Angst im Finanzmarkt: Jetzt ins Risiko oder Portfolio absichern?
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Angst im Finanzmarkt: Jetzt ins Risiko oder Portfolio absichern?

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Simeon Koch

Können Sie sich noch an den 5. August erinnern? Was für eine Frage! Damals schien es endgültig so weit zu sein, die Rezession fühlte sich so nah an wie selten in den letzten Jahren. Innerhalb weniger Stunden verloren Top-Aktien dutzende Prozent an Kurswert, Indizes knickten rekordverdächtig ein, Kryptowährungen verloren an einem Tag teilweise die Hälfte ihres Werts. Der Witz daran: Irgendwie war niemand so richtig davon überrascht, dass die Welt an den Finanzmärkten unterzugehen schien. Schockiert waren internationale Anleger vielmehr davon, dass es jetzt also schon so weit sein sollte. Eigentlich hatte man sich noch eine kleine Galgenfrist erhofft. Die aber schien mit einem Schlag abgelaufen. Plötzlich fragten sich Millionen von Investoren: Habe ich den Absprung endgültig verpasst? Stolpere ich mit meinem Portfolio schnurstracks in die Rezession, ohne rechtzeitig Gewinne realisiert zu haben? Nur wenige Tage später hatten sich die Märkte erholt, Top-Aktien, Indizes und Kryptowährungen schossen zurück nach oben und die meisten Beobachter fragten sich: Hätte ich beim Crash nicht noch viel mehr ins Risiko gehen sollen, um jetzt die großen Gewinne mitzunehmen?

Was kann man überhaupt noch glauben?

Wenn es Ihnen genauso ging, dann ist das nur zu verständlich. Die ersten zwei Augustwochen bringen die aktuelle Stimmung an den globalen Finanzmärkten nahezu perfekt auf den Punkt: Es ist ein Drahtseilakt zwischen Rezessions-Panik und plötzlichen Abverkäufen auf der einen und umso impulsiveren Anstiegen auf der anderen Seite, wenn sich der Markt dann doch wieder in vermeintlicher Sicherheit wähnt. Einmal drängen sich geopolitische Unsicherheiten rund um die Nahost-Eskalation zwischen Israel und dem Iran in den Fokus und schüren Angst vor einer neuen Ölkrise und Stagflation wie in den 1970ern. Dann wieder freut sich der Markt unvermittelt über überraschend hohe Zinssenkungen der Zentralbank Federal Reserve und feiert großzügige Finanzspritzen aus China, die neuen monetären Wind in den schlaffen Segeln von Risiko-Anlagen versprechen. Schon aber drängen sich wieder die Pessimisten in den Vordergrund und warnen vor schwachen Wirtschaftsdaten und auffälligen Signalen wichtiger Rezessions-Indikatoren. Als Konter verweisen hartnäckige Optimisten darauf, dass vierte Quartale von Wahljahren in den USA an den Börsen für gewöhnlich bullisch sind – und dass der Bitcoin zum Jahresende fast immer stark performt. So geht es hin und her, die Verwirrung ist perfekt. Was kann man da noch glauben?

Wie schwer wiegen Krisen wirklich? BlackRock publizierte kürzlich eine Bitcoin-Studie und zeigte: BTC, Gold und der S&P500 erholten sich nach den meisten jüngeren Krisen schnell.
Fangen wir damit an, was in der aktuellen Situation besorgniserregend ist. Der eigentliche Auslöser für die Börsen-Panik Anfang August war eine unerwartete Zinserhöhung der japanischen Zentralbank. Was hat Japan mit dem Aktienmarkt in den Vereinigten Staaten zu tun? Die Antwort ist zugleich einfach und kompliziert: Jahrelang war es günstig, den japanischen Yen zu leihen, weil die Leitzinsen in Japan – anders als zuletzt im Westen – sehr niedrig waren. Anleger liehen sich also japanische Yen und legten sie an internationalen Märkten an, vorzugsweise in den Vereinigten Staaten. Bildlich gesprochen tragen Investoren den Yen also über den Ozean hinüber in die USA – deshalb werden diese Transaktionen im Fachjargon als Yen-Carry Trade (dt. in etwa Yen-Tragehandel) bezeichnet. Wird es in Japan durch Zinserhöhungen allerdings teurer, Yen zu leihen, so schrumpft die Marge, die Investoren durch Aktiengewinne auf Yen-Positionen erwirtschaften. Das kann dazu führen, dass viele Yen-Carry-Trades aufgelöst werden, um die nun teureren Yen zurückzugeben und defizitäre Positionen zu schließen. Das sorgt für Verkaufsdruck auf jenen Märkten, wo Yen-Trader spekulierten.

Haben Sie Angst vor der Rezession…?

Nach dem ersten Schock Anfang August ist dieses Thema erstmal wieder in den Hintergrund gerückt, könnte durch mögliche Änderungen in der Geldpolitik aber schnell wieder als ernstes Problem für die Märkte auf den Plan treten. Aktuell plant die japanische Zentralbank laut eigener Aussage nicht, die Zinsen in näherer Zukunft weiter zu steigern. Das Yen-Thema ist aber nicht der einzige Grund für die anhaltenden Inflationssorgen. Mindestens ebenso problematisch ist die schwächelnde Wirtschaft in den USA. Während sich die Inflation zum ersten Mal seit Jahren dem 2-Prozent-Ziel der nordamerikanischen Notenbank annähert, ist die Arbeitslosigkeit auf dem besorgniserregenden Niveau von knapp über vier Prozent und stieg zuletzt so schnell, dass mit der sogenannten Sahm-Rule einer der zuverlässigsten Rezessions-Indikatoren überhaupt anschlug. Jerome Powell versuchte am Rande der Fed-Zinssenkung Mitte September zu beschwichtigen und versicherte, man werde die Arbeitslosenquote über die nächsten Monate unter 4.5 Prozent halten. Sollte das nicht gelingen, wäre die Rezessionspanik schnell wieder zurück im breiten Markt – und mit ihr wohl kräftige Abverkäufe.

