Auf dem Elektroauto-Markt rumort es. Noch vor Monaten schien der nordamerikanische Tech-Sektor unangefochten an der Spitze der Milliardenbranche zu stehen, seit Ende des vergangenen Jahres aber kommt der internationale Marktführer aus China: Im vierten Quartal verkaufte BYD mehr Elektroautos als der bisherige Branchenprimus Tesla und dürfte laut Experten noch in diesem Jahr den Marktanteil von Elon Musks ehemaligem Tech-Shootingstar überflügeln, der zuletzt von einem extremistischen Brandanschlag auf die Gigafactory Berlin-Brandenburg erschüttert wurde. Während in China die Produktion aufstrebender Elektro-Giganten heiß läuft, wächst die Sorge um die Wettbewerbsfähigkeit westlicher E-Fahrzeuge nicht nur bei Musk, der seine chinesische Konkurrenz vor wenigen Wochen bezichtigte, ihre Mitbewerber „zerstören“ zu wollen. Auch die Politik schießt sich auf fernöstliche Autobauer ein. So kündigte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen an, Importbeschränkungen zu erwägen, der nordamerikanische Präsident Joe Biden sagte vergangene Woche: „China flutet unseren Markt mit seinen Fahrzeugen, was eine akute Gefahr für unsere nationale Sicherheit darstellt“. Auch innerhalb Chinas schwelt ein aggressives Ringen um die ökonomische Vorherrschaft: He Xiaopeng, der CEO des Autoherstellers XPeng, prognostizierte Ende Februar ein „Blutbad unter den chinesischen Automobilherstellern“, der Attraktivität des chinesischen Marktes tut das keinen Abbruch: Volkswagen, hinter Toyota der Autobauer mit den weltweit höchsten Absatzzahlen über alle Antriebsarten hinweg, will mit XPeng E-Autos entwickeln. Lokalrivale Geely übernimmt derweil die Mehrheit an der ehemaligen Volvo-Tochter Polestar. Und der Handy-Riese Xiaomi präsentiert sein erstes E-Fahrzeug.
90 Prozent Wertverlust in zwei Jahren: Polestar nun in chinesischer Hand
Der Westen ist der Sehnsuchtsort fernöstlicher Automarken, schließlich ist die Nachfrage nach E-Fahrzeugen nirgends so hoch wie in den wohlhabenden Industriestaaten Europas und Nordamerikas – mit Ausnahme von China selbst. Im vergangenen Jahr entfielen ganze 58 Prozent der gesamten Autoverkäufe im Reich der Mitte auf elektrische Fahrzeuge. In den Vereinigten Staaten stieg der Elektro-Anteil an den Autoverkäufen in den zurückliegenden zwölf Monaten von 5.9 auf 7.6 Prozent, in Deutschland wurden 2023 rund 524 000 Elektroautos verkauft und damit mehr als in jedem anderen europäischen Land. Der Marktanteil liegt hierzulande bei rund 18 Prozent. Entsprechend hohe Priorität genießen in China die Exporte nach Europa und Nordamerika: BYD, die neue globale Nummer eins nach Elektroauto-Verkäufen, baut eigene Schiffe, um seine wertvolle Fracht nach Deutschland zu importieren und arbeitet an einer Fabrik in Ungarn, um etwaige Importbeschränkungen zu umgehen. Aber auch in die Besitzstrukturen von etablierten europäischen Marken greifen chinesische Autokonzerne zusehends ein. Ende Februar verkündete Volvo nach wochenlangen Spekulationen, dass man sich vom Mehrheitsanteil der Elektro-Schiene Polestar trenne, die sich zuletzt als Milliardengrab entpuppte. Polestar wurde bereits 1996 gegründet, fungiert im Volvo-Konzern aber erst seit 2017 als Eigenmarkt für Hybrid- und Elektroautos. 2022 wurde das Unternehmen an der Tech-Börse Nasdaq gelistet, von einer anfänglichen Bewertung von fast $28 Milliarden stürzte die Marktkapitalisierung seither um fast 90 Prozent auf rund $3.7 Milliarden ab.
