Kapitalismus. Und dann?
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Kapitalismus. Und dann?

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Emre Şentürk

Die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts war die Zeit des industriellen Aufschwungs. Die Anfänge des 21. Jahrhunderts stehen im Zeichen der Digitalisierung. Somit wurde die Weltwirtschaft über die letzten 80 Jahre von neuen Technologien und Erfindungen geprägt, die unser Leben vereinfachten oder interessanter gestalteten. Man darf ja schließlich auch nicht vergessen, dass der Unterhaltungssektor ebenso gewachsen ist, wie die Automobilindustrie, der Energiesektor und die Welt der Finanzen. Nun kommt die Künstliche Intelligenz (kurz: KI) ins Spiel und verspricht eine neue Ära des Wirtschaftswachstums. Doch wohin wachsen wir? Wie viel besser wird unser Leben durch schnellere Computer im Vergleich zur Erfindung des Computers selbst? Wie viele Unterhaltungsformate und Plattformen brauchen wir noch? Was haben wir davon, wenn Kühlschränke vier Bildschirme haben? Es stellt sich die Frage, ob wir in eine Phase übergegangen sind, in der die Grenzerträge rapide sinken. Denken Sie nur an eine Pflanze, die ihren Topf ausgefüllt hat. Bis zu diesem Zeitpunkt mag sie schnell gewachsen sein, aber ist der Topf einmal komplett voll, muss das Gewächs in eine großzügigere Umgebung.

Dieses Problem könnte uns bald einholen. Innovationen im Konsumgüterbereich sind überschaubar in Umfang und Qualität. Weder Smartphones noch Fernseher entwickeln sich nennenswert weiter. Klar, die Kameras und Bildschirme werden hochauflösender, aber der „Wow“-Effekt bleibt bei vielen Neuerungen aus. Im Entertainment-Sektor bewegen wir uns in eine Massenabfertigungsphase. Denken Sie nur an den europäischen Fußball oder den Basketball in den USA: In beiden Fällen geht es mehr um die konstante Beschallung und nicht mehr um Originalität und Leidenschaft. Auf den sozialen Medien werden die Trends immer schnelllebiger und jedes Format wird etliche Male repliziert. Von Fernsehprogrammen brauchen wir gar nicht erst anfangen. Bei den Haushaltsgeräten gibt es für fast jeden Handgriff in der Küche etliche Gerätschaften. An Möbeln und Inneneinrichtungen haben Sie mittlerweile endlose Auswahlmöglichkeiten. In der Mode gibt es für jedes Budget dieselben Schnitte und Modelle. Im Automobilbereich jagt ein Start-Up das nächste mit derselben linienförmigen Front und die Volkswagengruppe bringt nahezu im Minutentakt neue Modelle auf den Markt. Wo sind die Neuheiten, die uns aus den Socken hauen? Ist die Luft raus? Ist der Kapitalismus langweilig geworden?

Um diese Frage zu beantworten, nehme ich immer sehr gerne die LRAS-Kurve aus der Makroökonomie zur Hilfe. Diese Kurve veranschaulicht die Preisgestaltung einer Volkswirtschaft anhand des nationalen Wirtschaftspotenzials. Im übertragenen Sinne kann man diese Veranschaulichung auch auf die Weltwirtschaft anwenden. Hier ist das aktuelle Bruttoinlandsprodukt als potential GDP 1 beschrieben und wird durch die vertikale Kurve LRAS1 markiert. Diese beschreibt, wie groß eine Wirtschaft bei maximaler Produktion und Beschäftigung sein kann. Natürlich ist die Begrenzung dieses Umfangs durch das Innovationslevel gegeben; wenn es in einer Wirtschaft keine fliegenden Autos gibt, kann man diese auch nicht produzieren und so liegt das außerhalb des Potenzials. Entlang dieser Kurve findet die Preisfindung statt, wobei SRAS1 das kurzfristige Angebot und AD1 die Nachfrage ist. Beide Elemente können kurzfristig auf dieser LRAS1-Linie wandern, aber was bedeutet es, wenn diese überschritten wird, wie es der Punkt A in Gelb zeigt. 

