Energie? Ampel? Corona? Studie zeigt, was deutsche Wirtschaft wirklich belastet
#Deutschland

Energie? Ampel? Corona? Studie zeigt, was deutsche Wirtschaft wirklich belastet

Author

Simeon Koch

Wenige Tage vor der Bundestagswahl rückt die wirtschaftliche Schwäche Deutschlands einmal mehr in den Fokus. Nicht erst seit gestern steckt die Bundesrepublik in einer Konjunkturkrise. Zum zweiten Mal in Folge ist das Bruttoinlandsprodukt (BIP) geschrumpft: 2023 um 0.3 Prozent, 2024 erneut um 0.2 Prozent. Für 2025 erwartet die Industrie- und Handelskammer (DIHK) einen weiteren Rückgang um 0.5 Prozent. In hitzigen Wahlkampf-Debatten werden häufig Politik und Energiekosten für die Misere verantwortlich gemacht. Das aber ist höchstens die halbe Wahrheit, wie eine neue Studie der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) nahelegt. Die Analyse der 100 größten börsennotierten Unternehmen zeigt, dass viele Probleme von den Firmen selbst verursacht wurden.

Deutschlands Krise ist „hausgemacht“

„Unsere Wirtschaftskrise ist nicht allein auf externe Faktoren zurückzuführen oder allein das Werk der Politik“, betonte Marc Tüngler, Hauptgeschäftsführer der DSW, in einer Stellungnahme zu den Studienergebnissen. „Die Unternehmen selbst haben 20 Jahre oftmals verschlafen.“ Besonders veraltete Strukturen bremsen die Wirtschaft laut der Analyse: „Wir sehen in vielen Firmen eine überbordende Verwaltung, die das Arbeiten langsam und kompliziert macht“, erklärt Tüngler weiter.

Externe Faktoren seien also nur bedingt verantwortlich für die deutsche Schwäche, bekräftigt auch Martin Geißler von der Unternehmensberatung Advyce & Company, die an der Studie mitwirkte: „Finanz- und Schuldenkrise, Corona und der Ukrainekonflikt sind schwierige exogene Herausforderungen. Das darf aber nicht verdecken, dass viele der aktuellen Probleme hausgemacht sind.“


Die Stimmung in der deutschen Wirtschaft ist seit Monaten auf dem absteigenden Ast: die Vertrauensindizes des Münchener ifo-Instituts.
Weiter zeigt die DSW-Studie, dass die Strukturkosten der 100 größten Unternehmen im Durchschnitt 16 Prozent des Umsatzes ausmachen – ein Fünftel mehr als im europäischen Vergleich. Neben der Bürokratie belasten vor allem die hohen Lohn- und Strukturkosten die Unternehmen. Gemessen an den Lohn- und Lohnnebenkosten liegt Deutschland 30 Prozent über dem EU-Durchschnitt, im verarbeitenden Gewerbe sind es sogar 44 Prozent.

Diese Kostenexplosion wirkt sich besonders negativ aus, da die Produktivität in deutschen Unternehmen im gleichen Zeitraum leicht gesunken ist. Laut dem Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) ist die deutsche Industrie-Produktion im Jahr 2024 um rund 4.5 Prozent gesunken und liegt um mehr als zehn Prozent unter dem Niveau von 2018.

Energiekosten in Deutschland werden überschätzt

Glaubt man den Ergebnissen der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz, so sind die anhaltenden Debatten über hohe Energiekosten an deutschen Wirtschaftsstandorten übertrieben. Laut der Analyse spielen sie in den meisten Branchen nämlich eine untergeordnete Rolle. „Die Energiekosten in Deutschland gelten oft als großes Problem für die Wirtschaft – doch dieses Bild ist verzerrt“, heißt es in der Analyse. Tatsächlich machen sie im Durchschnitt nur 3.6 Prozent des Umsatzes der 100 größten börsennotierten Unternehmen aus.


Die deutsche Wirtschaft performte in den ersten drei Quartalen des letzten Jahres schwächer als der EU-Schnitt. Energiekosten waren daran nur bedingt schuld.
In der Automobilbranche liegt dieser Wert sogar unter einem Prozent. „Nur wenige Branchen sind wirklich betroffen – etwa Chemie und Stahl“, resümiert DSW-Geschäftsführer Tüngler. Weitaus gravierender als Verwaltungs- und Energiekosten lastet laut Studie die Innovationsschwäche auf deutschen Unternehmen. „Die Innovationskraft war über Jahrzehnte hinweg das Markenzeichen der deutschen Wirtschaft – doch von diesem Ruf ist heute kaum noch etwas übrig“, analysiert Martin Geißler von Advyce.

Während börsennotierte US-Unternehmen im Schnitt gute zehn Prozent ihres Umsatzes in Forschung und Entwicklung investieren, sind es in Deutschland nur 4.6 Prozent. Insbesondere in Branchen wie Maschinenbau und Rüstung liegt die Innovationskraft laut der DSW weit unter internationalem Niveau. Die hohen Energiepreise seien also nur eines von vielen Problemen: „Die hohen Strompreise sind nicht der Kern des Problems, sondern der letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt.“

Der internationale Wettbewerb wird stärker

Während deutsche Unternehmen mit sich selbst beschäftigt sind, holen internationale Wettbewerber auf. Besonders in der Automobilindustrie macht sich das bemerkbar. E-Mobilität boomt in China, steckt in Deutschland aber in der Krise – Neuzulassungen und Produktion elektrobetriebener Fahrzeuge liegen hierzulande weit unter den Erwartungen. Auch dafür liegen die Probleme aber häufig in den Unternehmen selbst. Besonders in der Finanzbranche, im Gesundheitssektor und im Maschinenbau sind ineffiziente, kaum digitalisierte Verwaltungsstrukturen ein massiver Wettbewerbsnachteil.

