Uran ist heiß – aber nicht nur in seiner Funktion als Brennstoff. Spätestens seit der Fukushima-Katastrophe 2011 in Japan wird der nukleare Rohstoff hitzig diskutiert, erst kürzlich debattierte die Bundesregierung über Endlager für Atommüll. Während Deutschland seine Atomkraftwerke abgeschaltet hat, fahren andere Nationen ihre Anlagen wieder hoch. Uran ist wieder heiß – und das geht weit über die Temperatur der Brennstäbe hinaus, die bis zu 1000 Grad Celsius erreichen können. Uran ist politisch heiß umfehdet: Der Westen ist auf russische Brennelemente angewiesen und bezahlte dafür trotz strenger Sanktionen in den letzten Jahren Milliarden. Während die USA russisches Uran verbieten und ihre Nuklear-Anlagen aufrüsten wollen, plant China die größte AKW-Flotte der Geschichte. Uran ist aber auch heiß begehrt: Im Frühling erreichte der Preis ein neues 15-Jahreshoch, als sich eine Reihe führender Industrie-Nationen um Kanada, Frankreich, das Vereinigte Königreich und Südkorea dazu verpflichtete, ihre Infrastruktur für Atomenergie massiv auszubauen. Auch der immense Energiebedarf von Künstlicher Intelligenz macht Uran zu einem der begehrtesten Rohstoffe – Bill Gates und Warren Buffett investieren kräftig. Der Uran-Hype dürfte vorerst anhalten.
Uran ist politisch heiß – und weltweit begehrt
Schon jetzt stammen fast 20 Prozent der Energie, die jährlich in den Vereinigten Staaten gebraucht wird, von Atomkraftwerken. In der Europäischen Union ist es schon fast ein Viertel. Der Haupttreiber für die steigende Nachfrage nach Uran ist die globale Expansion der Kernenergie, insbesondere in China. Zwischen 2023 und 2030 soll China, der weltweit zweitgrößte Nutzer nach den USA, seine Nachfrage mehr als verdoppeln. Auch westliche Länder suchen nach zuverlässigen Stromquellen, um die Variabilität von Wind- und Solarenergie auszugleichen. Kernenergie bietet hier eine kohlenstoffarme Alternative, die politisch aber nicht unumstritten ist. Besonders die Abhängigkeit von Russland schadet im Westen dem Image des Nuklear-Brennstoffs. Laut Schätzungen sind weltweit aktuelle 60 Reaktoren im Bau, weitere 110 sind geplant. Die meisten dieser Projekte befinden sich in Asien. Im wahrsten Wortsinn befeuert wird die Expansion des Atomsektors durch die wachsende Unsicherheit im Brennstoffmarkt. Rohöl und Erdgas spielen wegen großer Vorkommen im Mittelmeer seit Jahrzehnten eine große Rolle im Konflikt zwischen Israel und dem Libanon. Die Rolle des Iran im Nahost-Konflikt als mögliche Kriegspartei und gleichzeitig starker Player in der Organisation erdölexportierender Länder (OPEC) verunsichert westliche Beobachter zusätzlich.
Auch kleinere geopolitische Zerwürfnisse – etwa die Attacken der Huthi-Milizen auf Handelsschiffe im Suezkanal – unterstreichen die Wichtigkeit der Autarkie im Energiesektor. Zusätzlicher politischer Druck kommt von internationalen Abkommen wie dem Pariser Klimapakt oder auch den Vereinbarungen der Weltklimakonferenz in den Vereinigten Arabischen Emiraten im Winter 2023. Schon auf der Konferenz in Dubai einigten sich die Teilnehmer auf eine globale Uran-Offensive, die mittlerweile konkrete Formen annimmt. Das Angebot aber ist knapp. Bis 2040 soll die internationale Uran-Nachfrage auf 100 000 im Jahr anwachsen, verfügbar dürften dann aber lediglich 50 000 Tonnen sein – also gerade einmal die Hälfte. Es gibt zwar weitere Vorkommen, die darüber hinaus erschlossen werden könnten. Die Uran-Bestände sind dort aber schwer zu erreichen und nur unter erheblich höheren Kosten abbaubar als bisher. Entsprechend müsste auch der Preis deutlich anziehen, sofern auch diese Uran-Vorkommen erschlossen werden sollen. Die Kostenfrage aber dürfte recht bald zweitrangig sein, wenn sich der Bedarf an Uran weltweit so entwickelt wie aktuell und prognostiziert. Im Umkehrschluss könnte diese Zunahme der Nachfrage und simultan des Produktionspreises lukrative Möglichkeiten für Anleger auf den Uranmärkten bieten.
