„Ist das nicht eine Art Fangen-Spielen mit der schwachen Wirtschaft, was Sie da machen?“, fragte ein Journalist am Mittwochabend den Fed-Vorsitzenden Jerome Powell auf der Pressekonferenz nach dem Zinsentscheid. Powell räusperte sich und blickte den Korrespondenten mit versteinerter Miene an. Natürlich war der Chef der nordamerikanischen Zentralbank Federal Reserve auf diese Frage vorbereitet. Nichts anderes war zu erwarten, nachdem die Fed ihre Leitzinsen überraschend stark um 50 Basispunkte gesenkt hatte. Und doch veränderte sich die Stimmung im Saal, als nach einigen harmlosen Kommentaren endlich die drängendste Sorge aller Anwesenden ausgesprochen wurde: Hat die Fed zu lang gezögert mit der Lockerung ihrer Geldpolitik? Versucht sie nun durch überhastete Zinsentscheidungen, mit der rollenden Rezession Schritt zu halten? „Wir denken nicht, dass wir ins Hintertreffen geraten sind, wir sind früh genug dran“, erwiderte Jerome Powell trotzig, fügte mit Blick auf die Inflation aber hinzu: „Wir sind ehrlicherweise weit davon entfernt zu sagen: Mission erfüllt.“
Die vergangenen Wochen waren nervenaufreibend für den 71-jährigen Powell, der seit 2017 die Geschicke der Notenbank leitet. Anfang August gerieten die internationalen Finanzmärkte in Schieflage, als nach einer historischen Zinserhöhung der japanischen Nationalbank Angst vor einer möglichen Krise an den Aktien- und Kryptomärkten aufflammte. Bis dahin hatte es eigentlich ganz gut ausgesehen an den Märkten in den USA, die großen Indizes um S&P500 und Nasdaq konnten das Sommerloch für neue Allzeithöchststände nutzen, während Kryptowährungen eine harte Korrektur durchliefen. Im August schien aber plötzlich alles zusammenzukommen: Die Yen-Panik erschütterte die Märkte, schlechte Arbeitsmarktdaten aus den Vereinigten Staaten deuteten plötzlich auf eine akute Rezession hin und nordamerikanische Wirtschaftsweise forderten eine Not-Zinssenkung der Federal Reserve, um die taumelnde Wirtschaft aufzufangen. Jerome Powell und sein Komitee ließen sich aber nicht beirren und hielten an ihrer zurückhaltenden Marschrichtung fest – obwohl die Fed in der Öffentlichkeit immer öfter zu hören bekam, sie würde die Zinswende verpennen.
Ist die Fed zu spät dran?
Besorgniserregend waren vor allem die Beschäftigungszahlen in den USA, die Mitte des Jahres noch ganz passabel aussahen, dann aber sukzessive von der Regierung nach unten korrigiert wurden. So kam nach und nach ans Licht, dass zwischen März 2023 und dem letzten Frühling gut 800 000 Stellen weniger geschaffen wurden als zunächst bekanntgegeben. Die klare Botschaft: Der Arbeitsmarkt ist deutlich schwächer als zunächst angenommen. Der erste Reflex vieler Marktbeobachter war bei Bekanntwerden dieser Diskrepanz Ende August, nach einer Zinssenkung durch die Federal Reserve zu rufen, um die Wirtschaft zu stimulieren und damit auch den Arbeitsmarkt zu entspannen. Schließlich gilt eine sprunghaft steigende Arbeitslosigkeit als einer der wichtigsten Indikatoren für eine akute Rezession. Und auch bei Jerome Powells Pressekonferenz am vergangenen Mittwoch kam die Sprache schnell auf den Arbeitsmarkt. Schließlich hat die Fed eigentlich “nur” zwei zentrale Aufgaben: Einerseits muss die Notenbank darauf achten, die Inflation auf gesundem Niveau zu halten. Andererseits ist sie dafür verantwortlich, die Wirtschaft auf Wachstumskurs zu halten.