Wenn also das wirtschaftliche Angebot ausgeschöpft ist, es also nicht mehr zu bahnbrechenden Innovationen kommt, die uns flächendeckend weiterbringen, kann eine Wirtschaft nicht wachsen. Es muss produktives Potenzial durch die Weiterentwicklung und den Antriebsdrang einer Gesellschaft geschaffen werden. Und dieses produktive Potenzial wird ja hauptsächlich durch die Nachfrage von Kunden geschaffen. Die Waschmaschine, das Radio, die Straßenbahn oder auch isolierende Fugenmasse wurden erfunden, weil sie Probleme lösen und unser Leben verbessern sollten. In einer Überflussgesellschaft werden diese Nischen immer kleiner und somit auch der Raum für die Verschiebung der LRAS-Kurve nach rechts, oder mit anderen Worten: für langfristiges Wirtschaftswachstum. Wenn also das Angebot hier gleichbleibend ist, was ja in der Grafik als SRAS1 dargestellt ist, wird die expansive Geldpolitik, die seit Anfang der 2000er Jahre geführt wird, eben die Preise in die Höhe schießen lassen, weil die Nachfrage künstlich angehoben wird, obwohl das Potenzial der Wirtschaft ausgeschöpft ist – oder kurz davor ist: Punkt C in Gelb. Und jetzt denken Sie mal bitte vor diesem Hintergrund nochmal drüber nach, was in den letzten drei Jahren mit den Preisen passiert ist. Kommt Ihnen dies bekannt vor?

Worauf ich hinaus möchte, ist, dass wir in der Weltwirtschaft abnehmende Grenzbeträge erleben, weil jede dazukommende Innovation weniger positive Auswirkungen auf die Qualität der Wirtschaft hat als die vorherigen – 100€ sind für die meisten Menschen viel Geld, für einen Milliardär aber nicht. So ist es auch mit dem wirtschaftlichen Potenzial und so wurde die Weltwirtschaft ohne innovativen Katalysator in höhere Preisebenen getrieben. Um das umzukehren, muss auf der normativen Ebene mehr passieren – wir brauchen DIE Erfindung schlechthin, um aus der LRAS1-Kurve die LRAS2-Kurve zu machen. In diesem Fall würde sich auch die AD1-Kurve, also die Nachfrage, bewegen und zu AD2 werden. Dann sinken die Preise und die Wirtschaft wächst wieder. Durch mehr Innovation wird das normative Potenzial einer Wirtschaft erweitert, also die maximal mögliche Auslastung des Wirtschaftssystems wird in absoluten Zahlen größer. Angebot und Nachfrage haben dann mehr Wachstumsspielraum, weil es ja mehr zu entwickeln, zu vertreiben und zu konsumieren gibt.

Die Aussichten sehen diesbezüglich gut aus. Mit dem Eintrudeln der Künstlichen Intelligenz in den Alltag vieler Unternehmen stehen wir am Anfang einer wirklich bedeutsamen Entwicklung. Wie weit sich diese Technologie ausbreitet und welche Bereiche alle davon profitieren, können wir aktuell nicht einmal wirklich abschätzen. Jedoch birgt sie das Potenzial, uns in neue Gefilde des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Denkens zu befördern. Was sprechende Staubsauger und 24k-Fernseher nicht können, verspricht die Künstliche Intelligenz, weil sie Bestehendes effizienter macht und dadurch auch Neuheiten anstoßen kann. Wichtig ist nur, dass auch die Nachfrageseite mitwächst. Wenn der Erfolg der KI nur anhand des wirtschaftlichen Erfolgs bemessen wird, unsere Anforderungen aber nur auf noch mehr Komfort und Luxus ausgerichtet sind, wird auch die Künstliche Intelligenz Schwierigkeiten haben, ihren und damit auch unseren Horizont zu erweitern. Somit müssen auch wir als Abnehmer von Gütern und Dienstleistungen innovativer in unseren Ansprüchen werden, denn sonst wird alles nur noch mehr und schneller, aber nicht schöner oder besser.

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Emre Şentürk

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