Unruhen im Roten Meer verunsichern Öl- und Gasmarkt
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Unruhen im Roten Meer verunsichern Öl- und Gasmarkt

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Simeon Koch

Am Freitag flog das nordamerikanische Militär mit seinem Verbündeten Großbritannien mehrere Luftangriffe auf knapp 30 Stellungen der Huthi-Rebellen im Jemen, die Attacke wurde von mehreren arabischen Staaten scharf kritisiert. Im Vorfeld hatte die wohl vom Iran unterstützte Rebellengruppe mehrere Handelsschiffe im Suezkanal angegriffen, der das Mittelmeer mit dem Roten Meer verbindet und zentrale Bedeutung für den weltweiten Rohstoffhandel besitzt. Nun schlugen die Huthi zurück und griffen ein Kriegsschiff der USA mit einer Rakete an, die abgewehrt werden konnte. Damit verschärft sich die Lage im Roten Meer, mehrere mit Flüssiggas beladene Tanker warten auf sichere Durchfahrt. Bleibt die Situation derart angespannt, müssen die Schiffe den afrikanischen Kontinent umfahren – ein großer Umweg, was Lieferungen verzögern und die dafür anfallenden Kosten steigern würde. Auf den Rohstoffmärkten verfolgt man die Entwicklungen mit wachsender Sorge.

Zwölf Prozent des weltweiten Schiffshandels bedroht

Infolge verstärkter Huthi-Angriffe beschlossen bereits im Dezember mehrere Schifffahrtsunternehmen, die verflüssigtes Erdgas (engl.: Liquified Natural Gas; kurz: LNG) zwischen Europa und Asien transportieren, die angestammte Route über den Suezkanal zu meiden. Gleichzeitig bereitete sich der internationale Handel auf neue Lieferengpässe vor, eine internationale Streitmacht unter der Ägide der Vereinigten Staaten patrouillierte in den Gewässern nahe dem Jemen, um die Handelsroute zu schützen. Schließlich könnte eine Blockade des Suezkanals aus weltwirtschaftlicher Sicht verheerende Folgen haben: Etwa zwölf Prozent des weltweiten Schiffshandels und zwischen vier und acht Prozent der globalen Flüssiggas-Lieferungen sind im vergangenen Jahr durch den Kanal gefahren. Laut Analysten bedeutet das eine tägliche Ladung von 8.2 Millionen Barrel. Der Flüssiggas-Handel von West nach Ost verläuft gar zu mehr als 50 Prozent durch den Suezkanal.

Außerdem gilt der Suezkanal als eine der Hauptadern des internationalen Ölhandels. Auf der Nord-Süd-Achse dominieren europäische Importe aus dem Nahen Osten, insgesamt wurden 2023 rund vier Millionen Barrel Öl pro Tag durch den Suezkanal transportiert. In entgegengesetzter Richtung wurden knapp drei Millionen Barrel pro Tag verschifft, hauptsächlich aus Russland an asiatische Kunden. Schon im November stiegen laut Insiderquellen die Frachtraten und Versicherungsprämien für den Schiffsverkehr durch die Landenge, Ölfirmen und das Ölproduktgeschäft machten das Ausmaß der Auswirkungen damals abhängig von der Dauer der Gefährdung ihrer Schiffe durch die Huthi-Rebellen. Analysten hielten gravierende Änderungen der Lieferraten für unwahrscheinlich – es sei denn, die Situation bleibe über mehrere Wochen derart prekär. Takahiro Honja, Präsident der Japan Gas Association (JGA), sagte auf einer Pressekonferenz kurz vor Weihnachten, er „denke nicht, dass plötzlich eine Versorgungsknappheit eintreten wird“.

Sorge auf dem Öl- und Gasmarkt nach Eskalation

Nun verschärfte sich die Situation zuletzt aber derart, dass sich die USA gemeinsam mit Großbritannien dazu entschied, ihre anfänglichen Patrouillen zu intensivieren und Huthi-Stellungen mit Raketen zu bombardieren. Der Luftangriff war die größte Aktion dieser Art seit zehn Jahren und sorgte für ernstliche Verunsicherung auf dem Ölmarkt. Gegenüber Bloomberg warnte Warren Patterson, Leiter der Rohstoffstrategie bei der niederländischen ING Groep: „Die Eskalation des Konflikts deutet auf ein größeres Potenzial für Störungen und die Notwendigkeit von Schiffsumleitungen hin“. Kaum auszudenken seien die Konsequenzen einer Ausweitung des Konflikts bis in den persischen Golf, über den täglich ein Fünftel der weltweiten Ölproduktion transportiert wird. Entscheidend hierfür ist die Straße von Hormus, die den Persischen Golf mit dem Golf von Oman verbindet und ebenfalls von den Huthi-Rebellen blockiert werden könnte. Laut Berechnungen der Weltbank würde das globale Ölangebot in diesem Fall um sechs bis acht Millionen Barrel pro Tag fallen.

