Letztes Jahr prognostizierte He Xiaopeng, CEO des Autoherstellers XPeng, ein „Blutbad unter den chinesischen Automobilherstellern“. Genau das scheint nun einzutreten: Massive Überproduktion trifft auf erbarmungslose Konkurrenz und ruinöses Preisdumping. Ins Zentrum der Kritik rückt ausgerechnet Marktführer BYD, der noch vor 18 Monaten den vorherigen Branchenprimus Tesla übertrumpft hatte: Mit Preisnachlässen von bis zu 30 Prozent entfesselt BYD einen neuen Preiskrieg, der nicht nur chinesische Mitbewerber erschüttert.
Kritiker sprechen bereits vom Evergrande der Autoindustrie und beziehen sich dabei auf den verheerenden Kollaps des chinesischen Immobiliengiganten Evergrande, der Chinas Immobilienmarkt 2021 in eine historische Krise stürzte. Gleichzeitig kämpfen Konkurrenten wie Nio mit sinkender Nachfrage, XPeng setzt alles auf riskante Expansion ins Ausland. Wie geht es weiter mit Chinas Vorzeigebranche?
BYD wird zum Brandbeschleuniger im Preiskrieg
Trotz einer starken Bilanz im letzten Jahr leidet die E-Auto-Branche in China. Das liegt vor allem an hartem Wettbewerb, der durch immer neue Startups befeuert wird. Dabei unterbieten sich chinesische Fabrikanten gegenseitig in den Verkaufspreisen und beschleunigen mit diesem aggressiven Verdrängungskampf eine immer schnellere Abwärtsspirale.
Ende Mai 2025 zündete BYD die nächste Stufe im innerchinesischen Preiskampf: Bei 22 Modellen senkte der Hersteller die Preise um bis zu 30 Prozent. Um Kosten zu sparen soll BYD laut Insider-informationen die Produktion an mehreren Fertigungsstätten gedrosselt haben. Branchenbeobachter vergleichen die Aktion mit einer Panikattacke: Der Marktführer wirft seine Fahrzeuge unter Wert auf den Markt – und zwingt kleinere Hersteller in die Knie.
Die BYD-Aktie hat eine kleine Korrektur hinter sich, dürfte aber schon bald die nächste Rallye starten. Die Unterstützung bei HK$ 111 muss halten.
Die chinesische Parteizeitung Renmin Ribao sprach in einem Beitrag über BYDs neue Strategie gar von „ungeordneten Preiskriegen“, die die gesamte Lieferkette gefährden. Selbst das chinesische Verkehrsministerium warnte: „Preiskriege haben keine Gewinner – und keine Zukunft.“ Die Sorge um den chinesischen Vorzeigesektor reicht also bis in die höchsten staatlichen Führungsgremien.
Eine Lösung des Problems bleibt bislang aber in weiter Ferne. Schließlich ist der E-Auto-Markt trotz der harten Konkurrenz immer noch lukrativ für finanzstarke Neueinsteiger: Erst im März sammelte Xiaomi – mittlerweile auch im E-Auto-Geschäft vertreten – durch den Verkauf von 800 Millionen eigenen Aktien rund 5.5 Milliarden US-Dollar an der Hongkonger Börse ein, um eine neue KI- und E-Mobilitätsoffensive zu starten.
Hinter der aggressiven Preisstrategie von BYD und Co. stehen strukturelle Probleme: Chinas Produktionskapazität für Elektroautos soll laut Schätzungen bis 2025 auf 36 Millionen Fahrzeuge steigen – bei einer Nachfrage von nur 14 Millionen. Das ergibt einen Überhang von über 20 Millionen Einheiten. Das ist mehr als Europas gesamte Jahresproduktion.
BYD versucht, mit Preissenkungen die eigenen Stückzahlen hochzuhalten, um Skaleneffekte zu sichern und Exportambitionen zu untermauern. Doch Brancheninsider warnen: Dieses Vorgehen könnte ein Kartenhaus zum Einsturz bringen. „Einige Hersteller sind süchtig danach, Geld für Marktanteile zu verbrennen“, sagte bereits im Mai Wei Jianjun, CEO von Great Wall Motors, dem ältesten privaten Automobilhersteller Chinas.
Xiaomi baut jetzt auch E-Autos und ist damit durchaus erfolgreich: An der Börse schielt die Aktie auf neue Allzeithochs.
