Ethereum vor Allzeithoch: Warum die Altcoin-Season (noch) nicht kommt
#Kryptowährungen

Ethereum vor Allzeithoch: Warum die Altcoin-Season (noch) nicht kommt

Author

Simeon Koch

Kein Zweifel, die große Krypto-Bühne gehört gerade dem Altcoin-Marktführer Ethereum. ETH performt seit Mitte Juli nicht nur stärker als Bitcoin, sondern lässt den Branchenprimus auch beim Handelsvolumen an großen zentralisierten Kryptobörsen hinter sich. Dabei dominiert Ethereum nicht nur im Kryptomarkt das Geschehen; auch an den traditionellen Börsen erfreut sich der Smart-Contract-Marktführer historischer Beliebtheit. Zum ersten Mal seit der Zulassung vor rund 15 Monaten verzeichneten die US-amerikanischen Spot-ETFs für Ethereum kürzlich einen Tages-Zufluss von einer Milliarde US-Dollar. Zum Vergleich: Der Tagesrekord der Bitcoin-ETFs liegt bei rund 1.4 Milliarden, obwohl BTC nach Marktkapitalisierung fast fünfmal so groß ist wie Ethereum.


Ethereum hat die bullische Trendwende im Verhältnis zu Bitcoin geschafft. RSI und MACD zeigen bullische Ausbrüche, der Kurs aber steht an einem wichtigen Widerstand.
Gleichzeitig geht das institutionelle Ethereum-Rennen weiter. Treasury Companies, die ETH-Käufe nach dem Bitcoin-Vorbild von MicroStrategy zu ihrem Geschäftsmodell machen, schießen aus dem Boden. Gestern kündigte Bitmine, der größte institutionelle Halter mit gut einer Million Ethereum (aktueller Gesamtwert: gut fünf Milliarden Dollar) an, weitere 20 Milliarden Dollar zu investieren – derzeit fast 4.5 Millionen ETH. Zum Vergleich: Aktuell existieren rund 120 Millionen ETH. Und sogar Peter Thiel, das Milliarden-Mastermind hinter PayPal und Palantir, investiert in ETH-Firmen. Während die ETH-Euphorie neue Höhen erreicht, kann der Rest des Altcoin-Sektors jedoch kaum mithalten. Und das hat gute Gründe. Könnte es sein, dass die Altcoin-Season diesmal ausfällt?

Warum Ethereum so stark ist – und der Rest so schwach

Im Kryptomarkt ist eine Wachablöse zu beobachten. Mit einer Rallye von rund 50 Prozent in den letzten vier Wochen hat Ethereum nach Jahren der Schwäche einen Trendwechsel im Bitcoin-Handelspaar geschafft. Gleichzeitig zeigen sich auch am breiten Finanzmarkt erste Ansätze einer emotionalen Kehrtwende: Standen seit 2022 eher defensive Assets wie Gold hoch im Kurs, so verschiebt sich der Fokus der Anleger zusehends in Richtung risikoreicher Anlageklassen wie Kryptowährungen. Zu beobachten ist diese Tendenz auch in den Charts: Nahezu simultan zu Ethereums Bodenbildung im Bitcoin-Paar verlor Gold den parabolen Trend der letzten Jahre.


Gold hat seinen parabolen Mehrjahrestrend verloren, Ethereum den gespiegelten Abverkauf beendet. Langsam, aber sicher kommt die Risikofreude zurück.
Die Risikobereitschaft kehrt aber nur langsam zurück. Zu beängstigend waren die vergangenen Monate. Angefangen mit Trumps Strafzöllen, die die Krypto-Euphorie nach seiner Wiederwahl jäh beendeten, über geopolitische Spannungen in Nahost bis hin zur hartnäckig straffen Geldpolitik der Fed: Nach einem so harten halben Jahr braucht der Markt erstmal wieder etwas Zeit, um Zuversicht zu schöpfen. Wie fragil der Optimismus derzeit noch ist, zeigt sich bei jedem kleinen Bitcoin-Anstieg. Kaum ist ein neues Allzeithoch erreicht, wird allenthalben das finale Zyklustop ausgerufen und vor dem nächsten Bärenmarkt gewarnt. Das ist aber nicht die Stimmung, die normalerweise ein Zyklustop signalisiert.

