„Sie zerstören unser Herz“: Eklat um Entlassungen bei Volkswagen und BMW
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„Sie zerstören unser Herz“: Eklat um Entlassungen bei Volkswagen und BMW

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Simeon Koch

Volkswagen verdient zu wenig. Die aktuelle Rendite sei „für unsere Ansprüche zu wenig“, sagte VW-Finanzchef Arno Antlitz kürzlich bei der Präsentation der Halbjahreszahlen. Diese Marge wieder aufzupolieren ist nicht so einfach, schließlich hat VW mit schwächelndem Absatz zu kämpfen – am meisten im Wachstumsmarkt China. Helfen soll nun ein rigoroser Sparkurs, der hunderte Stellen in VW-Werken kosten könnte. 900€ Millionen hat man für den Stellenabbau zurückgestellt, im dritten Quartal sollen weitere 1.7€ Milliarden folgen, mit denen die Schließung eines Audi-Werks in Brüssel abgefedert werden könnte, wo rund 3000 Mitarbeiter beschäftigt sind. „Wir werden in der zweiten Jahreshälfte kostenseitig erhebliche Anstrengungen unternehmen müssen, um unsere Ziele zu erreichen“, goss Finanzchef Antlitz die radikale Schlankheitskur in beschönigendes Manager-Deutsch. Denn Konzernchef Oliver Blume verlangt bis 2026 Einsparungen von 10€ Milliarden, das ist fast dreimal so viel wie der aktuelle Quartalsgewinn. Ähnliche Probleme hat der bayerische Lokalmatador BMW, der nach Jahren stetigen Wachstums betriebsbedingte Kündigungen nicht mehr ausschließt. Arbeitnehmer-Vertreter gehen auf die Barrikaden, Aufsichtsräte zucken mit den Schultern – und Deutschland bangt um seinen wichtigsten Industriesektor.

„Alle deutschen Standorte im Fokus“ bei VWs Schlankheitswahn

Die angespannte Lage bei Volkswagen, dem größten deutschen Autobauer, hat sich in den letzten Wochen dramatisch zugespitzt und sorgt für Unruhe – sowohl innerhalb des Konzerns als auch in der Politik. Der Vorstand um Konzernchef Oliver Blume kündigte im Rahmen einer Führungskräftetagung an, dass aufgrund der angespannten wirtschaftlichen Situation betriebsbedingte Kündigungen und Werkschließungen nicht mehr ausgeschlossen seien. Besonders schwerwiegend ist die Aufkündigung der bisherigen Beschäftigungssicherung, die Entlassungen bis 2029 eigentlich ausschließen sollte und seit 1994 in Kraft war. „In diesem Umfeld müssen wir als Unternehmen jetzt konsequent agieren“, sagte Blume und wies auf die sinkende Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Deutschland hin, die bereits den Chemie-Riesen BASF dazu bewegte, einige heimische Produktionsstätten zu schließen. Auch politisch schlägt die Krise bei Volkswagen hohe Wellen. Bundeskanzler Olaf Scholz hat sich mittlerweile in die Debatte eingeschaltet und Gespräche mit dem Management sowie dem Betriebsrat geführt.

Die VW-Belegschaft wuchs in den letzten Jahren stetig, BMW erholte sich nach der Corona-Delle. Beiden Konzernen dürften Entlassungswellen bevorstehen

Ein Regierungssprecher betonte, dass Scholz sich der Bedeutung von Volkswagen für die deutsche Wirtschaft bewusst sei und die Entwicklung im Unternehmen genau verfolgen werde. Es sei Sache des Unternehmens, die Probleme zu lösen, da mische sich die Bundesregierung nicht ein, hieß es aus Berlin. Dennoch ist klar, dass eine Schließung von VW-Werken massive wirtschaftliche Auswirkungen hätte, nicht nur für die betroffenen Regionen, sondern für ganz Deutschland. „Die VW-Werke haben hohe regionale Bedeutung als Arbeitgeber, Steuerzahler und Abnehmer von Zulieferungen“, erklärte der Präsident des ifo-Instituts, Clemens Fuest. Laut VW-Betriebsrat plant das Management, ein größeres Autowerk und eine Ersatzteilfabrik zu streichen, die Arbeitnehmer-Vertreter warnten vor einem Kahlschlag: „Damit geraten alle deutschen Standorte in den Fokus – egal ob Standorte der Volkswagen AG oder Tochter-Standorte, egal ob west- oder ostdeutsch“.

