„Niemand sollte für den Konsum oder den Besitz von Marihuana ins Gefängnis kommen!“ Was sich anhört wie der Schlachtruf alternativ angehauchter Demonstranten, die in den letzten Jahren mehrfach vor dem Weißen Haus für eine Legalisierung des Rauschmittels protestierten, war einer der überraschendsten Höhepunkte von Joe Bidens diesjähriger Rede zur Lage der Nation, die der amtierende Präsident vergangenen Freitag im Parlament hielt. Zum ersten Mal seit mehr als 35 Jahren erwähnte damit ein nordamerikanischer Staatschef das zuletzt heiß diskutierte grüne Kraut beim alljährlichen prestigeträchtigen Auftritt vor den Abgeordneten. Bei der sogenannten State of The Union Address hatte Ronald Reagan 1988 das letzte Mal den ominösen Begriff in den Mund genommen – damals allerdings ging es darum, dass Cannabis gemeinsam mit Kokain der größte Feind im Kampf gegen Drogen sei. Die Vorzeichen haben sich seitdem ins Gegenteil verkehrt, bereits im Oktober 2022 hatte Joe Biden die Begnadigung tausender wegen Cannabis-Konsums Inhaftierter erwirkt und setzt diesen Kurs nun fort: Die Einstufung von Cannabis als verbotene Substanz soll hinterfragt und revidiert werden. Der Markt reagierte euphorisch, Größen wie Canopy Growth und Curaleaf geben sich optimistisch. Tilray, Weltmarktführer bei medizinischem Cannabis, aktualisierte seine Milliardenschätzung für den deutschen und europäischen Markt.
„Ungerechtigkeit geraderücken“: Gewinnt Biden dank Cannabis die Wahl?
Seit Jahrzehnten ist Cannabis in den Vereinigten Staaten ein Streitthema. In den letzten Monaten häuften sich zwar die Anzeichen für ein generelles Umdenken auf höchster politischer Ebene – so weit wie in Deutschland, wo Cannabis ab April (zumindest in Teilen) legal werden soll und die großen Produzenten schon mit den Hufen scharren, ist man auf der anderen Seite des großen Teichs aber noch nicht. Laut dem nordamerikanischen Rauschmittel-Gesetz wird Cannabis auf Bundesebene mit Substanzen ohne akzeptierte medizinische Anwendung und mit hohem Sucht- und Missbrauchspotenzial gleichgestellt, wie etwa Heroin oder Ecstasy. In 38 von 50 Bundesstaaten ist Cannabis zum medizinischen Gebrauch erlaubt, in 24 auch im privaten Bereich. Im Januar richteten einige hochrangige politische Unterstützer eine Forderung an die nationale Rauschgiftbehörde (engl.: Drug Enforcement Administration; kurz: DEA), die Legalisierung von Marihuana in Betracht zu ziehen. Schon vergangenen August hatte das Gesundheitsministerium (engl.: Department of Health and Human Services; kurz: HHS) empfohlen, Cannabis in eine harmlosere Drogen-Kategorie abzustufen, die Behörde stellte sich bislang aber quer. Joe Bidens Vorstoß markiert nun einen weiteren wichtigen Schritt in Richtung der Entkriminalisierung von Cannabis in den Vereinigten Staaten, entsprechend positiv nahm die Branche seine Bemerkungen in der vielbeachteten Rede vom vergangenen Freitag auf. Dass die Regierung in Sachen Legalisierung vorangehe, sei „essenziell, um einige der größten Herausforderungen in der Branche zu meistern“, sagte etwa David Klein, Geschäftsführer des milliardenschweren kanadischen Hanfmedizin-Spezialisten Canopy Growth.
Klein erkannte in Bidens Worten mehr als nur einen Wink mit dem Zaunpfahl an die Suchtmittelbehörde: „Präsident Biden hat gestern einen historischen Schritt gewagt und öffentlich anerkannt, was für eine überwiegende Mehrheit der Amerikaner bereits klar ist: Die Cannabis-Reform ist eine nationale Priorität und notwendig, um vergangene Ungerechtigkeit geradezurücken sowie eine gerechtere Zukunft zu schaffen“. Erste Maßnahmen in diese Richtung setzte Joe Biden bereits im Herbst 2022, als er auf Bundesebene tausende Begnadigungen für leichte Cannabis-Vergehen aussprach, die den reinen Besitz des Rauschmittels betrafen. Auf Twitter schrieb er schon damals, dass „niemand wegen des Konsums oder des Besitzes von Marihuana im Gefängnis sitzen“ solle und kündigte an, „unsere fehlgeschlagene Cannabispolitik zu beenden“. Schon in seinem Präsidentschaftswahlkampf vor vier Jahren hatte Biden durchblicken lassen, dass er in einem dreiteiligen Programm die politische und juristische Sicht auf Cannabis nachhaltig ändern wolle. Die erste Etappe wurde mit den Begnadigungen auf Bundesebene absolviert, in der zweiten kündigte Biden an, auch in den unterschiedlichen Provinzen ähnliche Regelungen zu forcieren. Im dritten Schritt ging Biden auf das Gesundheitsministerium zu, dessen intensiver Austausch mit der Rauschgiftbehörde aktuell im Gange ist.
