„So können wir nicht weitermachen“, sagte Bundeswirtschaftsminister Habeck etwas ratlos, als man ihn vergangene Woche auf die mittlerweile gesenkten Konjunkturprognosen der Bundesregierung ansprach. Das nunmehr prognostizierte Plus von gerade einmal 0.2 Prozent sei „dramatisch schlecht“, ergo müsse man „wieder mehr investieren“. Christian Lindner, mit dem Habeck im Streit um Steuervergünstigungen für Unternehmen kürzlich erst einen Kleinkrieg ausfocht, bezeichnete die schwache Erwartung als „peinlich und in sozialer Hinsicht gefährlich“: „Wenn wir nichts tun, wird unser Land zurückfallen“. Einen Vorgeschmack darauf liefert die Zahl der Regelinsolvenzen deutscher Unternehmen, die im Januar um 26.2 Prozent anstieg, wie das Statistische Bundesamt mitteilte. Der vergangene Dezember hatte noch mit einem Anstieg von 12.3 Prozent zu Buche geschlagen. Über das gesamte letzte Jahr kam es zu 96 600 größeren Firmenpleiten – ein Plus von rund acht Prozent und damit die stärkste Zunahme von Zahlungsunfähigkeiten in den letzten zehn Jahren. Gleichzeitig erholten sich nach einem schwachen Vorjahr zwar auch die Neugründungen leicht. Die wirtschaftliche Lage bleibt dennoch mehr als angespannt.
Deutschland wird zum internationalen Sorgenfall
Deutschland ist vom Musterschüler zum ökonomischen Sorgenfall geworden: Nach dem Wirtschaftsrückgang um 0.3 Prozent im Vorjahr haben gleich mehrere namhafte Analysten ihre Wachstumsprognosen für 2024 deutlich verringert. Das Münchener ifo-Institut reduzierte von ohnehin verhaltenen 0.9 auf 0.7 Prozent, das Kieler Institut für Weltwirtschaft (kurz: IfW) korrigierte noch stärker von 1.3 auf nunmehr 0.9 Prozent. Sogar die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (kurz: OECD) ist pessimistischer geworden, hier geben die Experten der deutschen Wirtschaft nur noch 0.3 Prozent. Unterboten wird das von der Bundesregierung, die mittlerweile von lediglich 0.2 Prozent Wirtschaftswachstum ausgeht, auch die ersten Schrumpfungs-Prognosen werden laut. Zwar liegt die Zahl der neuen Betriebsgründungen bei größeren Unternehmen seit mehr als 20 Jahren über jener der Betriebsaufgaben, im Vergleich zu 2021 schmolz der Vorsprung aber von rund 30 000 auf etwa 20 000 Fälle. Zum ersten Mal seit 2012 nahmen die Betriebsaufgaben im Jahr 2022 wieder zu, Tendenz im Vorjahr noch stärker steigend.
Sorgen bereiten auch die Regelinsolvenzen, die seit Anfang 2022 um rund ein Drittel zugelegt haben. Während der Corona-Pandemie war es in dieser Statistik zu hoher Volatilität gekommen, 2021 stiegen die Insolvenzen sprunghaft an, fielen bis 2022 aber stark zurück, was auf milliardenschwere staatliche Hilfszahlungen zurückzuführen ist, die zahlreiche Pleiten hinauszögerten. Steffen Müller vom Institut für Wirtschaftsforschung in Halle (kurz: IWH) erwartet angesichts der schwachen Wachstumsprognosen keine zeitnahe Besserung: „Das Insolvenzgeschehen bleibt dynamisch und wird sich auch in den nächsten Monaten nur in Richtung weiter steigender Zahlen entwickeln“. Hohe Zinsen, teure Energie und bedrohte Lieferketten – etwa bei Öl und Gas durch die Unruhen im Roten Meer – seien laut Müller aber nur ein Teil der Wahrheit. Schließlich seien Corona-Hilfen häufiger an Unternehmen gezahlt worden, die schon zuvor unproduktiv gearbeitet hätten und deshalb am schnellsten in wirtschaftliche Schieflage geraten seien, als Lockdowns und politische Unstimmigkeiten über das Pandemie-Management die Wirtschaft beutelten.
