Volkswagen schlittert immer tiefer in die Krise. Seit Monaten beharken sich Vorstand und Gewerkschaften, weil die Tarifverhandlungen kein befriedigendes Ergebnis brachten. Am Sonntag endete dann die gesetzlich verankerte Friedenspflicht, pünktlich am Montag legten mehr als 60 000 VW-Arbeiter an neun deutschen Standorten die Arbeit nieder – zum ersten Mal seit acht Jahren. Gleichzeitig brechen die Gewinne von Mercedes und BMW weiter ein: Gemeinsam mit VW verzeichneten die deutschen Auto-Marktführer zwischen Juli und September einen Profitrückgang von fast 50 Prozent, verglichen mit dem dritten Quartal des Vorjahres.
Kaum verwunderlich ist in Anbetracht dieser Turbulenzen, dass die Aktien des ehemaligen DAX-Vorzeigesektors auf Talfahrt sind. Genau deshalb könnten deutsche Auto-Titel gemäß unserer technischen Analyse schon bald lukrative Einstiege bieten: Während die VW-Belegschaft laut Betriebsratschefin Daniela Cavallo nun „Zähne zeigen“ will, nähern sich die Aktien von Volkswagen, BMW und Mercedes nämlich wichtigen Einstiegspunkten. Wie geht es kurzfristig weiter bei VW, BMW und Mercedes? Und wann bieten sich die besten Gelegenheiten für langfristige Investments?
Tarif-Schattenregel könnte VW zum Verhängnis werden
„Vorstand raus“, skandierten empörte VW-Mitarbeiter am Montag bei einem Protestmarsch durch Hannover. Auch in Braunschweig und Kassel zogen hunderte Arbeiter durch die Stadt. Schon Anfang September hatte Volkswagen mitgeteilt, an mehreren deutschen Standorten hunderte Stellen zu streichen – nun will VW mehr als 100 000 Beschäftigten die Löhne kürzen. Neben Werksschließungen und betriebsbedingten Kündigungen soll auch eine Produktionsverlagerung ins Ausland den ambitionierten Sparplan retten, den das Unternehmen seit Monaten verfolgt.
Zum vierten Mal verhandeln IG Metall und die Volkswagen-Führung am 9. Dezember, Ausgang bisher offen. Insgesamt sollen rund 30 000 Beschäftigte gehen, mehr als dreimal so vielen will das Management die Löhne kürzen. Ganz so einfach dürfte die Sache für die VW-Oberen dann aber doch nicht werden. Wie das Handelsblatt nämlich aus Konzernkreisen erfahren haben will, könnte bei Volkswagen eine mehr als 30 Jahre alte Schattenregelung greifen, wenn sich der Vorstand nicht mit den Gewerkschaften einigt.
Laut Handelsblatt-Recherche würden im Falle anhaltender Streitigkeiten ab dem kommenden Jahr Tarifregelungen in Kraft treten, die bis Anfang 1994 gegolten hatten. Diese gelten als Rahmenbedingung, die aber stets durch neue Einigungen für die jeweilige Tarifperiode ersetzt wurde. Sollte nun keine Einigung gefunden werden, greift diese alte Regelung allerdings wieder, der zufolge rund 120 000 Angestellte der VW AG Anspruch auf eine Lohnerhöhung von 4.5 Prozent sowie zusätzliche Boni hätten. Insgesamt soll sich das Volumen dieser potenziellen Kosten für Volkswagen auf satte zwei Milliarden Euro belaufen.
„Rabenschwarzes Quartal“ für VW, BMW und Mercedes
Vielleicht muss VW also doch auf die Gewerkschaft zukommen. Vergangene Woche legte der Betriebsrat einen Zukunftsplan vor, in dem sich die Belegschaft dazu verpflichtete, vorläufig auf Tariferhöhungen sowie Boni zu verzichten und VW damit Einsparungen von rund 1.5 Milliarden Euro zu ermöglichen. Bonuszahlungen sollten demnach in die Zukunft verschoben und zunächst in einen Fonds überführt werden. Im Gegenzug sollte VW die geplanten Werkschließungen und betriebsbedingten Kündigungen kippen. Das Management allerdings schmetterte den Plan ab.
