Israel, Iran und der Halving-Crash: Fällt der Bitcoin noch weiter?
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Israel, Iran und der Halving-Crash: Fällt der Bitcoin noch weiter?

Author

Simeon Koch

Was würden Sie tun, wenn man Ihnen heute mitteilen würde, dass Sie ab nächster Woche nur noch die Hälfte verdienen? Würden Sie sparen, soviel sie noch können und Geld beiseitelegen? Oder gerade jetzt ein neues Auto kaufen, das weniger Benzin verbraucht und bei der Versicherung günstiger wegkommt, um Ihre laufenden Kosten in Zukunft zu verringern? Zugegebenermaßen ist dieses Szenario etwas unglaubwürdig, schließlich würde jeder sofort kündigen, wenn der Chef mit solchen Gehaltsreformen um die Ecke käme – außer natürlich, man kann seinen Beruf gar nicht woanders ausüben, so wie das bei Bitcoin-Minern der Fall ist: Weil die Belohnungen für geschürfte Blöcke auf der Bitcoin-Blockchain mit dem Halving halbiert werden, sind die gerade mit den Fragen vom Anfang konfrontiert: Lieber die bereits geschürften Bitcoins halten und auf höhere Preise spekulieren? Oder verkaufen, um neue Mining-Hardware anzuschaffen und damit das halbierte Einkommen zu kompensieren? Aktuell sehen wir kurz vor dem Halving wieder einmal starke Volatilität und Verunsicherung auf den Märkten. Hinzu kommt der am Wochenende aufgeloderte Brandherd in Nahost: In der Nacht von Samstag auf Sonntag hat der Iran mehrere Hundert Raketen in Richtung Israel abgefeuert. Ist der Halving-Crash nach den heftigen Rücksetzern der letzten Stunden vorbei? Oder wirft das Black Swan-Event in Nahost den ganzen Zeitplan durcheinander?

Die Historie der Halving-Crashes

Der Bitcoin ist ein undankbarer Arbeitgeber, könnte man sagen. Zur Wahrheit aber gehört auch, dass sich jeder Miner bewusst auf diese regelmäßigen Gehaltskürzungen einlässt. Sie stehen sozusagen im Arbeitsvertrag. Alle 210 000 Blocks halbiert sich die Belohnung für die Miner auf der Bitcoin-Blockchain. Und weil es etwa zehn Minuten dauert, bis ein Bitcoin-Block geschürft ist, findet das Halving ziemlich genau alle vier Jahre statt. Das funktioniert übrigens, obwohl immer mehr Miner im Netzwerk aktiv sind und dadurch die Hashrate, also die Rechen-Power, in den letzten Jahren immens gestiegen ist. Denn die Blockchain ist so programmiert, dass die Rechenaufgaben für jeden einzelnen Block mit wachsender Hashrate komplizierter (ergo zeitaufwendiger) werden – und zwar so, dass die Dauer von etwa zehn Minuten ziemlich genau eingehalten wird. Das sichert nicht nur die Genauigkeit dieser Bitcoin-Uhr, sondern auch die Stabilität des gesamten Netzwerks: Fällt der Bitcoin-Preis so stark, dass der Kostenaufwand der Miner für Energie und Hardware höher liegt als die ausgeschüttete Belohnung, müssten sämtliche Knoten im Netzwerk ihre Arbeit einstellen, wodurch die Blockchain zusammenbräche – wenn die Komplexität der Blöcke nicht angepasst würde. Ist die Hashrate nämlich gering, sinken die Anforderungen, wodurch selbst in bärischen Marktphasen finanzielle Anreize bestehen, die Blockchain weiter zu stützen. Aber zurück zum Halving: Vor dem ersten im November 2012 erhielt man stolze 50 BTC, wenn man einen Block öffnete und die darin enthaltenen Transaktionen freigab.