Vor allem im wichtigsten Industriesektor Deutschlands – der Autoindustrie – hat man wegen interner Probleme Schwierigkeiten, im weltweiten Wettbewerb noch mitzuhalten. BMW, Mercedes und Volkswagen müssen der globalen Konkurrenz in wichtigen Sektoren den Vortritt lassen, bei VW rumort es ohnehin seit Monaten: Massenentlassungen, Werkschließungen und Tarifstreitigkeiten belasten Ansehen und Aktie des Unternehmens. Eine wichtige Ursache für die deutsche Industrie-Schwäche ist auch der Fachkräftemangel. Besonders IT-Firmen sowie der Maschinen- und Anlagenbau kämpfen mit einer hohen Zahl unbesetzter Stellen.


Deutschlands Auto-Industrie hat die höchsten Arbeitskosten der Welt. Von 2013 und 2023 stiegen die Ausgaben der Branche für Arbeitskraft deutlich.
Gleichzeitig erschwert die hohe Regulierungsdichte langfristige Investitionen. „Es ist nicht die Regulatorik an sich, die die Unternehmen so stark belastet, sondern die Geschwindigkeit und Häufigkeit, mit der neue Vorschriften eingeführt werden“, heißt es in der Studie. Rund 97 000 Einzelnormen müssen deutsche Firmen demnach heute beachten – 18 Prozent mehr als vor zehn Jahren. Die Krise der deutschen Wirtschaft spiegelt sich auch in der Export- und Industrieproduktion wider. 2024 schrumpften die Exporte um ein Prozent auf rund 1.6 Billionen Euro, insbesondere wegen der sinkenden Nachfrage aus China, wo Auto-Giganten wie VW und Mercedes anhaltende Absatzschwäche beklagen.

Auch die deutsche Industrieproduktion ging in den letzten Monaten um 4.5 Prozent zurück, mit besonders starken Rückgängen in der Automobilindustrie und im Maschinenbau. Während der Dezember mit einem Exportplus von 2.9 Prozent einen Lichtblick bot, bleibt die Prognose für 2025 düster: 80 Prozent der Exporteure erwarten einen weiteren Rückgang. Zudem drohen neue Zölle der US-Regierung den deutschen Außenhandel zusätzlich zu belasten.

„Mehr Hysterie als solide Analyse“

Burkhard Wagner, Chef von Advyce, sieht trotz der Herausforderungen positive Ansätze: „Der Industriestandort Deutschland steht keineswegs vor dem Abgrund. Die Lage ist ernst, doch die entstehende Panik ist nicht angebracht. Es herrscht mehr Hysterie als solide Analyse.“ Die Zukunft liege in den Händen der Unternehmen selbst. Schließlich haben große Firmen ihren Rückstand weitgehend selbst zu verantworten, wie Martin Geyßler von Advyce bekräftigt: „Innovationen und tiefgreifender struktureller Wandel sind natürlich in guten Zeiten deutlich leichter. Aber in den guten Zeiten haben sich viele Unternehmen mit allem beschäftigt, nur nicht mit ihrer eigenen Innovationskraft.“ Also seien Maßnahmen der Modernisierung „in den aktuellen Rahmenbedingungen umso wichtiger – und schwieriger. Viele leben von ihrer Substanz.“

An Politik und Unternehmen richtet die Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz zum Abschluss der Studie gleich mehrere Forderungen. Besonders wichtig sei aus politischer Richtung eine Senkung der Lohnnebenkosten, um Unternehmen zu entlasten und Arbeitsplätze zu sichern. Zudem müsse der Staat statt restriktiver CO₂-Steuern gezielt in Schlüsselindustrien investieren, um deren Transformation zu fördern. Ein gemeinsamer Wirtschaftsraum mit Frankreich könnte den EU-Binnenmarkt zudem stärken und deutsche Unternehmen international besser positionieren.

Gleichzeitig sei eine pragmatische Energiepolitik notwendig, die heimische Ressourcen nutzt und eine unabhängige Versorgung sicherstellt. Schließlich müsse die Politik für Investitionssicherheit sorgen, indem sie regulatorische Eingriffe reduziert und klare Rahmenbedingungen schafft. Auch die Unternehmen selbst müssen laut DSW ihre Strategien anpassen, um international konkurrenzfähig zu bleiben. Statt sich auf bestehende Ertragsmodelle zu verlassen, müsse man Innovation über kurzfristige Gewinne stellen und Prozesse radikal verschlanken.

Als positives Beispiel nennt die DSW hier den Pharma-Konzern Bayer, der seit Monaten eine „radikale Neuausrichtung“ forciert. Gleichzeitig brauche es ein Umdenken in der Wertschöpfung: Die zunehmende geopolitische Unsicherheit erfordern laut DSW regionale Produktion und weniger Abhängigkeit von globalen Lieferketten. Schließlich sollten Unternehmen Diversität als strategischen Vorteil nutzen, indem sie verschiedene Alters- und Kulturgruppen gezielt einbinden, um Fachkräftemangel zu begegnen. So könne man aufholen, was deutsche Unternehmen laut Martin Geyßler „schlicht über zwei Jahrzehnte verschlafen haben“.

Author

Simeon Koch

Schlagzeilen

Es wurde noch keine Einwilligung erteilt.

Du musst zuerst zustimmen, um Inhalte von TradingView zu sehen.