Flächendeckende Streiks sind aktuell aber nicht das einzige Problem des deutschen Automobilsektors. Volkswagen kann international bei E-Autos nicht mithalten, den Mitbewerbern Mercedes und BMW geht es nicht viel besser. Generell läuft die Elektro-Adaption in Deutschland weitaus schleppender als geplant. Das belastet die Geschäftszahlen erheblich: Die global tätige Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young (EY) berechnete in einem kürzlich erschienenen Report, dass der Profit bei VW, BMW und Mercedes im abgelaufenen dritten Quartal um alarmierende 18 Prozent einbrach. Der Umsatz schrumpfte dezent um 0.4 Prozent, der operative Gewinn (EBIT) brach zwischen Juli und September sogar um die Hälfte ein.
Alle drei Konzerne verbuchten auch einen sehr starken Abfall
im Gewinn des letzten Quartals.
Gegenüber dem ZDF bezeichnete EY-Marktbeobachter Constantin Gall die zurückliegenden drei Monate als „rabenschwarzes Quartal“ für die deutsche Autobranche, die finanzielle Corona-Kosmetik verpuffe zusehends. Laut Gall stehe die ehemalige deutsche Vorzeigebranche „im Wettbewerbsvergleich nicht gut da“, das aber schien noch gelinde formuliert. Galls Fazit mit Blick auf die Warnstreiks bei Volkswagen und die drastischen Gewinnrückgänge bei Mercedes und BMW fiel dann nämlich deutlich alarmierender aus. Verliere man weiterhin den internationalen Anschluss, „könnten die nächsten Jahre brutal werden“, warnte der EY-Experte im Interview.
Wird die Auto-Krise zur Aktien-Chance?
Während die Hiobsbotschaften rund um die deutschen Autohersteller nicht abzureißen scheinen, befinden sich die Aktien von Volkswagen, BMW und Mercedes wenig überraschend im Sinkflug. Von Anfang April bis Mitte November verlor die BMW-Aktie mehr als 40 Prozent, bei Mercedes war es im selben Zeitraum ein Minus von knapp 35 Prozent, das Volkswagen-Papier wurde um rund 40 Prozent abverkauft. Die VW-Aktie notiert somit so tief wie zum tiefsten Punkt der Corona-Krise – und was danach geschah, ist weithin bekannt. Sind das nun attraktive Einstiegskurse oder doch eher ein Griff ins fallende Messer?
Laut unserer Analyse sind die übergeordneten Korrekturstrukturen bei allen drei Auto-Giganten weit fortgeschritten, aber noch nicht abgeschlossen. Der Volkswagen-Aktie dürften noch einige Prozent gen Süden bevorstehen, der nächste bullische Richtungswechsel könnte innerhalb einer Zielzone, die unsere DAX40-Abonnenten erhalten, aber recht rasch vonstattengehen. Auch das BMW-Papier steuert zielstrebig unserer Zielzone entgegen, die für Long-Einstiege genutzt werden kann, um vom nächsten übergeordneten Aufwärts-Impuls zu profitieren. Auch BMW dürfte aber noch einige Abwärtsmeter zu gehen haben, bevor der langfristige Boden erreicht ist.
Am nächsten dran an der nächsten Rallye scheint aus technischer Sicht aktuell die Mercedes-Aktie, die sich mit einem aktuellen Kurswert von rund 53 Euro der wichtigen Unterstützung bei gut 44 Euro nähert. Laut unserem Primärszenario sollte der Kurs noch oberhalb dieser Marke wieder aufwärts drehen und einen deutlichen Anstieg durchlaufen, der in Richtung des Allzeithochs von 1998 führen könnte, strukturell aber korrektiv bleiben dürfte. Für diesen Anstieg haben wir bei der Mercedes-Aktie für die Abonnenten unseres DAX40-Analysepakets eine langfristige Zone mit präzisen Preiszielen hinterlegt.


„Als Führungskräfte leben wir nicht in einer Fantasiewelt“, kritisierte VW-CEO Oliver Blume die Forderungen der Belegschaft – und lehnte den Zukunftsplan ab.
Die drei größten Automobilunternehmen in Deutschland verbuchten 

