Entlassungen bei Bayer für „radikale Neuausrichtung“
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Entlassungen bei Bayer für „radikale Neuausrichtung“

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Simeon Koch

Wie am Donnerstag bekannt wurde, will der Leverkusener Pharmakonzern Bayer in den kommenden Monaten zahlreiche Stellen streichen. Vorstandschef Bill Anderson, seit dem vergangenen Frühjahr im Amt, will damit eine neue Konzernstruktur etablieren. Schrumpfen soll etwa die Verwaltung, um Entscheidungsprozesse zu beschleunigen. Über die Grundsätze der künftigen Stellenstruktur sei sich der Konzernvorstand mit der Arbeitnehmervertretung im Aufsichtsrat weitgehend einig, hieß es von Bayer in einem Statement. Vorrangig wolle man dadurch die interne Effizienz steigern, unterstrich der Aspirin-Entwickler. Die Sparmaßnahmen sollen laut Branchekennern aber auch mögliche Umsatzrückgänge in der Zukunft abfedern. Schließlich droht wegen gefloppter Produkte und Chemie-Klagen in den Vereinigten Staaten an mehreren Fronten Ungemach – vor allem finanzieller Natur.

„Zügig in die Erfolgsspur“ – Führungspositionen wackeln

Dabei müssen wohl Angestellte auf allen Ebenen zittern – die Anpassung der Arbeitsstruktur werde „zulasten vieler Führungskräfte gehen“, erklärte Barbara Gansewendt, Vorsitzende des Konzernsprecherausschusses, und kündigte an: „Unser neues Betriebsmodell soll Bayer schneller und innovativer machen.“ Für den Pharmakonzern ist das ein seltenes Phänomen: In den vergangenen 27 Jahren sprach man keine einzige betriebsbedingte Kündigung aus. Bayer beschäftigt in Deutschland rund 22 200 Mitarbeiter, weltweit waren es im vergangenen Herbst noch knapp über 100 000. Die Angestellten in Deutschland sind durch die allgemeine Beschäftigungssicherung noch bis Ende 2026 vor betriebsbedingten Entlassungen geschützt, Bayer will den Prozess mit Abfindungen und Unterstützungsmaßnahmen aber schneller vorantreiben.

„Der Stellenabbau soll in den kommenden Monaten zügig umgesetzt werden und spätestens Ende 2025 abgeschlossen sein“, ließ Bayer zur zeitlichen Dimension der strukturellen Verkleinerung verlauten. Arbeitsdirektorin Heike Prinz fügte an: „Um die Leistungsfähigkeit unserer Organisation und unseren Handlungsspielraum schnell und nachhaltig zu verbessern, sind jetzt einschneidende Maßnahmen notwendig. Wir wollen Bayer zügig wieder in die Erfolgsspur bringen.“ Überraschend kommt der Stellenabbau nicht. Schon bei Amtsantritt im Frühjahr letzten Jahres kündigte Konzernchef Anderson an, seine Vorliebe für schmale Unternehmensverwaltung auch bei seinem neuen Arbeitgeber ins Werk setzen zu wollen, im November stellte er dann eine „radikale Neuausrichtung“ in Aussicht. Demnach sollen gleich mehrere Führungsebenen gestrichen werden.

Sorgen wegen auslaufender Patente

Der Bayer-Konzern besteht aus den drei Divisionen Pharmaceuticals, Consumer Health und Crop Science, die operativen Bereiche kümmern sich also jeweils um Arzneimittel, Verbrauchergesundheit und Pflanzenwissenschaft. Im Jahr 2022 zeichnete sich die Agrarsparte für die Hälfte des Gesamtumsatzes von gut 50€ Milliarden verantwortlich. Die Arbeitnehmervertretung macht sich dezidiert für die Erhaltung aller drei Abteilungen stark, die Vorsitzende des Gesamtbetriebsrats, Heike Hausfeld, räumte jedoch ein: „In der angespannten wirtschaftlichen Lage des Unternehmens reichen die bereits laufenden Programme und Maßnahmen nicht aus, weshalb wir schweren Herzens weiteren Einschnitten zugestimmt haben.“ Im neuen Betriebsmodell sehe man auch aus Arbeitnehmersicht „eine große Chance, unsere wirtschaftliche Situation deutlich zu verbessern“.

