Blanke Panik: Woher kommt der Crash bei Aktien und Bitcoin?
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Blanke Panik: Woher kommt der Crash bei Aktien und Bitcoin?

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Simeon Koch

Der Weltuntergang ist da – danach zumindest sieht es an den globalen Finanzmärkten gerade aus: Ende letzter Woche signalisierte einer der historisch treffsichersten Indikatoren eine akute Rezession. Prompt tätigte Warren Buffett den größten Aktien-Verkauf in der Geschichte seiner Berkshire Hathaway und befeuerte damit die Angst, dass die Zinssenkungen der nordamerikanischen Zentralbank zu spät kommen und Insider schon mit einem dramatischen Abschwung rechnen. Übers Wochenende knickte dann der japanische Aktienmarkt ein, eine plötzliche Zinserhöhung auf Yen-Kredite führte außerdem zu internationaler Verkaufspanik. Und als wäre das alles nicht schon genug, scheint der Nahe Osten vor einer geopolitischen Eskalation, in die auch die Vereinigten Staaten hineingezogen werden könnten. Top-Aktien rauschten in den vergangenen Tagen teils um Dutzende Prozent ins Minus, der Bitcoin verkaufte allein in den letzten 24 Stunden um zwischenzeitlich fast 20 Prozent ab und Ethereum erlebte den höchsten Tagesverlust seit mehr als drei Jahren. Schlimmer kann es also kaum kommen – und das könnte ein ziemlich gutes Zeichen sein. Zuerst aber muss man verstehen, was eigentlich los ist. Woher also kommt die ganze Panik? Und ist die Lage so hoffnungslos, wie sie scheint?

Schlechtes Fed-Timing: Rezession bestätigt?

Mitte letzter Woche trat Jerome Powell, Vorsitzender der nordamerikanischen Zentralbank Federal Reserve (Fed) vor die Presse und erklärte, dass man die Leitzinsen auch bei dieser Sitzung nicht senke. Allerdings sei eine Lockerung der Geldpolitik schon im September möglich – vorausgesetzt, die wirtschaftlichen Daten entwickeln sich weiter in die richtige Richtung. Um seinen Standpunkt zu untermauern, verwies Powell auf sinkende Inflation, gesundes Wirtschaftswachstum und niedrige Arbeitslosigkeit. Ausgerechnet diese Argumentation für die weiterhin restriktive Marschrichtung der Fed fiel wenige Stunden später wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Kurz vor dem Wochenende veröffentlichte die Regierung der Vereinigten Staaten deutlich höhere Arbeitslosenzahlen als erwartet, ein damit zusammenhängender Indikator signalisierte plötzlich: Rezession! Dabei handelt es sich um die sogenannte Sahm Rule, entwickelt von einer Wirtschaftswissenschaftlerin und ehemaligen Beraterin der Federal Reserve. Laut diesem Indikator rutscht ein Land in den wirtschaftlichen Abschwung, wenn der dreimonatige Durchschnitt der Arbeitslosenrate um mehr als einen halben Prozentpunkt über den Tiefpunkt der letzten zwölf Monate steigt. Und genau das ist in den Vereinigten Staaten jetzt passiert.

Die Sahm Rule seit 1970: Die letzten beiden Tops markierten die Dot-Com-Bubble und die Weltwirtschaftskrise 2008. Vor wenigen Tagen schlug der Index wieder aus.

Für weitere Verunsicherung sorgte eine Zinserhöhung der japanischen Zentralbank auf Yen-Kredite. Zuvor konnte die japanische Währung jahrzehntelang praktisch zum Nulltarif ausgeliehen werden. Internationale Investoren borgten also Geld bei der japanischen Zentralbank und veranlagten es auf den internationalen Finanzmärkten. Yen zu leihen, war quasi kostenlos und damit auch die Rendite, die man mit diesem natürlichen Hebel auf dem Finanzmarkt erzielte. Die Hintergründe dieser Yen-Flut auf dem internationalen Markt erklären wir bald in einem Folgeartikel. Für den Moment reicht die einfache Erklärung der aktuell sichtbaren Konsequenzen: Als Japan die Zinsen auf geliehene Yen vor wenigen Tagen erhöhte, erwischte das viele Investoren auf dem falschen Fuß. Plötzlich waren ihre Kredite nicht mehr zinsfrei, die Gewinne der damit eingegangenen Investitionen wurden deutlich geschmälert oder sogar ins Minus verkehrt. Die logische Reaktion ist in diesem Fall für viele große Investoren, ihre geliehenen Yen so schnell wie möglich zurückzuzahlen, um durch die gestiegenen Zinsen keine Verluste zu erleiden. Um die geliehenen Yen aber zurückzahlen zu können, muss man zunächst die damit gekauften Assets liquidieren – und das geschah dann auch.

