Waren Sie schon mal angeln? Wenn ja, dann kennen Sie bestimmt die goldene Rechenregel der Angler-Mathematik: Je mehr Angeln im Teich und je weniger Fische im Wasser, desto besser müssen die Köder sein. Wenn ich allein am Tümpel sitze und es darin nur so vor Fischen wimmelt, reicht ein Stückchen Weißbrot, um einen schönen Fang zu machen. Drängeln sich die Fischerfreunde aber ums Ufer, braucht es schon einen leckeren Regenwurm oder vielleicht sogar einen knackigen Käfer aus der spezialisierten Tierhandlung, um einen schönen dicken Fisch an Land zu ziehen.
Denn auch die Fische werden schlauer, wenn sie jeden Tag zwanzig verschiedene Angelhaken umkurven müssen. Unerfahrene beißen schnell an, mit der Zeit haben sie aber den Dreh raus: Die meisten bleiben den Haken fern, wenige trauen sich und entwickeln Strategien, um den Köder im richtigen Moment zu stibitzen, ohne sich zu verheddern. Geschickt genug ist aber kaum jemand – und selbst die besten Köder-Diebe erwischt es irgendwann. Die wirklich schlauen Fische warten einfach, bis der Besitzer des Teichs in regelmäßigen Abständen vorbeikommt und Fischfutter für alle hineinwirft. So weit, so gut – aber was hat das jetzt eigentlich mit Memecoins zu tun?
Meme-Superzyklus? Die Zeiten ändern sich!
In den letzten Monaten hatte der Altcoin-Sektor ein dickes Problem: Es gab immer mehr kleinere Kryptowährungen, aber viel zu wenig Käufer. In unserer Metapher gesprochen hingen also viel zu viele Angeln in einem Teich mit viel zu wenig Fischen, die sich dafür interessierten. Plötzlich aber boomten Memecoins und zogen die Aufmerksamkeit mit astronomischen Anstiegen auf sich. Liquidität verließ etablierte Altcoin-Projekte und floss in die Memes, wegen des begrenzten Kapitals im Markt entstand ein Nullsummenspiel: Die Gewinne der Memes waren die Verluste anderer Altcoins.
Die Stimmung aber hat sich seit dem Bitcoin-Ausbruch im November geändert. Retail-Investoren kommen zurück, immer mehr Fische tummeln sich im Teich. Hinzu kommt frisches Kapital, das in den Markt fließt wie Fischfutter in den eben noch darbenden Tümpel. Und natürlich performen bestimmte Memecoins immer noch gut – aber ein Superzyklus ist das nicht. Memes werden ein Altcoin-Narrativ wie jedes andere bleiben, das seine große Zeit hat, aber schnell auch wieder an Aufmerksamkeit verliert und neuen Trends Platz macht.
Verstehen Sie den Titel dieses Textes nicht falsch – Memecoins sind nicht per se schlecht. Im Gegenteil: Sie bieten die Möglichkeit, finanziell in wichtige Symbole der Internet-Kultur zu investieren. So zumindest das Narrativ hinter viralen Internet-Phänomenen wie Pepe Frog, Doge oder Popcat. Irgendwie nimmt es gerade aber ganz schön überhand mit den ganzen Memes. Allein auf der Solana-Plattform Pump.fun, die es Nutzern ermöglicht, ohne großes technisches Knowhow ihre eigenen Tokens zu launchen, wurden seit Betriebsbeginn im Januar rund drei Millionen Memecoins aufgesetzt. Das sind sieben Stück pro Minute.
CZ: „Memecoins werden ziemlich seltsam“
Kürzlich schaltete die Plattform eine Livestream-Funktion frei. Die ersten filmischen Beiträge sind am besten mit dem Wort zu beschreiben, das viele Memecoin-Fans in Social-Media-Foren spaßeshalber auf sich selbst anwenden: degenerate. Frei übersetzt: Die Sache ist ganz schön ausgeartet. Private Darsteller dieser Streams wurden auf morbide Weise kreativ in ihren Ideen, wie man andere dazu bringen könnte, ihre eigenen Memecoins zu kaufen. Einer verkleidete sich als Hund und versprach, in einem Käfig Fäkalien zu verspeisen, wenn ein gewisser Betrag zusammenkäme. Andere misshandelten Tiere oder drohten mit Selbstverletzung, würden ihre Zuschauer nicht investieren.
