Das Wichtigste in Kürze:
- Gold bleibt der stabile Anker.
- Platin wirkt mittelfristig am spannendsten, kurzfristig aber noch belastet.
- Palladium bleibt die riskantere Wette.
Gold und Silber haben anderen Edelmetallen monatelang die Show gestohlen. Nun wandert der Scheinwerfer weiter. Platin und Palladium sind kleiner, nervöser und stärker von Konjunktur, Autoindustrie und Industrieaufträgen abhängig. Genau das macht sie nach der großen Rallye der Klassiker spannend: Wenn Anleger wieder weniger Angst vor der FED haben und mehr auf reale Nachfrage schauen, könnten die Nachzügler Tempo aufnehmen.
Wichtig ist aber die Reihenfolge: Kurzfristig sind beide Metalle noch keine Selbstläufer. Platin und Palladium werden von der HKCM derzeit eher in einer Abwärtsbewegung verortet, die noch etwas Luft nach unten haben kann. Interessant wird die Story vor allem dann, wenn sich die Konjunktur tatsächlich stabilisiert und der Markt nicht nur Zinshoffnungen, sondern auch bessere reale Nachfrage einpreist.
Steigen jetzt Platin und Palladium?
Der Auslöser liegt in den USA. Ein schwacher Arbeitsmarktbericht zeigte im Juni nur 57 000 neue Stellen, erwartet waren 110 000. Danach sprang Gold zeitweise mehr als zwei Prozent an, während Silber, Platin und Palladium ebenfalls deutlich zulegten. Das wirkt auf den ersten Blick widersprüchlich, weil Platin und Palladium von einer stärkeren Konjunktur profitieren.
Der Zusammenhang läuft aber über die FED: Schwächere Arbeitsmarktdaten senken die Erwartung an weitere Zinserhöhungen und erhöhen die Hoffnung auf spätere Lockerungen. Niedrigere Zinserwartungen drücken meist Dollar und Renditen. Für Edelmetalle ist das Rückenwind, weil sie keine Zinsen zahlen. Für Platin und Palladium kommt hinzu: Erst wenn aus der Lockerungsfantasie später auch eine stabilere Industrienachfrage wird, trägt die Bewegung fundamental breiter.
Warum Gold trotz Rücksetzern der wichtigste Anker im Sektor bleibt
Gold bleibt der Anker. Am 10. Juli lagen die New-York-Goldfutures wieder knapp über 4 120 US-Dollar je Unze, nachdem sie am Vortag über die Marke von 4 100 US-Dollar zurückgekehrt waren. Der vorherige Rücksetzer passte zur kleinen Rallye des US-Dollar-Index: Ein stärkerer Dollar verteuert in Dollar gehandelte Rohstoffe für Käufer außerhalb der USA und nimmt Gold kurzfristig Schwung. Noch wichtiger bleibt aber die strukturelle Nachfrage. Der World Gold Council (globale Lobby-Organisation der Goldbergbauindustrie) meldete zuletzt weiterhin robuste Käufe der Zentralbanken; im Mai kauften sie netto 41 Tonnen Gold. Die größten Interessenten waren Polen mit 18 Tonnen und China mit zehn Tonnen.
Gold profitiert strukturell von Dollar-Schwäche, politischen Risiken und dem Wunsch vieler Zentralbanken, Reserven breiter aufzustellen. Der jüngste Rücksetzer zeigte aber auch, wie sensibel der Markt auf eine Gegenbewegung im Dollar und höhere Renditeerwartungen reagiert. Doch gerade weil die Rolle von Gold so klar ist, sucht der Markt den nächsten Hebel. Dieser Hebel heißt bei Edelmetallen häufig Silber. Noch zyklischer wird es bei Platin und Palladium.
