Superhelden hatten schonmal glänzendere Rüstungen. Ende letzter Woche kursierte auf Social Media das Foto eines grauhaarigen Mannes mittleren Alters im dunklen Hemd, der bei einem Street Food-Stand in der vietnamesischen Hauptstadt Hanoi eine Nudelsuppe mit Stäbchen isst. Darüber stand in klassischer Meme-Schrift: Das Schicksal des Marktes und der Demokratie liegen in den Händen dieses Menschen. Das war natürlich sehr plakativ. Wie jede Überspitzung, besaß aber auch diese polemische Feststellung ein Körnchen Wahrheit. Der Mann auf dem Bild, der umgeben von Passanten auf einem Klappstuhl saß und mit einem Strohhalm aus einer Kokosnuss trank, war niemand Geringerer als Jensen Huang, Geschäftsführer des Chip-Giganten Nvidia, dessen Hardware-Produkte gemeinhin als wichtigster Nährboden für die Entwicklung Künstlicher Intelligenz gelten. Eine wahre Manie entwickelte sich auf den Krypto- und Aktienmärkten zuletzt um das Thema KI, unendlich erscheinen die Wachstumsaussichten. Die gesamte nordamerikanische Wirtschaft scheint vom KI-Hype beflügelt zu werden, die wichtigsten Indizes schrieben zuletzt ein Allzeithoch nach dem anderen. Dabei sind es hauptsächlich die Tech-Giganten, deren Kurswerte explodieren und so den Durchschnittswert nach oben ziehen. Die aktuelle Dominanz der größten nordamerikanischen Unternehmen erinnert an den Vorabend der Weltwirtschaftskrise Anfang der 1930er. Was steht uns diesmal bevor?
Rettet der KI-Goldrausch die stagnierende Weltwirtschaft?
Mit der Künstlichen Intelligenz ist es in den letzten Monaten so ähnlich wie mit dem kalifornischen Goldrausch vor knapp 200 Jahren: Um 1850 strömten Tausende Glücksritter in die mittlerweile als Golden State bekannte Provinz, um sich ihren Anteil am goldenen Kuchen abzuzwacken. Reich wurden damit aber nur wenige – und dabei handelte es sich meistens um Händler, die sich nicht um Edelmetall scherten, sondern einfach nur das Werkzeug produzierten, wofür Goldsucher kleine Vermögen bezahlten. Heute sucht man in der Tech-Branche nicht nach Gold, sondern nach der Singularität. So bezeichnen Fachleute die Grenze, die eine Künstliche Intelligenz überschreitet, wenn sie den menschlichen Verstand in jeglicher Hinsicht übertrifft. Derartige synthetische Universalgenies, im Fachjargon als AGI bezeichnet (engl.: Artificial General Intelligence; dt.: Generelle Künstliche Intelligenz), sind zwar noch Zukunftsmusik. Die Werkzeuge dafür, also hochleistungsfähige Computerchips, stehen aber hoch im Kurs. Und der wohl wichtigste Produzent dieser Chips ist Nvidia. Gleichzeitig avancierte das Narrativ der Künstlichen Intelligenz zur möglichen Rettung aus der drohenden Rezession, die Euphorie im Tech-Sektor täuschte über Gebrechen im allgemeinen Markt hinweg, etwa die hartnäckige Inflation oder die alarmierende Staatsverschuldung in den Vereinigten Staaten. So langsam wird die fast schon spirituelle Überhöhung von Jensen Huang in der Meme-Kultur plausibel.
Warum aber ist frischer Fortschritt durch Künstliche Intelligenz eigentlich so wichtig? Schon vor einigen Tagen hatten wir analysiert, dass die globale Wirtschaft auf eine Sättigung zusteuert, sofern keine frischen Impulse durch bahnbrechende (technische Neuerungen) eintreten. Und diese mögliche Sättigung ist bereits an den wichtigsten volkswirtschaftlichen Kennzahlen abzulesen, etwa in den Vereinigten Staaten: Seit dem Jahr 2012 liegen die dortigen Staatsschulden über dem Bruttoinlandsprodukt, Tendenz steigend. Beliefen sich die Verbindlichkeiten vor zwölf Jahren noch auf rund 105 Prozent der nordamerikanischen Wirtschaftsleistung, wuchsen die Schulden seither schneller als die Wirtschaft, bis 2028 soll man laut Prognosen bei knapp 140 Prozent stehen. Allein im Januar 2024 häuften die USA ein Minus von $190 Milliarden an, insgesamt liegt die Staatsverschuldung bei $34.2 Billionen. Zum Vergleich: Deutschland ist seinen Gläubigern bei einem BIP von rund $4.3 Billionen aktuell rund $2.5 Billionen Euro schuldig. Während die Wirtschaft in den Vereinigten Staaten also ungefähr fünfmal so viel Wertschöpfung verzeichnet wie die Bundesrepublik sind die Schulden der Vereinigten Staaten fast 14-mal so hoch wie in Deutschland. Wächst die Schuldenlast in den USA weiterhin schneller als die Wirtschaft selbst, wird es sogar schwierig, die Zinsen zurückzuzahlen, geschweige denn, die Schuldenlast überhaupt abzubauen.
