„Ich denke, Jerome Powell ist keine intelligente Person“, sagte Donald Trump bei einer Pressekonferenz kurz vor dem gestrigen Zinsentscheid der US-Notenbank Federal Reserve über ihren Vorsitzenden. „Ich glaube nicht, dass er politisch ist“, setzte Trump fort und schloss konsterniert: „Er hasst mich einfach. Ich habe ihn beleidigt und war nett zu ihm. Nichts hat geholfen. Er ist einfach dumm.“
Kleinanleger (blau) verlassen den Kryptomarkt in Scharen. Das liegt an den Problemen der US-Wirtschaft. Ist für Altcoins jede Hoffnung verloren?
Abgesehen davon, dass man solche Äußerungen bis vor wenigen Monaten niemals von einem US-Präsidenten erwartet hätte, verdeutlichen Trumps Worte die Härte des geldpolitischen Kampfes innerhalb der US-Politik. Trump braucht niedrige Zinsen aus mehreren Gründen. Powell will aber nicht und hat selbst schlagende Argumente. Nach gestern Abend ist klar, dass die US-Geldpolitik straff bleibt. Die aktuell harten Zeiten für Altcoins könnten noch härter werden. Trotzdem gibt es Hoffnung. Historische Charts zeigen: Die Altcoin-Season sollte man noch lange nicht abschreiben.
Den USA droht das Horrorszenario
Die US-Notenbank Federal Reserve hat gestern zum fünften Mal in Folge entschieden, ihren Zinssatz unverändert bei 4.5 Prozent zu belassen. Dieses Niveau gilt nun bereits seit Dezember 2024. Die Gründe für die Vorsicht liegen auf der Hand und werden vom Fed-Vorsitzenden Jerome Powell seit Monaten wie ein Mantra wiederholt: Die US-Wirtschaft läuft Gefahr in das gefährlichste Szenario hineinzulaufen, was sich die nationale Geldpolitik ausmalen kann. Dieses Szenario heißt Stagflation.
Stagflation ist ein Kofferwort, zusammengesetzt auf Stagnation und Inflation. Der Begriff bedeutet, dass verlangsamtes Wirtschaftswachstum auf hartnäckige Inflation und hohe Arbeitslosigkeit trifft. Normalerweise steigt die Inflation in wirtschaftlichen Boom-Phasen, während die Arbeitslosigkeit sinkt. Hohe Produktion und steigende Löhne sorgen dafür, dass die Geldmenge im Umlauf wächst und Preise zulegen. Um diesen Trend abzubremsen, erhöht die Fed in solchen Fällen für gewöhnlich ihren Leitzins, wodurch die Wirtschaft abkühlt und die Inflation fällt.
Die Fed erwartet Stagflation: Laut dem jüngsten FOMC-Bericht sollen Arbeitslosigkeit und Inflationsrate länger als erwartet über dem Zielniveau bleiben. Das BIP (GDP) erholt sich langsamer.
Normalerweise handelt die Fed also antizyklisch: Wenn die Inflation hoch ist, erhöht sie die Zinsen, um die Konjunktur zu drosseln. Idealerweise geht dadurch die Inflation zurück, weil weniger Kredite genommen werden und die Liquidität im Umlauf zurückgeht. Außerdem müssen Unternehmen in Hochzins-Phasen Stellen abbauen, wodurch weniger Löhne ausgezahlt werden und die Kaufkraft der Angestellten sinkt. Wenn die breite Masse weniger Geld zur Verfügung hat, wird weniger gekauft, was Unternehmen dazu zwingt, angesichts der geringen Nachfrage ihre Preise zu senken. Deshalb fällt die Inflation.
Läuft alles glatt, erreicht die Fed ihr Inflationsziel von zwei Prozent, bevor die Arbeitslosigkeit bedenklich ansteigt. Dann kann die US-Notenbank ihre Zinsen wieder kürzen, die Wirtschaft damit stimulieren und den Arbeitsmarkt entspannen. Wenn die Inflation dann infolge des nächsten Booms wieder steigt, werden die Zinsen wieder angehoben und so weiter. So läuft es normalerweise. Allerdings ist in der US-Wirtschaft aktuell nur sehr wenig normal.
Angesichts der schwierigen Situation prognostiziert die Fed hohe Zinsen für einen längeren Zeitraum als ursprünglich gedacht. Für Risiko-Assets wie Altcoins sind das schlechte Nachrichten.
