Nach einem schleppenden letzten Jahr sollen Fusionen und Übernahmen in den wichtigsten globalen Branchen wieder zunehmen. Treiber dieser Entwicklung ist einmal mehr der Hype um maschinelles Lernen: Besonders im Technologie-Sektor zeigen Unternehmen aller Größenordnungen verstärktes Interesse an strategischen Zukäufen, wenn es um die Expansion der eigenen Kapazitäten in Sachen Künstliche Intelligenz (kurz: KI) geht. Ambitionen in diese Richtung zeigen sich auch auf dem Heimatmarkt, etwa beim Software-Riesen SAP. Ähnlich hohe Priorität genießen Nachhaltigkeit und Risikominimierung durch Diversifikation, etwa im Transport- und Rohstoffsektor. Laut dem österreichischen Finanzinstitut MP Corporate Finance habe besonders die Industrie branchenübergreifend mit „geopolitischen, makroökonomischen und regulatorischen Herausforderungen zu kämpfen gehabt“. Entsprechend „beeindruckend“ sei die „vielerorts vorherrschende Resilienz“, die auch durch vorausschauende Übernahmen und Zusammenschlüsse gewährleistet werde. Gerade im amerikanischen und asiatischen Raum erwarten Analysten für das kommende Jahr erhöhte internationale Transaktionen. Für Überraschungen sorgen Pharma-Firmen.
Fusionen und Übernahmen in Deutschland stocken
Das gesteigerte Volumen auf dem Übernahme-Markt wird an der Wall Street schon herbeigesehnt: Infolge der hohen Zinssätze und der jüngsten geopolitischen Verwerfungen wurden auch in den Vereinigten Staaten deutlich weniger Übernahmen abgeschlossen, worunter die Boni bei Investmentbanken stark litten. Auch britische Banken schnürten den Gürtel kollektiv enger. Während im Bereich Transport und Logistik weltweit so wenig Firmenkäufe stattfanden, wie seit zehn Jahren nicht mehr, und auch die Öl- und Gasindustrie laut Branchekennern die größte Konsolidierung ihrer Geschichte durchläuft, gaben Pharmakonzerne 2023 so viel Geld für Übernahmen aus wie noch nie. Auch in Deutschland zog das Geschäft mit großen Fusionen zunächst deutlich an, um dann ebenso rasch abzuflachen, wobei innerdeutsche Transaktionen die Ausnahme waren. Große Vermögensverwalter signalisieren derweil, wieder deutlich kräftiger in die zuletzt stark rückläufige M&A-Schiene (engl.: Mergers and Acquisitions; deutsch: Fusionen und Übernahmen) investieren zu wollen.
In Deutschland wurden vergangenes Jahr nur rund 2000 M&A-Transaktionen getätigt, nach knapp 2500 im Vorjahr und noch rund 3300 im Jahr 2021. Das dabei bewegte Volumen lag zuletzt bei etwas über $150 Milliarden, was eine Verbesserung gegenüber 2021, aber einen deutlichen Rückgang im Vergleich zu 2022 bedeutete, als in der Branche knapp $250 Milliarden umgesetzt wurden. Insgesamt fiel der Umfang an Deals mit Beteiligung deutscher Firmen in den letzten zwölf Monaten um fast ein Drittel, laut Armin von Falkenhayn, Deutschlandchef der Bank of America, soll diese Flaute aber bald durchgestanden sein: „Ab dem Sommer wird man mit einer durchgreifenden Belebung bei den Fusionen und Übernahmen rechnen können“. Das internationale M&A-Geschäft wird momentan durch die Zurückhaltung von Private Equity, also privatem Beteiligungskapital gebremst. Weltweit trugen solche Finanzinvestoren 2023 rund 28 Prozent zum addierten Volumen aller Fusionen und Übernahmen bei, die beiden Jahre zuvor waren es noch etwa 40 Prozent gewesen.