Trotz dieser Vorwürfe verteidigt BYD seine Strategie als Überlebensmaßnahme. Das Unternehmen gilt als solide, ist jedoch hoch verschuldet. Laut chinesischen Quellen liegt die Schuldenquote bei fast 75 Prozent. Andere Analysten befürchten sogar noch höhere reale Verbindlichkeiten. So bezichtigten die renommierten Hongkonger Wirtschaftsprüfer von GMT den größten Tesla-Konkurrenten im Januar, einen Schuldenberg von 44 Milliarden Dollar zu verschleiern.
Glaubt man kritischen Marktbeobachtern, kann BYD nur durch radikale Marktbereinigung und politische Unterstützung langfristig profitabel bleiben. Der aktuelle Preiskampf scheint ein Versuch zu sein, die Konkurrenz zu reduzieren. Mitbewerber wie etwa Nio aber wehren sich hartnäckig.
Nio: Kampf gegen die Rezession
Der einstige Hoffnungsträger Nio, der trotz großer Pläne mit anhaltend roten Zahlen konfrontiert ist, kämpft mit strukturellen Herausforderungen. Anders als BYD setzt Nio auf ein Premium-Segment mit hohem Forschungsaufwand und geringen Stückzahlen. Doch genau hier schwächelt die Nachfrage: Hohe Preise und eine verunsicherte Mittelschicht in Chinas kriselnder Wirtschaft drücken auf die Verkaufszahlen.
Der Binnenkonsum bleibt vor allem bei höherpreisigen Produkten dünn. Gleichzeitig schreibt Nio seit Jahren Verluste. Die Pläne für Batterietauschstationen und eigene Chips stoßen zunehmend auf Skepsis. Zwar steigerte der Konzern im zweiten Quartal 2025 seine Auslieferungen um 40 Prozent im Jahresvergleich auf 42 000 E-Autos, die Verluste aber wachsen.
Für Nio sieht es an der Börse düster aus: Fast die gesamte Rallye von 2021 hat die Aktie wieder abverkauft. Der Boden sollte bald erreicht sein.
Hinzu kommt, dass Nio es bislang nicht geschafft hat, signifikante Exportmärkte zu erschließen. Während BYD und XPeng aggressiv in Europa, Südamerika und Asien expandieren, bleibt Nio im Ausland zurückhaltend. Investoren werden ungeduldig. Dabei bietet Nio einige technologische Alleinstellungsmerkmale – etwa beim autonomen Fahren und in der vertikalen Integration.
Doch ohne Volumen kann das Geschäftsmodell kaum skalieren. Zu allem Überdruss leidet Nio erheblich unter dem Preisdruck der Konkurrenz: Auch bei Nio wurden die Preise für die Submarke Firefly zuletzt um satte 30 Prozent gesenkt. An der Börse schwächelt die Nio-Aktie schon geraume Zeit.
XPeng: mit Volldampf in die Weltmärkte
XPeng geht derweil einen anderen Weg – und setzt alles auf eine Karte: die Internationalisierung. Auf eine E-Auto-Show in Shanghai kündigte das Unternehmen an, noch dieses Jahr in über 60 Länder expandieren zu wollen. Dabei sollen mehr als 300 neue Standorte für Service und Marketing entstehen.
Das Ziel ist klar: „Bis 2027 wollen wir zu den drei größten chinesischen Autoexporteuren gehören“, sagte XPeng-Mitgründer Brian Gu. Der Umsatz soll langfristig zur Hälfte aus dem Ausland stammen. Die Expansion beginnt mit Australien, wo XPeng sein Flaggschiff P7+ auf der Melbourne International EV Show präsentiert hat – ausgestattet mit modernster Chip-Technik von Qualcomm.
Kaum besser als für Nio läuft es gerade bei Xpeng. Auch hier aber sollte es bald wieder deutlich aufwärts gehen.
Gleichzeitig betont XPeng seine Distanz zu dubiosen Exportpraktiken, wie dem „Null-Kilometer-Gebrauchtwagen“-Trick, der in der Branche verbreitet ist. „Wir beteiligen uns nicht an fragwürdigen Praktiken“, erklärte das Management. Analysten loben die strategische Klarheit: „XPeng scheint sein Wertversprechen gefunden zu haben – wettbewerbsfähige Fahrzeuge mit überlegenen autonomen Fahrfunktionen“, so Joanna Chen von Bloomberg Intelligence.
