Goodbye, Deutschland! Ein Satz, der bisher seichten Doku-Soaps im Vorabendprogramm vorbehalten war, wird für viele deutsche Unternehmen Realität. Seitdem die Kosmetik der Corona-Hilfen verpufft ist, kommt die größte Volkswirtschaft der EU nicht richtig in Tritt. Wichtige Indizes deuten auf einen ökonomischen Abschwung der Bundesrepublik hin, ifo-Präsident Clemens Fuest warnte vor wenigen Wochen: „Die deutsche Wirtschaft schlittert mehr und mehr in die Krise“. Besonders die Industrie steht unter Druck, mit der kriselnden Automobil-Branche und dem Pharma-Sektor geraten deutsche Paradedisziplinen ins Schleudern. Das trifft nicht nur mittelständische Unternehmen, sondern auch die wichtigsten Konzerne ihrer Branchen. Während Ausgaben steigen, läuft etwa das Automobilgeschäft bei Volkswagen, BMW und Porsche alles andere als rund. Und auch der nach Umsatz größte Chemiekonzern Deutschlands, BASF aus Ludwigshafen, sieht im heimischen Standort offenbar keinen Vorteil mehr. Vor wenigen Wochen erklärte Martin Brudermüller, bis April BASF-Vorstandschef: „Wir machen überall auf der Welt Gewinne, außer in Deutschland. Der Standort Ludwigshafen macht 1.6€ Milliarden Verlust.“ Deshalb sollen nun elf Werke in Rheinland-Pfalz geschlossen werden. Zwar ist BASF noch weit davon entfernt, Deutschland vollends den Rücken zu kehren, der aktuelle Stellenabbau ist dennoch alarmierend.
Deutschland ist ein Minusgeschäft: BASF will weg
Ausgerechnet der Gründungsort Ludwigshafen ist für BASF die größte Baustelle. Genau hier führt der Chemie-Riese schon seit Monaten umfassende strukturelle Anpassungen durch, um die Rentabilität zu verbessern. Im Zuge dieser Maßnahmen wird 2025 die Produktion einiger wichtiger Chemikalien eingestellt. Bereits im Februar 2023 hatte BASF begonnen, die Produktionskapazität in Ludwigshafen zu reduzieren, setzte die Produktion der nun betroffenen Säure-Präparate aber weitgehend fort, bis die Lieferungen in Abstimmung mit den Kunden eingestellt werden konnten. Damit ist der geplante Produktionsstopp möglich, der 180 Mitarbeiter ihre Jobs kosten dürfte. BASF selbst kündigte an, die betroffenen Angestellten bei der Suche nach neuen Beschäftigungsmöglichkeiten innerhalb des Unternehmens zu unterstützen. Laut Angaben des Unternehmens arbeiten immer noch 39 000 der insgesamt gut 110 000 BASF-Mitarbeiter in Ludwigsburg, diese Gewichtung könnte sich aber bald verschieben. Die in Ludwigsburg gekippte Chemikalien-Produktion wird teilweise in Frankreich und China weitergeführt, wo BASF kräftig investiert.
Die BASF-Zahlen für das 2. Quartal, nebst Q1 und Q2 des Vorjahres.
Vor allem im Reich der Mitte verfolgt der Konzern ehrgeizige Wachstumspläne, die durch niedrigere Umweltstandards erleichtert werden. Genau das aber ist einer der großen Kritikpunkte, die an BASF gerichtet werden. In China wird gerade ein neues Werk für etwa $10 Milliarden gebaut, Anwohner der dortigen Provinz Zhanjiang sollen wegen Umwelt-Bedenken opponieren. Das sind aber nicht die einzigen Schwierigkeiten, mit denen sich die BASF aktuell konfrontiert sieht. Schließlich kämpft man seit zwei Jahren mit einem stetigen Umsatzrückgang, der sich auch im vergangenen Quartal deutlich bemerkbar machte. Über alle seine Geschäftszweige hinweg erwirtschaftete BASF von April bis Juni 16.1€ Milliarden und liegt damit fast sieben Prozent unter den Statistiken des Vorjahresquartals. Eine zarte Steigerung um 3.7 Prozent auf nun 2.8€ Milliarden gelang zwar im zentralen Sektor Chemie, sowohl der Gewinn je Aktie als auch der Nettogewinn brachen aber deutlich um je rund 14 Prozent ein. Pro Wertpapier verdiente BASF im zweiten Quartal 0.48€, nach 0.56€ im Vergleichszeitraum 2023, der Gewinn sank von 500€ Millionen auf 430€ Millionen.