„Wir sind in der Stagnation gefangen“
Nachdem die Insolvenzantragspflicht vorübergehend ausgesetzt war, lässt auch die Rückzahlungspflicht für erhaltene Subventionen die Corona-Kosmetik nun bröckeln. Laut Müller verwundere es in einer zunehmend schwierigen wirtschaftlichen Situation „nicht, dass das viele schwächere Unternehmen überfordert“. Besonders stark betroffen waren die Sparten Verkehr und Lagerei, auch weltweit litt der Transportsektor – abzulesen an historisch stark rückläufigen Statistiken zu Übernahmen und Firmenkäufen. Die Bundesregierung will in den kommenden Wochen neue Pläne zur wirtschaftlichen Entwicklung in Deutschland vorlegen, Lindner und Habeck bezeichnen den Heimatmarkt seit Wochen als nicht mehr wettbewerbsfähig. Das geht auch an Privatpersonen nicht spurlos vorbei: Von Januar bis November 2023 wurden 61 460 Verbraucherinsolvenzen registriert. Auch hier müsse man ansetzen, warnte ifo-Präsident Clemens Fuest kürzlich in einem Interview. Deutschland sei „in der Stagnation gefangen“, die Zentralbanken seien bei der Bekämpfung der Inflation „relativ spät dran“ gewesen. Auch deshalb seien die Banken „jetzt zögerlich“, aus der „Sorge, sich nochmal zu irren“. Zinsen und Energiepreise stellten die Wirtschaft laut Fuest auf eine harte Probe – „aber wir haben auch längerfristige, strukturelle Probleme. Die Autoindustrie ist in einem Veränderungsprozess. Wir haben einen demografischen Wandel. Wir laufen auf eine Situation zu mit schrumpfender Erwerbsbevölkerung. Und das macht vielen Investoren Sorgen.“
Der Deutsche Leitindex (DAX) zeigt sich von den pessimistischen Vorhersagen seit Wochen unbeeindruckt, tut es seinen nordamerikanischen Index-Kollegen Standard & Poor’s 500 und Dow Jones Industrial Average sowie dem Technologie-Index Nasdaq gleich und schrieb unlängst neue Allzeithochs jenseits der magischen 17 000-Punkte-Marke. Beflügelt wird dieses Wachstum in den letzten Wochen von der Hoffnung auf baldigen Zinskürzungen durch die nordamerikanische Zentralbank (engl.: Federal Reserve; kurz: FED) und die Europäische Zentralbank (kurz: EZB). Einen kleinen Dämpfer erhielt diese Euphorie um die gelockerte Geldpolitik beim letzten Zinsentscheid der FED, als hochrangige Vertreter vor zu schnelle Zinskürzungen warnten. Die kurzzeitige Enttäuschung verflog auf den Märkten aber schnell. Clemens Fuest vom ifo-Institut schlägt in diesem Kontext in dieselbe Kerbe wie FED-Präsident Jerome Powell, der die Kapitalmärkte kürzlich um Geduld bat.
Geht es nach der Zinswende weiter bergauf?
Laut Fuest befindet man sich aber auf einem guten Weg, die Wirtschaft monetär zu entlasten: „Der erste Schritt war, die Zinsen nicht weiter zu erhöhen. Das haben wir jetzt hinter uns. Und jetzt geht es um Zinssenkungen. Dabei wird die Notenbank schrittweise vorgehen“. Aktuell liegt der Leitzins der EZB bei 4.5 Prozent, „Ende dieses Jahres wird man dann vielleicht bei 3.5 Prozent sein“. Die Richtung sei klar – „aber diese Niveaus, die wir vor der Krise hatten – mit Nullzinsen oder gar negativen Zinsen: Das wird so schnell nicht wiederkommen“. Wichtig sei dabei auch die Schwächephase der Industrie, die auch auf die Edelmetall-Märkte nachhaltigen Einfluss nimmt: Während der Goldpreis im Zuge wirtschaftlicher Unsicherheit zuletzt anzog, könnte das industriell äußerst wichtige Silber bei einem Aufschwung seinen großen goldenen Bruder übertrumpfen. Aber auch die breite Wirtschaft hofft auf starke Erholung durch die nahende Zinswende. Ob es für den deutschen Leitindex DAX und die darin enthaltenen wichtigsten Unternehmen des Heimatmarktes dann noch weiter hinauf geht, verfolgen wir tagtäglich in unserer technischen Analyse. Abonnenten erhalten Echtzeit-Signale für lukrative Handels- und Einstiegsmöglichkeiten. Das Geld wird wieder günstiger, die Wirtschaft könnte bald aufatmen, denkt auch Clemens Fuest: „Die Richtung ist klar“.