Auch die Zahlen stimmen bei Nio: Die Bruttomarge kletterte zuletzt auf zehn Prozent – der höchste Wert seit Jahren. Zudem sind mindestens fünf neue Extended-Range-Modelle geplant. Ob diese Offensive trägt, entscheidet sich wohl außerhalb des chinesischen Kernmarktes.
Sind chinesische E-Auto-Aktien jetzt ein gutes Investment?
Kaum ein Markt polarisiert Anleger so sehr wie der chinesische E-Auto-Sektor. Wer hier seit Jahren investiert ist, hat eine harte Zeit hinter sich – sofern sich das Investment nicht auf BYD beschränkt hat, wo kürzlich neue Höchststände gefeiert wurden. Sowohl Nio als auch Xpeng kämpfen an der Börse seit Monaten mit anhaltenden Abverkäufen.
Der Verfolger Geely hält sich etwas besser, ist aber immer noch mehr als eine Kursverdopplung von Allzeithoch aus dem Jahr 2021 entfernt. Die aktuelle Unsicherheit rund um Überproduktion, schwächelnde Nachfrage und den erbarmungslosen Preiskampf, angeheizt durch den chinesischen Marktführer BYD, trübt die Aussichten auf zeitnahe Erholung besonders bei kleineren Fabrikanten ein.
Ziemlich gut läuft es hingegen bei Geely: Das Jahr startete stark, der Rücksetzer im April wurde rasch verdaut. Korrektiv bleibt die Aktie trotzdem.
Abschreiben sollte man Chinas E-Auto-Sektor deshalb aber noch lange nicht. BYD etwa konnte seinen Börsenwert zwischen Mitte Januar und Ende Mai dieses Jahres nahezu verdoppeln, Geely stieg allein vom Zwischentief Anfang April, das infolge der Strafzoll-Ankündigungen von Donald Trump erreicht wurde, bis Ende Mai um gute 60 Prozent im Kurs. Seitdem befindet sich der Preis zwar wieder in einer temporären Korrektur, die Profitchancen dürften langfristig aber hoch bleiben.
Profitieren dürfte der breite E-Autosektor von anhaltenden Stimulus- und Subventionsprogrammen der chinesischen Regierung sowie einer jüngst in Peking angekündigten Technologie-Offensive, die Know-How im eigenen Land bündeln und den chinesischen Markt noch attraktiver für Investoren machen soll. Wachstum versprechen auch die neuen Geschäftsfelder, in die Chinas E-Auto-Giganten vorstoßen. Von eigenen Chips über Batteriesysteme bis hin zu KI und humanoiden Robotern ist alles dabei. Der Preiskampf tobt. Die Kämpfer aber sind zäh. Und vor allem kreativ.
FAQ BYD:
Welche Automarke steckt hinter BYD?
Hinter der Marke BYD steht das chinesische Unternehmen BYD Company Limited, das ursprünglich als Batteriehersteller startete und sich innerhalb weniger Jahre zum weltweit führenden E-Auto-Produzenten hochgearbeitet hat. Heute gilt BYD als ernstzunehmender Konkurrent für Tesla – mit globalen Ambitionen und starker politischer Rückendeckung aus Peking.
Wie viel kostet der billigste BYD?
Der Einstiegspreis für ein BYD-Fahrzeug liegt in China bei umgerechnet rund 10 000 Euro – Tendenz fallend. Möglich machen das aggressive Preisnachlässe von bis zu 30 Prozent, mit denen BYD zuletzt den Markt regelrecht geflutet hat. Ziel: Marktanteile sichern, Konkurrenz verdrängen, Skaleneffekte durchsetzen.
Ist BYD ein gutes Auto?
Ob ein BYD gut ist, hängt vom Blickwinkel ab. Technologisch sind viele Modelle solide ausgestattet, vor allem im Vergleich zur Preisklasse. Doch Kritiker werfen dem Konzern vor, mit ruinösen Preisen auf Qualität zu verzichten. Trotzdem wächst das Vertrauen vieler Käufer – auch in Europa. BYD ist längst keine Billigmarke mehr, sondern ein globaler Herausforderer.
Für was steht die Abkürzung BYD?
Die Abkürzung BYD steht für Build Your Dreams – ein Name, der Programm sein soll. Denn das Unternehmen will laut eigenen Aussagen nicht nur Autos verkaufen, sondern eine Vision verwirklichen: den Wandel zur emissionsfreien Mobilität vorantreiben – zuerst in China, dann weltweit.




