Die technische Revolution rund um Künstliche Intelligenz hat in den vergangenen Monaten so richtig Fahrt aufgenommen. Microsoft profitierte massiv von seinem Milliarden-Investment in den ChatGPT-Entwickler OpenAI und sucht emsig nach neuen Rohdiamanten im Sektor. An Nvidias Performance hingen zwischenzeitlich Wohl und Wehe des nordamerikanischen Aktienmarktes, Geschäftsführer Jensen Huang und sein Computerchip-Gigant wurden fast schon religiös überhöht. Konkurrierende Tech-Riesen wie Apple oder Meta kämpfen um ihr Stück vom KI-Kuchen, die Plätze an der Sonne des neuesten Technologie-Trends scheinen aber fest in der Hand von Microsoft und Co. Die Anleger-Euphorie rund um Künstliche Intelligenz geht aber weit über den traditionellen Finanzmarkt hinaus und schlägt sich auch in dezentralen Spekulationsgefilden nieder: Dass die Blockchain und Künstliche Intelligenz wie geschaffen füreinander sind, wurde spätestens klar, als eine ganze Reihe von KI-Altcoins um mehrere Hundert Prozent in wenigen Wochen zulegten und zum Hype-Garanten schlechthin im ebenso schnelllebigen wie narrativgetriebenen Krypto-Sektor avancierten. Die Rolle, die Microsoft und OpenAI für die Tech-Branche spielen, übernimmt auf der Blockchain das KI-Dreigestirn Fetch.ai (FET), SingularityNET (AGIX) und Ocean Protocol (OCEAN). Ehemals Konkurrenten wollen sich die drei Altcoin-Schwergewichte nun zusammenschließen und zu einem einzigen Token fusionieren. Entsteht hier gerade ein neuer KI-Supercoin? Oder sind die Erwartungen überzogen?
KI-Mega-Krypto: Entsteht ein neues Monopol?
Wer an einer Innovation partizipieren will, muss sich beeilen. Ist man früh dabei, hat man gute Karten: Bitcoin etwa konnte man vor 15 Jahren für wenige Cent kaufen, als Kryptowährungen nur bei Informatik-Freaks auf der Agenda standen – aber so weit muss man gar nicht zurückgehen: Die Nvidia-Aktie stand bei rund $170, als ChatGPT Ende November 2022 auf den Markt kam. Seitdem hat sich das Wertpapier fast versechsfacht. Ähnlich geht es den prominentesten Marktteilnehmern. Wer vorne mitmischen will, sollte sich schnell eine aussichtsreiche Position erarbeiten, das ist wie beim Frühstücks-Buffett im Hotel: Wer später kommt, muss sich mit den Resten begnügen. Die Monopolbildung auf einem neu erschlossenen Markt geht schnell, das ist vorteilhaft für denjenigen, der die dominante Stellung innehat – für alle anderen Mitbewerber ist es ein Albtraum. Auch deshalb ermitteln nordamerikanische Wettbewerbsbehörden schon länger gegen Microsoft und OpenAI. Konkret geht es um die engen Verflechtungen beider Unternehmen: Microsoft-Vertreter bekleiden nach den milliardenschweren Finanzspritzen seitens des Software-Konzerns hohe Positionen bei OpenAI – wenn auch nach außen hin mit beschränkten Befugnissen. Erst kürzlich schaltete sich sogar Tesla-Chef Elon Musk in die juristischen Turbulenzen um den KI-Marktführer und seinen Geschäftsführer Sam Altman ein.
Was auf dem traditionellen Finanzmarkt die Kartellbehörden auf den Plan ruft, ist in einem weniger regulierten Handelsumfeld wie dem Krypto-Sektor nicht ganz so heikel – und doch sensationell. Während börsennotierte Unternehmen regelmäßig Übernahmen durchführen, kommt das in der Blockchain-Welt eher selten vor, zumindest unter den prominenten Altcoin-Projekten. Dennoch wagen Fetch.AI, SingularityNET und Ocean Protocol nun dieses Novum. Was auf den ersten Blick wie ein ausgeklügelter PR-Stunt wirkt, ergibt auf den zweiten Blick durchaus Sinn: Alle drei Projekte konkurrieren in einer zwar stetig wachsenden, für drei Premium-Projekte aber (noch) zu kleinen Branche – und folglich um einen begrenzten Pool an Finanzmitteln risikofreudiger Krypto-Investoren. Anstatt sich also als “Einzelreisende” um das Hotel-Frühstück im KI-Blockchain-Bereich zu balgen, futtern die drei künftig mit vereinten Kräften. Weniger metaphorisch gesprochen bedeutet das: Die drei Währungen FET, OCEAN und AGIX werden in den gemeinsamen ASI-Token geschmolzen, um gemeinsam mit zentralisierten KI-Anwendungen wie ChatGPT konkurrieren zu können und an der Dominanz von Big Tech zu kratzen. Mit fast $5.5 Milliarden kumulierter Marktkapitalisierung handelt es sich um den größten Zusammenschluss der Krypto-Geschichte. Die Führungsrolle nimmt mit etwa $2.8 Milliarden Gewicht Fetch.AI ein, SingularityNET und Ocean Protocol bringen $1.75 Milliarden respektive $850 Millionen auf die Waage. Der konkrete Zeitpunkt der Fusion ist noch nicht bekannt, infolge der Ankündigung stiegen alle drei Projekte aber um deutlich über zwanzig Prozent im Token-Wert.