Meistens erreichte der Bitcoin (weiß) sein Zyklus-Top kurz vor dem Top der globalen Geldmenge (gelb). Hohe Zinsen (violett) reduzieren die weltweite Liquidität, niedrige erhöhen sie.

Und dann ist da natürlich noch die geopolitische Krise in Nahost, bei der die Vereinigten Staaten als wichtiger Verbündeter Israels fleißig mitmischen. Als wichtiges Mitglied der OPEC könnte der Iran nach den israelischen Angriffen auf seine Verbündeten Sanktionen gegen den Westen in Form von Öl-Embargos fordern. Eine sehr ähnliche Situation führte in den 1970er Jahren zur Ölkrise und einer der schwersten Rezessionen der Nachkriegszeit. Auch dieses Damoklesschwert schwebt also über den Aktienmärkten. Sollte man also schleunigst alle Aktien abstoßen, das Risiko minimieren und auf historisch krisenfeste Assets wie Gold umsteigen? Eine endgültige Antwort auf diese Frage wird erst die Zukunft geben, schließlich kann niemand hellsehen. Dennoch könnte es sein, dass man durch eine sofortige und strikte Abkehr von Risiko-Assets in nächster Zeit große Gewinne verpasst. Denn aktuell halten sich Rezessions-Signale mit Anzeichen für eine mittelfristig starke Wertentwicklung in Risiko-Assets nahezu die Waage. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass besonders Bitcoin und der Kryptomarkt sehr stark mit der global zirkulierenden Geldmenge korrelieren: Je mehr Geld im Umlauf ist und je mehr Liquidität Anleger zur Verfügung haben, desto stärker die Preisentwicklung bei Risiko-Assets.

… oder bekommen Sie FOMO, wenn die Kurse steigen?

Aktuell sind die Tore für frische Liquidität auf den Finanzmärkten so weit offen wie kaum einmal in den letzten Jahren. Die Fed hat begonnen, ihre Zinsen wieder zu senken und dürfte damit auch vorerst weitermachen. Die chinesische Regierung hat ein milliardenschweres Stimulus-Paket angekündigt, woraufhin die Börsenkurse im Reich der Mitte bereits rekordverdächtig explodierten. Früher oder später wird dieses Geld auch in den Westen überschwappen und dürfte Bitcoin und Aktien Aufwind verleihen – sofern ein rezessiver oder geopolitischer Schock ausbleibt. Grund zur Hoffnung gibt auch die kurz bevorstehende Präsidentschaftswahl in den USA, die am 5. November stattfindet. In Wahljahren ist der Herbst bis zur Wahl meist von Unsicherheit und zähen Seitwärtsbewegungen in den Kursen geprägt. Nach der Wahl ging es historisch aber in den allermeisten Fällen deutlich bergauf.

Im durchschnittlichen Wahljahr sind Sommer und Herbst an den Börsen eher zäh bis negativ, nach der Wahl steigen die Kurse für gewöhnlich stark an.

Diese Regelmäßigkeit fällt zudem mit der Saisonalität des Bitcoin zusammen: In der Regel bringt das vierte Quartal für die Krypto-Leitwährung die stärksten Kurszuwächse. Wenn der Bitcoin steigt, ziehen auch andere Kryptowährungen nach. Beste Voraussetzungen also an der Risiko-Front? Schwache Wirtschaft, aber Zinskürzungen. Geopolitischer Druck aus Nahost, aber frische Liquidität. Rezessions-Signale, aber Hoffnung auf historisch positive Muster nach der Präsidentschaftswahl. Die Makro-Lage sendet gemischte Signale an den Finanzmarkt und seine Anleger. Und wenn es etwas gibt, was die Börse nicht leiden kann, dann ist es Unsicherheit. Oft sind schlechte Nachrichten mittelfristig besser als gar keine – einfach, damit der Markt weiß, woran er ist und seine Erwartungen effizient einpreisen kann.

Wissen die Anleger nicht, woran sie sind, gibt es erhöhte Volatilität und die Tendenz zeigt eher abwärts, der Mensch macht sich nun mal gerne Sorgen auf Vorrat und übertreibt dabei meistens. Ob man gerade jetzt ins Risiko gehen will, um gegen die allgemeine Markt-Emotion zu handeln (was sich in der Vergangenheit oft als der profitabelste Weg erwies) oder das Portfolio doch lieber gegen unvorhergesehen Rezessions-Schocks absichert, ist zum aktuellen Zeitpunkt eine Glaubensfrage. Was halten Sie für wahrscheinlicher, welche Faktoren wiegen für Sie stärker? Schlafen Sie besser mit geringerem Risiko? Oder warten Sie nur auf niedrigere Preise und werden von der FOMO gepackt, wenn es wieder aufwärts geht? Diese Frage muss jeder für sich selbst beantworten. Fakten kann man sich in den Medien holen. Entscheidungen muss man selbst treffen. Und das ist aktuell nicht so leicht.

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Simeon Koch

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