„Diesmal wird es keine Altcoin-Season wie 2017 oder 2021 geben!“ Dieser Satz ist gerade in Mode. Vor allem bei Influencern, die ihrer Community noch vor wenigen Wochen regelmäßig neue Memecoins angepriesen haben. Ununterbrochen wurde die angeblich größte Altcoin-Season aller Zeiten angekündigt. Einen heftigen Abverkauf später ist die Angst zurück im Markt. Statt Altcoin-Hype gibt es jetzt Bärenmarkt-Warnungen. Als die Preise nach oben schossen, wollte jeder einsteigen. Jetzt, wo alles günstiger ist, verkaufen Kleinanleger ihre Bestände panisch an große Wale. Theorien von Crashpropheten erscheinen erschreckend plausibel – werden aber kaum hinterfragt. In diesem Artikel räumen wir mit den wichtigsten Mythen rund um die Altcoin-Schwäche auf. Und erklären faktenbasiert, warum Altcoins deutlich stärker steigen können als die meisten erwarten.
Mythos 1: Es gibt viel zu viele Altcoins
Eines der prominentesten Argumente gegen eine Altcoinseason bezieht sich auf die rapide Verwässerung des Kryptomarktes. In den letzten Monaten sind Millionen neuer Coins in Umlauf gekommen, allein auf Solana entstanden durch Memecoin-Portale wie Pump.fun hunderttausende Kryptowährungen. 2017 und 2021 war es viel schwieriger, eine eigene Kryptowährung aufzusetzen, deshalb waren viel weniger Altcoins verfügbar. Das Geld, das im Bullenmarkt in den Kryptomarkt floss, konnte sich also auf wenige Projekte konzentrieren, die deshalb so stark im Wert anstiegen. Jetzt, wo es so viele verschiedene Coins gibt, muss sich auch das verfügbare Kapital viel stärker aufteilen. Wegen dieser verschärften Konkurrenzsituation können Altcoins im Kollektiv nicht mehr so stark steigen wie früher – so weit zumindest die Theorie.Der Gesamtwert des weltweit verfügbaren Geldes (grüner Balken) ist nur marginal größer als die Marktkapitalisierung des Aktienmarktes (rot) und deutlich kleiner als der Immobilien-Sektor (hellblau).
Auf den ersten Blick erscheint diese Theorie logisch: Mehr Altcoins bedeutet weniger Geld für jedes einzelne Projekt. Diese Rechnung aber greift zu kurz. Erstens handelt es sich bei mehr als 99 Prozent aller Altcoins, die in den letzten Monaten gelauncht wurden, um nichts weiter als wertlose Memes, die sofort in der Versenkung verschwanden und deshalb keine Liquidität mehr vom Markt nehmen. Zweitens ist der Kryptomarkt schon jetzt zwanzigmal so groß wie zum selben Zeitpunkt 2017 und fast dreimal so groß wie im Februar 2021. Mit der Zahl an neuen Altcoins ist also auch das potenziell verfügbare Kapital deutlich angewachsen. Und drittens ist es mathematisch nicht sinnvoll, das Kurswachstum im Finanzmarkt nur von der vorhandenen Geldmenge abhängig zu machen.
Nehmen wir den Aktienmarkt zum Vergleich: Die globale Geldmenge, also alle Bargeldbestände und liquiden Mittel des Planeten zusammengenommen, werden auf rund 80 bis 120 Billionen US-Dollar geschätzt. Allein die US-amerikanischen Indizes S&P500 und Nasdaq-100 haben gemeinsam eine Marktkapitalisierung von 80 Billionen, der weltweite Aktienmarkt liegt deutlich über 100 Billionen. Und da haben wir noch gar nicht über den Immobilienmarkt gesprochen, der auf deutlich mehr als 300 Billionen Dollar kommt. Allein dieses Verhältnis zeigt: In Boom-Phasen ist die tatsächlich verfügbare Geldmenge für die Preisentwicklung am Finanzmarkt eher unerheblich. Nicht umsonst spricht man in überhitzten Bullenmärkten von einer Blasenbildung. Der Verwässerungsmythos ist also schon mit einem kurzen Blick auf die Realität auf den globalen Finanzmärkten zu widerlegen.Die Analyse-Plattform Tokenomist erwartet für 2025 Token-Unlocks von fast 75 Milliarden Dollar. 2021, im Jahr der letzten Altcoin-Season, war dieser Wert fast doppelt so hoch.
