungsraten Deutschland just 2022 nach mehr als 40 Jahren relativer Währungsstabilität wieder erreichte. Als zweiter wichtiger Faktor für die damalige Stagflation gilt gemeinhin die Geldpolitik der großen Zentralbanken, angeführt durch die nordamerikanische Federal Reserve (kurz: FED). Politischer Druck auf die FED, die Zinsen gering zu halten, um die wirtschaftliche Expansion trotz wachsender Schulden und einer immer labileren Währung zu sichern, soll schon in den 1960ern den Grundstein für den Abschwung eine Dekade später gelegt haben.

Gerne wird die aktuelle Situation genau damit verglichen: Die Schulden der Vereinigten Staaten sind in den letzten Jahren rasant gewachsen und betragen aktuell etwa $35 Billionen. Damit haben sich die staatlichen Verbindlichkeiten der weltgrößten Volkswirtschaft seit 2001 versechsfacht, noch vor zehn Jahren stand man bei rund der Hälfte. Das Bruttoinlandsprodukt der USA liegt bei $25.44 Billionen, die Schuldenlast wächst schneller als die Wirtschaft selbst. Um die Rückzahlung zu erleichtern, benötigt das Land eine lockere Geldpolitik, erneut lastet also politischer Druck auf der FED, die auf der anderen Seite versucht, eine Rezession zu vermeiden. Diese beiden Ziele unter einen Hut zu bringen, wird immer schwieriger, je länger sich die Inflation auf so hohem Niveau hält wie nun schon seit Monaten. Weiteren Druck könnte eine noch restriktivere Erdölpolitik aus dem Nahen Osten auf die westlichen Volkswirtschaften und Währungsräume ausüben. Ebenso kontrovers wie die Ursachen für die Rezession der 1970er diskutieren Experten aktuell, ob die ähnlichen Vorzeichen zum gleichen Ergebnis führen, nämlich einem jahrelangen Wirtschaftsabschwung. Der aktuelle Aufwärtstrend in den großen nordamerikanischen Indizes Standard & Poor’s 500 und Nasdaq spricht auf den ersten Blick nicht dafür, der Arbeitsmarkt in den USA scheint solide. Selbst auf dem in Krisenzeiten umso stärker gebeutelten Krypto-Markt überwiegt aktuell die Euphorie – trotz der heftigen Volatilität am vergangenen Wochenende. Ob sich die Stagflation der 1970er wiederholt, lässt sich nicht seriös prognostizieren. Für den Moment steht die Hoffnung einer weichen Landung infolge einer gut geplanten Zinswende den alarmierenden Parallelen zur Vergangenheit gegenüber.

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Simeon Koch

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