Bis Sommer 2016 bekamen erfolgreiche Miner noch 25 Bitcoin pro Block, die folgenden vier Jahre lang 12.5 und seit Mitte Mai 2020 betragen die Block-Rewards je 6.25 Bitcoin. Mit der Halbierung in der kommenden Woche wird das Einkommen der Miner pro Block auf gut drei Bitcoin absinken. In der Vergangenheit markierte das Halving stets den Beginn eines voll entfalteten Bullenmarktes – rund um den konkreten Termin wurde der Markt aber von heftiger Volatilität und starken Rücksetzern gebeutelt. Im Frühjahr 2016 verhielt sich der Bitcoin ähnlich wie in den letzten zwei Monaten. Von Anfang Februar bis Mitte Juni 2016 verdoppelte sich der Kurswert von knapp $400 auf fast $800. Innerhalb der nächsten vier Wochen setzte der Preis um fast 40 Prozent zurück und stand in der ersten Augustwoche wieder bei rund $460. Erst nach einer längeren Konsolidierungsphase machte sich der Bitcoin damals in sein Bullenmarkt-Finale auf, im Dezember 2017 stand er knapp unter $20 000. Beim bisher letzten Halving 2020 geschah der Crash bereits zwei Monate zuvor, auch bedingt durch den Corona-Schock auf den Weltmärkten. Innerhalb von fünf Wochen ging es damals etwa 40 Prozent bergab. Im ersten Monat nach dem Halving Mitte Mai stieg der Bitcoin um 20 Prozent an, korrigierte bis Ende Juni aber erneut um rund 15 Prozent. Sein altes Allzeithoch bei etwa $69 000 erreichte die weltgrößte Kryptowährung mehr als ein Jahr später im November 2021. Historisch gesehen sind starke Korrekturen rund um das Halving-Event also keine Seltenheit. Aber woran liegt das? Und steht uns ein solcher Crash erst noch bevor?

Ist der aktuelle Halving-Dump schon vorbei?

Die Korrekturen der letzten Wochen vom neuen Allzeithoch von rund $73 000 beliefen sich in der Spitze auf etwa 18 Prozent und sind damit bisher deutlich schwächer ausgefallen als in vorherigen Zyklen. Angesichts der höheren Marktkapitalisierung des Bitcoins und damit einhergehender verringerter Volatilität im Vergleich zu seiner Frühphase in den 2010er-Jahren wäre die Annahme durchaus plausibel, dass das Gröbste hinter uns liegt. Andererseits wurde das Interesse am Halving-Event selbst über die letzten Zyklen immer größer – während man 2016 noch keine Regelmäßigkeit in wiederkehrenden Bullenmärkten nach der Bitcoin-Halbierung feststellen konnte, deutet die Historie mittlerweile eine gewisse Regelmäßigkeit an. Entsprechend groß sind die Erwartungen an die Kursentwicklung und die Euphorie der Kleinanleger, die sich von derartigen Narrativen leicht vereinnahmen lassen. Umso lukrativer ist diese Phase aber für all jene, die von der Vorfreude auf das Halving profitieren wollen und dazu ihre Bitcoins genau dann abstoßen, wenn alle mit steigenden Kursen rechnen und deswegen einkaufen – ein klassisches Sell the News-Event also. Hinzu kommt das Dilemma der Miner: Um auch bei halbierten Block-Rewards noch rentabel zu bleiben, müssen viele Miner ihre Hardware aufbessern und verkaufen im Moment, um dank gestiegener Preise mehr Kapital für ihre nötigen Investitionen zu haben.

Das lässt sich auch statistisch beobachten: Laut Onchain-Daten sind die Reserven der wichtigsten Mining-Wallets seit dem vergangenen Oktober um fast 30 000 Bitcoin geschrumpft. Das entspricht ungefähr dem Niveau vom April 2021. Dass die Miner-Reserven abnehmen, kann aber auch positiv gedeutet werden. Erst Ende Februar verschoben Miner rund 700 000 Bitcoins auf OTC-Handelsplätze (engl.: Over The Counter), verkauften also außerhalb des frei zugänglichen Marktes an institutionelle Abnehmer. Branchenkenner vermuteten schon damals, dass sich die billionenschweren Emittenten der frisch aufgesetzten Bitcoin-ETFs um BlackRock, Fidelity und Co. über OTC-Desks an den Miner-Beständen bedienten, um auf dem offenen Markt keinen zu großen Kaufdruck und damit immense Preissteigerungen zu verursachen. Gleichzeitig fällt der von Börsen gehaltene Bitcoin-Bestand auf ein Mehrjahrestief von weniger als zwei Millionen Coins. Zum Vergleich: Kurz vor dem FTX-Crash im November 2022 lag diese Zahl noch bei über 2.5 Millionen, also mehr als ein Viertel höher als zum jetzigen Zeitpunkt. Zwar hat der Kaufdruck in den Spot-ETFs zuletzt abgenommen, immer noch werden aber mehrere Tausend Bitcoin pro Tag von den ETF-Anbietern und ihren Kunden eingesammelt. Das aktuelle Kalkül rund um einen potenziellen Halving-Crash könnte der neu entflammte Nahost-Konflikt aber durcheinanderwerfen.

