Bitcoin und Cannabis. Das sind die beiden überraschenden Gewinner des aktuellen Wahlkampfs um die Präsidentschaft in den USA. Damit nähern sich die Vereinigten Staaten einer bundesweiten Cannabis-Legalisierung, auf regionaler Ebene macht man seit Jahren rasche Fortschritte. Aktuell haben 38 Bundesstaaten medizinisches Cannabis legalisiert, während 24 Staaten den Freizeitgebrauch erlauben. Dennoch bleibt die Situation unübersichtlich, da die Bundesgesetze weiterhin eine restriktive Haltung einnehmen. Die Hoffnung vieler Marktteilnehmer ruht auf einer Neueinstufung von Cannabis durch die nordamerikanische Drogenbehörde Drug Enforcement Administration (DEA). Schon im Mai war der Entschluss der DEA bekannt geworden, Cannabis zur medizinischen Nutzung freizugeben und damit zum ersten Mal seit Jahrzehnten nicht mehr auf eine Gefahrenstufe mit Heroin und Kokain zu stellen. Eine solche Neueinstufung könnte zu einer drastischen Reduzierung der Steuern für Cannabisproduzenten führen und die Branche weiter ankurbeln. Die Reform wurde vorerst aufgeschoben, damit entfallen wichtige Steuervergünstigungen. Das stellt Branchen-Schwergewichte wie Canopy Growth, Aurora und Tilray auf eine harte Probe.
Harris und Trump spiegeln sich bei Cannabis und Bitcoin
Die Rolle von Cannabis im aktuellen Präsidentschaftswahlkampf ist bemerkenswert. Seit Jahren hatte der amtierende Präsident Joe Biden versprochen, Cannabis zu entkriminalisieren und schlug diesen Weg im Frühjahr spät, aber doch mit Verve ein. Seine Vizepräsidentin und neue Präsidentschaftskandidatin der Demokraten Kamala Harris soll intern sogar ausdrücklich gefordert haben: „Wir müssen Marihuana legalisieren!“. Mit ihrer Pro-Cannabis-Politik kommt Harris gut an – auch deshalb denkt ihr Republikanischer Rivale Donald Trump jetzt um. Der ehemalige Präsident und erneute Präsidentschaftskandidat hat kürzlich seine Unterstützung für die Legalisierung von Cannabis in Florida signalisiert, obwohl seine frühere Regierung eine deutlich restriktivere Haltung eingenommen hatte. „Cannabis-Konsumenten sollten in Florida nicht als Kriminelle gelten, wenn das in so vielen anderen Staaten legal ist“, erklärte Trump auf seiner Plattform Truth Social. Mit diesem Kurswechsel stellt sich Trump gegen andere prominente Republikaner wie Floridas Gouverneur Ron DeSantis, der davor warnt, dass eine Legalisierung die Lebensqualität im Staat verschlechtern könnte.
Trumps Unterstützung für die Legalisierung dürfte ein strategischer Schachzug sein, um unabhängige und jüngere liberale Wähler anzusprechen. Die Meinungsbildung von Trump und Harris erfolgt bei Cannabis verblüffend ähnlich wie bei Bitcoin und dem Kryptomarkt, dem zweiten unerwartet großen Wahlkampfthema. Nur, dass die beiden Kandidaten plötzlich ihre Rollen getauscht haben. Bei Bitcoin und Co. positionierte sich Trump schnell als Befürworter und ging mit lautstarker Unterstützung des Blockchain-Sektors auf Stimmenfang. Kamala Harris hingegen fiel in Sachen Krypto zunächst zurück und versucht aktuell, durch eine Annäherung an Branchen-Größen wie Ripple, Coinbase und Circle wieder Boden gut zu machen. Bei Cannabis läuft es genau umgekehrt: Hier hat Kamala Harris die Nase eindeutig vorn und gilt als langjährige Unterstützerin. Donald Trump und sein Vize-Kandidat J.D. Vance präsentierten sich bisher als eher skeptisch gegenüber einer Cannabis-Legalisierung und sparten das Thema in ihrem Wahlkampf zunächst aus. So wie Harris beim Thema Bitcoin kürzlich einlenkte, scheint Trump nun bei Cannabis umzudenken. Obgleich es sich dabei um Wahlkampf-Geplänkel handeln dürfte, rücken sowohl Bitcoin als auch Cannabis zunehmend in den politischen Fokus.
