Krypto-Twitter ist sich sicher: Dass Bitcoin nun endlich seinen Spot-ETF hat und zu einem zentralen Streitthema der Präsidentschaftswahl in den Vereinigten Staaten avanciert ist, wird den Kryptomarkt beflügeln. Das mag langfristig plausibel sein. Kurzfristig aber bringt der plötzliche Sprung in den Mainstream für BTC und den gesamten Kryptosektor heftige Wachstumsschmerzen mit sich.
Die letzten Präsidentschaftswahlen in den USA waren für Bitcoin ein sehr bullisches Event: Kurz nachdem die letzten beiden nordamerikanischen Regierungschefs feststanden, nahmen die vergangenen beiden Bullenmärkte so richtig Fahrt auf. Jetzt aber, wo Bitcoin plötzlich im politischen Fokus steht, scheint die Unsicherheit vor der Wahl deutlich mehr an ihm zu nagen als noch in den letzten Zyklen. Ist der ganze Krypto-Hype rund um die Präsidentschaftswahl also doch gar nicht so gut für BTC, wie alle denken? Und wie schützt man sich und sein Portfolio am besten vor den Turbulenzen rund um die Wahl?
Das gefährlichste Gift für Bitcoin und Aktien
Warum sind unlängst die Aktienkurse von Meta und Microsoft eingeknickt, obwohl beide Tech-Giganten hervorragende Quartalszahlen vorgelegt haben? Die Antwort ist einfach: Weil die Aussichten für die nähere Zukunft bei beiden nicht besonders berauschend ausfielen. Microsoft warnte vor einer Verlangsamung des zuletzt so rasanten Wachstums, Meta erwartet große Ausgaben für die Entwicklung Künstlicher Intelligenz.
Ähnlich lief es zuletzt bei Tesla: Elon Musk präsentierte die ersten selbstfahrenden Tesla-Modelle – ein ebenso bahnbrechend wie Hollywood-reif inszeniertes Event. Und trotzdem stießen viele Aktionäre hinterher ihre Anteile ab. Die Ursache fanden Kritiker anschließend in Elon Musks unklaren Aussagen über die Zukunft. Besonders beim Zeitplan für die Produktion und Auslieferung der neuesten Tesla-Innovation blieb der Multimilliardär vage.
All diese Fälle belegen eines der grundlegendsten Prinzipien an der Börse: Der Markt hasst nichts so sehr wie Unsicherheit. Und er leidet am meisten, wenn die Zukunft besonders ungewiss ist. Bei Meta sind es die Ausgaben, die man aktuell schwer einschätzen kann, bei Microsoft möglicherweise verlangsamtes Wachstum und bei Tesla die Vertröstungen von Elon Musk. Es gibt aber noch viel größere, systemische Faktoren, die aktuell für Unsicherheit sorgen – etwa die drohende Rezession, mit der seit drei Jahren jeder rechnet, die aber immer noch nicht eingetreten ist.
Wie der Börsencrash vom 5. August gezeigt hat, entlädt sich derartige Unsicherheit gerne mal in blanker Panik. Ein Phänomen, das in den letzten Tagen und Stunden so deutlich wird wie schon lang nicht mehr. Schließlich erreicht kurz vor der Präsidentschaftswahl eine der größten Unsicherheiten der Finanzmärkte in diesem Jahr ihren Höhepunkt: Wer zieht ins Weiße Haus ein? Und noch viel wichtiger: Welche Agenda bestimmt die nächsten vier Jahre der Wirtschaft der Vereinigten Staaten?
Wird Bitcoin zum Spielball der Politik?
„Verkaufen Sie nie Ihre Bitcoin“, posaunte Donald Trump Ende Juli auf einer Wahlveranstaltung vor Tausenden frenetisch feiernden Anhängern. Damals hatte Trump sich bereits selbst das Label als möglicher neuer Krypto-Präsident gegeben. Die Botschaft an seine Unterstützer war eindeutig, sie entsprach einem einfachen Deal, den Trump allen Krypto-Enthusiasten implizit vorschlug: Ihr wählt mich und ich halte euch dafür die staatlichen Behörden vom Hals.
Gemeint ist damit vor allem die Börsenaufsicht Securities and Exchange Commission (SEC), die schon so einige Altcoin-Projekte durch Wertpapier-Vorwürfe ins Wanken brachte. Das prominenteste Beispiel ist wohl Ripple mit seiner nativen Blockchain-Währung XRP. Trumps Krypto-Versprechen schienen dem Republikanischen Lager derart Aufwind zu verleihen, dass sich auch die Demokratische Kandidatin Kamala Harris langsam aber sicher genötigt sah, in den Dialog mit Blockchain-Firmen wie Circle oder Coinbase zu gehen. Für Krypto-Fans schien ein Traum in Erfüllung zu gehen.
