Wann haben Sie sich das letzte Mal so richtig bestätigt gefühlt? Haben Sie mit Ihren Freunden vielleicht schon vor Monaten gewettet, dass Cannabis in Deutschland bald legal wird, noch bevor die Politik medienwirksam in diese Richtung schwenkte? Oder dass der HSV auch diese Saison nicht aufsteigen wird, obwohl nach der Relegation im letzten Jahr viele davon ausgegangen sind? Für solche Vorhersagen gibt es internationale Wettbewerbe. Das ist ein bisschen nerdig, aber durchaus beeindruckend. Dort treffen sich Menschen, um Prognosen über alle möglichen zukünftigen Ereignisse zu treffen. Spezialisten aus verschiedenen Branchen messen sich dann mit Bücherwürmer, die es sich zum Hobby gemacht haben, die Zukunft möglichst präzise zu antizipieren. Wer gewinnt die nächste Präsidentschaftswahl in den Vereinigten Staaten? Wer die anstehende Fußball-Europameisterschaft? Die getroffenen Annahmen basieren auf Daten, jahrelanger Erfahrung und Fingerspitzengefühl. Am erfolgreichsten sind in der Regel diejenigen, die sich in ihren Vorhersagen am wenigsten von der Mehrheitsmeinung beeinflussen lassen. Kaum jemand konnte 2014 schon absehen, dass Donald Trump zwei Jahre später Präsident werden würde. Und trotzdem wurden bei Forecasting-Turnieren damals genau diese Prognosen abgegeben. Ein reiner Glückstreffer? Mitnichten. Die Sieger solcher Wettbewerbe erklären ihr Erfolgsgeheimnis stets sehr ähnlich: Es geht darum, trotz medialen Lärms, politischer Parolen und öffentlicher Hysterie das im Blick zu behalten, was wirklich zählt.
Ist der Aktienmarkt unberechenbar?
Ähnliches gilt für die technische Analyse in der oft undurchsichtigen Finanzwelt. Auch hier durften sich zuletzt einige bestätigt fühlen, die trotz öffentlicher emotionaler Ausbrüche in den letzten Wochen einen kühlen Kopf bewahrten. Denn trotz der Sorgen um vertagte Zinskürzungen, geopolitische Spannungen um Israel und den Iran oder auch die weithin befürchtete Stagflation, hat sich nicht viel daran geändert, was tatsächlich relevant ist für den Kursverlauf von Aktien, Kryptowährungen und Co. Gerade in solchen Marktphasen wird deutlich, wer dank profunder Analyse die Orientierung behält und wer im Investment-Dschungel verloren geht, weil er den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sieht. Das beste Beispiel waren die kürzlich veröffentlichten Quartalszahlen der nordamerikanischen Tech-Giganten um Microsoft, Apple und Amazon. Die allgemeine Erwartung war recht einfach: Schlechte Quartalszahlen würden Kursverluste bedeuten, gute Bilanzen wiederum starke Preisanstiege nach sich ziehen. Was dann passierte, erwischte einen Großteil der Marktbeobachter auf dem falschen Fuß: Tesla veröffentlichte haarsträubende Geschäftsergebnisse, und vermeldete den stärksten Umsatzrückgang seit mehr als zehn Jahren. Die Aktie aber machte das genaue Gegenteil der überwiegenden Vorhersage und schoss um Dutzende Prozent nach oben.
Nur wenige Stunden darauf trat die Facebook-Mutter Meta an die Öffentlichkeit und verkündete einen kräftigen Sprung bei Einnahmen und Gewinn, durch die Bank wurden Prognosen namhafter Analysten übertroffen. Und was tat der Aktienkurs? Innerhalb weniger Stunden sackte das Wertpapier um mehr als 20 Prozent ab und konnte sich nur mit Mühe wieder fangen. Ähnliches passierte bei der PayPal-Aktie, die nach überraschend soliden Quartalszahlen ebenfalls einige Prozent nachgab. Und als alle dachten, die Börse würde jetzt eben das genaue Gegenteil davon tun, was kollektiv erwartet wird, trat Amazon mit einem hervorragenden Geschäftsbericht für die letzten drei Monate an die Öffentlichkeit: Im ersten Quartal erwirtschaftete der Versandhandel-Riese einen Umsatz von gut $143 Milliarden und lag damit um deutliche 12.5 Prozent über dem Ergebnis des Vorjahresquartals. Der Nettogewinn stieg um beeindruckende 230 Prozent auf über $10 Milliarden. Damit lag man fast gleichauf mit dem traditionell starken vierten Quartal des letzten Jahres – und was tat die Aktie? Nach zwei deutlichen Rücksetzern in der letzten Aprilwoche stieg die Aktie im Nachgang der Quartalszahlen deutlich an und kratzt zurzeit an einem neuen Jahreshoch. Ist der Aktienmarkt jetzt völlig unvorhersehbar geworden? Oder gibt es doch plausible Erklärungen für die scheinbar paradoxen Börsen-Reaktionen auf die aktuelle Earnings-Season im Tech-Sektor?
Elon Musk vs. Mark Zuckerberg: Wen juckt’s?