Aber auch mit Blick auf die historische Entwicklung des Kryptomarktes fällt das Argument der Verwässerung schnell in sich zusammen. Der zweite große Faktor der angeblichen Altcoin-Inflation sind sogenannte Token-Unlocks, also die Freigabe von Altcoin-Beständen über Zeit. Dieses Modell nutzen viele etablierte Krypto-Projekte, um Kapital von Investoren zu sammeln. Solche Investoren können quasi im Vorverkauf günstig einkaufen, müssen mit dem Verkauf aber ein paar Monate warten, damit der Verkaufsdruck beim Handelsstart nicht zu groß wird. Über Zeit werden diese Bestände dann freigeschaltet, wodurch zusätzliche Verwässerung entsteht. Dieses Problem ist aber gar nicht so groß wie es gemacht wird. Laut der Blockchain-Analyseplattform Tokenomist stehen 2025 derartige Unlocks in Höhe von rund 75 Milliarden Dollar an. 2021, im Jahr der letzten großen Altcoin-Season waren es mit fast 137 Milliarden deutlich mehr.
Mythos 2: Keine Altcoin-Season bei straffer Geldpolitik
Wer argumentiert, dass der Altcoin-Bullrun 2025 niemals so stark werden kann, wie 2021 und sich dabei auf die Altcoin-Verwässerung stützt, kommt spätestens bei den oben erläuterten Daten in Erklärungsnot. Selbstverständlich sind die Daten der Vergangenheit keinerlei Garantie dafür, dass es in diesem Jahr überhaupt einen Altcoin-Bullrun gibt. Das Gegenargument der Verwässerung ist aber nicht schlüssig. Etwas schwieriger zu widerlegen ist da schon der zweite Mythos – nämlich, dass der breite Kryptomarkt ohne geldpolitische Lockerung nicht nachhaltig wachsen kann. Dieses Argument basiert auf der verblüffenden Korrelation zwischen den Preisen im Altcoin-Sektor und der Entwicklung der global verfügbaren Geldmenge.
In den letzten zwei Zyklen startete die Altcoin-Season jeweils, als die US-Notenbank Federal Reserve bekanntgab, ihre Bilanz wieder zu erhöhen. Das bedeutet, dass die Fed selbst Wertpapiere und Anleihen ankauft und im Tausch dafür frische Liquidität in den Markt gibt. Kürzt die Fed ihre Bilanz hingegen, so verkauft sie Wertpapiere und nimmt die im Gegenzug erhaltenen Dollar-Reserven aus dem Umlauf. Baut die Fed ihre Bilanz – wie aktuell – also ab, ist das eine Maßnahme der geldpolitischen Straffung: Die im Umlauf befindliche Geldmenge wird reduziert. Steigert sie ihre Bilanz wieder, lockert sich die Geldpolitik durch neue Liquidität, die ausgegeben wird.Steigert die Fed ihre Bilanz (lila), wachsen die globale Liquidiatät (gelb) und Altcoins (weiß), Allerdings gab es 2017 kein Quantitative Easing – und trotzdem eine Altcoin-Season
Pünktlich zur Änderung dieser Marschrichtung hat in den letzten Zyklen die jeweilige Altcoin-Season begonnen – und zwar ziemlich genau am Tag, als die Fed ihre Entscheidung bekannt gab. Mit geldpolitischer Realität hat das wenig zu tun. Zwar stimmt es theoretisch, dass lockere Geldpolitik günstig ist für Risiko-Anlagen wie Kryptowährungen. Allerdings benötigen Maßnahmen der monetären Lockerung und Straffung (ebenso Zinskürzungen) in der Regel rund zwölf Monate, um in der ökonomischen Realität anzukommen. Nach der Corona-Krise dauerte es mehr als ein Jahr, bis die Inflation infolge der stark ausgeweiteten Geldmenge anzog.
Die sofortige Reaktion am Aktien- und Kryptomarkt auf die geldpolitische Lockerung kam nicht durch die tatsächliche Verfügbarkeit des frischen Kapitals zustande, sondern vielmehr durch die euphorische Erwartung dieser Lockerung. Märkte handeln die Erwartung der Zukunft. Genauso ist es auch mit der Geldpolitik. Der Markt braucht die Liquidität in Wirklichkeit gar nicht. Er braucht nur die freudige Erwartung derselben. Wenn die Preise sprunghaft steigen, kommen Kleinanleger und frisches Kapital in Strömen in den Markt. Dieses Kapital wartet schon jetzt an der Seitenlinie und braucht rein technisch gesehen keine geldpolitische Lockerung. Emotional schon eher.