Proteste und Kampfansagen von VW-Mitarbeitern

Auf der Betriebsversammlung in Wolfsburg protestierten gestern mehr als 16 000 Beschäftigte gegen die Sparpläne des Vorstands, lautstark wurde ein Rücktritt der Führungsriege gefordert. Daniela Cavallo, die Vorsitzende des Gesamtbetriebsrats, kündigte erbitterten Widerstand an und machte deutlich, dass die Verantwortung für die Krise nicht bei den Mitarbeitern liege, sondern beim Management. „Volkswagen krankt daran, dass der Vorstand seinen Job nicht macht“, betonte Cavallo und forderte einen „strategischen Befreiungsschlag“ anstatt „sich gegenseitig zulasten der Belegschaft kaputtzusparen“. IG-Metall-Bezirksvorstand Thorsten Gröger bezeichnete die VW-Pläne als „unverantwortlich“, der eingeschlagene Kurs sei „nicht nur zu kurzsichtig, sondern hochgefährlich – er riskiert, das Herz von Volkswagen zu zerstören“. Die Belegschaft steht in großer Zahl hinter Betriebsratschefin Cavallo, VW-Chef Oliver Blume aber verwies intern achselzuckend auf die schwierige wirtschaftliche Lage in Deutschland: „In diesem Umfeld müssen wir als Unternehmen jetzt konsequent agieren“, konstatierte Blume.

Leichtes Umsatz-Plus für Volkswagen, Auslieferungen und Rentabilität enttäuschen

Der Betriebsrat wollte davon am Donnerstag wenig wissen, IG-Metall-Funktionär Thorsten Gröger kündigte an: „Wir werden mit aller Kraft, notfalls im harten Konflikt, für den Erhalt aller Standorte sowie der Jobs unserer Kolleginnen und Kollegen kämpfen.“ Und doch könnte all der Protest nicht ausreichen, um die Konzernführung von ihren Sparmaßnahmen abzubringen, schließlich scheint VW aktuell von seinem jahrelangen Wachstumspfad abzukommen. Zwar konnte der Umsatz von April bis Juni verglichen mit dem Vorjahreszeitraum hauchzart auf 83.3€ Milliarden gesteigert werden, die Fahrzeug-Auslieferungen gingen aber um rund 100 000 Stück zurück. Im Vergleich zum schwachen ersten Quartal ist das immer noch ein vernünftiges Plus – umso alarmierender ist allerdings der Rückgang des Nettogewinns, der mit 3.6€ Milliarden sogar den durchwachsenen Frühling unterbot. Ähnlich schwach entwickelte sich im Jahresvergleich der Gewinn je Aktie, der nun bei 6.21€ liegt.

China-Verluste schmerzen BMW – bricht der Aufwärtstrend?

Mit seiner aktuellen Misere ist Volkswagen in der deutschen Automobil-Branche nicht allein. Auch der Luxuswagen-Spezialist BMW kämpft schon länger mit enttäuschenden Zahlen. Im zweiten Quartal verzeichnete der Münchener Automobilhersteller einen drastischen Rückgang des Gewinns vor Zinsen und Steuern um nahezu elf Prozent auf knapp 3.9€ Milliarden. Dabei sank die operative Marge im Kerngeschäft um 0.8 Prozentpunkte auf 8.4 Prozent, womit man immer noch knapp besser dran ist als Volkswagen, wo die Marge zuletzt auf gut sechs Prozent taxiert wurde. Der Umsatz des Unternehmens fiel im gleichen Zeitraum leicht um 0.7 Prozent auf 36.9€ Milliarden. Ebenso wie Volkswagen hat auch BMW ernste Probleme auf dem ehemals so lukrativen chinesischen Markt, der drohende Zinskrieg zwischen den USA und Europa auf der einen und China auf der anderen Seite belastet die Bilanzen prominenter Autobauer weltweit. Außerdem setzt die wachsende Zahl an lokalen chinesischen Anbietern, die häufig mit niedrigeren Preisen für Elektrofahrzeuge aufwarten, BMW und seine Konkurrenten stark unter Druck.