Selbst der ehemalige Binance-CEO Changpeng Zhao schaltete sich vor drei Tagen ein und schrieb auf X, vormals Twitter: „Ich bin nicht gegen Memes, aber Memecoins werden gerade ein bisschen seltsam. Lasst uns lieber richtige Anwendungen für die Blockchain bauen.“ Der beliebteste Kommentar unter dem Post lautete: „Memecoins waren am Anfang ein Spaß, dann ziemlich lustig und jetzt nur noch richtig dumm und verzweifelt.“
Staatliche Regulatoren finden die ganze Meme-Geschichte aber nicht halb so lustig. Mitte der Woche wurde Pump.fun vom Netz genommen und durch das Justizministerium der USA gesperrt. Auf der Blockchain-Wettplattform Polymarket standen die Quoten bei 97 Prozent für ein Pump.fun-Verbot bis Ende des Jahres.
Memecoins sind ein Produkt der Langeweile
Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Artikels ist Pump.fun zwar wieder online, weil die Betreiber versicherten, den degenerierten Umtrieben auf ihrer Plattform Einhalt zu gebieten. Aus dem Fokus der behördlichen Ermittler sind Memecoin-Plattformen damit aber nicht gerückt. Dabei geht es gar nicht so sehr um geschmacklose Livestreams, sondern vielmehr um die vielfältigen Betrugsmaschen rund um Krypto-Memes. Auf X gingen Videos eines 13-Jährigen viral, der einen Memecoin aufsetzte, durch eine Manipulation des Token-Kontrakts seine Käufer betrog, damit 30 000 US-Dollar verdiente und anschließend seine Mittelfinger in die Kamera hielt. Das Problem an Memecoins ist aber nicht nur dieses unmittelbare Betrugsrisiko.
Viel gefährlicher sind die großen Versprechungen des schnellen Reichtums in einem vermeintlichen Memecoin-Superzyklus, der von teils einflussreichen Influencern an jeder Ecke angekündigt wird. Und damit sind wir wieder bei den Fischen vom Beginn. Memecoins sind während der quälend langen Seitwärtsphase des Bitcoin über die Sommermonate zu den großen Hoffnungsträgern des Kryptomarktes geworden. Während selbst die fundamental stärksten und beliebtesten Altcoins immer stärker abverkauften, schossen immer neue Memes in ungeahnte Höhen.
Investoren von XRP, Cardano oder Polkadot verzweifelten an roten Zahlen, gleichzeitig machten Erfolgsgeschichten von Memecoin-Tradern die Runde, die aus wenigen Dollars über Nacht ein Millionenvermögen machten. Schnell waren viele Krypto-Enthusiasten der Überzeugung: Altcoins sind out, wer mit Krypto Geld verdienen sein will, braucht Memes! Die Story vom Memecoin-Superzyklus ist aber schlichtweg gelogen. Die Wahrheit ist: Der Memecoin-Hype ist ein Produkt der Langeweile.
Angler-Mathematik im Memecoin-Sektor
Viele Altcoin-Investoren verloren während des Sommerlochs die Geduld mit ihren stetig schrumpfenden Positionen – umso verlockender waren die exorbitanten Kursgewinne im Memecoin-Sektor. Zwar gab es auch sehr viele neue spannende Altcoin-Projekte mit konkreter technischer Idee – etwa neue KI- oder Gaming-Token – hier aber greift die goldene Rechenregel der Angler-Mathematik: Derjenige mit dem besten Köder gewinnt. Und das waren eben die Memecoins mit ihren dicken grünen Zahlen.