Mythos 3: Kleinanleger kommen wegen der ETFs nicht zurück
Apropos Kleinanleger – um genau die dreht sich der dritte Mythos, auf den sich Altcoin-Zweifler gerade mit besonderer Entschlossenheit berufen. Seit ihrer Zulassung haben die neuen Spot-ETFs in den Vereinigten Staaten Bitcoin im Wert von mehr als 40 Milliarden Dollar und Ethereum im Wert von gut drei Milliarden Dollar eingekauft. Mit diesem konstant hohen Volumen ist der ETF-Kaufdruck in der Bitcoin-Geschichte einzigartig. Kein Wunder, dass sich um dessen mittelfristige Auswirkungen schon jetzt die fantasievollsten Theorien ranken. Die prominenteste davon befürchtet, dass Investoren lieber Bitcoin-ETFs über klassische Börsen kaufen und dadurch gar nicht erst die Möglichkeit bekommen, in Altcoins zu investieren. Die gibt es schließlich nur auf richtigen Krypto-Börsen.In früheren Zyklen floss das Kapital zunächst in Bitcoin und dann die Risiko-Leiter im Altcoin-Sektor hinauf. Wird dieser Kreislauf durch die ETFs gebrochen?
In den letzten Zyklen hat sich ein auffälliges Muster der Kapitalrotation im Kryptomarkt offenbart: Über weite Teile des Bullenmarktes steht Bitcoin im Rampenlicht und stiehlt anderen Kryptowährungen die Show. Die Bitcoin-Dominanz steigt, Altcoins bekommen kaum Liquidität ab. In dieser Hinsicht ist dieser Zyklus genau wie alle anderen. Anhänger der ETF-Theorie argumentieren nun, dass die Bitcoin-Dominanz diesmal nicht annähernd so stark – vielleicht auch gar nicht – fallen werde, weil Bitcoin durch seine neuen ETFs alle anderen Krypto-Assets noch mehr in den Schatten stellt und die Liquidität aus dem breiten Kryptomarkt in die ETFs abwandert. In früheren Zyklen war der Anstieg der Bitcoin-Dominanz temporär und implodierte schließlich in die Altcoin-Season hinein. Laut der ETF-These könnte die hohe Dominanz permanent sein. Ergo: keine Altcoin-Season.
Wie realistisch dieses Szenario ist, wird sich letztgültig erst beurteilen lassen, wenn dieser Zyklus zu Ende ist. So schlüssig, wie er im ersten Moment klingt, ist aber auch dieser Mythos nicht. Durch die ETFs mag die institutionelle Nachfrage nach Bitcoin massiv gestiegen sein. Das aber sollte man eher als Bonus verstehen und nicht als Gefahr für die Aktivität im Kryptomarkt selbst. 2017 war es technisch deutlich schwieriger als heute, überhaupt an Kryptowährungen zu kommen. Dennoch entstand eine wahre Manie um Altcoins. 2021 war der Bullrun ebenfalls von starken institutionellen Käufen getrieben. MicroStrategy stieg groß ein, Tesla nahm Bitcoin in die Unternehmensbilanz auf, El Salvador begann zu akkumulieren. Auch damals konzentrierte sich die institutionelle Nachfrage auf Bitcoin, große Unternehmen rotierten ihre BTC-Gewinne ebenso wenig in Altcoins wie heute.
Fällt die Altcoin-Season ins Wasser?
Dass die neuen Spot-ETFs bisher in diesem Zyklus große Teile der Krypto-Nachfrage auf sich bündelten, ist nicht abzustreiten. Das liegt aber auch daran, dass in diesem Bullenmarkt bisher primär Bitcoin im Rampenlicht stand (wie in bisher jedem Zyklus zu diesem Zeitpunkt). Haben die ETFs verhindert, dass Solana einen historischen Anstieg hinlegen konnte? Dass der neue große Solana-Konkurrent Sui explodierte? Oder dass XRP nach Jahren der Langeweile neue Rekordstände erreichte? Nein. Auch in diesem Zyklus werden Kleinanleger ihren Weg in den Kryptomarkt finden – ETFs hin oder her. Was es braucht, ist Euphorie. Steigende Preise. Und Gier. Die Emotionen des Menschen ändern weder die Altcoin-Verwässerung noch die straffe Geldpolitik oder die ETFs.Panik haben aktuell fast nur Kleinanleger: Seit der US-Wahl verkauften Retail-Wallets (blau) stark, während große Investoren (violett) Bitcoin akkumulierten.
Für den dritten Mythos gilt deshalb dasselbe wie für die beiden vorigen: Sie alle enthalten ein Körnchen Wahrheit – die Altcoin-Panik aber ist überzogen. Auch vor der Altcoin-Season 2021 war sich ein großer Teil des Marktes sicher, dass kleinere Kryptowährungen nie mehr so performen würden wie 2017. Was am Ende passierte, wissen wir alle. Freilich garantieren diese historischen Muster keineswegs, dass es auch in diesem Zyklus eine Altcoin-Season geben wird. Und ebenso wenig ist dieser Text eine Empfehlung, Altcoins zu halten oder zu kaufen. Dennoch sollte man sich von der aktuellen Angst im Markt nicht ins Bockshorn jagen lassen. Am Ende sind die meisten Argumente nichts als Mythen.




