Die Nachfrage nach Uran ist in den letzten Monaten explodiert, die Preise schossen in historische Höhen. Getrieben ist die Rallye des ehemals beargwöhnten Nuklear-Rohstoffs durch rasant steigenden Bedarf in westlichen Industrienationen, die sich zur Steigerung ihrer Atomenergie-Kapazitäten verpflichtet haben. Energie wird außerdem in rauen Mengen benötigt, um Rechenzentren auszubauen und zu betreiben, die für die Unterstützung von KI-Technologien wie ChatGPT erforderlich sind. Der Uran-Hype trifft also ausgerechnet auf die Anleger-Fantasie um Künstliche Intelligenz und damit das aktuell erfolgreichste Technologie-Narrativ an den Börsen dieser Welt. Gleichzeitig führen geopolitische Spannungen, insbesondere in Ländern wie dem zentralafrikanischen Niger, zu Unsicherheiten in der Uranversorgung. Schließlich bezog etwa die EU bis vor kurzem noch rund ein Viertel ihrer gesamten Uran-Importe aus dem politisch destabilisierten Land in der Sahelzone. Ein Militärputsch im Niger, die diplomatische Neuorientierung der neuen Staatsführung und die Abwendung von westlichen Industrienationen verschärfen den Wettbewerb um den begehrten nuklearen Brennstoff zwischen den größten Wirtschaftsmächten der Welt.
Uran und KI: Cocktail für den Bullenmarkt?
Sam Altman, CEO von OpenAI, hat das Potenzial dieser Technologie erkannt und Oklo Inc. unterstützt, ein Unternehmen, das darauf abzielt, Rechenzentren mit nuklearer Energie zu versorgen. „Vorbei sind die Zeiten, in denen neue Technologien eingeführt wurden, ohne sich Gedanken über die potenziellen Auswirkungen auf die Umwelt zu machen. Unternehmen, die Zukunftstechnologien vorantreiben, tun dies unter Berücksichtigung der CO2-Bilanz und der Zuverlässigkeit in der Energieversorgung. Die Kernenergie ist dabei der klare Gewinner,“ sagte Timothy Gitzel, CEO von Cameco, einem führenden Uranproduzenten. Laut der Forschungsabteilung von Morgan Stanley wird sich der Energieverbrauch von Rechenzentren weltweit von weniger als 15 Terawattstunden (TWh) im Jahr 2023 auf 46 TWh in diesem Jahr verdreifachen, was die Dringlichkeit einer zuverlässigen und umweltfreundlichen Energiequelle unterstreicht. Neben OpenAI investieren auch die Technologie-Riesen Amazon und Google verstärkt in den Atomsektor – schließlich will die ganze Branche günstige Stromquellen erschließen und damit die eigenen KI-Projekte vorantreiben. Amazons Cloud-Segment AWS (Amazon Web Service) etwa kündigte im März eine Investition von über $5.3 Milliarden in mehrere Datencenter in Saudi-Arabien an.
Sam Altman erklärte schon im Januar mit Blick auf das künftige Wachstumspotenzial im KI-Sektor: „Wir sind uns des Energiebedarfs dieser Technologie immer noch nicht bewusst“. Das hat auch Bill Gates verstanden, Gründer des aktuell wertvollsten Börsenunternehmens Microsoft und schon seit einiger Zeit im Nuklear-Sektor aktiv. Gates arbeitet mit seinem Startup Terrapower an neuen, effizienten Kernreaktoren. Der neuste Schrei in dieser Schiene sind modulare Anlagen, die sich aus serienmäßig produzierbaren Einzelteilen zusammensetzen. Viele kleine und kostengünstige Kraftwerke sollen also große AKW in Zukunft ersetzen und gleichzeitig das Risiko der kritisch beäugten Nuklearenergie durch geringere Brennstoff-Mengen reduzieren. Die Zukunftspläne des Sektors und der Finanzgiganten, die daran mitwirken, sind groß: Gates hat laut eigener Aussage über $1 Milliarde in Terrapower investiert und plant weitere umfangreiche Investments. Das Unternehmen baut derzeit einen Reaktor im nordamerikanische Bundesstaat Wyoming, der bis 2030 fertiggestellt sein soll. Laut Gates konkurriere man als Atomenergie-Sektor primär mit dem Brennstoff Erdgas, der in den nächsten Jahren die Kohle als Energielieferanten nachhaltig verdrängen werde.
