Zinssenkung aus Sicht der Spieltheorie: Was macht die Fed – und was passiert dann?
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Zinssenkung aus Sicht der Spieltheorie: Was macht die Fed – und was passiert dann?

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Simeon Koch

Was für eine Achterbahn. Im Frühling rechnete der breite Markt mit mindestens sechs Zinssenkungen im aktuellen Jahr. Jerome Powell aber vertröstete die gespannte Börsenwelt monatelang. Einmal war es der solide Arbeitsmarkt, ein anderes Mal die starken Börsenkurse, dann wieder die hartnäckige Inflation – immer wieder fanden die Währungshüter Gründe, die Geldpolitik nicht zu lockern. Im Frühsommer kursierten erste Gerüchte, dass die nordamerikanische Zentralbank ihre Zinsen im aktuellen Kalenderjahr gar nicht antasten würde. Bleierne Enttäuschung legte sich auf die ohnehin im Sommer lethargische Börse. Dann aber kam der August und mit ihm die globale Panik um billionenschwere Transfergeschäfte mit der japanischen Währung Yen, die auf einmal den gesamten Aktienmarkt zu bedrohen schienen. In rekordverdächtigem Tempo rauschten Bitcoin und Top-Aktien ab, erfahrene Ökonomen forderten lauthals eine Not-Zinssenkung, um den rezessiven Crash zu verhindern. Die Fed aber hielt sich bedeckt. Heute dürfte das Warten endlich ein Ende haben: Der Markt rechnet mit der ersten Zinskürzung seit zwei Jahren. Wie hoch sie ausfällt, ist unklar. Diese Entscheidung aber wird für die nähere Zukunft von Aktien und Kryptowährungen eine wichtige Rolle spielen. Wir spielen die möglichen Szenarien durch: Was könnte die Fed heute verkünden – und was passiert dann?

Szenario 1: Die Fed senkt um einen Zinsschritt

Noch vor einem Monat war sich der Markt mehrheitlich sicher. Gut, die Not-Zinssenkung hatte Jerome Powell nicht aus dem Ärmel geschüttelt. Aber eine Kürzung im September zweifelte kaum noch jemand an. Als sich die Aktienmärkte nach dem Absturz vom 5. August fulminant erholten, glätteten sich die Wogen der Rezessions-Angst. Und auch die Fed schlug leise Töne an. Man werde abwarten und die Zins-Entscheidung von den kommenden Wirtschaftsdaten abhängig machen, erklärte Powell bestimmt. Eine Senkung im September sei aber durchaus im Bereich des Möglichen. Im Markt lösten diese Aussagen dreierlei aus: Euphorie über die nahende Lockerung der Geldpolitik, Sorgen vor einer durch die Zinswende bestätigten Rezession – und Rätselraten über die Strategie der Federal Reserve. Die Meinung im breiten Markt war damals fast einhellig: Die Fed würde nichts überstürzen und nur einen Zinsschritt (25 Basispunkte, 0.25 Prozent) wagen, schließlich würden zwei Schritte, also eine Senkung um 50 Basispunkte (0.5 Prozent) zu sehr nach Notfall-Reaktion auf einen drohenden Abschwung riechen.

Laut FedWatch-Tool fiel die Wahrscheinlichkeit für einen Zinsschritt (rechts) von 75 auf 35 Prozent. Die Chancen für zwei Zinsschritte (links) stiegen von 25 auf 65 Prozent.

Entsprechend gestalteten sich die Prognosen des bekannten FedWatch-Barometers der Chicagoer Optionsbörse CME. Dieses Barometer bildet die Erwartungen des breiten Marktes zu künftigen Entwicklungen der Fed-Zinspolitik ab und zeigte Mitte August ein eindeutiges Ergebnis: 75 Prozent der evaluierten Marktteilnehmer gingen vor vier Wochen von einer Zinssenkung um 25 Basispunkte aus, lediglich jeder Vierte glaubte an zwei Zinsschritte. Diese Metrik aber wurde innerhalb der letzten vier Wochen auf den Kopf gestellt: Mittlerweile liegt die Erwartung eines Zinsschritts bei nur noch 35 Prozent, zwei Zinsschritte bekommen hingegen 65 Prozent. Anders als noch Mitte August würde eine Zinssenkung um 25 Basispunkte (ein Zinsschritt) mittlerweile also der Mehrheits-Prognose widersprechen. Und der Markt reagiert meistens mit heftiger Volatilität, wenn seine Erwartungen verfehlt werden. Geht die Fed nur einen Zinsschritt, würde das für gemischte Gefühle sorgen: Einerseits würde die Zurückhaltung der Notenbank die Rezessionsängste beruhigen, andererseits würden Befürchtungen laut, die Fed könnte der Wirtschaft durch zu langsame Lockerung der Geldpolitik nachhaltig schaden.

Szenario 2: Die Fed senkt um zwei Zinsschritte

Sollte die Fed heute nur einen Zinsschritt hinab gehen, würde das also zu gemischten Gefühlen und voraussichtlich zu starker Volatilität am Markt führen. Anleger wären verunsichert und die Kurse könnten sich vorerst wohl für keine klare Richtung entscheiden. Ähnlich dürfte es verlaufen, wenn die sich Fed für eine Senkung um zwei Zinsschritte, also 50 Basispunkte, entscheidet – aus emotionaler Sicht nur umgekehrt. Dann nämlich würde die Fed von Jerome Powells zurückhaltendem Pfad abweichen und signalisieren, dass sie dazu bereit ist, den Zinszyklus flexibel zu beschleunigen. Dadurch käme ein weiterer Unsicherheits-Faktor auf den Markt zu. Einerseits wären Anleger hin- und hergerissen vor der Euphorie über schneller gelockerte Geldpolitik und die damit verbundenen Aussichten auf steigende Kurse bei Risiko-Assets. Andererseits würde eine raschere Kürzung der Zinsen als erwartet die Angst vor einer heftiger zurückkehrenden Inflation befeuern. Und zu guter Letzt würde auch die Glaubwürdigkeit des Fed-Vorsitzenden Jerome Powell unter einer Zinssenkung um 50 Basispunkte (zwei Zinsschritte) leiden.