SAP verdient Milliarden, Deutsche Börse expandiert
Die Zahlen für Übernahmen im Zusammenhang mit deutschen Firmen bewegen sich in einer Größenordnung, die in der zweiten Hälfte der 2010er üblich war; Experten sprechen von durchschnittlichen Werten. Zu Beginn des letzten Jahres sah es in Deutschland so aus, als käme das Geschäft mit großen Übernahmen wieder in Gang, im ersten Halbjahr 2023 lag der Umsatz mehr als 30 Prozent höher als im Vergleichszeitraum des vorangegangenen Jahres. Einen großen Anteil daran hatte allerdings auch die $13.2 Milliarden schwere Übernahme des hessischen Heiztechnik-Konzerns Viessmann durch den nordamerikanischen Mitbewerber Carrier Global. Kumuliert belief sich das Volumen auf dem deutschen M&A-Markt nach den ersten sechs Monaten des letzten Jahres auf etwa $66 Milliarden, mit $14 Milliarden entfiel ein knappes Viertel auf Verkäufe von 303 deutschen Firmen ins Ausland – der höchste Wert seit Beginn der Aufzeichnungen 1980. Innerdeutsche Transaktionen wiederum gingen um ein Drittel zurück und korrigierten damit auf den niedrigsten Stand seit 2019, Zukäufe im Ausland waren so gering wie seit sechs Jahren nicht mehr.
Einen großen Anteil am Volumen der Übernahmegeschäfte mit deutscher Beteiligung hatte der Software-Riese SAP, der seinen Mehrheitsanteil am Datenanalyse-Unternehmen Qualtrics an einen nordamerikanischen Finanzinvestor und einen kanadischen Pensionsfonds verkaufte. Insgesamt flossen dafür rund $11.6 Milliarden, fünf Jahren zuvor hatte SAP $8 Milliarden für die Firma bezahlt und sie an die Börse gebracht. Nach Deutschland kam dafür der dänische Finanzsoftware-Konzern Simcorp, den die Deutsche Börse AG für knapp $4 Milliarden aufkaufte, um ihr Geschäft mit Dienstleistungen für Vermögensverwalter auszubauen. Stark involviert waren dabei auch Investmentbanken aus den Vereinigten Staaten: JPMorgan begleitete allein im ersten Halbjahr 2023 zwölf Übernahmen und Fusionen mit deutscher Beteiligung im Volumen von $31.5 Milliarden, Goldman Sachs folgte seinem Konkurrenten mit sechs Geschäften für insgesamt $26.6 Milliarden auf dem Fuß. Rang drei geht auch in die USA, und zwar an Morgan Stanley mit knapp $18 Milliarden, die Deutsche Bank lag mit sieben Transaktionen im Gesamtwert von $6.2 Milliarden auf Rang sechs.
Konkurrenzkampf auf dem Ölmarkt spitzt sich zu
Schleppend lief es in Sachen M&A global gesehen in der Transport- und Logistikbranche. Analysten zählten global 185 entsprechende Transaktionen mit einem Volumen von über $50 Millionen und damit nahezu ein Drittel weniger als noch 2022. Selbst im Jahr der Finanzkrise 2008 waren es laut offiziellen Daten noch 234 Deals gewesen. Geflossen sind 2023 für Fusionen und Übernahmen im Transportsektor nur knapp $75 Milliarden, nach über $180 Milliarden im vorangegangenen Jahr, durchschnittlich kosteten die akquirierten Unternehmen nur noch rund $400 Millionen, 2022 lag der Mittelwert bei knapp $700 Millionen. 82 und damit die meisten Transaktionen über $50 Millionen entfielen auf die Asien-Pazifik-Region, in Europa waren es 63 und gerade einmal 54 in Nordamerika. Beim Gesamtvolumen war Europa auf dem ersten Platz. Global hatte es allein im zweiten Halbjahr 2021 ganze 175 Geschäfte dieser Kategorie gegeben, in den ersten sechs Monaten 2022 noch 144. Zum ersten Mal seit Jahren war dieser Wert im Frühling und Sommer 2023 wieder zweistellig. Im Fokus standen dabei Hafenanlagen und Terminals wegen ihrer geopolitischen Bedeutung.