Die Börse fährt gerade auf Sicht. Was in den vergangenen Wochen und Monaten passiert ist, spielt kaum noch eine Rolle. Das ist zwar nicht außergewöhnlich, schließlich preisen die Märkte prinzipiell die Zukunftserwartung der Anleger ein. Und doch scheint selbst die unmittelbarste Vergangenheit an den Handelsplätzen dieser Welt eine so kleine Rolle zu spielen wie selten zuvor. Ein Grund dafür ist die labile makroökonomische Lage. Schon länger sind die größten Volkswirtschaften der Welt angeschlagen, die Vereinigten Staaten sitzen auf einem Schuldenberg von geradezu biblischem Ausmaß, die Wachstumserwartungen schrumpfen. Künstliche Intelligenz beflügelte die Technologie-Branche im ersten Quartal dieses Geschäftsjahrs und schien wie von Zauberhand alle wirtschaftlichen Probleme zu lösen. Die Euphorie rund um selbstlernende Algorithmen ist in der breiten Wahrnehmung zuletzt aber wieder abgeebbt – und hat neuen Rezessionsängsten Platz gemacht. Dabei sind die reißerischen Untergangsprognosen nichts als Geschäftemacherei mit der sprunghaften Emotion unerfahrener Investoren. Und die ängstlichen Prognosen nicht viel mehr als kurzsichtige Erklärungsversuche für ein wiederkehrendes saisonales Phänomen an der Börse, nämlich das klassische Sommerloch. Nicht umsonst heißt es: Sell in May and go away (dt.: Verkaufe im Mai und kehre der Börse den Rücken zu).
Die Börse interessiert sich momentan also herzlich wenig für die unmittelbare Vergangenheit – aber eben auch nicht für die nahe Zukunft. Denn große Investoren, das sogenannte Smart Money, weiß genau: Die Aussichten können noch so gut sein, aber wenn das Sommerloch die breite Nachfrage verschluckt, werden die Kurse wohl kaum reagieren. Wenn überhaupt werden von finanzkräftigen Anlegern aktuell Aktien gekauft, die auch über die Flaute Mitte des Jahres hinweg lukrative Perspektiven aufzeigen können. Das gelang Elon Musk mit der Ankündigung neuer Tesla-Modelle, die schon im Herbst vom Band laufen könnten. Amazon stellte eine starke Gewinnsteigerung beim Cloud-Service AWS (Amazon Web Service) in Aussicht, der in diesem Jahr die magische Umsatzgrenze von $100 Milliarden knacken soll. Bei PayPal klappte das mit den längerfristigen Wachstumsversprechen nicht ganz so gut und Meta-Geschäftsführer Mark Zuckerberg leistete seinem Social Media-Giganten einen Bärendienst, indem er die Anleger auf massive Ausgaben und dadurch geschmälerte Gewinne vorbereitete. All diese Fundamental-Ereignisse sind ein Teil der Wahrheit, aber eben nur ein Puzzle-Teil. Was nun klar sein sollte: Die Börsenkurse sind ein nahezu perfektes Abbild der Erwartungen ihrer Anleger. Und völlig unabhängig von guten oder schlechten Nachrichten ist auch die menschliche Psyche von Mustern geprägt, die mathematisch nachvollziehbar und modellierbar sind. Genau deshalb funktioniert technische Analyse.
Köpfe reimen sich: Was wirklich zählt
Ein berühmtes Sprichwort lautet: Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich. An der Börse, in der Weltpolitik oder auch in der globalen Wirtschaft geschehen immer neue Dinge. Aber die Menschen, die darauf reagieren, verändern sich nicht – zumindest nicht in der breiten Masse. Deshalb sind Kursbewegungen in weiten Teilen prognostizierbar. Man kann nicht vorhersagen, was genau Abverkäufe oder Anstiege auslösen wird. Aber man kann extrapolieren, dass sie geschehen werden – und in vielen Fällen auch ihr Ausmaß. Bewegungen an der Börse sind vorhersehbar. Aber eben nicht, wenn man sich an einzelne Bäume wie die aktuellen Quartalszahlen klammert. Es sind nicht die Bilanzen, die den Preis machen, sondern immer noch die Menschen. Und deren Verhaltensmuster ändern sich nicht. Elon Musks Zukunftsvisionen, das Sommerloch oder Angst vor einer Rezession – das alles sind Katalysatoren für Kursbewegungen, aber nicht ihre Ursachen. Die Ursachen liegen in wiederkehrenden Mustern, die sich in den Köpfen der Investoren abspielen und durch diese Neuigkeiten aufrecht erhalten werden. Diese Emotionen kommen in Wellen. Und wenn Sie diese Wellen künftig besser vorhersehen wollen, können Sie von unserer Elliott Wave-Analyse profitieren. Etwa für die wichtigsten Technologie-Werte um Amazon, Paypal und Tesla, oder auch für Kryptowährungen wie Bitcoin und Ethereum. Schließlich muss man im Blick behalten, was wirklich zählt. Dann nämlich sieht man den Wald, anstatt sich vor einzelnen Bäumen zu erschrecken.




