Dieser Öl-Indikator schlägt Alarm und kaum einer beachtet ihn!
#Rohstoffe und Energie

Dieser Öl-Indikator schlägt Alarm und kaum einer beachtet ihn!

Author

Muriel Ayari

Das Wichtigste in Kürze:

  • Am Ölmarkt sorgt derzeit ein kaum beachteter Indikator für ungewöhnliche Signale.
  • Zwischen Rohöl und Diesel hat sich die Preisschere massiv geöffnet.
  • Die Entwicklung könnte bald weit über den Energiesektor hinaus spürbar werden.

Wer wissen möchte, wie teuer Energie ist, schaut meist auf Brent oder WTI. Über den Sommer hatte sich die Lage am Ölmarkt zwischenzeitlich immer wieder beruhigt. Anfang Juli fiel Brent sogar bis auf rund 70 US-Dollar je Barrel zurück und bewegte sich anschließend längere Zeit zwischen 70 und 80 US-Dollar. Inzwischen hat sich das Bild jedoch deutlich gedreht: Der Ölpreis zieht wieder kräftig an und notiert aktuell bei rund 100 US-Dollar je Barrel.

Gleichzeitig sind die strategischen Ölreserven der USA auf rund 285 Millionen Barrel und damit auf den niedrigsten Stand seit 1982 gefallen. Doch während sich der Blick damit vor allem auf die Versorgung mit Rohöl richtet, spielt sich an anderer Stelle des Energiemarktes eine Entwicklung ab, die für die Wirtschaft womöglich noch entscheidender werden könnte.

Die Rede ist vom Diesel Crack Spread. Die bislang wenig beachtete Kennzahl ist Mitte August auf ein Allzeithoch gestiegen und signalisiert weiterhin erheblichen Preisdruck bei einem der wichtigsten Treibstoffe der Weltwirtschaft. Hält dieser an, könnten die Folgen weit über den Energiemarkt verheerende Folgen haben.

Was ist überhaupt ein Crack Spread?

Es hört sich komplizierter an, als es eigentlich ist: Um den Crack Spread zu verstehen, muss man einen Schritt zwischen Ölquelle und Tankstelle betrachten. Das Rohöl, dessen Preis täglich an den Börsen angezeigt und ausgehandelt wird, kann schließlich nicht direkt in einen Lkw oder Traktor gefüllt werden. Raffinerien verarbeiten es zunächst zu Benzin, Diesel, Kerosin, Heizöl und anderen Produkten.


Je nach Temperatur wird Rohöl in der Raffinerie in unterschiedliche Bestandteile getrennt.


Genau hier setzt der Crack Spread an. Er beschreibt vereinfacht die Differenz zwischen dem Preis eines raffinierten Ölprodukts und dem dafür benötigten Rohöl. Der Begriff Crack stammt aus der Raffinerietechnik. Beim sogenannten Cracking werden Bestandteile des Rohöls aufgespalten, um daraus unter anderem Kraftstoffe wie Diesel herzustellen. Der Spread dient als Näherungswert dafür, welche theoretische Marge Raffinerien bei der Verarbeitung erzielen können.

Warum ausgerechnet Diesel so wichtig ist

Crack Spreads lassen sich für verschiedene Raffinerieprodukte betrachten. Diesel ist jedoch besonders relevant, weil der Kraftstoff anders als Benzin nicht nur im Individualverkehr, sondern vor allem im Gütertransport, in der Landwirtschaft, im Bau und im Bergbau eingesetzt wird. Steigende Dieselpreise können sich dadurch über Transport und Produktion durch weite Teile der Wirtschaft ziehen.

Genau diese Bedeutung trifft derzeit auf eine außergewöhnliche Entwicklung: Der Diesel Crack Spread ist auf ein historisches Rekordniveau gestiegen. Bleibt Diesel dadurch dauerhaft teuer, erhöhen sich die Kosten entlang zahlreicher Lieferketten und damit das Risiko zusätzlichen Inflationsdrucks. Hält dieser länger an, könnte er den Spielraum für Zinssenkungen begrenzen und vor allem für zinssensitive Aktien und andere Risikoanlagen zum Gegenwind werden.


Während WTI wieder deutlich anzieht, hat der Diesel Crack Spread seinen bisherigen Höchststand bereits überschritten und ein neues Rekordniveau erreicht.