Nahost als Black Swan? Wie es mit dem Bitcoin-Preis weitergeht

Die Emotionen an den Börsen sind aktuell von den Geschehnissen im Nahen Osten dominiert. Am Samstagabend deutscher Zeit schoss der Iran laut Medienberichten wohl mehr als 200 Drohnen und ähnliche Flugwaffen in Richtung Israels ab. Zuvor waren bei einem Bombardement auf die iranische Botschaft im syrischen Damaskus mehrere politische Persönlichkeiten ums Leben gekommen. Zugeschrieben wurde der Angriff dem israelischen Militär, der Iran drohte bereits Ende vergangener Woche mit Vergeltung. Die plötzliche politische und Gewalteskalation traf die Märkte unerwartet, man könnte von einem sogenannten Black Swan-Event sprechen (also einem einschneidenden Vorfall, der kaum vorhersehbar war). Zwar rasseln die verwickelten Staaten schon länger mit ihren ballistischen und atomaren Säbeln, die unmittelbare Konfrontation ist aber neu. Für Erleichterung sorgen vorerst die Meldungen des israelischen Militärs, dass die überwiegende Mehrheit der iranischen Geschosse abgefangen werden konnten, kaum zivile Schäden entstanden und ein Gegenschlag offenbar nicht unmittelbar forciert wird. Pünktlich zum Start der traditionellen Börsen scheint der erste große Schreck also verwunden, der Krypto-Markt hat sich in den letzten Stunden nach starken Abverkäufen auch wieder erholt. Damit rücken marktinterne Mechanismen als Katalysatoren für technisch schon länger prognostizierte Bitcoin-Kursbewegungen wieder in den Fokus: Wenn sich die Einkünfte der Miner durch das Halving nächste Woche von 900 auf 450 Bitcoin pro Tag reduzieren, dürfte auch der Zufluss auf OTC-Marktplätze aus Miner-Beständen abnehmen. Und wozu verknapptes Angebot bei gleichbleibender oder sogar steigender Nachfrage führt, ist Teil des kleinen Wirtschafts-Einmaleins. Sowohl an öffentlichen Börsen als auch den Marktplätzen hinter den Kulissen könnten die Bitcoin-Liquidität zeitnah abnehmen.

In der Vergangenheit dauerte es in der Regel aber mehrere Wochen oder Monate, bis sich der Halving-Effekt im Preis bemerkbar machte. Als wichtiger Wachstumstreiber fungieren in diesem Zyklus erstmals natürlich die neuen Spot-ETFs aus den Vereinigten Staaten, die schon jetzt historische Rekorde für derartige Anlageprodukte aufgestellt haben und noch weiter an Zugkraft gewinnen dürften – schließlich soll der Verkaufsdruck aus dem notorisch roten Grayscale Bitcoin Trust (GBTC) laut dem Geschäftsführer des Vermögensverwalters bald abflauen. Ob sich die Annahme bestätigt, dass der Bitcoin wegen seiner wachsenden Marktkapitalisierung vor so starken Halving-Rücksetzern wie in den letzten Zyklen verschont bleibt, hängt (aus Sicht der Fundamentalanalysten) im Moment in großen Teilen davon ab, wie die Miner die eingangs gestellten Fragen beantworten. Hält der Abgabedruck nach den großen OTC-Verkäufen Ende Februar an, könnte der Bitcoin noch deutlich länger in seine Seitwärts-Konsolidierung gezwängt werden, auch die Nachfrage nach den Spot-ETFs dürfte durch diese unspektakuläre Kursentwicklung erstmal schwächer werden. Ein Crash ist beim Halving also nicht vorprogrammiert – ein direkter Anstieg aber auch nicht. Wiederholt sich die Geschichte, ist bis zum Bullenmarkt-Finale auch nach dem Halving noch Geduld gefragt. Um Ihnen die Wartezeit zu versüßen, geben wir regelmäßige Updates und Prognosen zur Kursentwicklung in unserem Analysepaket zu Bitcoin und Ethereum. Nur um eins vorwegzunehmen: Bis zum Bullenmarkttop rechnen auch wir noch mit zwischenzeitlichen Rücksetzern. Mit dem richtigen Timing sind die aber keine Gefahr für Anleger – sondern vielmehr eine Chance, um sich noch besser im Markt zu positionieren. Und genau dabei helfen unsere Analysen.

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Simeon Koch

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