Rohöl-Markt rekordverdächtig bärisch: Kommt der Öl-Crash – oder das Gegenteil?
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Rohöl-Markt rekordverdächtig bärisch: Kommt der Öl-Crash – oder das Gegenteil?

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Simeon Koch

Der Ölmarkt steht derzeit unter immensem Druck, Analysten und große Investoren sind so pessimistisch wie nie zuvor seit Aufzeichnung der Daten. Eine Kombination aus Überangebot, schwacher Nachfrage und globalen Unsicherheiten belastet die Stimmung an der Börse, im September fiel der Brent-Rohölpreis auf den niedrigsten Stand seit Juni 2023. Die schwache Nachfrage, vor allem aus China, sowie die wachsende Ölproduktion in Nicht-OPEC-Staaten wie den USA, tragen erheblich zu dieser Entwicklung bei. Chinas Ölverarbeitung ging im August um fast zehn Prozent gegenüber dem Vormonat zurück, was auf schwache industrielle Produktion und langsames Wirtschaftswachstum im fernöstlichen Wachstumsmarkt hindeutet. Lange wurde Chinas industrieller Bedarf an Brennstoffen für schier unstillbar gehalten, umso mehr verunsichert die aktuelle Flaute im Reich der Mitte die globalen Märkte. Analysten gehen davon aus, dass die Nachfrage aus China vorerst hinter den Erwartungen zurückbleiben wird. Zudem steigen die Ölbestände der Vereinigten Staaten und verstärken das Überangebot, was den Markt zusätzlich belastet. Ist ein Öl-Crash vorprogrammiert?

Ölströme aus den USA, kaum Abnehmer in China

Nicht nur China treibt den Ölverkäufern aktuell Sorgenfalten auf die Stirn. Verschärft wird die Situation nämlich auch durch ein stetig wachsendes Überangebot. Nicht-OPEC-Länder, insbesondere die USA, haben ihre Ölproduktion stetig erhöht. Die jüngsten Daten der führenden Erdöl-Fördergesellschaft Baker Hughes zeigen, dass die Zahl der aktiven Ölbohrungen in den USA auf 588 gestiegen ist – der höchste Stand seit Juni. Sollte Donald Trump im November neuer Präsident werden, könnte sich dieser Überhang weiter vergrößern. Schließlich will Trump die Ölförderung weiter ausbauen und wirbt dafür mit dem seit Jahren unter Republikanern beliebten Slogan Drill, baby, drill! (dt.: Bohren, Baby, bohren!). Schon aktuell übersteigt das wachsende Angebot die schwächende Nachfrage. Besonders problematisch ist der Nachfrageeinbruch in China, dem weltweit zweitgrößten Ölverbraucher. Daten zeigen, dass chinesische Raffinerien im August nur 12.6 Millionen Barrel pro Tag verarbeiteten – mehr als eine Million Barrel weniger als noch vor vier Wochen. Diese schwachen Zahlen sind auch auf Chinas wirtschaftliche Probleme zurückzuführen, wie ein verlangsamtes Wachstum der Industrieproduktion und fallende Immobilienpreise. Sowohl die Internationale Energieagentur (IEA) als auch die OPEC haben ihre Prognosen für das Nachfragewachstum in Schlüsselregionen wie Südostasien und Europa gesenkt.

Die Rohöl-Sorte Brent sollte ihre lange Korrektur noch etwas fortsetzen, bevor der Aufwärts-Impuls startet. Abonnenten erhalten für die Trendwende eine Zielzone.

Zusammen führen diese Faktoren zu einer sinkenden Öl-Nachfrage, was die Preiserholung stark behindert. Die Sorgen um eine schwächelnde chinesische Industrie ziehen aktuell weite Kreise und verunsichern auch den Markt für Industriemetalle wie Kupfer oder Silber. Während die Börsenpreise für Industriemetalle zuletzt aufatmen konnten, wird die Angst im Rohöl-Markt immer deutlicher. So haben sich große Hedgefonds und institutionelle Investoren erstmals seit Beginn der Aufzeichnung entsprechender Daten im Jahr 2011 mehrheitlich bärisch gegenüber Brent-Rohöl positioniert: Daten von ICE Futures Europe, der größten Terminbörse für Optionen und Futures auf Erdöl, Erdgas und elektrische Energie in Europa, zeigen, dass Hedgefonds bei Brent mehr Short- als Long-Positionen halten. Die Netto-Long-Position bei WTI wurde auf das niedrigste Niveau seit Februar reduziert, die Shorts auf Diesel stiegen auf das höchste Niveau seit neun Jahren. Das Misstrauen der Märkte wird durch die Prognosen großer Banken untermauert. Morgan Stanley hat seine Preisprognose für Brent-Öl im vierten Quartal 2024 auf $75 pro Barrel gesenkt, nachdem sie bereits kürzlich von $85 auf $80 reduziert worden war. Die Bank führt schwache Nachfrageaussichten und das wachsende Angebot als Gründe an.