Wie der Chart zeigt, ziehen derzeit sowohl der Rohölpreis als auch der Diesel Crack Spread kräftig an. WTI notiert inzwischen bei rund 96 US-Dollar je Barrel und damit auf dem höchsten Niveau seit Monaten. Noch extremer fällt die Entwicklung beim Diesel aus: Der Crack Spread hat seinen bisherigen Höchststand klar überschritten und bewegt sich weiterhin auf Rekordniveau. Der Preisdruck kommt damit inzwischen von beiden Seiten des Ölmarktes. Eine ähnlich angespannte Situation gab es zuletzt 2022 im Zuge des Ukraine-Kriegs. Damals trugen hohe Energie- und Kraftstoffpreise erheblich zum Inflationsdruck bei und belasteten gleichzeitig Verbraucher und Wirtschaft.

 

 

Genau das passiert derzeit beim Diesel

Während inzwischen auch die Rohölpreise wieder kräftig anziehen, bleibt der Preisabstand zu Diesel außergewöhnlich groß. Das deutet darauf hin, dass der Preisdruck bei raffinierten Produkten weiterhin erheblich ist.

Für Raffinerien ist diese Entwicklung zunächst eine gute Nachricht: Je größer die Differenz zwischen Rohöl und den daraus erzeugten Produkten, desto attraktiver ist grundsätzlich das Margenumfeld. Für die übrige Wirtschaft kann jedoch genau das Gegenteil gelten.

Bleiben Diesel und andere Kraftstoffe dauerhaft teuer, steigen Transport- und Produktionskosten und damit das Risiko zusätzlichen Inflationsdrucks. Hält dieser länger an, könnte er die Zentralbanken zu einer strafferen Geldpolitik zwingen oder Zinssenkungen verzögern. Gerade für zinssensitive Aktien und andere Risikoanlagen wäre das eher Gegenwind.


Weniger Raffinerieverarbeitung und sinkende Diesel-Exporte verschärfen die Knappheit und treiben den Diesel Crack Spread auf Rekordniveau.


Das Problem liegt derzeit nämlich nicht allein beim Rohöl. Weltweit wurden im Juli täglich 80.9 Millionen Barrel in Raffinerien verarbeitet. Das waren fast fünf Millionen Barrel weniger als ein Jahr zuvor. Gleichzeitig lagen allein die Diesel-Exporte aus Russland, dem Nahen Osten und Asien 1.3 Millionen Barrel pro Tag unter dem Vorjahresniveau. Das entspricht laut der Internationaler Energieagentur (IEA) rund einem Fünftel des weltweiten Dieselhandels über den Seeweg.

Vom Crack Spread zur Inflation

Damit führt die Spur vom Raffineriemarkt direkt zur Inflation. Nicht jeder Anstieg des Diesel Crack Spreads landet automatisch im Verbraucherpreisindex. Entscheidend ist unter anderem, wie lange die Knappheit anhält und wie stark höhere Großhandelspreise tatsächlich auf Tankstellen und Unternehmen durchschlagen.

Genau deshalb lohnt es sich, den Indikator derzeit im Auge zu behalten. Ein dauerhaft hoher Spread könnte bedeuten, dass der zuletzt wieder gesunkene Rohölpreis die Verbraucherpreise weniger stark entlastet als zunächst vermutet. Der Ölmarkt würde dann gewissermaßen an zwei Stellen unterschiedliche Signale senden: Entspannung beim Rohstoff auf der einen Seite und weiterhin erheblicher Preisdruck bei den daraus hergestellten Produkten auf der anderen.

Der Vergleich mit 2022 zeigt: Auf starke Ölpreisschocks kann die Inflation mit zeitlicher Verzögerung reagieren.

Die obere blaue Linie zeigt den Rohölpreis (Brent), die untere den Verbraucherpreis-Anstieg (Kerninflation). Erhöht sich der Ölpreis schlagartig (wie 2022 nach dem Ukrainekrieg oder 2026 im Nahen Osten), klettert die Inflation zeitversetzt hinterher. Die derzeit niedrige Inflation von 2.2 Prozent könnte daher täuschen. Bleibt Energie teuer, droht zeitversetzt die nächste Welle bei den Verbraucherpreisen.