Milliarden-Potenzial für Cannabis in Deutschland und Europa
Trotz der freundlicheren Cannabis-Politik werde man weiterhin streng mit der Substanz umgehen: „Auch wenn die gesetzlichen Regelungen für Marihuana verändert werden, bleiben wichtige Beschränkungen bei Handel, Werbung und Verkäufen an Minderjährige aufrecht. Zu viele Leben sind wegen unserer falschen Herangehensweise zerstört worden. Es ist Zeit, diese Fehler richtigzustellen.“ Schon 2022 sorgten Bidens Worte in der Cannabis-Branche für Aufsehen, nach der Rede zur Lage der Nation war das Cannabis-Zitat das erfolgreichste X-Posting zu den präsentierten Inhalten auf dem offiziellen Kanal des Präsidenten. Laut Beobachtern unterstrich das große Interesse auf Social Media die These von Canopy-CEO Klein: Die Cannabis-Reform ist in den Vereinigten Staaten ausgesprochen populär, Bidens Standpunkte dürften ihm bei der kommenden Wahl laut Experten sehr zugutekommen. Politisch ist es also kein Zufall, dass die Cannabis-Entkriminalisierung von höchster Stelle ausgerechnet jetzt mit Nachdruck vorangetrieben wird. Kürzlich ergab eine Umfrage, dass sich Bidens Zustimmungswerte um zweistellige Prozentwerte verbessern würden, wenn es ihm gelingt, eine Neubewertung von Cannabis durch die Rauschmittelbehörde herbeizuführen. Beliebt ist Bidens Cannabis-Politik besonders unter jungen Wählern, die der Präsident schon mit der umstrittenen Entscheidung zu gewinnen versuchte, die Erdgas-Exporte drastisch zu kürzen, was international auf Empörung stieß.
Der Cannabis-Branche ist das herzlich egal, eröffnet der entschiedene Kurs des Präsidenten doch unverhoffte Möglichkeiten einer baldigen Legalisierung in den Vereinigten Staaten, die lange Zeit als eingefleischter politischer Gegner von privatem Cannabis-Konsum galten. Matt Darin, Geschäftsführer von Curaleaf, kommentierte: „Dieses Ausmaß an öffentlicher Unterstützung für eine Cannabis-Reform auf Regierungsebene ist längst überfällig und zeigt, wie stark das Gewicht der Thematik auf der politischen Bühne ist.“ Eine weitgehende Entkriminalisierung durch eine Abstufung im Drogen-Ranking würde laut Darin nicht nur Unternehmen aus der Branche stark wachsen lassen und neue Arbeitsplätze schaffen, sondern auch millionenschwere Steuereinnahmen generieren. Welches wirtschaftliche Potenzial eine Cannabis-Legalisierung freisetzen kann, demonstriert der Fall Deutschland: Ende Februar veröffentlichte Tilray, Branchenprimus bei medizinischem Cannabis, eine neue Schätzung, der zufolge sich „die neuen Möglichkeiten auf dem deutschen Medizinmarkt für Cannabis auf rund $3 Milliarden belaufen, während der europäische Markt allein für den Medizinsektor ein starkes Wachstumspotenzial von $45 Milliarden darstellen könnte“. Ähnliche wirtschaftliche Möglichkeiten würden sich auch in den Vereinigten Staaten ergeben, wenn Joe Biden mit seinen Plänen erfolgreich ist. Den Aktienkursen der größten Cannabis-Unternehmen, die wir in unserem Cannabis-Paket regelmäßig analysieren, taten die Neuigkeiten aus dem Weißen Haus jedenfalls gut. Welches Wachstum der Branche bei einer Legalisierung durch die nordamerikanische Regierung zuteilwürde, lässt sich trotzdem kaum erahnen.