BMW kämpft mit durchweg roten Zahlen, der Gewinn unterbot den schwachen Frühling

Trotz dieser Herausforderungen bleibt BMW optimistisch. Das Unternehmen hält trotz durchwachsener Bilanzen für die zurückliegenden drei Monate an seinen Jahreszielen fest und erwartet eine Besserung ab dem dritten Quartal. Von April bis Juni gingen die Fahrzeug-Auslieferungen im Jahresvergleich dezent um 1.3 Prozent zurück, liegen mit knapp 620 000 veräußerten Autos aber noch ein gutes Stück über dem auch hier schwachen Frühling. Schwerer lastet das Minus beim Profit: Während der Gewinn je Aktie um 5.5 Prozent auf 4.15€ fiel, lag der Nettogewinn satte sieben Prozent unter dem zweiten Quartal des Vorjahres. Hoffnung setzt BMW in neue Modelle, die im kommenden Jahr auf den Markt kommen sollen. Außerdem plant man rekordhohe Investitionen in Anlagen sowie Forschung und Entwicklung, um den zukünftigen Anforderungen gerecht zu werden. Oliver Zipse, der Vorstandschef von BMW, betonte: „Unter den herausfordernden Rahmenbedingungen im ersten Halbjahr führen wir mit unserem Elektro-Wachstum das direkte Wettbewerbsumfeld an.“

Den Corona-Knick haben VW und BMW bei ihren Umsätzen gut verkraftet, die größten Probleme haben beide aber ohnehin bei der Rentabilität

Und tatsächlich läuft es in Sachen E-Mobilität ziemlich gut für BMW. Im Juli verkaufte man in Europa fast so viele elektrische Fahrzeuge wie Elon Musks ehemaliger Shootingstar Tesla. Folgerichtig stieg der Absatz von Elektrofahrzeugen im zurückliegenden Quartal um kräftige 22.2 Prozent auf knapp 108 000 Fahrzeuge. Innerhalb der EU hatte BMW im Juli einen Marktanteil von 10.1 Prozent, Tesla steht bei 10.8 Prozent. Abseits der Elektroschiene waren die letzten drei Monate für BMW dann aber doch eine herbe Enttäuschung. In China fiel der Absatz um fast fünf Prozent auf gut 188 000 Fahrzeuge, in Deutschland kam BMW auf knapp über 68 000 Fahrzeuge, was ein noch deutlich dickeres Minus von 11.5 Prozent bedeutet. Neben der Elektro-Branche schloss nur der Markt in den Vereinigten Staaten das zweite Quartal positiv ab. Das magere Plus von 1.7 Prozent in den USA konnte aber kaum über die Rückgänge auf den übrigen Kernmärkten hinwegtäuschen. Fraglich ist angesichts dieser Zahlen, ob BMW den Wachstumskurs der letzten Jahre aufrechterhalten kann. Ebenso wie Volkswagen hatte BMW die Corona-Delle von 2020 eigentlich gut verdaut, schon 2023 aber schwächte sich der Aufwärtstrend ab. Ernüchternde Geschäftszahlen sind aber längst nicht das einzige Problem der deutschen Auto-Riesen. Ähnliche Kopfschmerzen dürfte es den Vorständen bereiten, das zerschnittene Tischtuch mit der Belegschaft zu flicken.

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