 

Rohöl allein hilft der Wirtschaft nicht

Genau hier liegt eine Besonderheit der aktuellen Energiekrise: Entscheidend ist nicht nur, wie viel Rohöl vorhanden ist, sondern auch, wie viel davon tatsächlich zu Diesel, Benzin oder Kerosin verarbeitet werden kann. Fallen Raffinerien aus oder werden Handelswege gestört, kann genügend Rohöl vorhanden sein und fertiger Kraftstoff trotzdem knapp und teuer bleiben.

Genau das passiert derzeit. Störungen im Nahen Osten beeinträchtigen die Produktströme, während Angriffe auf russische Raffinerien zusätzliche Kapazitäten vom Markt nehmen. Diesel-Exporte aus Russland, dem Nahen Osten und Asien lagen zuletzt rund 1.3 Millionen Barrel pro Tag unter dem Vorjahresniveau, etwa ein Fünftel des weltweit auf dem Seeweg gehandelten Diesels. Die Folgen zeigen sich in den Margen: In Singapur ist die Raffineriemarge für Diesel seit Beginn des Iran-Konflikts um 226 Prozent gestiegen, im Atlantikraum meldet die IEA sogar Rekordwerte.

 

Die Raffinerien laufen bereits nahezu am Limit

Wie angespannt die Situation ist, zeigt der Blick über den großen Teich, in die USA. Dort erreichte die Raffinerieauslastung zuletzt 97.4 Prozent. Trotzdem gingen die amerikanischen Destillatbestände, zu denen vor allem Diesel und Heizöl zählen, innerhalb einer Woche um weitere 2.2 Millionen Barrel zurück. Sie liegen mittlerweile 14 Prozent unter dem saisonalen Fünfjahresdurchschnitt. Auch die Benzinlager befinden sich 6 Prozent unter ihrem üblichen Niveau.


Die US-Raffinerien arbeiten derzeit mit einer Auslastung nahe ihrer historischen Kapazitätsgrenze.


Das ist bemerkenswert: Die Raffinerien verarbeiten große Mengen Rohöl und dennoch gelingt es kaum, die Lager bei den Endprodukten aufzufüllen. Die EIA rechnet deshalb damit, dass die hohen Crack Spreads bis zum Jahresende für eine hohe Raffinerieaktivität sorgen. Im September und Oktober stehen allerdings saisonale Wartungsarbeiten an, wodurch die Verarbeitung vorübergehend wieder sinken dürfte.

Kann Venezuela den Engpass lösen?

Venezuela verfügt zwar über die größten nachgewiesenen Ölreserven der Welt, große Teile davon bestehen jedoch aus Schweröl und erfordern erhebliche Investitionen in Förderung und Infrastruktur. Das neue Energieabkommen mit den USA soll die venezolanische Produktion langfristig auf 1.5 Millionen Barrel pro Tag steigern. Bis größere zusätzliche Mengen auf dem US-Markt ankommen, könnten jedoch Jahre vergehen.


Venezuelas Ölreserven könnten für Entlastung sorgen, lösen den aktuellen Engpass bei raffinierten Kraftstoffen aber nicht kurzfristig.


Und selbst dann bleibt das eigentliche Problem bestehen: Mehr verfügbares Rohöl bedeutet nicht automatisch mehr Diesel oder Benzin. Entscheidend ist, ob Raffinerien daraus genügend Kraftstoffe herstellen können. Genau diese Diskrepanz macht der derzeit außergewöhnlich hohe Crack Spread sichtbar.

Was Anleger daraus ableiten können

Für Raffineriebetreiber ist diese Konstellation grundsätzlich attraktiv. Je größer die Differenz zwischen Rohöl und den daraus erzeugten Produkten ausfällt, desto besser ist zunächst das Margenumfeld. Die EIA bezeichnet Crack Spreads deshalb ausdrücklich als Indikator für die kurzfristige Profitabilität von Raffinerien. Historisch gelten 3:2:1-Spreads von 10 bis 20 US-Dollar je Barrel als gesundes, normales Niveau für Raffinerien. Am 26. August lag selbst der breiter gefasste US-3:2:1-Crack Spread bei hohen 67.17 US-Dollar je Barrel.