Zuletzt brauchte Polestar eine millionenschwere Finanzspritze, um die selbst gesteckten Wachstumsziele nicht vollends zu verfehlen. Weltweit lieferte man vergangenes Jahr nur 54.600 Fahrzeuge aus, BYD verkaufte im selben Zeitraum drei Millionen Autos. Bisher hielt Volvo 48.5 Prozent der Polestar-Anteile, reduzierte nun aber auf 18 Prozent. Der Rest ging in den Besitz von Geely über, der chinesische Konzern hält nun knapp über 50 Prozent an Polestar und seit 2010 auch rund 80 Prozent an Volvo selbst. Mit einem Kredit in Höhe von knapp $1 Milliarde soll Polestar nun unter chinesischer Ägide wieder auf Vordermann gebracht werden, der Absatz soll bis 2025 nahezu verdreifacht werden und auf 155 000 Autos im Jahr ansteigen. Trotzdem fährt Polestar einen strengen Sparkurs, ein Viertel der Belegschaft soll entlassen werden. Das chinesische Engagement in Europa ist aber keineswegs eine Einbahnstraße: Vergangene Woche teilte Volkswagen mit, seine Partnerschaft mit dem chinesischen Elektro-Startup XPeng zu vertiefen. Bereits im Juli hatte VW für $700 Millionen knapp fünf Prozent der Anteile an XPeng gekauft, nun will man gemeinsam zwei Modelle für den chinesischen Markt entwerfen. Zudem plant Volkswagen eine eigene Entwicklungsschiene für Einstiegsmodelle zu entwickeln, die ab 2026 vier weitere Auto-Typen für China ausspucken soll. Dafür investiert der deutsche Weltmarktführer eine Milliarde Euro in das größte Forschungs- und Entwicklungszentrum außerhalb Europas in der chinesischen Provinz Hefei. Mit XPeng schließt VW zunächst eine Partnerschaft für die Beschaffung von Bauteilen, die beide in ihren Modellen verwenden. Dadurch sollen die Entwicklungskosten um mehr als 30 Prozent fallen, wodurch die Konkurrenzfähigkeit und Position von Volkswagen auf dem E-Auto-Markt gestärkt werden soll.
Tesla fördert Preiskampf – „Blutbad“ in China?
Während Volkswagen sich gemeinsam mit XPeng im chinesischen Markt festzusetzen versucht, steht der nächste potente Konkurrent schon in den Startlöchern: Xiaomi, Chinas fünftgrößter Smartphone-Hersteller, will nun auch den Markt der Elektromobilität erschließen, der weltweit bis 2030 ein Volumen von rund $1.5 Billionen erreichen soll – von aktuell knapp $400 Milliarden. In China werden die Auslieferungen für den ersten Xiaomi-Sportwagen Ende März beginnen, in den nächsten zehn Jahren will Xiaomi allein in seine Fahrzeug-Sparte rund $10 Milliarden investieren, das entspricht einem Viertel der aktuellen Marktkapitalisierung des Elektronik-Giganten. Damit gehört Xiaomi zu einer Handvoll ausgewählter Unternehmen, die in China eine behördliche Genehmigung für den Start im Elektroauto-Markt erhalten, der momentan einen historischen Andrang erlebt. Trotz eines immer härteren Preiskampfes, den Tesla durch drastische Vergünstigungen auf die eigenen Autos einläutete, damit aber selbst in finanzielle Bredouille geriet, ist der chinesische Markt äußerst lukrativ: 2024 wird der Wert der E-Autobranche im Reich der Mitte auf rund $300 Milliarden geschätzt, in den nächsten fünf Jahren soll er sich auf gut $670 Millionen mehr als verdoppeln. Auch die schwierige wirtschaftliche Situation in China fordere ihren Tribut, erklärte XPeng-Chef He Xiaopeng unlängst: „Angesichts der pessimistischen makroökonomischen Lage ziehen sich viele Geschäftspartner zurück und haben Angst zu investieren. Ich denke, das ist eine Chance für unsere Entwicklung.“ Dieses Jahr markiere „den Beginn eines harten Wettbewerbs, der in einem Blutbad unter den chinesischen Automobilherstellern enden könnte“. Wie es mit den Aktien von BYD, Xiaomi, Geely und XPeng weitergeht, analysieren wir regelmäßig in unserem China Titans-Paket – Echtzeit-Signale zu lukrativen Einstiegs- und Handelsmöglichkeiten inklusive!