Und tatsächlich ist Bitcoins plötzlich so prominente Rolle im Wahlkampf ein Boost für den gesamten Kryptomarkt. Allein die immensen Zuflüsse in die BTC-Spot-ETFs der vergangenen Woche zeigen, wie schnell die weltgrößte Kryptowährung auf dem traditionellen Börsenparkett angekommen ist. Die meisten Medaillen haben aber zwei Seiten und so verhält es sich auch bei dieser. Denn die neue Berühmtheit des Bitcoins hat ihren Preis. Während Bitcoin die Turbulenzen der Finanzmärkte rund um die letzten Wahlen in den USA gut wegsteckte, scheint er plötzlich mittendrin im Strudel der politischen Unsicherheit zu sein.
Zuletzt sah es fast so aus, als würde BTC zum Spielball der Wahlprognosen. Selten positionierte sich der Kryptomarkt so stark in politischen Fragen – selten wurden Bitcoin und Co. derart politisiert. Mit dieser plötzlichen Annäherung an die Politik und die traditionelle Börse scheint BTC aber gleichzeitig auch in Abhängigkeit der politischen Stimmung zu geraten. Oder etwa doch nicht?
Die Woche wird turbulent: Schützen Sie Ihr Portfolio!
Ein Blick auf das Jahr 2020 zeigt: Vor der letzten Präsidentschaftswahl verhielt sich Bitcoin sehr ähnlich wie heute: Ein kleiner Crash Anfang September, dann zum Monatsschluss ein deutlicher Anstieg, bevor es in den ersten Oktobertagen wieder bergab ging. Während Bitcoin Ende Oktober kräftig zulegte, stagnierten die Altcoins (orange in der zweiten Grafik). Während der Wahl wurde es, simultan zum S&P500 (erstes Bild), volatil.
Als dann aber Gewissheit herrschte – und dabei war weniger entscheidend, wer eigentlich gewonnen hatte, sondern vielmehr, dass die Wahl endlich geschlagen war – ging der Bullrun so richtig los. In einem fast schon identischen Muster bewegte sich der Kurs in den zurückliegenden Wochen – inklusive der Bitcoin-Rallye Ende Oktober, bei der die Altcoins tatenlos zusahen oder sogar abverkauften. Und auch das ist leicht erklärt: In einem unsicheren Markt, in dem Risiko reduziert wird, leiden zuerst jene Assets, mit denen man sich dem größten Risiko aussetzt – im Kryptomarkt also die Altcoins.
Wer sein Kapital in so einer Risk-Off-Phase in hochvolatilen Assets parkt, muss mit besonders heftigen Kursschwankungen und Abgabedruck rechnen. Aktuell versuchen viele Anleger, ihr Risiko vollkommen überhastet und viel zu spät zu reduzieren, indem sie überstürzt ihre Altcoin-Positionen abstoßen. Wer sich an 2020 erinnert weiß aber: Als nach der Wahl Gewissheit herrschte, kam die Risikoaffinität zurück – und diejenigen, die sich getraut hatten, Altcoins auch durch diese Phase zu halten, wurden belohnt.
Natürlich gibt es keine Garantie, dass sich die Muster rund um die letzte Wahl wiederholen. Dennoch sind die bisherigen Parallelen frappierend. Die nächsten Tage könnten die volatilsten des ganzen Jahres werden, denn neben der Wahl steht auch noch der nächste Fed-Zinsentscheid an. Um sich selbst und das eigene Portfolio zu schützen, sollte man sich von diesen Turbulenzen nicht verrückt machen lassen. Denken Sie an Ihren langfristigen Plan, mit dem Sie Ihre Investments getätigt haben. Ist es diese turbulente Woche wert, diesen Plan über den Haufen zu werfen? So kurz, bevor der Markt endlich die Gewissheit hat, die er sich seit Monaten wünscht?


Turbulenzen gibt's an der Börse bei jeder US-Wahl: Vor den letzten vier Election Days kam es zu Abverkäufen – als Gewissheit bestand, ging es dann aber bergauf.
Bitcoin verhielt sich vor der Wahl 2020 ähnlich wie heute: Anstieg Ende Oktober, Altcoins (orange) stagnierten. Turbulenzen um den Wahltag, danach eine lange Rallye.
Abverkauf Anfang Oktober und dann eine BTC-Rallye, während Altcoins stagnieren: Kopiert der Kryptomarkt die heiße Phase um die Wahl 2020?

