Viele junge Unternehmen aus der Medizinbranche haben eines gemeinsam: Lange passiert gar nichts und irgendwann explodiert der Aktienkurs. Zwischen Milliardenbewertungen und dem nahezu vollständigen Zusammenbruch des Börsenwerts entscheidet oft nur ein einziges Medikament, das auf den Markt kommt. Oder ein Patent, das von großen Pharma-Konzernen übernommen wird, die gerade händeringend nach neuen Ideen suchen, während ihre überlebenswichtigen Lizenzen auslaufen. Die Schnelllebigkeit der Branche ähnelt dem sprunghaften Cannabis-Sektor, wo Wohl und Wehe ebenfalls von der Zulassung einschlägiger Präparate abhängen. Und wo im Erfolgsfall gerne mal Kursgewinne von zwei- bis dreistelligen Prozentwerten zu Buche stehen. Das jüngste Sternchen am Biopharma-Himmel ist eigentlich ein alter Hase: Mit dem Versprechen neuartiger Gentherapien gegen Erblindung und seltene Netzhaut-Krankheiten debütierte das nordamerikanische Unternehmen Ocugen Ende 2014 an der nordamerikanischen Technologiebörse Nasdaq. Der erste Handelspreis von $660 rauschte bis Sommer 2020 auf $0.20 ab, seit Beginn des aktuellen Jahres hat sich der Kurs aber fast verdreifacht. Was passiert da gerade im Hintergrund?
Besiegt Ocugen unheilbare Krankheiten?
Dass sich der Preis der Ocugen-Aktie allein in den letzten zwei Wochen fast verdoppelte, liegt wohl kaum daran, dass die gemeinwohlorientierte nordamerikanische Organisation Prevent Blindness (dt.: Organisation gegen Blindheit) den Februar zum Monat der Netzhautverkalkung erklärt hat und damit auf eine Augenkrankheit hinweist, die bei vielen älteren Menschen zu starken Einschränkungen des Sehvermögens führt. Und doch könnte die Kampagne die Euphorie unter den Ocugen-Anlegern befeuert haben. Schließlich arbeitet das Unternehmen gerade an einer Therapie gegen ebendieses Krankheitsbild, vor wenigen Tagen wies Ocugen auf X, vormals Twitter, darauf hin, dass man sich bereits in der klinischen Testphase befinde. Erfolgreiche Testungen und eine Zulassung durch die nordamerikanische Arzneimittelbehörde FDA (engl.: Food and Drug Administration) könnten ein historischer Durchbruch für die gesamte pharmazeutische Industrie sein. Bisher ist Netzhautverkalkung, im Fachjargon auch altersbedingte Makula-Degeneration (kurz: AMD) genannt, nicht heilbar und führt nach Auftreten innerhalb von wenigen Monaten zu schweren Sehbehinderungen, die einem Grauen Star ähneln.
Entsprechend groß ist der Bedarf an effektiven Medikamenten, bisher gibt es nur technische Behandlungsmethoden, etwa mithilfe von Lasertechnik. Allein in Deutschland leiden rund sieben Millionen Menschen an der Krankheit im Frühstadium, bei rund einer halben Million ist die Netzhautverkalkung bereits weiter fortgeschritten. Wie groß der internationale Markt für ein Heilmittel wäre, ist anhand der deutschen Daten nur zu erahnen. Das zweite wichtige Projekt von Ocugen ist eine Gentherapie gegen die erbliche Netzhauterkrankung Retinitis pigmentosa, die schon im frühen Kindesalter zu schweren Schäden der Netzhaut und damit zur Erblindung führen kann. Auch hier gab es bisher keine Therapie für weltweit drei Millionen Erkrankte. Ocugen forscht schon seit Jahren an einem potenten Medikament, Ende Dezember 2023 ließ die Arzneimittelbehörde in den USA das Ocugen-Präparat zu einem speziellen Programm zu, das die Entwicklung vielversprechender Medizinprodukte beschleunigt und in der Branche als Meilenstein auf dem Weg zur offiziellen Marktgenehmigung gilt.
