Es war 22.00 Uhr deutscher Zeit, als Donald Trump gestern die Bombe platzen ließ: Reziproke Zölle gegen alle Handelspartner der USA. 20 Prozent auf europäische Waren, insgesamt mehr als 50 Prozent auf chinesische. Sogar unbewohnte Inseln belegte das Weiße Haus ausdrücklich mit erhöhten Importabgaben – und das war keineswegs ein verspäteter Aprilscherz. Die Schockwellen der Detonation im Rosengarten des Weißen Hauses durchdrangen rasch die Medienlandschaft. Das renommierte Wirtschaftsmagazin The Economist veröffentlichte heute ein Titelblatt, auf dem Trump die Landkarte der USA zersägt. Statt Trumps Slogan Liberation Day (dt. Tag der Befreiung) ist auf dem Cover Ruination Day zu lesen. Auf Deutsch so viel wie Tag der Zerstörung.
Ähnlich hörten sich die Reaktionen aus aller Welt an. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen etwa sprach von einem „schweren Schlag für die Weltwirtschaft“. China kritisierte, dass Trump die globalen Wirtschaftsbeziehungen gefährde. Die US-Finanzmärkte öffneten den Donnerstag tiefrot, über Nacht verlor der S&P500 rund zwei Billionen Dollar Marktkapitalisierung. Anders als erhofft, herrscht immer noch keine Klarheit über die künftige Zollpolitik. Mit scharfen Reaktionen der sanktionierten Staaten ist zu rechnen, Experten fürchten eine Rezession. Was aber bezweckt Trump eigentlich mit diesen Strafzöllen? Und wie ernst ist die Lage für Bitcoin und Aktien?
Trump erpresst die Welt – erfolgreich?
„Heute erklären wir den Befreiungstag für die amerikanische Wirtschaft.“ Mit diesen Worten leitete US-Präsident Donald Trump am gestrigen Mittwoch im Rosengarten des Weißen Hauses die Verkündung umfassender neuer Zölle ein. Diese Maßnahmen, die er in einer langen Rede als „revolutionär“ bezeichnete, zielen darauf ab, die Handelsbilanz der USA zu verbessern und die heimische Industrie zu stärken. Über Trumps Kalkül hinter diesen radikalen Maßnahmen kann man nur mutmaßen. Experten sind sich jedenfalls einig, dass Zölle kein probates Mittel sind, um eine Volkswirtschaft nachhaltig zu stärken.
Im Rosengarten des Weißen Hauses präsentierte Donald Trump die Tafel mit den reziproken Zöllen für alle Handelspartner und versprach die "Befreiung der USA".
Trump scheint das nicht besonders zu interessieren. Er unterzeichnete einen Exekutivbefehl, der einen pauschalen Zollsatz von zehn Prozent auf alle Importe in die USA festlegt. Zusätzlich werden für bestimmte Länder höhere Zölle erhoben, die laut Trump die „schlimmsten Täter“ in Bezug auf unfaire Handelspraktiken seien. So werden Importe aus China mit 34 Prozent und aus der Europäischen Union, die Trump als „sehr harten Verhandlungspartner“ bezeichnete, mit 20 Prozent besteuert. Wohlgemerkt zusätzlich zu bereits bestehenden Strafzinsen. Im Falle von China summieren sich die Importabgaben damit auf mehr als 50 Prozent auf jegliche Waren.
Die EU reagierte in Person von Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen prompt: Trump gefährde den Welthandel und Wohlstand für Menschen auf der ganzen Welt.
Diese Zölle treten gestaffelt in Kraft: Der allgemeine Zollsatz gilt ab dem 5. April, die erhöhten Sätze für ausgewählte Länder ab dem 9. April. Noch ist also etwas Zeit für Verhandlungen. Internationalen Partnern aber schmeckt gar nicht, dass Trump ihnen die ökonomische Pistole so unverblümt auf die Brust setzt. Kanada, Mexiko und Israel signalisierten zwar schon Bereitschaft, eigene Handelshürden zu senken, wenn Trump auch zurückrudere. Die Europäische Union und China dürften aber deutlich strikter reagieren. Laut von der Leyen plant die EU sofortige Zölle auf US-amerikanische Metallimporte, ein weiteres umfassendes Zollpaket sei von Verhandlungen mit Trump abhängig.
Die Milchmädchen-Rechnung aus dem Weißen Haus
Ähnlich resolut gibt sich China. Schon vor Wochen meldete sich die politische Führungsriege in Peking zu Wort und drohte, dass Amerika einen Krieg haben könne, wenn es denn wolle. Auf wirtschaftlicher Ebene und auch sonst. Bisher haben diese Drohgebärden Trump nicht zum Einlenken bewegt, eher im Gegenteil. Und auch künftig dürfte Trump nur noch aggressiver auf wirtschaftliche Affronts oder Konter aus anderen Staaten reagieren. Denn ohne Zweifel sieht sich der US-Präsident im Recht. Angesichts des Unrechts, das den USA im Welthandel geschehe, seien die reziproken Zölle noch gnädig, knurrte er bei seiner Rede.