Die menschliche Psyche ist in ihrer Widersprüchlichkeit durchaus beeindruckend. Vergangene Zyklen haben gezeigt: Ebenso wie Aktien klettert Bitcoin über Monate die Mauer des Zweifels empor, bevor die finale Euphorie-Phase einsetzt. In den ersten Etappen des stetigen Wachstums fürchtet sich der Markt bei jedem kleinen Rücksetzer – zu präsent sind die scharfen Korrekturen des vorangegangenen Bärenmarktes zu diesem Zeitpunkt noch. Sicherheit und Zuversicht machen sich erst breit, wenn die grünen Kerzen immer länger werden. Das passiert aber erst in der finalen Phase des Bullenmarktes, also kurz vor dem finalen Top. Das ergibt zwar eigentlich keinen Sinn, aber die menschliche Psyche funktioniert nun mal so: Der Bullrun endet nicht, wenn alle denken, dass BTC nicht mehr steigen kann. Nein. Der Bullrun endet, wenn alle denken, dass BTC nie mehr fallen kann.


Seit Frühsommer fällt Solana im Vergleich zu Ethereum. In der roten Unterstützungszone könnte eine Trendwende stattfinden. Dann wäre SOL (temporär) wieder stärker.

Betrachtet man den emotionalen Zustand des (Krypto-) Marktes, so liegt der Schluss nahe, dass Bitcoin sich immer noch an der Mauer des Zweifels emporhangelt. Mit der bullischen Trendwende von Ethereum im Verhältnis zu BTC beginnt die Risikofreude zwar langsam wieder zu sprießen, bis zu ihrer vollen Entfaltung dürfte es aber noch dauern. In solchen Übergangsphasen rotiert das Geld von defensiveren Anlagen (wie etwa Gold oder im Kryptomarkt Bitcoin) in etwas volatilere, aber immer noch verhältnismäßig sichere Assets. In der Blockchain-Branche ist der erste Kandidat dafür Ethereum.

Erst, wenn Ethereum mit anhaltend positiver Performance überzeugt, fühlt sich der breite Markt wieder sicher und verschiebt seinen Fokus von der Absicherung (Bitcoin oder Gold) zur Vermehrung des eigenen Kapitals (volatilere Assets wie Altcoins). Deshalb erfolgt die Kapitalrotation in jedem Bullenmarkt von oben nach unten: Erst muss Bitcoin über mehr als zwei Drittel des gesamten Bullruns stark performen, damit nach den brutalen Bärenmärkten überhaupt wieder Kleininvestoren in den Kryptomarkt zurückkehren. Dann muss Ethereum mit anhaltend starker Performance Vertrauen in den noch tiefer gefallenen Altcoin-Markt wiederherstellen. Erst danach kann die notwendige Euphorie für eine Altcoin-Season entstehen.

Warum sich dieser Zyklus so anders anfühlt

Betrachtet man diesen Zyklus unter Berücksichtigung der zeitlichen Abläufe aller vergangenen Bullenmärkte, so entdeckt man gravierende Unterschiede. Diese Unterschiede sind nicht nur charttechnisch nachweisbar, sondern auch spürbar: Quälend langsam scheinen Bitcoin und der gesamte Kryptomarkt in diesem Bullenmarkt nach oben zu kriechen. Und Altcoins geben nach vier Jahren konstanter Kapitulation gegenüber BTC kaum noch Lebenszeichen von sich. Die Gründe dafür liegen in der Makroökonomie. Dieser Kryptozyklus ist in seinem Ablauf und seiner inhärenten Logik nicht anders als vorherige. Er ist einfach nur langsamer.


Seit 2022 strafft die Fed ihre Geldpolitik, die globale Liquidität fiel bis Anfang 2025. Dem Altcoin-Sektor gelang noch kein überzeugender Ausbruch auf neue Allzeithochs.

Ein wichtiger Grund dafür sind die globale Liquidität und die konjunkturelle Entwicklung. Aktuell hält die US-Notenbank Federal Reserve ihre Geldpolitik schon deutlich länger straff als noch im vergangenen Bullrun 2021. Dadurch fiel die globale Liquidität deutlich länger als zuvor, was den Altcoin-Sektor gegenüber Bitcoin ausbluten ließ. Und auch die Konjunktur entwickelte sich zuletzt nicht zugunsten von Risiko-Anlagen. Für gewöhnlich braucht der Markt für den emotionalen Trendwechsel hin zu riskanteren Assets zunächst positive wirtschaftliche Signale. Deshalb korreliert der US-PMI (Einkaufsmanagerindex), der die aktuelle Stimmung im US-Markt abbildet, verblüffend eng mit Bitcoin und Ethereum.