Verwunderlich ist das nicht. Schließlich waren die Fische im Krypto-Teich schon regelrecht ausgehungert nach drei Jahren hartem Bärenmarkt. Schon lange bekam der Sektor kein Futter mehr von außen in Form von frischem Kapital neuer Investoren. Da ließen sich sogar die Standhaftesten langsam dazu verleiten, auch mal nach den verlockenden Ködern zu schnappen. Dazu trugen auch die Geschichten von denjenigen bei, die mit Memecoins Millionen verdienten – also die wenigen, denen es gelang, den Köder zu stibitzen, ohne am Ende an der Angel zu hängen.
Denn die zweite Wahrheit über Memecoins ist: Die Zahl der Gewinner ist verschwindend gering. Das mag auch für Altcoins im Allgemeinen gelten. Bei etablierten Projekten wie Polkadot, Chainlink oder Solana lassen sich Kursbewegungen aber besser einschätzen, die Zyklen bieten in der Regel genügend Zeit, nach guten Einstiegen auch Profite zu realisieren. Besonders kleine Memecoins wie sie täglich zu Tausenden bei Pump.fun gelistet werden, sind reines Glücksspiel.
Am Ende gewinnen die schlauen Fische
Anders als die meisten großen Altcoin-Projekte werden Memecoins à la Pump.fun einfach aufgegeben, wenn sie nach einer kurzen steilen Rallye wieder scharf abverkaufen. Solche Coins kommen nicht im nächsten Zyklus zurück. Sie sterben einfach – häufig innerhalb weniger Stunden oder Tage. Langfristiges Wachstum ist in 99 Prozent der Meme-Fälle nicht möglich – ein Memecoin-Superzyklus schon gar nicht. Zwar werden die etablierten Memecoins in diesem Zyklus weiter wachsen – vor allem, wenn sie von Celebrities wie Elon Musk beworben werden wie im Fall von Dogecoin. Auch diese großen Memes werden aber mit in den nächsten Bärenmarkt gehen und dort mindestens genauso viel verlieren wie andere Altcoins auch.
Natürlich gibt es ein paar geschickte Fische im Kryptomarkt, die sich die besten Meme-Köder vom Angelhaken klauen – die allermeisten scheitern aber beim Versuch solcher Kunststücke. Abgesehen von den größten und etablierten Memes wie Dogecoin, Dogwifhat oder Pepe sind Memecoins reines Glücksspiel. Wer das probieren möchte, muss die Verantwortung dafür selbst tragen und sollte sich nicht von krakeelenden Influencern verführen lassen, die ihre eigenen Shitcoins mit Gewinn an die Community verhökern wollen. Langfristige Rendite kann man in diesem Sektor nicht erwarten. Das Märchen vom Memecoin-Superzyklus löst sich rasant in Luft auf.
Denn seit der Bitcoin Anfang November in Richtung 100 000 US-Dollar ausgebrochen und der breite Altcoin-Sektor daraufhin erwacht ist, sind Memes plötzlich nicht mehr das heißeste Narrativ. Der Grund liegt auf der Hand: Die Langeweile ist vorbei, neues Futter in Form von frischem Kapital ist endlich wieder im Krypto-Teich angekommen. Plötzlich performen XRP und Cardano besser als die großen Meme-Hoffnungsträger. Am Ende waren also die Fische am schlausten, die in den letzten Monaten geduldig darauf gewartet haben, dass die große Fütterung wieder beginnt. Dann nämlich braucht man keine Memecoins, um im Kryptomarkt gutes Geld zu verdienen.


PEPE war so etwas wie der Frühstarter im vermeintlichen 'Memecoin-Superzyklus' und stieg seit Frühling 2023 um atemberaubende 40 000 Prozent. Ist das nachhaltig?
Das Volumen auf Pump.fun nahm in den letzten Monaten stetig zu. Zu Spitzenzeiten wurden fast 50 000 Memecoins am Tag aufgesetzt.
Auf Twitter wirbt Pump.fun mit der Möglichkeit, aus dem 'Krypto-Hamsterrad' auszubrechen. Ein leeres Versprechen?
Ist das schon ein Superzyklus? Auf Pump.fun waren in den letzten Wochen teils mehr als eine Viertelmillion Adressen aktiv.
"... eine Form des Betrugs, bei der Renditen an die ersten Anleger vom Geld der späteren Investoren finanziert werden". Sind Memecoins mehr als das?