Dass die Vereinigten Staaten durch die Raketenangriffe auf die Huthi-Miliz auch deren direkten Unterstützer Iran tief verärgert haben, dürfte die ohnehin angespannte Beziehung zum einem der weltweit wichtigsten Öllieferanten nicht verbessern. Zwar beteuerte John Kirby, Sprecher des Nationalen Sicherheitsrats im Weißen Haus, dass man „nicht den Konflikt mit dem Iran“ suche – der Iran selbst sprach trotzdem von einem Verstoß gegen das Völkerrecht und einer Verletzung der Souveränität des Jemen. In der jemenitischen Hauptstadt Sanaa gingen Zehntausende Menschen auf die Straße und skandierten antiamerikanische Parolen, auch USA-Flaggen wurden verbrannt. Damit droht eine weitere Ölquelle zu versiegen: Der Iran ist mit einer Ölproduktion von mehr 3.1 Millionen Barrel pro Tag der drittgrößte Produzent der Opec-Staaten. Wegen schon länger bestehender Sanktionen ist das Land zudem nicht an die im Ölkartell vereinbarten Förderquoten gebunden, was ein spontanes und willkürliches Aussetzen der Lieferungen ermöglicht.

Tesla stoppt Produktion – Transportvolumen mehr als halbiert

Die schwächelnde globale Nachfrage nach Ölprodukten bei gleichzeitig steigendem Angebot habe die Märkte zu Beginn des Jahres in falsche Sicherheit gewiegt, verdeutlichte Robert Kennie, Leiter der Rohstoffforschung bei der australischen Westpac-Bank in einer Stellungnahme. Erst kürzlich hatte die Internationale Energieagentur (IEA) vorgerechnet, dass sich das Nachfragewachstum im Vergleich zum Vorjahr halbieren werde. Schon im November hatte die Opec plus mit freiwilligen Förderkürzungen reagiert, das steigende Ölangebot außerhalb des Ölkartells konterkariert diese Maßnahmen jedoch: Die nordamerikanische Rohölproduktion schrieb im vierten Quartal 2023 mit knapp 13.3 Millionen Barrel am Tag Rekordzahlen, die Produktion in Brasilien, Guyana und Norwegen nahm ebenfalls signifikant zu und könnte Lieferengpässe aus dem Osten auch erstmal kompensieren, wie Marktbeobachter annehmen. Wie lange das gut ginge, ist offen.

Die Lieferschwierigkeiten betreffen aber nicht nur den Rohstoffmarkt. Stand letzter Woche lag das Transportvolumen durch das Rote Meer bei nur noch 200 000 Containern pro Tag, wie das Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) berichtete. Zum Vergleich: noch im November waren es etwa 500 000. Die Kosten pro Container hätten sich außerdem fast verdreifacht, wobei man noch weit entfernt von den Aufschlägen infolge der Corona-Pandemie sei, erklärten die Statistiker. Die Umleitung der Handelsschiffe um das Kap der Guten Hoffnung in Afrika führe dazu, dass „sich die Zeit für den Transport von Waren zwischen den asiatischen Produktionszentren und den europäischen Verbrauchern um bis zu 20 Tage verlängert“, machte Julian Hinz, Direktor des Kieler Forschungszentrums für Handelspolitik, die branchenübergreifend schwierige Lage deutlich. Auch der nordamerikanische Elektroauto-Gigant Tesla bekam die Lieferprobleme zu spüren: In der Gigafactory Berlin-Brandenburg muss die Produktion für rund zwei Wochen ausgesetzt werden, weil Bauteile aus Übersee fehlen.

Wie geht es weiter im Rohstoff- und Heimatmarkt?

Unter der aktuellen Situation leiden auch die deutschen Außenhandelszahlen, da sich die Auslieferung von auf See transportierten Waren maßgeblich verzögert. Das Bundeswirtschaftsministerium teilte unlängst mit, dass es über keine aktuellen Schätzungen zu wirtschaftlichen Schäden verfüge, die durch den bewaffneten Konflikt im Roten Meer bedingt seien. Ministeriumssprecher Stephan Gabriel kündigte an, es könne zu Produktionsausfällen kommen. Zwar gebe es noch keine letztgültigen Indizien für „eine gesamtwirtschaftliche negative Auswirkung“, der Konflikt ziehe aber weite wirtschaftliche Kreise. Wie sich der Rohstoffmarkt im Zwiespalt zwischen Angebotsüberhang und den nun auftretenden Lieferschwierigkeiten entwickelt, ist ungewiss. Abseits fundamentaler Daten ist für solche Prognosen die technische Analyse prädestiniert. Sowohl in Sachen Öl und Gas als auch bei den größten deutschen Unternehmen (repräsentiert durch den DAX) und den Tech-Giganten rund um Tesla halten wir Sie in regelmäßigen Updates auf dem Laufenden. Am Wochenende erscheint darüber hinaus der umfassende HKCM-Sonderbericht über den deutschen Heimatmarkt mit exklusiven Prognosen für das kommende Jahr – verfügbar für alle Abonnenten unserer Analysen, unabhängig vom gebuchten Markt!

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Simeon Koch

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