Die Regierung der USA hasst Bitcoin. Das behaupteten radikale Blockchain-Verfechter, als Joe Biden Ende Mai ein wichtiges Krypto-Gesetz kippte. Der Vorschlag war im Parlament von Abgeordneten beider Parteien gebilligt worden und zielte darauf ab, großen Finanzinstitutionen die Verwahrung von Bitcoin und anderen Kryptowährungen zu vereinfachen. Wenige Wochen zuvor hatte das Weiße Haus in einem Statement scharf gegen Bitcoin und den Umwelteinfluss groß angelegter Mining-Aktivitäten geschossen. Demnach sei es für die Vereinigten Staaten sinnvoller, eine digitale Zentralbankwährung aufzusetzen, als den Bitcoin zu adaptieren. Politische Gegner der Biden-Regierung schlugen aus den unpopulären Bitcoin-Entscheidungen Profit. Donald Trump trumpfte als selbsternannter Krypto-Kandidat auf und setzte Joe Biden, damals sein Konkurrent um die Präsidentschaft, gehörig unter Druck. Seitdem haben sich die Vorzeichen geändert. Joe Biden ist aus dem Wahlkampf ausgeschieden, gegen Trump kandidiert nun Vizepräsidentin Kamala Harris – und holt auf. Das gefällt dem Kryptomarkt gar nicht: Harris steht im Verdacht, Bidens restriktive Bitcoin-Politik fortzusetzen. Dabei ist die Demokratin keine Krypto-Gegnerin. Die Harris-Panik im Markt ist unbegründet.
Kamala Harris mag Cannabis – und Bitcoin?
In der Krypto-Community ist man sich aktuell über wenige Dinge einig. Geht die zähe Korrektur des Sommerlochs weiter? Oder steht ein Ausbruch von Bitcoin und den Altcoins kurz bevor? Gibt es überhaupt wieder eine Altcoin-Season oder stecken Ethereum und Co. vielleicht noch im tiefsten Bärenmarkt? An jeder Ecke hört man neue Thesen – nur über eine Sache sind sich die meisten einig: Sollte Kamala Harris ins Weiße Haus einziehen, dann bekommt der Bullenmarkt einen herben Dämpfer. Oder fällt sogar ganz ins Wasser. Dabei gibt es kaum stichhaltige Begründungen für diese Befürchtung. Denn in Sachen Bitcoin lässt sich Kamala Harris kaum in die Karten schauen. Vielleicht liegt die Ablehnung, die Kamala Harris aus dem Kryptomarkt entgegenschlägt, aber auch an ihrem schlechten Ruf an der Wall Street. Harris will Unternehmenssteuern erhöhen, die Donald Trump einst drastisch kürzte. Außerdem gilt sie als Gegnerin der Machtmonopole großer Tech-Konzerne – und das schmeckt Großunternehmern und ihren Aktionären gar nicht. Generelle Vorbehalte scheint Harris gegenüber spekulativen Märkten allerdings nicht zu haben. Schließlich setzt sie sich seit Monaten für eine Legalisierung von Marihuana ein und verleiht dem aufstrebenden Cannabis-Sektor damit Auftrieb.
Auch in Sachen Bitcoin macht Harris Anstalten, Joe Bidens restriktiven Kurs zu verlassen. Harris‘ erste Mission scheint darin zu bestehen, ein paar Trümmer wieder aufzuräumen, die Bidens Regulatoren im Kryptomarkt hinterlassen haben. Jahrelang zog sich etwa die Klage der Börsenaufsicht Securities and Exchange Commission (SEC) gegen Ripple Labs, wegen Wertpapier-Vorwürfen attackierten die Börsenhüter auch Coinbase. Dass Kamala Harris kürzlich ausgerechnet mit Ripple und Coinbase das Gespräch suchte, spricht Bände. Ganz offenbar versucht die Demokratische Präsidentschaftskandidatin, den Ruf ihrer Partei unter den führenden Unternehmen des Kryptosektors wiederherzustellen. Auch Bidens Pläne über eine digitale Zentralbankwährung (CBDC) scheint Kamala Harris nicht so rigoros zu unterstützen wie anfangs gedacht: Laut Berichten der Financial Times sollen Harris‘ Berater auch beim Stable Coin-Emittenten Circle vorstellig geworden sein. Stable Coins sind wohl die unmittelbarste Konkurrenz für CBDCs, die der Kryptosektor zu bieten hat. Der Krypto-Kuschelkurs der Demokratischen Kandidatin wurzelt tief in ihrer eigenen Partei.
Am Bitcoin kommt keiner vorbei
Erst kürzlich forderten knapp 30 Demokratische Funktionäre in einem offenen Brief eine kryptofreundlichere Politik. Aus Kamala Harris‘ Umfeld ist zu vernehmen, dass es ihrerseits keine Feindseligkeit gegenüber Bitcoin gebe – und man sich für innovative Technologien stark mache. Ein klares Bekenntnis für den Kryptomarkt ist das keineswegs, ganz anders ist das bei Donald Trump: Der Republikaner ermöglichte im Mai Krypto-Spenden für seinen Wahlkampf und stilisierte sich selbst als großer Bitcoin-Fan, obwohl er noch vor wenigen Monaten öffentlichkeitswirksam über den Blockchain-Sektor hergezogen war. Das offensive Buhlen Trumps um Bitcoin-Investoren ist wohl kaum positiver zu deuten als Kamala Harris’ beredtes Schweigen zu dieser Thematik. In beiden Fällen dürfte es sich um Wahlkampfstrategie und politisches Geplänkel handeln. Zwar steht Trump eher für Deregulierung und Steuersenkungen für große Konzerne und wird dafür vor allem von Elon Musk unterstützt. Die geplanten sozialpolitischen Reformen von Kamala Harris könnten den Finanzmärkten aber ebenso guttun – etwa durch die im Kryptomarkt so bitter nötige Rückkehr der Kleinanleger und der Risikofreude wegen allgemein wachsender Kaufkraft.
Harris selbst lässt sich in Sachen Bitcoin nicht in die Karten schauen. Das ist für die Bewertung des aktuellen Bullenmarktes aber auch nicht nötig. Der Finanzmarkt entwickelt sich im letzten Quartal eines Wahljahres traditionell gut, davon dürfte auch der Kryptosektor profitieren. Und auch langfristig ist nicht damit zu rechnen, dass Bitcoin und Co. von der Politik missachtet oder sogar nachhaltig sanktioniert werden – viel zu deutlich scheint das regelrechte Krypto-Tauwetter, das aktuell in den Vereinigten Staaten einsetzt. So schlug etwa die Senatorin Cynthia Lummis kürzlich vor, Bitcoin als strategische Reserve in den Vereinigten Staaten zu etablieren. Laut Lummis könne der Bitcoin in Zeiten wirtschaftlicher Unsicherheit und Inflation ein bedeutender Wertspeicher sein, um die Dominanz der USA auf den Weltmärkten zu stärken. Der Vorschlag ist aktuell zwar allerhöchstens Zukunftsmusik, in der Politik aber nicht unpopulär. Langfristig dürften innenpolitischer Druck und die Imperative technologischer Entwicklung das nächste Staatsoberhaupt der USA aber von ganz allein dazu bringen, den Blockchain-Sektor zu erschließen – egal ob nun Kamala Harris oder Donald Trump ins Weiße Haus einziehen.


Am Mittwoch kündigte Kamala Harris an, Steuern für kleine Unternehmen zu senken und für große Konzerne zu erhöhen. Neugründungen will sie als Präsidentin besonders fördern.