Wegen anhaltender wirtschaftlicher Unsicherheit ist der PMI so lange wie nie in den letzten Zyklen unterhalb der Wachstumsschwelle von 50 Punkten.
Ein weiterer Indikator für die allgemeine wirtschaftliche Stimmung findet sich im Rohstoff-Sektor: In Phasen ökonomischer Euphorie steigt der Kupferpreis in der Regel stark an. Die Logik dahinter: Eine gesunde und wachsende Volkswirtschaft braucht vor allem für Industrie und Technik viel Kupfer. Wird die allgemeine Stimmung positiver, verlieren defensive Assets wie Gold an Momentum, während der Industrie-Allrounder Kupfer Stärke zeigt. In Phasen, in denen der Kupferpreis besser performte als Gold kehrte auch die Euphorie in den Kryptomarkt zurück. Selbst der jüngste Kupfer-Ausbruch Anfang Juli beflügelte Ethereum, bevor das Industriemetall nach einer von Trumps Zollkapriolen einstürzte.


Historische Muster zeigen: Performt Kupfer besser als Gold, ging auch der Kryptomarkt in die finale Bullrun-Phase. Bislang ist von Kupfer-Stärke nicht viel zu sehen.

Wiederholen sich die Muster vergangener Zyklen, so beginnt die finale und explosivste Phase des aktuellen Bullenmarktes erst, wenn sich die konjunkturelle Lage wieder deutlich aufhellt. Das kann schnell passieren, steht derzeit aber noch aus. Die globale Liquidität ist gerade erst aus ihrem jahrelangen Abwärtstrend ausgebrochen, der PMI und das Verhältnis von Kupfer und Gold haben den bullischen Richtungswechsel noch nicht geschafft. Bevor diese Indikatoren überzeugend ins Positive drehen, ist eine Altcoin-Season unwahrscheinlich. Die erwartete Zinskürzung der Federal Reserve im September könnte einen ersten Impuls für einen breiten Stimmungswechsel bringen. Vorerst aber ist bei Altcoins weiterhin Geduld gefragt.

Wann die Altcoin-Season wirklich kommt

Die zyklischen Voraussetzungen für eine Altcoin-Season sind so gut wie seit Jahren nicht mehr – auch, wenn es sich zurzeit nicht so anfühlt. Bitcoin hat sein altes Allzeithoch von 2021 nahezu verdoppelt, die Bitcoin-Dominanz ist in Regionen vorgestoßen, wo in früheren Zyklen Tops ausgebildet wurden. Die makroökonomische Lage deutet auf eine nahende emotionale Trendwende im Markt hin, die starken Ethereum-Anstiege der vergangenen Wochen signalisieren die langsame Rückkehr der Risikofreude. Noch aber könnte es etwas dauern, bis auch kleinere Kryptowährungen ein Stück vom bullischen Kuchen abbekommen. Auch 2017 und 2021 war der August für Bitcoin und Ethereum stark, bevor im September eine scharfe Korrektur kam. Erst danach begann die finale Rallye zum Bullenmarkt-Top.


Top-125 Altcoins vs. ETH: Wenn der Kurs vom grünen Bereich (Total3 performt stärker) in den roten fiel (ETH stärker), kam danach 2017 und 2021 eine Altcoin-Season.
So langsam der Zyklus bisher war, so rasant scheint Ethereum nun seine Etappe der Kapitalrotation zu durchlaufen. Während der Rallye im vierten Quartal 2024 stiegen kleinere Altcoins deutlich stärker als ETH, der Gezeitenwechsel folgte nun aber prompt: Innerhalb weniger Wochen drückte die starke ETH-Performance die Altcoin-Ethereum-Valuation in Richtung der historischen Unterstützungszone (im oberen Chart rot markiert). In früheren Zyklen waren der Test der grünen und anschließend der roten Zone die charttechnische Voraussetzung für eine Altcoin-Season.

Ob sich dieses Muster wiederholt, ist freilich fraglich. Ebenso ist keineswegs gesichert, dass sich die makroökonomischen Indikatoren wie etwa das Kupfer-Gold-Verhältnis, die globale Liquidität oder der US-PMI so entwickeln wie 2021. Die Indizien für eine emotionale Kehrtwende des gesamten Finanzmarktes in Richtung Risiko-Assets verdichten sich aber. Natürlich ist dieser Text keine Empfehlung, irgendein Asset zu kaufen, zu halten oder zu verkaufen. Er soll lediglich historische Muster nachzeichnen und einen spekulativen Blick in die Zukunft wagen. Der Kryptomarkt ist ein hochriskantes Anlageumfeld, wo Totalverluste jederzeit möglich sind. Er ist aber (zumindest längerfristig) nicht unberechenbar, wie die Zyklizität der hier präsentierten Indikatoren zeigt.

Author

Simeon Koch

Schlagzeilen

Es wurde noch keine Einwilligung erteilt.

Du musst zuerst zustimmen, um Inhalte von TradingView zu sehen.