Bitcoin bricht ein: Wie lange hält die Panik an?

Ob die nordamerikanischen Indizes und die größten Aktien der globalen Börsen vom tatsächlichen Yen-Verkaufsdruck oder eher von der darum entfachten Panik nach unten gezogen werden, lässt sich nicht vollends klären. Letztlich spielt es aber keine Rolle, entscheidend ist lediglich das Resultat. Und das sieht aktuell so düster aus wie seit Jahren nicht mehr. Mehr als zwölf Prozent verlor der japanische Index Nikkei in den letzten Handelsstunden und verzeichnete damit den verheerendsten Abverkauf seiner Geschichte. In Südkorea wurde heute nach einem deutlichen Rücksetzer zum Börsenstart der Handel mit dem Leitindex KOSPI ausgesetzt. Noch heftiger traf es Risiko-Anlagen, allen voran den Krypto-Markt: Seit Sonntagfrüh verlor der Bitcoin fast 20 Prozent an Wert, bei Ethereum waren es in der Spitze gute 27 Prozent und damit der heftigste Abverkauf innerhalb eines Tages seit Mai 2021. Der Fear-and-Greed-Index für die dominante Emotion am Markt ist in tiefe Angst gerutscht, über Nacht wurden Trading-Positionen im rekordverdächtigen Wert von $1 Milliarde aus dem Markt gewischt. Ein Teil des heftigen Abgabedrucks dürfte auch auf die Trading-Firma Jump Crypto zurückzuführen sein, die in den letzten zwei Wochen Ethereum-Bestände im Gesamtwert von $300 Millionen liquidiert haben soll. Jump ist einer der wichtigsten Market Maker der Kryptobranche, laut Gerüchten könnte sich der Fonds vollständig aus dem Markt zurückziehen.

Die Lage ist also mehr als düster und könnte kaum schlimmer sein – genau das aber könnte auf eine baldige Erholung hindeuten. Allgemein bekannt ist das Börsensprichwort, nach dem man kaufen soll, wenn das Blut in den Straßen liegt – selbst, wenn es das eigene ist. Und so blutige Straßen wie aktuell durchzogen die internationalen Finanzmärkte schon lange nicht mehr. Die Zuspitzung der wirtschaftlichen Situation könnte die Federal Reserve dazu zwingen, die Zinsen notgedrungen schon früher und schneller zu senken als ursprünglich geplant. Das würde bewirken, worauf die Märkte seit Monaten warten: Eine kräftige Liquiditätsspritze, die Risiko-Assets mittelfristig beflügeln könnte. Der Markt scheint die hohe Wahrscheinlichkeit einer Rezession bereits einzupreisen, die Anleger gehen mit Blick auf die Kriegsgefahr zwischen dem Iran und Israel vom Schlimmsten aus. Und auch der Rezessionsindikator der Sahm Rule muss kritisch hinterfragt werden. Veröffentlicht wurde diese Metrik 2019 auf Basis historischer Rezessionen – erfolgreich vorhergesagt hat sie einen Makro-Abschwung also noch nicht. Das letzte Mal stand der Indikator während des Corona-Crashes auf Rezession. Und was danach passierte, ist bekannt. Hält die Panik also an oder gibt es eine rasche Erholung? Wichtige Aufschlüsse wird die Marktöffnung in den USA heute Nachmittag bringen. Bis dahin sollte die erste Welle der Angst erstmal abklingen.

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Simeon Koch

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