Unerwartete Zölle von Donald Trump, die Nachwehen der hohen Inflation nach der Corona-Pandemie und die Konflikte in der Ukraine und Nahost sorgen für anhaltende Teuerung und verlangsamtes Wirtschaftswachstum. Das Problem an dieser Stagflation: Der Fed sind in diesem Fall die Hände gebunden. Erhöht sie die Zinsen, um die Inflation zu bekämpfen, riskiert sie weitere steile Anstiege der ohnehin hohen Arbeitslosigkeit und damit eine akute Rezession. Wenn sie die Zinsen lockert, um den Arbeitsmarkt und die Wirtschaft zu entlasten, schnellt die Inflation weiter in die Höhe und bedroht die Stabilität des US-Dollars.
Was das mit der Altcoin Season zu tun hat
Als wäre die drohende Stagflation nicht schon genug, entbrennt in der US-Politik ein aggressiver Kampf um die Leitzins-Entscheidungen. Seit Monaten hackt US-Präsident Donald Trump auf Jerome Powell herum und wirft ihm vor, die Zinsen zu langsam zu senken. Dabei verweist Trump auf die Eurozone, die ihre Zinsen seit Mai vergangenen Jahres von 4.5 auf aktuell 2.15 Prozent gesenkt hat. Die USA sind von 5.5 Prozent bisher nur auf 4.5 hinuntergekommen. Dabei stört Trump nicht nur, dass die US-Wirtschaft länger als die Eurozone unter der hohen Zinslast leidet. Dem Präsidenten geht es in seiner Powell-Schelte auch um eine überlebenswichtige Angelegenheit der Vereinigten Staaten – nämlich um die nationalen Schulden.
Die letzten beiden Zyklen zeigen: Bei hohen Leitzinsen gibt’s keine Altcoin-Season (in Türkis: Top-125-Altcoins vs. BTC). Bleibt die Fed hart, leiden kleine Kryptos.
Solange die Leitzinsen hoch sind, bleiben auch die Renditen auf US-Staatsanleihen hoch. Das bedeutet, dass die USA für neue Schulden, die sie regelmäßig über Staatsanleihen-Verkäufe aufnehmen, deutlich mehr Zinsen bezahlen müssen als das bei niedrigen Leitzinsen der Fall wäre. Trump sprach kürzlich von mehreren Milliarden US-Dollar, die sich der amerikanische Steuerzahler sparen würde, wenn Powell endlich die Zinsen senke. Der Fed-Chef denkt aber gar nicht daran, dem Druck von Trump nachzugeben und behält lieber die Inflation im Auge.
Das Kompetenzgerangel an der geldpolitischen Spitze der USA (Trump soll versucht haben, Powell gerichtlich absetzen zu lassen), trägt zur Unsicherheit auf den Finanzmärkten bei, die ohnehin schon Angst vor der erwarteten Stagflation haben. Diese Angst trifft vor allem Risiko-Anlagen wie Altcoins. Die Vergangenheit zeigt, dass Kryptowährungen in Zeiten hoher Zinsen und straffer Geldpolitik kaum Möglichkeiten haben, nachhaltig anzusteigen. Sowohl 2017 als auch 2021 erreichten Altcoins ihre Bullrun-Tops in Phasen verhältnismäßig niedriger Zinsen.
Als die Fed begann, ihr Portfolio aufzustocken (= Liquidität ins System zu geben), startete 2021 die bisher letzte Altcoin-Season. Seitdem wird gestrafft – und Altcoins bluten aus.
Während die Fed ihre Geldpolitik anschließend wieder straffte, stürzten kleine Kryptowährungen jeweils in den Bärenmarkt – und blieben im letzten Zyklus so lange dort, bis es die nächsten nennenswerten Zinssenkungen gab. Aktuell sind die Leitzinsen deutlich höher als zum Höhepunkt der geldpolitischen Straffung vor dem Bullenmarkt 2021. Liquidität für Altcoins ist da kaum verfügbar, weshalb die Preise nun schon seit Monaten ausbluten.
