Kaum keimte die Hoffnung auf eine Annäherung zwischen Israel und der palästinensischen Hamas auf, da eruptierte letzte Woche ein neuer Brandherd im Nahen Osten: Ein mutmaßlich von Israels Armee geführter Luftangriff auf ein Gebäude der iranischen Botschaft im syrischen Damaskus forderte mehrere Tote. Die entrüstete iranische Staatsführung schleuderte der israelischen Regierung Vergeltungsdrohungen entgegen, auch den Vereinigten Staaten wurde vorgeworfen, verwickelt zu sein. Das Weiße Haus warnt nun vor einem iranischen Angriff auf eine diplomatische Einrichtung Israels. Die Verunsicherung ist auch auf dem Rohöl-Markt zu spüren. Erst Ende März verschärften sich die Sorgen um mögliche globale Lieferengpässe, als die Ukraine russische Raffinerien angriff. Wenig später warnt der wichtige Ölexporteur Kuwait vor Versorgungsproblemen, wenn die Angriffe auf Handelskonvois im Roten Meer nicht bald ein Ende fänden. Auch dort liegen Israel und der Iran seit Wochen im Clinch. Ein Abkommen zwischen Israel und der Hamas soll nun zumindest eine Grenze Israels temporär befrieden, was auch die Ölmärkte beruhigen könnte. Gleichzeitig aber wollen die OPEC-Staaten an ihrer restriktiven Förderpolitik festhalten. Und obwohl die Erdgas-Preise zuletzt sanken, kommen die Brennstoffmärkte wohl auch längerfristig nicht zur Ruhe: Der globale Energiebedarf soll das weltweite Bevölkerungswachstum bis 2050 übersteigen.
Waffenruhe? Säbelrasseln zwischen Iran und Israel
„Das boshafte Regime wird durch unsere tapferen Männer bestraft werden“, ließ der iranische geistliche Führer Ajatollah Ali Chamenei nach der Attacke auf die nationale Botschaft in Damaskus in Richtung Israels verlauten. Der umstrittene israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu war nicht lange um eine Antwort verlegen: „Wir werden wissen, wie wir uns zu verteidigen haben. Und wir werden nach dem einfachen Prinzip handeln: Wer immer uns schadet oder plant, uns zu schaden, dem werden wir auch schaden.“ Israel aber machte der Iran nicht als alleinigen Schuldigen an dem Angriff aus, bei dem unter anderem ein iranischer Brigadegeneral getötet wurde. Mit Blick auf die Vereinigten Staaten, einen engen Verbündeten Israels, betonte der iranische Generalstabschef Mohammed Bagheri: „Die USA tragen die Hauptverantwortung für den Damaskus-Angriff und müssen daher Rechenschaft ablegen.“ Nicht zum ersten Mal kommen sich damit die Vereinigten Staaten und der Iran bei der aktuellen Nahost-Krise ins Gehege: Schon im Februar bombardierte das nordamerikanische Militär mehr als 85 Ziele im Irak, Jemen und in Syrien. Bob Yawger, Geschäftsführer der Investmentbanken-Gruppe Mizuho Americas, bemerkte schon damals: „Das kommt einem Tritt ins Hornissennest des Iran gefährlich nahe – wie lange können sie dasitzen, während ihre Verbündeten einer nach dem anderen angegriffen werden?“
Die erste Antwort des Iran kam auf wirtschaftlicher Ebene: In den zurückliegenden Monaten stiegen die iranischen Rohöl-Exporte auf ein Fünfjahreshoch, wichtigster Abnehmer ist China. Das Reich der Mitte manövrierte dank des iranischen Öls recht ruhig durch die Huthi-Unruhen – aber auch im Westen entspannte sich der Ölmarkt vorübergehend, als die Verhandlungen um eine temporäre Waffenruhe zwischen Israel und der palästinensischen Hamas kurz vor dem Durchbruch schienen. Israel kündigte an, fast alle Bodentruppen aus dem palästinensischen Gebiet abzuziehen, die Hamas sollte im Gegenzug Geiseln freigeben, die beim Angriff auf israelisches Staatsgebiet Anfang Oktober gefangen genommen wurden. Wochenlang vermitteln die Vereinigten Staaten gemeinsam mit Katar und Ägypten nun schon zwischen den beiden Konfliktparteien. William Burns, Direktor des nordamerikanischen Auslandsgeheimdienstes (engl.: Central Intelligence Agency; kurz: CIA) soll mit hochrangigen Vertretern des israelischen Geheimdienstes Mossad und des ägyptischen Nachrichtendienstes ausgelotet haben, wie man Druck auf die Hamas ausüben könnte, damit der Deal zustande kommt. Am heutigen Montag dann bestätigte Israel den Rückzug von palästinensischem Boden, Israel und die Hamas entsandten Verhandlungsgruppen nach Ägypten.
Rutscht der Ölmarkt in immenses Defizit?