Was Platin und Palladium jetzt spannend macht
Silber hat bereits gezeigt, wie schnell ein High-Beta-Edelmetall reagieren kann. High Beta heißt in diesem Zusammenhang: Das Metall bewegt sich oft stärker als der Gesamtsektor, nach oben wie nach unten. Silber ist Wertspeicher und Industriemetall zugleich. Wenn Zinssorgen nachlassen, steigt oft der Appetit auf genau solche Mischformen. Platin hat eine ähnliche Chance, aber mit eigener Story. Der World Platinum Investment Council (WPIC; Marktorganisation führender Platinbergbauunternehmen) erwartet für 2026 das vierte Defizit in Folge. Das Angebot soll 297 000 Unzen unter der Nachfrage liegen. Überirdische Bestände könnten bis Jahresende auf weniger als drei Monate Verbrauch fallen.
Mögliche Treiber für Platin & Palladium
Das ist der Punkt, an dem Platin interessant wird. Die Nachfrage aus der Industrie soll laut WPIC um neun Prozent steigen, während das Minenangebot nur stabil erwartet wird. Dazu kommt Investmentnachfrage nach Barren und Münzen. Wer also nach dem nächsten Metall sucht, findet bei Platin nicht nur Hoffnung auf Zinssenkungen, sondern auch einen knappen Markt. Trotzdem muss die Outperformance nicht sofort kommen. Solange der Markt die zyklischen Risiken höher gewichtet und Platin technisch noch in einer korrektiven Abwärtsbewegung steckt, können weitere Abverkäufe oder Seitwärtsphasen dazugehören. Genau deshalb ist Platin eher ein mittelfristiger Kandidat als ein kurzfristiger Selbstläufer.
So blickt HKCM jetzt auf Platin und Palladium!
Palladium ist komplizierter. Das Metall wird vor allem in Autokatalysatoren für Benziner eingesetzt – genau dort sorgt der Vormarsch der Elektromobilität für Gegenwind. Die Aktiengesellschat Johnson Matthey, welche weltweit Katalysatoren entwickelt sowie Edelmetalle raffiniert und recycelt, erwartet deshalb für 2026 einen Nachfragerückgang von rund neun Prozent und einen leichten Angebotsüberschuss. Gleichzeitig dürfte die russische Minenproduktion deutlich zurückgehen. Das stützt den Markt zwar auf der Angebotsseite, macht Palladium im aktuellen Umfeld aber zur riskanteren Wette als Platin.
Aus technischer Sicht spricht gemäß der HKCM zudem einiges dafür, dass sowohl Platin als auch Palladium kurzfristig bis mittelfristig zunächst in einer übergeordneten Abwärtsbewegung verbleiben. Diese könnte noch nicht abgeschlossen sein und im Zuge einer nachlassenden Industrienachfrage oder einer weiteren Eintrübung der Konjunkturerwartungen zusätzlichen Abwärtsdruck entfalten. Eine nachhaltige Outperformance muss daher nicht unmittelbar einsetzen. Vielmehr ist denkbar, dass beide Metalle zunächst weitere Korrekturphasen durchlaufen, bevor eine überzeugende konjunkturelle Erholung die Fundamentaldaten wieder spürbar verbessert.
Die Geschichte im Edelmetallmarkt bleibt damit dieselbe: Erst kommt Gold als Schutz, dann Silber als Verstärker und anschließend könnten Platin und Palladium als konjunktursensible Edelmetalle stärker in den Fokus rücken. Ob daraus tatsächlich die nächste breite Rallye entsteht, entscheidet jedoch nicht allein die Geldpolitik der US-Notenbank. Ebenso wichtig ist, dass sich die Konjunkturaussichten nachhaltig aufhellen, ohne dass neue Inflationsschocks – etwa durch steigende Energiepreise – die Erwartungen wieder belasten. Erst wenn sich dieses Umfeld etabliert, könnten Platin und Palladium ihre fundamentalen Stärken ausspielen. Bis dahin bleiben beide Metalle zwar mittelfristig interessante Beobachtungskandidaten, kurzfristig sind jedoch weitere Rücksetzer durchaus ein realistisches Szenario.
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