Das wichtigste Instrument, das die Fed für diese beiden Zwecke hat, ist ihr Leitzins. Dummerweise reagieren beide Zielsetzungen jeweils entgegengesetzt auf Veränderungen in der Zinspolitik. Hohe Zinsen drücken die Inflation, drehen der Wirtschaft aber den Geldhahn ab, was zu Sparprogrammen bei großen Unternehmen und Entlassungen führt. Niedrige Zinsen begünstigen Investitionen, neue Jobs und damit einen starken Arbeitsmarkt – befeuern aber durch billiges Geld auch wieder die Inflation. Über die letzten Monate befand sich Jerome Powell also im Zwiespalt zwischen hohen Zinsen und Rezessionsgefahr auf der einen sowie einer raschen Zinssenkung und dadurch womöglich zurückkehrender Rekord-Inflation auf der anderen Seite. Und genau deshalb war es auch nicht überraschend, dass sich auf der Pressekonferenz am Mittwoch alles um genau diese Frage drehen würde: Ist die Fed zu spät dran? Und wenn nicht – warum kürzt sie ihren Leitzins dann gleich um zwei Zinsschritte, also um 50 Basispunkte? Schließlich wäre eine derart starke Zinssenkung vor einigen Wochen noch als Eingeständnis vergangener Versäumnisse und unmittelbarer Rezessionsgefahr interpretiert worden. Ohne Not würde die Fed diese Panik wohl kaum riskieren.
Powell beruhigt, Bitcoin und Aktien pumpen
„Wir haben diesen deutlichen Start mit zwei Zinsschritten hingelegt, um unsere Zuversicht zu demonstrieren. Unsere Zuversicht, dass die Inflation bald und nachhaltig auf die 2-Prozent-Marke zurückgeht“, erklärte Powell die überraschende Zinssenkung um 50 Basispunkte. „Der Arbeitsmarkt ist in einem soliden Zustand. Unser Ziel ist, ihn stabil zu halten“, fügte er an. Auch die allgemeine Wirtschaft sei „in guter Form. Sie wächst in gesunder Geschwindigkeit, die Inflation sinkt und auch der Arbeitsmarkt ist widerstandsfähig. Das möchten wir aufrechterhalten“, konstatierte Powell bestimmt. Die überraschend deutliche Zinssenkung könne also „als Zeichen unserer Entschlossenheit verstanden werden, auch künftig nicht in Rückstand zur wirtschaftlichen Entwicklung zu geraten.“ Mindestens so überraschend, wie die Zinssenkung um 50 Basispunkte, war die überaus positive Reaktion der Anleger auf Jerome Powells Statement. Der S&P500 erklomm bis zum Wochenende neue Rekordstände, im Kryptomarkt machte der Bitcoin einigen Boden gut, während gleich mehrere große Altcoins deutlich zweistellige Gewinne verzeichneten.
Begründet lag diese Euphorie wohl vor allem im plötzlichen Wechsel der breiten Erwartung kurz vor dem Zinsentscheid. Hatten Analysten noch vor wenigen Wochen alles andere als eine Zinssenkung um einen Zinsschritt (25 Basispunkte) für so gut wie ausgeschlossen gehalten, so drehte sich der mediale Diskurs Anfang vergangener Woche plötzlich fast nur noch um die schließlich eingetretenen 50 Basispunkte. In seiner Rede verstand Powell es, die drängendsten Rezessionssorgen erstmal zu entkräften. Dazu versicherte er, die Arbeitslosenquote von aktuell 4.2 Prozent nicht über 4.4 Prozent ausbrechen zu lassen, was einen größeren wirtschaftlichen Abschwung zumindest deutlich hinauszögern würde. Die zuletzt niedrige Inflation sei so gut wie unter Kontrolle, auch wenn „wir weit davon entfernt sind zu sagen: Mission erfüllt“, wie Powell eingestand. Für Risiko-Anlagen wie Bitcoin und Aktien bricht mit der ersten Zinssenkung eine neue Phase der geldpolitischen Lockerung an, die für gesteigerte Risikofreude im Markt sorgen dürfte. So schnell wie vor dem letzten Bitcoin-Bullenmarkt 2021 will die Fed ihren Leitzins diesmal also nicht kürzen, als mittelfristiges Ziel setzt das Komitee ein Zinsniveau von drei Prozent im Jahr 2026. „Wir treffen unsere Entscheidung mit der Zeit und richten uns nach der Entwicklung der Wirtschaftsdaten. Wenn nötig, können wir beschleunigen, verlangsamen oder auch pausieren“, resümierte Powell am Mittwoch.


Plötzliche Anstiege der Arbeitslosigkeit signalisierten in den letzten 50 Jahren zuverlässig eine Rezession. Jerome Powell will die aktuelle Rate vorerst halten.
Doch keine Rezession? Die Fed erwartet ein konstantes BIP-Wachstum (GDP) von zwei Prozent, die Arbeitslosenrate (Unemployment) soll unter 4.4 Prozent bleiben.

