Im Frühjahr blühte der Cannabis-Sektor auf. Anfang April legalisierte Deutschland das grüne Kraut nach monatelangen politischen Diskussionen. Damit aber nicht genug: Offenbar inspiriert von der deutschen Neuregelung begannen auch die Vereinigten Staaten und die Europäische Union, ihre traditionell restriktive Cannabis-Politik zu überdenken. Besonders in den USA trugen diese Diskussionen schnell Früchte: Joe Biden sprach sich in der wichtigsten Rede seiner Amtszeit für eine Entkriminalisierung von Cannabis aus, seine Vizepräsidentin und frisch gebackene Präsidentschaftskandidatin Kamala Harris soll im Weißen Haus ausdrücklich gefordert haben: „Wir müssen Marihuana legalisieren!“ Und tatsächlich gelang es der amtierenden Demokratischen Regierung, eine neue Einstufung des THC-haltigen Rauschmittels auf Bundesebene zu erwirken. Jahrzehntelang war Cannabis in den Drogen-Gesetzen der Vereinigten Staaten auf eine Stufe mit Kokain oder Heroin gestellt worden – bis Anfang Mai dieses Jahres, als die zuständigen US-Behörden diese Einstufung kippten. Cannabis-Aktien erlebten zu dieser Zeit einen Höhenflug, zuletzt wurde es im Sektor aber wieder etwas ruhiger. Nun haben die wichtigsten Player der Branche ihre Quartalszahlen präsentiert – mit einigen guten Nachrichten, die für Aufbruchsstimmung sorgen.
Canopy und Tilray trotz US-Boom mit roten Zahlen
Cannabis-Unternehmen geht es gerade ähnlich wie Bitcoin und dem Kryptomarkt. Jahrelang spielten sie auf der großen politischen Bühne kaum eine Rolle – und wenn sie überhaupt mal von wichtigen Politikern erwähnt wurden, kamen sie in den meisten Fällen nicht besonders gut weg. Schließlich galten sowohl der Cannabis- als auch der Kryptomarkt als Spielwiese und Vehikel krimineller Machenschaften. Das hat sich in den letzten Monaten schlagartig verändert, beide Sektoren sind plötzlich Kernthemen im Rennen um die US-Präsidentschaft zwischen der Demokratin Kamala Harris und dem Republikaner Donald Trump. Harris gilt seit Jahren als Cannabis-Unterstützerin und könnte bei einem Wahlsieg die Legalisierung in den Vereinigten Staaten weiter vorantreiben. Für Aufsehen sorgte die Demokratin kürzlich in einem Fernseh-Interview, als sie zugab, früher selbst gekifft zu haben. Donald Trump ist in Sachen Cannabis etwas zurückhaltender, was auch daran liegen mag, dass konservative US-Amerikaner Hanf und Co. eher skeptisch gegenüberstehen. Hoffnung keimte auf, als Trump seinen ehemaligen Erzfeind J.D. Vance als seinen Vize-Kandidaten vorstellte. Vance gilt als eher liberal, was den gesetzlichen Umgang mit Cannabis anbelangt.
"Wir müssen Marihuana legalisieren", soll Kamala Harris gefordert haben. In einem Interview erzählte sie von ihren eigenen Cannabis-Erfahrungen.
Die Turbulenzen in der Politik spiegelten sich zuletzt auch in den Kursverläufen der wichtigsten Cannabis-Aktien. In den letzten Wochen war auch hier das Sommerloch zu spüren. Nun aber ist neue Aufbruchsstimmung zu spüren – und das hat sich die Branche selbst zu verdanken. Schwergewichte um Canopy Growth und Tilray präsentierten in den letzten Wochen ihre Geschäftszahlen für das zurückliegende Quartal. Für einen richtigen Knalleffekt sorgte keiner der großen Cannabis-Player, deutlich ist weiterhin zu spüren, dass sich der Sektor im Aufbau befindet. Selbst die Branchefnührer kommen teils aus den roten Zahlen nicht heraus, zeigen aber positive Tendenzen. Der größte kanadische Cannabis-Produzent Tilray etwa verzeichnete einen Verlust pro Aktie von $0,04 und unterbot damit die Analysten-Erwartungen von -$0.02 deutlich. Beim Umsatz aber konnte Tilray punkten: Statt wie prognostiziert rund $226 Millionen erwirtschaftete der global operierende Konzern $230 Millionen. Profitieren konnte Tilray dabei von Zuwächsen im medizinischen Bereich, wo der Konzern Apotheken, Krankenhäuser und Privatkunden in über 20 Ländern beliefert.
Canopy kämpft sich zurück, Curaleaf wächst
Schon im Juni präsentierte der zweitgrößte kanadische Cannabis-Produzent Cronos Group seine Zahlen. Der Umsatz stieg um kräftige 46 Prozent auf fast $28 Millionen, auch hier aber sorgt ein Verlust von $8.8 Millionen für Kopfzerbrechen. Ähnlich durchwachsen waren die letzten drei Monate auch beim Lokalrivalen Canopy Growth: Zwar gelang es Canopy, die Betriebskosten um fast ein Viertel auf nunmehr gut $37.8 Millionen zu senken. Und auch die Einnahmen aus dem kanadischen Geschäft mit medizinischem Cannabis stiegen im Jahresvergleich um gut 20 Prozent auf $13.7 Millionen. Der gesamte Umsatz aber rutschte um etwa 13 Prozent auf $48.2 Millionen ab, insgesamt erwirtschaftete Canopy einen Verlust von $92.5 Millionen. Was auf den ersten Blick die Stimmung dämpft, ist auf den zweiten ein kleiner Erfolg. Noch vor wenigen Monaten hatte Canopy ganz schön zu kämpfen, im Dezember führte man einen Reverse-Split bei der Aktie durch, um überhaupt an der US-Börse Nasdaq gelistet bleiben zu können. Die zwischenzeitlichen Zweifel an der Überlebensfähigkeit des Unternehmens sind laut Geschäftsführung trotz anhaltend roter Zahlen erstmal ausgeräumt.
Auf dem US-amerikanischen Markt zeichnet sich ein nahezu identisches Bild: Der zweitgrößte US-Cannabiskonzern Curaleaf meldete im Juli einen Quartalsumsatz von starken $342 Millionen und damit ein Plus von soliden 3.2 Prozent. Auch Curaleaf aber musste einen Verlust von fast $50 Millionen hinnehmen – wobei das bereits eine Verbesserung von gut 30 Prozent zum Vorjahresquartal darstellt. Ins Plus schaffte es derweil der drittgrößte US-Anbieter Green Thumb, der seinen Umsatz um elf Prozent auf $280 Millionen steigerte und einen Gewinn von $21 Millionen erzielte. Und auch der nach Marktkapitalisierung größte nordamerikanische Cannabis-Konzern Innovative Industrial Properties überraschte positiv: Hier blieben von $79.8 Millionen Umsatz beachtliche $41.7 Millionen Profit übrig. Mit vier Prozent Umsatzplus und knapp zwei Prozent Gewinnsteigerung fällt das Wachstum knapp aus – dennoch profitiert auch IIPR von der jüngsten Stabilisierung der Preise im Cannabis-Markt. Ein umfangreiches Investitionsprogramm soll das Unternehmen laut Geschäftsführung zurück auf den rasanten Wachstumspfad leiten.