Dass die Preise auf den Ölmärkten, wohl angesichts der erhofften Nahost-Stabilisierung, kurzzeitig zurücksetzten, halten Experten für wenig nachhaltig – politisch wurde bislang kein Durchbruch erzielt, fundamental ändert sich kaum etwas an der schwierigen Lage auf dem Ölmarkt. Dazu trägt neben den anhaltenden westlichen Animositäten mit dem großen Erdöl-Produzenten Iran auch die Taktik der OPEC-Staaten (engl.: Organization of the Petroleum Exporting Countries) bei, die zumindest bis Mitte des aktuellen Jahres rund 2.2 Millionen Barrel pro Tag weniger fördern wollen, um die Preise zu stabilisieren. Schon vergangenes Jahr waren diese Maßnahmen eingeleitet worden, sollten ursprünglich aber schon deutlich früher wieder beendet werden. Ohnehin ist kein Angebots-Überhang in Sicht: Erste Anzeichen einer erholten Wirtschaft in den USA sowie der chinesische Energie-Hunger deuten laut der Bank of America darauf hin, dass der internationale Ölmarkt bis zur zweiten Jahreshälfte in ein Defizit von 450 000 Barrel pro Tag rutschen könnte. Laut der Internationalen Energie-Agentur (IEA) wird die globale Erdöl-Nachfrage bis 2030 kontinuierlich weiter steigen. Der Iran, ebenfalls OPEC-Mitglied, urgiert innerhalb der Organisation zudem Sanktionen gegen Israel und seine westlichen Verbündeten, denen man auch im Roten Meer mittelbar gegenübersteht: Im Jemen kapern und entführen die Huthi-Milizen seit Oktober 2023 Handelsschiffe, um laut eigenen Angaben die israelischen Militäroperationen im Gaza-Streifen zu sabotieren.
Zwar werden die Huthi nicht offiziell vom Iran unterstützt, die jeweiligen geopolitischen Interessen überschneiden sich aber großflächig, weshalb die militärischen Interventionen des Westens schon seit Wochen für Entrüstung im Iran sorgen. Abgesehen von der politischen Dimension dieses Konflikts könnte die faktische Blockade des Suez-Kanals durch die Huthi-Truppen für weiteres Ungemach auf den Brennstoff-Märkten sorgen. Bleibe die Situation im Roten Meer auch im nächsten halben Jahr so angespannt wie aktuell, werde der behinderte Handelsverkehr mittels Tanker-Schiffen zu weltweiten Problemen führen, sagte Scheich Nawaf al-Sabah, Geschäftsführer der Kuwait Petroleum Corporation (kurz: KPC). 2022 exportierte Kuwait Erdöl im Wert von $62.6 Milliarden und ist damit siebtgrößter Erdölproduzent weltweit. Ein ernstlicher Mangel entstehe dadurch aber wohl nicht: „Ich habe keine Bedenken beim Angebot, sondern bin zuversichtlich, dass die Industrie gut auf mögliche Angebotskrisen vorbereitet ist“, erklärte al-Sabah. Gleichwohl werde auch die Nachfrage deutlich zunehmen: „Die Weltbevölkerung wird bis 2050 um rund 25 Prozent wachsen, der Energiebedarf wird schneller zunehmen!“, prognostizierte der KPC-Funktionär. Das bedeute auch, „dass wir mehr Energie-Intensität für die Weltbevölkerung brauchen“, denn fast eine Milliarde Menschen habe bisher noch gar keine Elektrizität: „Der globale Süden wird beim Energiebedarf künftig eine große Rolle spielen.“ Und da sei es laut al-Sabah „nur fair, dass Länder, die unter Energie-Armut leiden, dazu befähigt werden, natürliche Ressourcen sauber und effizient zu nutzen“.
USA wollen Erdgas-Embargo wieder kippen
Das dürfte auch Erdgas betreffen. Seit Wochen hält sich die Nachfrage wegen des milden Frühlings in weiten Teilen Europas auf niedrigem Niveau, außerdem kündigte die Biden-Regierung kürzlich an, ihre international kontrovers diskutierte Export-Beschränkungen für Flüssigerdgas (engl.: Liquified Natural Gas; kurz: LNG) in den kommenden Monaten aufzuheben. Reagierend auf scharfe Kritik aus Industrie und Politik sagte die nordamerikanische Energieministerin Jennifer Granholm auf einer Konferenz in Houston: „Ich sage voraus, dass wir diese Beschränkungen aus dem Rückspiegel betrachten, wenn wir nächstes Jahr hier sitzen“. In weniger als zehn Jahren sind die Vereinigten Staaten zum größten LNG-Exporteur der Welt aufgestiegen, Branchenvertreter warfen der dortigen Regierung Voreiligkeit und Opportunismus vor, als die unter jungen Wählern populäre Exportbeschränkung durchgesetzt wurde. Wie sich die Brennstoff-Preise kurz- und langfristig entwickeln, erfahren Sie in unseren Analysepaketen zu Rohöl und Erdgas. Dort geben wir unseren Abonnenten Signale zu lukrativen Einstiegs- oder Handelsmöglichkeiten.