Milliardenchance im Krisenmarkt
Der neue Status des Medikaments sei „ein bedeutender Erfolg für das klinische Entwicklungsprogramm“ und bestätige „das Potenzial unseres bahnbrechenden Gentherapieansatzes“, womit man einem „ungedeckten medizinischen Bedarf“ gerecht werde, betonte Arun Upadhyay, Forschungsleiter bei Ocugen, nach der Bekanntmachung der FDA. Die Entscheidung der Behörde unterstreiche „die Dringlichkeit, betroffenen Patienten eine therapeutische Option zu bieten“. Erste Ergebnisse belegen laut Ocugen eine klare Verbesserung und Aufrechterhaltung der Sehkraft bei Erkrankten, die bisher kaum Hoffnung auf Heilung hatten. Mit dem sogenannten RMAT-Status (engl.: Regenerative Medicine Advanced Therapy; dt.: fortschrittliche regenerative Medizintherapie) erhält Ocugen nun Vorteile und besondere Unterstützung bei der Entwicklung der eigenen Medikamente: Künftig darf man eng mit den zuständigen Behörden zusammenarbeiten, was einem signifikanten Wettbewerbsvorteil gleichkommt. Ocugen selbst gibt sich selbstbewusst: „Unsere bahnbrechende Modifikator-Gentherapie hat das Potenzial, mehrere Netzhauterkrankungen mit einem einzigen Produkt zu behandeln“, ließ das Unternehmen in einer offiziellen Stellungnahme verlauten.
Dank der behördlichen Unterstützung bei der Forschung ist die klinische Testphase der Ocugen-Medikamente in den letzten Wochen rasch fortgeschritten, Mitte dieser Woche will man in New York Neuigkeiten zur dritten und letzten offiziellen Testreihe bekanntgeben. Teilnehmen werden neben medizinischen Fachleuten auch Patienten, die an den Studien der ersten beiden Testphasen mitgewirkt haben. In der Regel lässt die Arzneimittelbehörde getestete Medikamente nach erfolgreichem Absolvieren der dritten Phase für die klinische Nutzung zu. Die Erwartung eines baldigen Markteintritts fungiert als wohl wichtigster Katalysator für die momentan hochkochenden spekulativen Turbulenzen um die Ocugen-Aktie. Im Hintergrund arbeitet das Unternehmen zudem an weiteren Medikamenten und kooperiert mit dem milliardenschweren chinesischen Biotech-Konzern CanSino Biologics. Im Erfolgsfall könnte Ocugen zu einem wichtigen Player im zurzeit unruhigen Pharma-Sektor werden – ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, zu dem große Konzerne Schwierigkeiten haben, ihre Geschäftsmodelle zukunftsfit zu machen. Das ist auch am Kursverlauf des Nasdaq Biotechnology-Index abzulesen: Während die großen nordamerikanischen Indizes wie der Standard and Poor’s 500 oder der Tech-Index Nasdaq zuletzt neue Allzeithochs schrieben, ist der Bio-Index der New Yorker Technologiebörse weit von seinen Rekordständen entfernt.
Von $1 auf $1000? Was mit der Ocugen-Aktie passieren könnte
Die dritte Phase der klinischen Testung von Ocugens aussichtsreichsten Medikamenten wird im Moment geplant und dürfte noch etwa ein Jahr andauern. Die Hoffnung der Anleger auf weitere positive Nachrichten rund um die Behandlung schwerer Augenkrankheiten lässt sich derweil bereits an der Kursentwicklung ablesen. Erst im Oktober wurde eine längerfristige Korrekturwelle abgeschlossen, seitdem wähnen wir die Aktie in einer starken Impulsbewegung. Die technische Analyse war somit auch hier mal wieder den fundamentalen Ereignissen voraus. Der nächste Widerstand für das Wertpapier wartet nun jedenfalls bei knapp $20, wo ein Anstieg um knapp 7000 Prozent Anfang 2021 ein signifikantes Hoch setzte. Ähnliche Zuwachsraten könnte das Ocugen-Papier auch in Zukunft erleben. Denn mit der nächsten übergeordneten Impulswelle sollte am Widerstand bei knapp $20 noch nicht Schluss sein – obgleich allein diese Bewegung von aktuellen Kurswerten um rund $0.95 einem Wachstum von gut 2000 Prozent entspräche. Langfristig könnte der Preis für Ocugen-Anteile aus technischer Sicht gar in Richtung der $1000 klettern, angesichts der ausstehenden Ergebnisse aus der letzten klinischen Testphase bleibt eine Investition aber höchst spekulativ. Für risikofreudige Anleger dürfte Ocugen durchaus spannend sein, eine ausführliche Einschätzung des Chartbilds und des technischen Potenzials der Ocugen-Aktie finden Mitglieder des YouTube-Kanals unseres maskierten Analysten Phantom im neuesten Video, das heute erschienen ist. Denn unser Anspruch ist ähnlich wie der von Ocugen: Wir wollen Augen öffnen und den Blick schärfen. Zumindest an der Börse.