Microsoft, Apple, Nvidia und Co.: Sind die Magnificent Seven eine Gefahr?
Es braucht also dringend neues Wirtschaftswachstum und einer der größten Hoffnungsschimmer ist dabei die sich abzeichnende technisch-industrielle Revolution durch Künstliche Intelligenz. Zu erkennen ist dieses Kalkül auch auf den Aktienmärkten: Die Nvidia-Aktie erreichte infolge der überraschend guten Geschäftszahlen Ende letzter Woche ein neues Allzeithoch, allein in der Viertelstunde nach Verkündung der beeindruckenden Umsatzzahlen wuchs die Marktkapitalisierung um rund $250 Milliarden. In der Rangliste der größten Marktkapitalisierungs-Zugewinne binnen 24 Stunden am nordamerikanischen Aktienmarkt setzte sich der Chip-Gigant damit unangefochten an die Spitze – und brauchte dafür gerade mal 15 Minuten. Als drittes nordamerikanisches Unternehmen überhaupt nach Apple und Microsoft erreichte Nvidia eine Marktkapitalisierung von $2 Billionen. Dieser KI-Hype bedeutet durch das starke Wachstum der Tech-Aktien aber auch eine deutliche Zunahme der Marktkonzentration, also des Anteils, den die Tech-Giganten am Gesamtmarkt ausmachen.
Die fünf größten Unternehmen der USA – Microsoft, Apple, Alphabet, Amazon und Nvidia – entstammen nicht nur allesamt der Tech-Branche, sondern machen aktuell auch ein Viertel der Marktkapitalisierung des nordamerikanisches Leitindexes Standard & Poor’s 500 aus. Nimmt man Meta und Tesla noch dazu, besitzen die sogenannten Magnificent Seven (dt.: Glorreichen Sieben) eine größere Marktkapitalisierung als jeder einzelne Aktienmarkt der Welt – mit Ausnahme der USA. Genau das bereitet Analysten Sorge. Denn dem breiten Markt geht es nicht so gut wie den Magnificent Seven, die allein für 40 Prozent des Wachstums im S&P 500 seit Beginn des aktuellen Jahres verantwortlich waren. Die Top zehn der größten Aktien im Leitindex machen ein Drittel seines Gesamtwerts aus, so hoch war dieser Stand seit 50 Jahren nicht mehr. Noch stärker wird die Konzentration, wenn man die oberen zehn Prozent der größten nordamerikanischen Aktien betrachtet, die mittlerweile ganze 75 Prozent des S&P 500 ausmachen. So hoch war dieser Wert zuletzt rund um den Schwarzen Freitag 1929 und die folgende Weltwirtschaftskrise Anfang der 1930er. Selbst bei der Dot-Com-Bubble wurde keine so starke Konzentration registriert wie aktuell.
KI schreibt (eine neue) Wirtschaftsgeschichte
Und weil hohe Konzentration in der Vergangenheit häufig vor großen Crashs auftrat, wird vielerorts bereits der nächste große Zusammenbruch des Marktes heraufbeschworen. Dabei ist die Katastrophe keineswegs vorherbestimmt, denn heute sind einige Aspekte anders als bei früheren großen Krisen. 1929 etwa kam die erste große Wirtschaftskrise zustande, weil die Auswirkung von Inflation und rezessiven Dynamiken auf dem Markt schlichtweg noch nicht bekannt war. 2001 kollabierte der Markt, weil viele Firmen ohne einträgliches Geschäftsmodell dramatisch überbewertet waren. Heute versucht die nordamerikanische Zentralbank trotz hartnäckiger Inflation eine weiche Landung der Wirtschaft zu erwirken und die Geschäftsmodelle der Tech-Giganten scheinen angesichts der kaum vorstellbaren Wachstumsaussichten im KI-Sektor so aussichtsreich wie selten zuvor. Ob es nun zum Platzen der vermeintlichen Tech-Blase kommt oder ob Künstliche Intelligenz die historischen Marktregeln sprengt und das Wachstum in nie gesehene Höhen treibt, darüber werden Fundamentalanalysten auch in Zukunft kontrovers diskutieren. Gewiss ist aber, dass Anleger mit dem richtigen Timing von allen Marktphasen profitieren können. Um keine lukrativen Einstiegsmöglichkeiten mehr zu verpassen, erhalten Fans der Tech-Giganten und auch der größten US-Aktien regelmäßige Updates in unseren Analyse-Paketen. Dass der Aktienmarkt den Rezessionsängsten im vergangenen Jahr derart trotzte, kam für viele überraschend – unsere technische Analyse signalisierte dieses bullische Potenzial schon lange vorher.