Das zweite große Problem ist, dass die Fed ihr quantitatives Straffungsprogramm (Quantitative Tightening) weiter durchzieht. Um diesen Trend umzukehren und frische Liquidität ins System zu geben, müsste die US-Notenbank die Absenkung ihrer Bilanz zumindest pausieren oder ihr Portfolio im besten Falle aufstocken (Quantitative Easing). Schon vor Monaten machte Powell klar, dass diese Art der geldpolitischen Lockerung jedoch nicht erfolgen werde, bevor die Zinsen wieder auf null gesenkt seien. Glaubt man der Fed-Projektion vom vergangenen Mittwoch, wird das aber nicht vor 2028 der Fall sein, eher deutlich später.
Fällt die Altcoin-Season 2025 ganz aus?
Derzeit sieht es gar nicht gut aus für die Altcoin-Season: Während Bitcoin in Allzeithoch-Bereichen notiert, erreichen viele kleinere Kryptowährungen neue Bärenmarkt-Tiefs. Überraschend ist das nicht, schließlich sind Hochrisiko-Anlagen, zu denen Altcoins zuvorderst zählen, sehr anfällig für Unsicherheit im breiten Finanzmarkt. Um nachhaltige Aufschwünge im Altcoin-Sektor zu erreichen, muss die Masse der Anleger risikofreudig und zuversichtlich sein. Wenn wegen der Erwartung nahender Stagflation die Angst vor einer globalen Rezession wächst, steigende Rohölpreise infolge des Nahost-Konflikts die Inflation anheizen und Trump mit Jerome Powell um die geldpolitische Deutungshoheit ringt, kann diese Zuversicht aber nicht entstehen.
Der Bitcoin erlebt das negativste Nachfrage-Momentum jemals. Das muss aber keine Hiobsbotschaft sein: Ähnliche Muster gab es 2013, 2017 und 2021.
Das ist auch am Bitcoin zu erkennen, dessen Nachfrage in den letzten Tagen von so stark negativem Momentum wie nie zuvor geprägt war. Das drückt Altcoins besonders stark ins Minus, muss aber keine Hiobsbotschaft sein: Wie die roten Kreise auf der Abbildung zeigen, gab es in den letzten Bullenmärkten vor den stärksten Anstiegen stets kurze Phasen einbrechenden Nachfrage-Momentums. Neben dem negativen Bitcoin-Momentum kommt für Altcoins erschwerend hinzu, dass Kleinanleger den Markt verlassen. Wie die erste Abbildung ganz am Anfang zeigt, werden Retail-Käufer seit Sommer 2024 immer weniger, während Institutionelle ihre Bestände ausbauen.
Dass das Retail-Interesse unter die institutionelle Nachfrage fällt, sehen wir nicht zum ersten Mal: 2017 passierte genau das vor der finalen Rallye.
Dieser deutliche Rückgang an Retail-Investoren ist vor allem für kleine Kryptowährungen ein großes Problem. Bitcoin wird im aktuellen Bullrun vor allem von institutionellen Akteuren akkumuliert. MicroStrategy kauft fleißig, die Bitcoin-ETFs verzeichnen tägliche Multimillionen-Zuflüsse. Altcoins sind aber immer noch vom Geld kleiner Anleger abhängig, das derzeit fehlt. Denn ausgerechnet der Retail reagiert erfahrungsgemäß am emotionalsten auf kurzfristige geopolitische oder wirtschaftliche Entwicklungen, die für Unsicherheit an den globalen Börsen sorgen. Auch deshalb leiden Altcoins so heftig unter dem eskalierenden Nahost-Konflikt, der negativen Fed-Prognose und den Scharmützeln zwischen Trump und Powell.
Dasselbe bei der großen Bitcoin-Rallye im Frühjahr 2021: Der Retail kam erst kurz vor Bitcoins Top so richtig zurück. Dann kam die Altcoin-Season.
Heißt das nun, dass die Altcoin-Season für 2025 abgesagt ist? Diese Frage kann aus aktueller Sicht mit einem klaren Nein beantwortet werden. Dass die Retail-Nachfrage mitten im Bullrun unter die institutionellen Käufe fällt, sehen wir nicht zum ersten Mal. Sowohl 2017 als auch 2021 schienen Kleinanleger kurz vor dem Start der finalen Bitcoin-Rallyes den Markt zu verlassen – und kamen ausgerechnet dann zurück, als BTC schon fast sein Zyklustop erreicht hatte. Die Altcoin-Season erreichte jeweils erst etwas später ihren Höhepunkt. Abschreiben sollte man die Altcoins auch in diesem Zyklus noch lange nicht.