Für klassische Ölproduzenten ist die Sache weniger eindeutig. Ein steigender Diesel Crack Spread bedeutet nicht automatisch, dass Brent und WTI anschließend ebenfalls steigen. Auch für die Inflation ist ein Rekordhoch kein eindeutiges Signal für die kommenden Monate. Kurzfristig können hohe Raffineriemargen über steigende Diesel- und Transportkosten zusätzlichen Preisdruck erzeugen. Gleichzeitig schaffen gerade diese hohen Margen einen starken Anreiz für Raffinerien, ihre Produktion auszuweiten. Steigt das Angebot wieder, könnten Crack Spread und Preisdruck anschließend nachlassen.

Entscheidend ist deshalb weniger das Rekordhoch selbst als dessen Dauer. Bleibt der Spread über Wochen und Monate außergewöhnlich hoch, steigt das Risiko, dass sich der Kostenschock breiter in der Wirtschaft niederschlägt und die Inflation hartnäckiger bleibt. Normalisiert er sich dagegen zügig, wäre das eher ein frühes Entspannungssignal.

Kursgewinner: Welchen Aktien die Spreads Rückenwind verleihen

Ein historisch hoher Crack Spread spielt vor allem Raffineriebetreibern in die Karten. Unternehmen wie Valero Energy, Marathon Petroleum oder Phillips 66 in den USA profitieren besonders von hohen Raffineriemargen. Auch integrierte Ölkonzerne wie ExxonMobil oder Chevron können über ihr Raffineriegeschäft einen Teil möglicher Schwächen im klassischen Fördergeschäft abfedern.


Integrierte Ölkonzerne wie Chevron können von hohen Raffineriemargen über ihr Raffineriegeschäft profitieren.


Die große Einstiegschance dürfte der Markt allerdings bereits zu einem erheblichen Teil vorweggenommen haben. Allein im August legten Marathon Petroleum rund 21 Prozent und Valero Energy etwa 16 Prozent zu, auf Jahressicht haben sich einige Raffinerieaktien bereits mehr als verdoppelt. Der hohe Crack Spread erklärt damit eher, warum diese Titel zuletzt so stark gelaufen sind, als dass er automatisch weiteres Kurspotenzial verspricht. Entscheidend wird nun, wie lange die außergewöhnlich hohen Margen tatsächlich anhalten.

 

Ein Frühwarnsystem hinter dem Ölpreis

Bleibt Diesel trotz sinkender Rohölpreise teuer, kann der Kostendruck über Transport und Produktion die Inflation länger hochhalten. Für die Fed würde das den Spielraum für eine lockerere Geldpolitik einschränken. Genau das wäre vor allem für hoch bewertete Tech-Aktien und andere zinssensitive Risikoanlagen ein Belastungsfaktor. Auch Bitcoin reagiert inzwischen stark auf Zins- und Liquiditätserwartungen, während das Bild bei Gold und anderen Edelmetallen gemischter ist: Inflationssorgen können stützen, steigende Zinsen und Realrenditen dagegen belasten. Wie unterschiedlich diese Reaktionen ausfallen können, zeigen auch historische Untersuchungen: Die Zusammenhänge zwischen Aktien, Bitcoin, Gold und Energieschocks sind nicht stabil, sondern hängen stark vom jeweiligen Markt- und Konjunkturumfeld ab.

Ein zweites 2022 lässt sich daraus deshalb nicht ableiten. Damals traf der Energiepreisschock auf eine durch die Corona-Erholung bereits überhitzte Nachfrage. Heute wird der Preisdruck wesentlich stärker von Angebotsproblemen im Energiemarkt getrieben. Kurzfristig ist der hohe Crack Spread daher kein Verkaufssignal, mittel- bis längerfristig aber ein Warnzeichen: Bleibt er auf diesem außergewöhnlichen Niveau, könnte die erhoffte Entspannung bei Inflation und Geldpolitik ausbleiben und damit Gegenwind für die breiten Finanzmärkte entstehen. Während der Rohölpreis also bereits Entspannung suggerieren kann, zeigt der Dieselmarkt womöglich früher, dass der Preisdruck noch nicht ausgestanden ist.

Leseempfehlung: Ohne diesen Chip ist Nvidia plötzlich nur noch halb so stark 

Author

Muriel Ayari

Schlagzeilen

Es wurde noch keine Einwilligung erteilt.

Du musst zuerst zustimmen, um Inhalte von TradingView zu sehen.