BASF geht auf Sparkurs – und verkauft Wintershall
Nach einem kontinuierlichen Umsatz- und Profit-Aufschwung zwischen 2020 und 2022 und einem soliden ersten Quartal bedeuten diese Zahlen einen neuerlichen Rückschlag für BASF, von Mitte April bis Anfang August rauschte der Aktienkurs um mehr als 25 Prozent ab. Nun ist also Sparkurs angesagt – und diese Austerität hat neben den gefährdeten Standorten in Deutschland jüngst ein weiteres Opfer gezeitigt: Nach monatelangen Verhandlungen veräußerte BASF nun endgültig seine ungeliebte Petro-Tochter Wintershall Dea an den schottischen Ölkonzern Harbour Energy. Schon Ende letzten Jahres war bekannt geworden, dass die Öl- und Gasfiliale Wintershall für rund 10€ Milliarden in bar und Aktienanteilen am schottischen Energieriesen Harbour über die Theke gehen soll. Die Wintershall Dea AG wurde erst 2019 durch die Fusion der Wintershall Holding und der Deutsche Erdoel AG (Dea) ins Leben gerufen und fördert in 13 europäischen, nordafrikanischen und südamerikanischen Ländern Erdgas und Erdöl. BASF hielt einen Anteil von 72.2 Prozent, den Rest hatte bis zur Harbour-Übernahme die Investment-Holding LetterOne des russischen Oligarchen Michail Fridman inne.
Am 3. September wurde der Deal nun für insgesamt gut $2.1 Milliarden in bar und etwa $9 Milliarden in Harbour-Aktien abgewickelt, BASF hält nun 39.6 Prozent an Harbour. Der Wintershall-Verkauf ist ein wichtiger Schritt für BASF, um sich vom Öl- und Gasgeschäft zu trennen. Die Firma plant, ihre Anteile an Harbour Energy in den kommenden Jahren sukzessive zu verkaufen. Die Standorte von Wintershall Dea in Hamburg und Kassel werden geschlossen, was etwa 800 Mitarbeiter betrifft. Einige Mitarbeiter werden jedoch von Harbour Energy übernommen. Ausgenommen ist bei der Übernahme das Russland-Geschäft von Wintershall. Das Unternehmen hatte bereits angekündigt, sich aus Russland zurückzuziehen, und wird diesen Rückzug nun schrittweise umsetzen. Außerdem verkaufte Wintershall im März 2024 seine Beteiligung am deutschen Gastransportunternehmen WIGA an SEFE, ein Unternehmen, das für die Energiesicherheit Deutschlands verantwortlich ist. Harbour Energy und Wintershall Dea erzielten im Jahr 2023 gemeinsam einen Umsatz von 10.1$ Milliarden und produzierten täglich über 500 000 Barrel Öl und Gas.
BASF in Umsatz-Not: Wie steht’s um die Aktie?
BASF aber will sich ohnehin wieder vermehrt auf seine Kernkompetenzen im Bereich Pharmazeutik, Landwirtschaft und Chemie konzentrieren. Dafür wirft der Konzern nicht nur seine Anteile an der Wintershall, sondern eben auch die offenbar im Ausland ersetzbaren Kapazitäten in Ludwigshafen über Bord. In Ludwigshafen sollen in der nächsten Zeit elf Produktionsanlagen geschlossen werden, konkrete Pläne des Unternehmens sind kaum bekannt. Die neue 10€-Milliarden-Anlage in China soll im Jahr 2030 in Betrieb genommen werden und bereits bestehende BASF-Infrastruktur vor Ort ergänzen. In den Fokus rückt BASF dabei vor allem die neuerliche Steigerung der Umsätze aller Geschäftszweige, die in letzter Zeit oft stagnierten oder sogar rückläufig waren. Im Vergleich zu 2023 konnte man die Einnahmen in den ersten sechs Monaten dieses Jahres in nur zwei von sechs Sektoren steigern – und das auch nur marginal.
Im Bereich der Chemicals wuchs der Halbjahres-Umsatz um magere 160€ Millionen auf 2.83€ Milliarden (plus sechs Prozent), im Produktionsbereich für Industrie-Produkte konnte man vier Prozent draufpacken und landete nach 2.05€ Milliarden im ersten Halbjahr 2023 diesmal bei 2.14€ Milliarden. Schlecht lief es in der Landwirtschaft, wo man 2.23€ Milliarden umsetzte und damit im Jahresvergleich um etwa 15 Prozent abfiel. Das größte Sorgenkind bleibt die Schiene für Oberflächen-Technologie, die von 4.22€ Milliarden im Jahr 2023 um fast ein Viertel auf 3.32€ Milliarden schrumpfte. Rohstoffe und Ernährung kamen ein bisschen glimpflicher davon, schreiben aber ebenfalls rote Zahlen. Dennoch dürfte die BASF-Aktie laut unserer Analyse demnächst einen übergeordneten Boden ausbauen und den nächsten großen Aufwärts-Impuls starten. Vielleicht geht die Neuausrichtung bei BASF auch fundamental schneller als gedacht. Deutschland kann dabei nur hoffen, seinen größten Chemie-Konzern nicht unwiederbringlich zu verlieren.


Nach einem deutlichen Aufschwung zwischen 2020 und 2022 kämpft BASF aktuell mit kontinuierlichem Umsatz-Rückgang
Nur zwei von sechs Sektoren entwickelten sich im ersten Halbjahr bei BASF positiv. Technologie und Landwirtschaft bleiben Sorgenkinder