Eine Aufspaltung ist allerdings nicht ausgeschlossen, wie aus Insiderkreisen zu vernehmen ist. Weitere Details zur Strukturreform sollen Anfang März auf einem Kapitalmarkttag verlautbart werden. Während Bayer aber schonmal zusichert, sich möglichst sozialverträglich “gesundschrumpfen” zu wollen, stehen auf anderen Schauplätzen die Probleme Schlange. Im Moment verdient Bayer Milliarden mit Patenten für Medikamente, die nun aber sukzessive ihre Gültigkeit verlieren. Kompensation dafür fehlt in Form neuer bahnbrechender Forschungsergebnisse. Einen herben Dämpfer erhielt Bayer etwa im letzten November: Ein Medikament, von dem man sich jährlich 5€ Milliarden Umsatz versprach, scheiterte in der Testphase. Der in Verruf geratene Unkrautvernichter Glyphosat wird ebenfalls zum Ladenhüter, das Agrargeschäft leidet unter den verfallenden Preisen für den ehemaligen Verkaufsschlager.

Milliardenkosten durch Monsanto

Zum Klotz an Bayers Beinen wird zunehmend der nordamerikanische Chemie-Gigant Monsanto, dessen Übernahme 2018 für $63 Milliarden wie ein Schatten über der Amtszeit von Andersons Amtsvorgänger Werner Baumann lag. Zwar betonte Anderson bei Amtsantritt den strategischen Sinn, „wenn der größte Saatgut-Hersteller und der größte Pflanzenschutz-Produzent zusammengehen“, eine milliardenschwere Klagewelle wegen gesundheitsschädlicher Monsanto-Produkte, die lange vor der Fusion vertrieben wurden, rollt aber weiterhin auf die Leverkusener zu. Erst Ende Dezember verdonnerte ein nordamerikanisches Geschworenengericht die Bayer-Tochter zu einer Schadensersatzzahlung in Höhe von knapp $860 Millionen. Mehrere ehemalige Schüler und Mitglieder der Elternvertretung hatten geklagt, weil Monsanto ihrer ehemaligen Schule in der Nähe von Seattle Lampen mit krebserregenden Chemikalien verkauft, darauf aber nicht ausreichend hingewiesen hatte.

Ein paar Wochen zuvor war Monsanto in einem ähnlichen Fall zu Strafzahlungen in Höhe von $165 Millionen verurteilt worden, kündigte aber Berufung an. Man habe die Schule seit den 1990er-Jahren mehrfach gewarnt und den Verantwortlichen nahegelegt, die Leuchten nachrüsten zu lassen, was aber ignoriert worden sei. In den vergangenen Jahren hat Bayer auch im Fall des Unkrautvernichters Glyphosat zahlreiche Gerichtsurteile gegen gesundheitlich geschädigte Kunden verloren und mehr als zehn Milliarden Euro für Vergleiche ausgegeben. Zuletzt verhängte ein Gericht in der Provinz Missouri im November eine Strafe von einigen $100 Millionen. Dabei schien sich das Blatt im letzten Sommer zu wenden: Sieben Prozesse gewann Bayer hintereinander, der Konzern erhoffte sich längerfristig weitere Erfolge. Seit der Übernahme von Monsanto musste man sich in über 110 000 derartigen Prozessen verantworten, weitere gut 40 000 folgen.

Bayer-Chef ist Deutschland-Fan

Für die drohenden Strafen stellte Bayer bereits 16€ Milliarden zurück, laut Fondsmanager Markus Manns vom Bayer-Großaktionär Union Investment stehe „die Pharma-Sparte ohne nachhaltiges Wachstum da“. Die möglichen Einnahmeausfälle und etwaige weitere Gerichtskosten will Bayer nun also unter anderem mit Stellenkürzungen abfedern und verspricht sich von effizienteren Abläufen einen neuen Aufschwung. Zuversichtlich stimmte die Bayer-Angestellten bereits im vergangenen April das Bekenntnis des neuen Vorstandschefs Bill Anderson zum aktuellen Standort. Demnach punkte Deutschland mit gut ausgebildeten Fachkräften, weshalb man hier bleiben möchte – trotz hoher staatlicher Subventionen für industrielle Neuansiedlungen in den Vereinigten Staaten. Andersons Faible für den Heimatmarkt teilen wir übrigens. Wenn es Ihnen genauso geht, sind unsere regelmäßigen Analysen der wichtigsten deutschen Wertpapiere mit topaktuellen Signalen für lukrative Investments im DAX40-Paket genau das Richtige für Sie.

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Simeon Koch

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