Uran ist knapp – und hart umkämpft
Schwindende Uran-Vorkommen und gesteigerte Nachfrage in vielen Industrienationen wecken internationale Begehrlichkeiten. Die geopolitischen Spannungen haben sich insbesondere in Niger verschärft, wo ein Putsch im Jahr 2023 die Beziehungen des Landes zu westlichen Nationen erheblich beeinträchtigt hat. Vor allem Frankreich hatte für seine Atomkraftwerke groß in Niger eingekauft – und leidet nun unter den Export-Restriktionen der neuen Machthaber. Orano etwa, ein französisches Nuklearunternehmen, könnte das Recht verlieren, Uran an einem der größten Lagerstätten der Welt abzubauen, nachdem Niger den Entwicklungsplan des Unternehmens abgelehnt hat. Diese Entscheidung könnte die Uranversorgung Frankreichs und der EU erheblich beeinträchtigen. Frankreich hat sich stark auf Niger verlassen, um bis zu 15 Prozent seines Uranbedarfs zu decken, wobei Kernreaktoren fast zwei Drittel der Stromproduktion des Landes ausmachen. Fast ein Viertel der gesamten EU-Importe an Uran kamen 2021 aus Niger, womit das zentralafrikanische Land zwischenzeitlich auf dem ersten Platz der EU-Lieferanten für den Nuklear-Brennstoff lag.
Bis 2022 wurde Niger zwar von Kasachstan überholt, das gut 3100 Tonnen pro Jahr in die EU verkauft – den zweiten Platz hält Niger mit knapp 3000 Tonnen aber deutlich vor Kanada (2578 Tonnen) und Russland (2545 Tonnen). Insbesondere der Uran-Handel mit dem wirtschaftlich sanktionierten Russland führte in Europa und den Vereinigten Staaten zu heftigen politischen Zerwürfnissen. Niger aber könnte der EU nicht nur sein Uran vorenthalten, sondern wendet sich auch immer mehr in Richtung geopolitischer Kontrahenten: Laut übereinstimmenden Medienberichten soll die Regierung geheime Verhandlungen mit dem Iran geführt haben, um 300 Tonnen Yellowcake (konzentriertes Uranoxid) im Austausch gegen Drohnen und Luftabwehrraketen zu liefern. Diese Berichte wurden von der nigerianischen Militärregierung dementiert, lösten aber bereits Besorgnis in Washington und Paris aus. Schon vor einigen Wochen wurde berichtet, dass der Iran seine Entwicklung nuklearer Waffen wieder ausgeweitet haben soll, was zu politischen Spannungen führte. Auch weil das Uran zunehmend knapp wird: Bis 2040 schätzt die Internationale Atomenergie-Behörde den weltweiten Bedarf auf 100 000 Tonnen Uran – produziert wird jährlich die Hälfte.
Historische Chance für Anleger?
Die internationale Nachfrage nach Uran wächst stetig, da immer mehr Länder auf Kernenergie setzen, um ihren Energiebedarf zu decken und die CO2-Emissionen zu reduzieren. Die Produktion kommt aber schon seit den 1990er-Jahren nicht mehr hinter dem tatsächlichen Verbrauch hinterher, der zuletzt bei über 60 000 Tonnen pro Jahr lag. Produziert wurden etwa 2020 aber deutlich weniger als 50 000. Berechnungen, wie lang die weltweiten Uranvorkommen noch halten können, variieren stark. Dies führt zu einem verstärkten Wettbewerb um die begrenzten Uranressourcen, insbesondere zwischen dem Westen und Ländern wie Russland und China. Das bekam unlängst auch die EU zu spüren, die in weiten Teilen immer noch abhängig ist von russischem Uran. Russland hält bedeutende Anteile an den Minen in Kasachstan, die über 40 Prozent der weltweiten Uranproduktion ausmachen, während China die meisten Reserven in Namibia kontrolliert. Aus Namibia kamen 2022 fast 250 Tonnen Uran nach Europa.
Angesichts der steigenden Nachfrage nach Uran, getrieben durch den Ausbau von Rechenzentren und den verstärkten Fokus auf saubere Energiequellen, könnte sich eine Investition in Uran auch für Kleinanleger lohnen. Die geopolitischen Spannungen und die potenzielle Knappheit an Uran könnten die Preise weiter in die Höhe treiben. Prominente Investitionen wie die von Bill Gates und das Engagement von Sam Altman unterstreichen das Potenzial dieses Sektors. Nerven sollte man aber mitbringen in diesem aufstrebenden Markt: Die geopolitischen Unsicherheiten, insbesondere in Uran-produzierenden Ländern wie Niger, könnten die Versorgungsketten stören und zu Volatilität auf dem Markt führen. Zudem könnte eine verstärkte Konkurrenz zwischen westlichen Ländern und aufstrebenden Mächten wie Russland und China die politischen Spannungen weiter verschärfen und Anleger verunsichern. Eine sorgfältige (technische) Analyse abseits fundamentaler Entwicklungen ist daher unerlässlich für potenzielle Investoren in diesem Sektor – und diese Analyse bekommen Sie tagtäglich in unserem Uran-Paket.