Die Zölle im Detail: Der EU unterstellt das Weiße Haus Handelsbeschränkungen in theoretischer Höhe von 39 Prozent, bei China sind es sogar 67 Prozent.
Bei der Pressekonferenz im Weißen Haus hielt Trump eine Tafel hoch, auf der eine ganze Reihe von Ländern mit deren jeweiligen Zöllen auf US-Produkte aufgelistet war. Daneben die neuen reziproken Zölle der USA, die jeweils rund die Hälfte betrugen. Für China fand sich auf der Tafel ein Zollsatz auf US-Waren von 67 Prozent, für Europa immerhin 39 und im Fall von Japan 46. Weil sich allgemeine Zölle und Handelshindernisse nicht so einfach quantifizieren lassen, entbrannten in den Medien sofort hitzige Diskussionen, wie das Weiße Haus denn überhaupt auf diese Zahlen gekommen sei.
Trumps Zölle treffen vor allem China, Südostasien und Europa. Auffällig ist, dass Russland auf der Zoll-Liste nicht aufscheint.
Nach und nach stellte sich heraus: Die Strafzölle basieren auf einer ökonomisch fragwürdigen Milchmädchen-Rechnung. Denn um die vermeintliche Zollhöhe eines einzelnen Staates für US-Produkte zu errechnen, wurde von Trumps Beratern einfach das jeweilige Handelsdefizit herangezogen. Im Handel mit China etwa ergibt sich für die USA ein Handelsdefizit von gut 295 Milliarden US-Dollar im Jahr, das sind rund 67 Prozent der gesamten US-Importe aus China. Kurzerhand wurde deshalb festgelegt, dass Chinas Handelsbarrieren gleichzusetzen seien mit einem faktischen Zoll in Höhe von 67 Prozent.
Crasht Trump die Märkte mit Absicht?
Einfach gesprochen haben die USA für jedes Land erst die eigenen Importe und Exporte verglichen und dann dort, wo ein Defizit aufscheint (also wo man mehr ein- als verkauft), den Anteil dieses Defizits an den gesamten Importen errechnet. Mathematisch ist das willkürlich, mit tatsächlichen Handelsbeschränkungen des Handelspartners hat diese Rechnung wenig zu tun. Vielmehr ist es eine radikale Maßnahme, Handelsdefizite abzubauen – der eigentliche Plan von Donald Trump. Allerdings gibt es auch einige Länder, mit denen die USA eine positive Handelsbilanz verzeichnen, also mehr exportieren als importieren. In diesen Fällen verhängte Trump pauschale Zölle von zehn Prozent.
Wenn Trumps Ziel war, die Märkte unter Druck zu setzen, hat er es geschafft: Die Rezessionsangst hat laut Polymarket den höchsten Stand in diesem Jahr erreicht.
Trump begründet diese Maßnahmen mit dem Schutz der nationalen Sicherheit und der Notwendigkeit, das Handelsdefizit der USA zu reduzieren. Er beruft sich dabei auf den International Emergency Economic Powers Act (IEEPA) von 1977. Dabei handelt es sich um ein Gesetz, das es dem Präsidenten erlaubt, in nationalen Notfällen wirtschaftliche Maßnahmen zu ergreifen. Trump erklärte: „Wir können nicht länger zulassen, dass andere Länder von unserer Großzügigkeit profitieren, ohne uns fair zu behandeln.“ Als ebenso unfair dürften die willkürlichen Gegenzölle aus dem Weißen Haus im Ausland wahrgenommen werden, ein Konflikt scheint vorprogrammiert.
Diese anhaltende Unsicherheit setzt die globalen Finanzmärkte massiv unter Druck – zumindest, bis erste Abkommen die Gefahr eines globalen Zollkriegs bannen. Aber vielleicht ist Trump das auch ganz recht – schließlich wird schon länger gemutmaßt, dass Trump den Markt mit Absicht crashen könnte, um eine Lockerung der Geldpolitik zu erwirken. Schließlich müssen die USA noch in diesem Jahr milliardenschwere Schulden refinanzieren. Auf dem aktuellen Zinsniveau wäre das kaum leistbar. Auch hier sollen laut Trump die Zölle helfen: Aus den Importabgaben erhofft man sich fürstliche Mehreinnahmen für die Staatskasse. Wenn die Wirtschaft das mal mitmacht.