Eng verbunden mit dem Transportsektor ist der Rohstoffmarkt. Und auch hier konsolidierte sich das Übernahmegeschäft in bisher ungekannter Rasanz, mehrere große Unternehmen kämpfen darum, ihr langfristiges Überleben auf dem Markt zu sichern. Übernahmen von Erschließungs- und Produktionsunternehmen im Öl- und Gasmarkt erreichten allein im vierten Quartal des letzten Jahres $144 Milliarden und damit einen Rekordwert. Ganz vorne mit dabei sind Angebote des texanischen Mineralölkonzerns Exxon Mobil und des kalifornischen Energieriesen Chevron. Vom gesamten Transaktionsvolumen des vergangenen Jahres in Höhe von fast $200 Milliarden entfielen knapp $190 Milliarden aufs Ölgeschäft, das damit klar dominierte. Laut Experten dürfte das Interesse hier weiter zunehmen, auch weil der Konkurrenzdruck wächst, wie Andrew Dittmar vom nordamerikanischen Analyseunternehmen Enverus in einer Pressemitteilung zu den aktuellen Zahlen unterstrich: „Die Käufer zeigten sich zunehmend bereit, alles zu zahlen, um ihre Präsenz in diesem wichtigen Gebiet zu erhöhen, und die Preise für künftige Bohrungen stiegen auf neue Höchststände.“
Allgemein boomten die nordamerikanischen Ölgesellschaften im vergangenen Jahr, die Vereinigten Staaten avancierten zum größten Rohölproduzenten der Welt und der bisherigen Wirtschaftsgeschichte. Auch die Erdgasproduktion soll weiter steigen, wenngleich erst kürzlich drastische Kürzungen der Exporte von Flüssiggas beschlossen wurden. Entsprechend umkämpft ist der globale Markt, schließlich steigt gleichzeitig die internationale Nachfrage nach fossilen Brennstoffen: „Die Öl- und Gasbranche durchläuft derzeit eine historische Konsolidierungswelle“, erklärt Enverus-Experte Dittmar. Da die wichtigsten Schiefergasvorkommen in den USA weitgehend definiert seien und immer weniger Quellen für Öl und Gas aufgetan würden, gewännen Fusionen und Übernahmen stark an Bedeutung und würden zum bevorzugten Mittel, um abnehmende Rohstoff-Reserven zu kompensieren und das Überleben der dominierenden Unternehmen zu sichern. Auch im kanadischen Energie-, Strom- und Bergbausektor wird für die kommenden Monate ein Aufschwung bei den Fusionen und Übernahmen erwartet, zeigt sich hier doch ebenfalls ein starker Trend zur Konsolidierung durch Zusammenschlüsse großer Unternehmen. Aufgrund voraussichtlich lockerer Geldpolitik erhoffen sich Analysten ein M&A-Rekordjahr, nachdem die Übernahmen und Fusionen in Kanada im Vergleich zu 2022 um rund 30 Prozent zurückgegangen waren.
Pharmakonzerne kaufen aus Angst vor Patent-Verlusten
Ganz anders sah das unter den Medikamentenherstellern aus. Im zurückliegenden Jahr übernahmen die Schwergewichte der Pharma-Branche andere Unternehmen im Gesamtwert von ganzen $110 Milliarden Dollar. Aufgrund harter Konkurrenz um Innovationen der pharmazeutischen Forschung sind hohe Akquisitionen in der Branche gang und gäbe, häufig werden neue Biotechnologie-Firmen von großen Konzernen geschluckt. So zahlte der amerikanische Pharma-Riese Bristo-Myers Squibb (BMS) insgesamt knapp $20 Milliarden für zwei nordamerikanische Unternehmen, die Behandlungen für Schizophrenie und Krebs entwickelt hatten. Schätzungen zufolge gehen den wichtigen Pharmakonzernen ab 2025 jährliche Einnahmen von $350 Milliarden verloren, da bedeutsame Patente auslaufen. Andererseits soll laut Experten sektorübergreifend ein Gesamtkapital von $500 Milliarden zur Verfügung stehen, um neue Fusionen voranzutreiben.
Beigetragen hat zur gesteigerten M&A-Aktivität bei den Medikamentenherstellern, dass das Bewertungsniveau allgemein gesunken ist. Der Nasdaq Biotechnology-Index fiel bis in den Herbst 2023 um fast ein Drittel gegenüber seinem Höchststand 2021 – eine lukrative Möglichkeit, um börsengelistete Unternehmen aufzukaufen, deren Marktkapitalisierungen durch die Rücksetzer im Gesamtmarkt litten. Mit dem Leverkusener Konzern Bayer ist auch in Deutschland ein Schwergewicht der Branche vertreten. Wie es mit dessen Aktie und jenen der anderen Unternehmen im Deutschen Aktienindex weitergeht, analysieren wir täglich und topaktuell in unserem DAX40-Paket. Den nordamerikanischen Industriesektor verfolgen wir in Form des Dow Jones, ebenso die Märkte für Erdöl und Erdgas – jeweils mit Signalen zu lukrativen Einstiegs- und Handelsmöglichkeiten.