Cannabis boomt in den USA – und beflügelt den Arbeitsmarkt
Dass beide Themen politisch an Relevanz gewinnen, liegt daran, dass sie den Wählern in den Vereinigten Staaten wichtig sind. Die Haltung der Bevölkerung zu Cannabis hat sich in den letzten Jahren stark gewandelt. Laut Studien konsumieren mittlerweile mehr Amerikaner täglich Cannabis als Alkohol. Eine Umfrage zeigt, dass rund 65 Prozent der regelmäßigen Cannabis-Konsumenten ihre Produkte ausschließlich in lizenzierten Geschäften kaufen. Dies unterstreicht die wachsende Akzeptanz des legalen Marktes, obwohl der Schwarzmarkt weiterhin eine Rolle spielt. Besonders interessant ist die Entwicklung des Arbeitsmarktes im Zusammenhang mit dem Cannabis-Sektor. Derzeit beschäftigt die Branche rund 417 000 Menschen in den USA. Experten schätzen, dass diese Zahl in den kommenden Jahren auf bis zu 1.5 Millionen ansteigen könnte, sollte es zu einer umfassenden Legalisierung kommen. Dies zeigt, dass der Cannabis-Sektor nicht nur wirtschaftlich, sondern auch gesellschaftlich an Bedeutung gewinnt und schon jetzt als potenzieller Wachstumsmotor für die Wirtschaft in den USA angesehen wird.
Während die Nachfrage nach Cannabis wächst, kämpfen viele Unternehmen in der Branche mit erheblichen Herausforderungen. Canopy Growth, einer der größten Cannabis-Produzenten Kanadas, befindet sich in einer schwierigen finanziellen Lage. Trotz Kapitalerhöhungen in der Vergangenheit, um Schulden abzubauen, belasten weiterhin hohe Verluste das Unternehmen, die jüngsten Quartalszahlen waren trotz einiger Hoffnungsschimmer ernüchternd. Niedrigere Steuern durch die geplante Neubewertung von Cannabis auf Bundesebene hätten Canopy Growth entlasten können. Die Verzögerung der Reform aber setzt das Unternehmen spürbar unter Druck. Tilray, ein weiteres Schwergewicht der Branche und kanadischer Marktführer, sieht sich mit ähnlichen Problemen konfrontiert. Trotz eines Umsatzwachstums von 26 Prozent im letzten Geschäftsjahr bleibt das Unternehmen finanziell angespannt und hofft auf eine baldige Wende in der Regulierung. Tilray verzeichnete im letzten Quartal Verluste und unterbot die Analysten-Erwartungen. Dafür lag der Umsatz knapp über den Prognosen. Gewachsen ist der Umsatz für Tilray im medizinischen Bereich, wo das Unternehmen Apotheken, Krankenhäuser und Privatkunden in über 20 Ländern beliefert.
Blüht der Cannabis-Markt wieder auf?
Die unsichere regulatorische Lage trifft auch Aurora Cannabis, ein weiteres kanadisches Unternehmen, hart. Wie Canopy und Tilray hat auch Aurora in den letzten Jahren stark expandiert und dabei auf einen baldigen Durchbruch in den USA gesetzt. Doch mit der Verzögerung der Reformpläne und den weiterhin hohen Steuern bleibt das Unternehmen in einer schwierigen Lage. Der Wettbewerb im legalen Markt ist hart, die Produzenten müssen weiterhin mit niedrigen Margen und einem umkämpften Marktumfeld zurechtkommen. Analysten sind sich einig, dass eine baldige Reform der Gesetze in den Vereinigten Staaten entscheidend sein wird, um die finanzielle Situation des Sektors zu stabilisieren und weiteres Wachstum zu ermöglichen. Insgesamt bleibt der Cannabis-Markt in den USA ein zweischneidiges Schwert. Auf der einen Seite gibt es erhebliche Wachstumschancen, vor allem, wenn weitere Staaten den Freizeitgebrauch legalisieren und die Bundesgesetze gelockert werden. Auf der anderen Seite kämpfen die Unternehmen mit der hohen Steuerbelastung und der Konkurrenz durch den Schwarzmarkt. Die Zukunft des Sektors hängt daher entscheidend von der politischen Entwicklung ab – und die könnte sich dank Kamala Harris und Donald Trump bald im positiven Sinne beschleunigen.


Der Großteil der US-Banken und Kreditinstitute arbeitet nicht mit Cannabis-Firmen zusammen. Eine bundesweite Legalisierung könnte große Mengen Kapital in den Sektor spülen.
Schon 2015 forderte Kamala Harris, das Verbot von medizinischem Cannabis zu kippen. Trump war lange skeptisch, schlug jetzt aber in eine ähnliche Kerbe - alles nur Wahlkampf?