Die US-Inflation ist im Jahresvergleich rückläufig, die Kerninflation (orange) erweist sich aber als hartnäckig. Eine zu frühe Zinssenkung könnte sie wieder befeuern.

Denn es war Powell, der monatelang vertröstete und auf solide Wirtschaftsdaten hinwies. Es war Powell, der im Frühjahr und Sommer argumentierte, dass eine Zinssenkung noch nicht nötig sei und man auf eine weiche Landung hinsteuere. Und es war ebenfalls Powell, der bis vor wenigen Wochen stoisch bei seiner Meinung blieb, ein langsamer Zinskürzungs-Zyklus sei das Beste für die nordamerikanische Wirtschaft. Zwar hat der Fed-Chef nie seine persönliche Präferenz für die Höhe der angestrebten Zinskürzung kundgetan. Dennoch konnte man seinen Aussagen entnehmen, dass er im September – wenn überhaupt – gerne um nur einen Zinsschritt kürzen würde. Nicht umsonst mahnte Powell mit Verweis auf die nach wie vor hartnäckige Kerninflation zur Geduld. Eine plötzliche Zinssenkung um 50 Basispunkte (zwei Zinsschritte) würde nicht in dieses Bild passen und die Glaubwürdigkeit von Powell, dem öffentlichen Gesicht der Fed, schaden. Wenn Powell plötzlich von seinem zurückhaltenden Zinskurs abweicht – wieviel sind seine vorherigen Bekenntnisse dann noch wert? Eine Kürzung um zwei Zinsschritte würde die Märkte stärker verunsichern als die Enttäuschung über nur einen Zinsschritt.

Szenario 3: Die Fed senkt gar nicht – oder um drei Schritte

Gar keine Kürzung oder eine um 75 Basispunkte (drei Zinsschritte) und mehr – sind diese Szenarien überhaupt realistisch? Glaubt man dem CME-Fedwatch Tool, eindeutig nein. Völlig auszuschließen sind diese Extreme dennoch nicht, denn beide haben mächtige Fürsprecher. Schon vor einigen Tagen warnte etwa der Republikanische Präsidentschaftskandidat Donald Trump die Fed davor, die Zinsen überhaupt zu senken. Trump forderte, den Zinssatz bis zur Wahl unangetastet zu lassen. Implizit dürfte dabei die Unterstellung mitschwingen, dass die amtierenden Demokraten Börsenkurse und Wirtschaft vor der Wahl im November aufhübschen wollten, um die Chancen ihrer Kandidatin Kamala Harris zu erhöhen. Innerhalb seiner Partei stieß Trump mit der Forderung, die Zinsen überhaupt nicht zu kürzen, aber auf wenig Gegenliebe. Der Republikanische Senator John Kennedy etwa sagte: „Es ist Zeit, die Zinsen zu kürzen“, und fügte an: „Unsere Wirtschaft – vor allem der Arbeitsmarkt – verschlechtert sich sehr, sehr, sehr schnell”. Auch der demokratische Abgeordnete Dan Meuser, der als großer Trump-Unterstützer im Swing State Pennsylvania gilt, sagte: „Es ist die richtige Zeit für eine Zinssenkung. Wir müssen das große Ganze über politische Kampagnen stellen“.

In einem offenen Brief forderten Senatorin Elisabeth Warren und zwei Amtskollegen die Fed auf, den Leitzins um 75 Basispunkte (drei Schritte) zu senken.

Wenig überraschend bekommt Trump auch von der anderen Seite des politischen Spektrums Gegenwind – und wie: Gestern veröffentlichte die Demokratische Senatorin Elizabeth Warren, die als Rechts- und Wirtschaftsexpertin gilt, einen offenen Brief mit der Forderung, den aktuellen Leitzins um 75 Basispunkte (drei Zinsschritte) zu senken. Laut Warren habe Jerome Powell durch sein Zaudern in den vergangenen Monaten „die Wirtschaft in Gefahr gebracht und die Fed zurückgeworfen“. Ohne größere Zinssenkungen riskiere die Fed „eine weitere Abkühlung des Arbeitsmarktes“ und damit „ein Abgleiten in eine potenzielle Krise“. Durch die starke Wirtschaft und den schwachen Arbeitsmarkt seien drastische Schritte wie eine so hohe Zinskürzung gerechtfertigt, resümierte Warren. Ob Trumps und Warrens Forderungen nun sinnvoll sind oder nicht – sollte die Fed ihren Leitzins tatsächlich gar nicht oder gleich um drei Schritte senken, wären die Auswirkungen auf den Markt in beiden Fällen wohl nahezu identisch. Beide Szenarien wären ein absoluter Schock und könnten die Aktien- und Kryptomärkte aus der Bahn werfen. Genau deshalb sind beide Komponenten dieses dritten Szenarios sehr unwahrscheinlich. Jetzt aber heißt es erstmal abwarten. Denn was heute Abend passiert, wissen am Ende nur Jerome Powell und sein Fed-Komitee.

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