Wallstreet und Hedgefonds erwarten Öl-Crash

Goldman Sachs hat seine Preisspanne auf $70 bis $85 pro Barrel korrigiert, während Citi für 2024 sogar einen Brent-Preis von $60 pro Barrel erwartet, wenn die OPEC+ keine weiteren Kürzungen vornimmt. Diese pessimistischen Prognosen, gepaart mit den großen Short-Positionen von Hedgefonds, haben in den letzten Tagen und Wochen zu einer spürbaren Verkaufswelle geführt. Genährt werden die bärischen Erwartungen aber nicht nur von wirtschaftlichen, sondern auch von geopolitischen Entwicklungen. Der Konflikt im Nahen Osten macht sich in zweierlei Form auf den Märkten bemerkbar: Einerseits bedrohen Sanktions-Drohungen aus dem erdölreichen Iran und die Angriffe der Huthi-Milizen im Roten Meer internationale Lieferketten und die globale Versorgung, was die Preise nach oben treiben könnte. Andererseits will die OPEC+ unter der Führung von Saudi-Arabien und Russland nach langen Perioden der freiwilligen Produktionskürzungen ihre Fördermenge wieder steigern, was zu einer weiteren Steigerung des Angebots und einem weiteren Preisverfall führen könnte.

WTI steht ebenfalls kurz davor, eine lange Korrektur abzuschließen. Auch für diese bullische Trendwende bekommen unsere Abonnenten eine Zielzone.

Etwas paradox muten die Befürchtungen hinsichtlich einer neuerlichen Steigerung der OPEC-Produktion an, weil die Organisation ihr Fördervolumen eigentlich schon im Oktober wieder hochschrauben wollte, unlängst aber mitteilte, doch noch bis Dezember abzuwarten. Das sollte eigentlich einen positiven Effekt auf die Börsenstimmung haben, schließlich wird die voraussichtliche Angebotssteigerung dadurch noch etwas hinausgezögert. Langfristig könnte das die Preise durchaus stabilisieren, kurzfristig aber befeuert diese Maßnahme die allgemeine Unsicherheit im Brennstoffmarkt, weil die OPEC+ Flexibilität bei der Anhebung signalisiert hat und diese jederzeit pausieren oder rückgängig machen könnte. Spontane Änderungen in der OPEC-Strategie sind laut Marktbeobachtern nicht ausgeschlossen. Erdöl-Nationen aus dem arabischen Raum wollen im internationalen Brennstoff-Wettbewerb nicht hinter die Vereinigten Staaten zurückfallen, die ihre Rohöl-Industrie gerade wieder hochzufahren scheinen. Ein mögliches Kräftemessen zwischen den USA und der OPEC würde die Börsenkurse wohl heftig durcheinanderwirbeln – und hängt wohl auch von der politischen Entwicklung der weltgrößten Volkswirtschaft ab, über die bei der Präsidentschaftswahl im November entschieden wird.

„Wenn alle auf der gleichen Seite des Boots sitzen…“

Saisonalität spielt traditionell eine wichtige Rolle im Ölmarkt, da die Nachfrage nach Benzin und anderen Erdölprodukten im Herbst und Winter sinkt, wenn die Fahraktivitäten nachlassen. Üblicherweise führen diese saisonalen Effekte zu einem Rückgang der Ölpreise in der zweiten Jahreshälfte. Doch in diesem Jahr könnten diese Effekte von der geopolitischen Lage und den wirtschaftlichen Unsicherheiten überlagert werden. Vor allem die Präsidentschaftswahlen in den Vereinigten Staaten im November könnten die Märkte stark beeinflussen. Während ein Wahlsieg von Vizepräsidentin Kamala Harris tendenziell als bullisch für die Ölpreise angesehen wird, da ihre Politik auf erneuerbare Energien und die Verringerung der Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen abzielt, würde eine Wiederwahl von Donald Trump wahrscheinlich die Erdölproduktion weiter ankurbeln, Stichwort Drill, baby. So mies wie die Stimmung gerade ist, könnte ein Boden im Rohöl-Markt aber auch schon nah sein – das zumindest erwartet der texanische Energielieferant TACenergy, der die Situation in einem Statement mit den Worten kommentierte: „Extreme Positionen von Spekulanten sind bekanntlich zuverlässige Kontraindikatoren. Wenn alle auf der gleichen Seite des Bootes sitzen, kippt es um“. Schließlich macht die Börse ja meistens, womit keiner rechnet.

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Simeon Koch

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