Microsoft, Amazon und Google haben Nuklear-Pläne
Weltweit werden aktuell rund zehn Prozent der gesamten Stromerzeugung aus Kernenergie gespeist – besonders in Entwicklungsländern ist die Infrastruktur aus hochtechnisierten Atomkraftwerken gering. Dennoch soll der Markt für Nuklearenergie laut Experten bis 2030 um zehn bis 20 Prozent anwachsen. Der absehbare Nachfrage-Überhang, der teils sogar auf ein Defizit von 74 Tonnen Uran im Jahr 2040 prognostiziert wird, ist aber nicht das einzige Problem dieses besonderen Marktes. Erschwerend kommt hinzu, dass die weltweiten Uran-Vorkommen geografisch stark konzentriert sind. Die Haupt-Lieferanten sind Kasachstan, Kanada und Australien. Die politischen Verstrickungen aber sind weitaus komplexer. Russland hält bedeutende Anteile an den Minen in Kasachstan, die über 40 Prozent der weltweiten Uranproduktion ausmachen, während China die meisten Reserven in Namibia kontrolliert. Aus Namibia kamen 2022 fast 250 Tonnen Uran nach Europa, insgesamt importiert die Europäische Union pro Jahr etwa 15 000 Tonnen Uran. Zu den politischen Problemen in der Auseinandersetzung mit Russland und China kommt für den Westen aber auch, dass viele Minen bereits erschöpft sind und die Erschließung vieler neuer Förderstätten noch zwischen zehn und 15 Jahren dauern wird. Ob die angehäuften Vorräte so lange halten, ist fraglich.
Japan soll auf Uran-Vorräten für 90 Jahre sitzen, China hat laut Schätzungen genug für acht weitere Jahre. Weltweit schrumpft diese Zahl schon auf vier Jahre, von der EU und den USA sind solche Daten nicht verfügbar. Sicher scheint aber, dass besonders die EU und die USA von Spot-Käufen auf dem offenen Markt abhängig sind. Das ist auch großen Tech-Unternehmen nicht entgangen, deren Energiebedarf wegen ehrgeiziger KI-Pläne in Zukunft exponentiell ansteigen dürfte. Schon im Herbst 2023 richtete der Software-Riese Microsoft ein neues Expertenteam ein, das an kleinen modularen Reaktoren tüftelt. Miniatur-Meiler sollen bald schon serienmäßig vom Fließband laufen, um den Energiehunger der Künstlichen Intelligenz und weltumspannenden Cloud-Lösungen zu stillen. Laut der Forschungsabteilung von Morgan Stanley wird sich der Energieverbrauch von Rechenzentren weltweit von weniger als 15 Terawattstunden (TWh) im Jahr 2023 auf 46 TWh in diesem Jahr verdreifachen, schon bald könnten Rechenzentren so viel Energie verbrauchen wie ganz Indien. Uran ist also auch im Silicon Valley heiß: Nuklear-Startups werden unter anderem von Microsoft-Gründer Bill Gates und der Börsenlegende Warren Buffett finanziert, Amazon erwarb im vergangenen März ein atombetriebenes Rechenzentrum in Pennsylvania, Google forscht an Kernfusion. Auf der Weltklimakonferenz 2023 in Dubai schloss Bill Gates' Atom-Startup TerraPower LLC einen Entwicklungs- und Liefervertrag mit den Vereinigten Arabischen Emiraten. Dem Markt dürfte das guttun. Schließlich gilt bei Uran im Kraftwerk wie an der Börse: Je heißer, desto besser.


"Wenn wir den Klimawandel ernst nehmen, brauchen wir mehr Atomkraftwerke": Seit der Weltklimakonferenz baut Bill Gates' Uran-Startup Reaktoren für die Vereinigten Arabischen Emirate.
