Am Heiligabend läuft für den Elektroauto-Branchenprimus Tesla ein ungewöhnliches Ultimatum aus: Ab dem 24. Dezember wollen schwedische Stadtreinigungen keine Abfälle mehr aus den Tesla-Werkstätten abholen – bis Elon Musk einen Tarifvertrag für seine dortigen Angestellten unterschreibt. Seit Ende Oktober fordern 130 schwedische Mechaniker und Ingenieure des Autoriesen vertraglich verbriefte Klarheit über ihre Löhne. In den vergangenen Wochen solidarisierten sich Hafenarbeiter, Elektriker und sogar schwedische Postbeamte mit dem Protest. Boykottiert werden die Verschiffung von Tesla-Fahrzeugen, die Wartung von Ladesäulen und sogar die Zustellung von Firmenpost, mehrere Gewerkschaften rufen zu Sympathiestreiks auf. Elon Musk weigert sich, Tarifverträge aufzusetzen und kommentierte unlängst auf X, vormals Twitter: „Die sind verrückt.“
Dabei zählt Skandinavien zu einem der erfolgreichsten Tesla-Märkte überhaupt. Zwar zeichnet Schweden nur für rund zwei Prozent der globalen Konzernumsätze verantwortlich. Ein weitaus wichtigerer Absatzmarkt ist dagegen das Nachbarland Norwegen: Im Jahr 2022 entfielen hier 79 Prozent aller PKW-Neuzulassungen auf Elektroautos, im vergangenen März stieg dieser Anteil gar auf 86.8 Prozent. Rund ein Drittel des norwegischen Automarktes hat Tesla inne, Tendenz steigend. Das ist gleichbedeutend mit dem Status der meistverkauften Automarke, unabhängig vom Antrieb. Ausgerechnet im Tesla-Paradies Norwegen droht dem Stromer-Giganten nun ebenfalls Ungemach – und das nicht nur, weil die Streikwelle von Schweden aus überschwappen könnte.
Denn seit Monaten schlägt sich Elon Musk mit einem ehemaligen norwegischen Tesla-Mitarbeiter herum, der im Sommer Unmengen interner Daten veröffentlicht hatte. Der Whistleblower war 2021 entlassen worden, hatte bis dahin aber massenhaft Unternehmensdaten gesammelt – sowohl geschäftliche als auch private Informationen über Kunden und Beschäftigte auf allen Ebenen des Unternehmens – bis hin zu Elon Musk selbst. Tesla erstattete schon im Frühjahr Anzeige gegen den Norweger, woraufhin elektronische Geräte in dessen Wohnung beschlagnahmt wurden. Inzwischen hat der Ex-Mitarbeiter selbst Klage auf ein horrendes Schmerzensgeld eingereicht und wird laut übereinstimmenden Medienberichten sogar von der norwegischen Regierung unterstützt.
Um das weltweite Aufsehen zu verhindern, das ein öffentlicher Prozess hervorrufen würde, soll Tesla einen außergerichtlichen Vergleich bevorzugen. Denn der Whistleblower ist nicht das einzige Problem in Norwegen: Erst vergangene Woche sickerte durch Insiderkanäle, dass die staatliche Verkehrsbehörde seit etwa einem Jahr einen möglichen Rückruf aller Model S und Model X prüfen soll. Nicht davon betroffen ist Teslas Verkaufsschlager, das Model Y, auf das im ersten Quartal ganze 30.4 Prozent aller norwegischen PKW-Anmeldungen entfielen. Konkret geht es bei der Rückrufspekulation um Sicherheitsbedenken aufgrund der vermeintlich zu schnellen Abnutzung wichtiger Bauteile in den genannten Modellen. Das Ergebnis der Prüfung ist offen und könnte auch glimpflich für Tesla ausfallen – ein Rückruf wäre nur im wohl eher unwahrscheinlichen Extremfall zu erwarten. Die Entscheidung darüber soll um Weihnachten fallen.
X-Affäre um 'zensierte' Tesla-Kritik
Indes wird Elon Musk vorgeworfen, Kritik einer schwedischen Zeitung an Tesla systematisch zu unterdrücken. Wie gut informierte Kanäle Mitte der Woche berichteten, soll X, vormals Twitter, vereinzelte Links zu teslakritischen Berichten mit Sicherheitshinweisen versehen und als „Spam oder Sicherheitsrisiko“ gemäß den eigenen URL-Richtlinien gekennzeichnet haben. Es wäre nicht das erste Mal, dass X unliebsame Verbindungen auf diese Weise zu blockieren versucht. Allerdings waren andere Artikel der betroffenen Zeitung, die ebenfalls gegen Elon Musk und Tesla schossen, ohne Einschränkung erreichbar. Die Plattform selbst äußerte sich zu den Vorwürfen bisher nicht.
Ungeachtet dieser Turbulenzen verzeichnete Tesla im dritten Quartal 2023 einen Umsatz von $23.35 Milliarden, was im Vergleich zum Q3 des Vorjahres einer Steigerung von knapp zehn Prozent entspricht. Die Auseinandersetzungen in Schweden könnten einen Präzedenzfall für Tarifverträge bei Tesla liefern, die der Konzern bisher global noch ablehnt. Auch in der größten europäischen Tesla-Fabrik in Brandenburg rumorte es im Oktober wegen ungeregelter Arbeitsstandards. Tesla selbst dürfte an einer raschen Lösung interessiert sein, eine Einigung mit den Arbeitnehmerverbänden und die Beilegung der anderen Streitigkeiten in Skandinavien wäre dem künftigen Wachstum sicherlich zuträglich. An der Börse jedenfalls traut man Tesla Großes zu. So konnte sich der Kurs der unternehmenseigenen Aktie seit Anfang des Jahres mehr als verdoppeln, wie wir schon länger in unseren regelmäßigen Analysen antizipiert hatten.