Das kann die „Superintelligenz-Allianz“
Das neu entstehende Triumvirat punktet aber nicht nur mit Finanzkraft, sondern vor allem mit langjähriger Expertise: SingularityNET ist einer der ältesten KI-Altcoins, wurde bereits 2017 gelauncht und setzt sich zum Ziel, den Handel mit KI-Protokollen zu demokratisieren. Durch den dezentralen Charakter des Netzwerks und vermittlerlose Vermarktungsmöglichkeiten von KI-Programmen sollen auch kleinere Entwickler Chancen auf lukrative Monetarisierung erhalten. Fetch.AI folgte zwei Jahre später und bietet ein dezentrales Netzwerk für maschinelles Lernen. Verarbeitet werden dabei große Datensätze, deren Ergebnisse für die Optimierung von Lieferketten, Transportnetzen oder auch intelligente Energieversorgung genutzt werden können. Dafür arbeitet Fetch.AI auch mit IoT-Anwendungen (engl: Internet of Things). Ebenfalls 2019 ging Ocean Protocol an den Start, ein paar Monate später eröffnete der dezentralisierte Marktplatz des Projekts, auf dem Privatpersonen und Unternehmen Daten und datenbasierte Services handeln können. Der Grundgedanke ist dabei, Daten zur Verfügung zu stellen, ohne die Besitzrechte des Urhebers anzutasten. Mithilfe der KI-unterstützten Software werden Angebot und Nachfrage zusammengeführt und die Aktivitäten der einzelnen Marktteilnehmer aufeinander abgestimmt. Auf ihren Social Media-Kanälen bezeichnen die drei Projekte ihre Zusammenarbeit als „Allianz der Superintelligenz“, wollen operativ aber nicht vollständig verschmelzen, sondern weiterhin separat arbeiten.
Durch die „Kombination unserer Technologien“ entstehe „ein führendes Unternehmen in den Bereichen Forschung und Entwicklung, Anwendung und Kommerzialisierung von Artificial General Intelligence“, wurde Bruce Pon, CEO und Mitbegründer von Ocean Protocol in einem öffentlichen Statement zitiert. Als Artificial General Intelligence (kurz: AGI) gelten autonome Algorithmen, die menschliche Fähigkeiten auf jedem erdenklichen Gebiet übertreffen und universal anwendbar sind. Dabei hängt die finale Entscheidung über die Fusion noch von einer demokratischen Abstimmung unter den Token-Haltern der drei Projekte ab, die voraussichtlich in den nächsten Tagen darüber votieren können, ob ihr Projekt in der neuen KI-Allianz aufgehen soll: „FET-Token-Stakern wird ein Governance-Vorschlag auf der offiziellen Webseite von Fetch.AI zur Verfügung stehen und die anderen Communities werden ebenfalls in ihren Ökosystemen über die Fusion abstimmen“, kündigte Fetch.AI an und bezog sich damit auf die unterschiedlichen auf der Blockchain beheimateten Projekte. Laut Bruce Pon werde der neue ASI-Token „zur Sicherung des öffentlichen Netzwerks, für den Zugang zu Datendiensten und zur Freischaltung von Blockchain-Prozessen verwendet, ohne dass herkömmliche Bank- und Zahlungssysteme erforderlich sind. Es ist die native Währung der dezentralen Wirtschaft autonomer Maschinen“. Laufen soll der Token gleich auf mehreren Blockchains: Neben Fetch.AI selbst sind auch Ethereum und Cardano im Gespräch.
Wo bekommt man den neuen Token? Und wie performt er?
Beim Übergang zur neuen nativen Währung ASI werden die bestehenden FET-Token wertgleich in die neue Einheit umgewandelt. AGIX und OCEAN, die Token der beiden außerdem beteiligten Projekte, werden jeweils im Verhältnis von rund 0.43 zu 1 umgetauscht – für 100 AGIX oder OCEAN erhält man also rund 43 ASI. Zusätzlich wird ASI zum öffentlichen Handel gelistet, die genauen Formalitäten sind hierzu aber noch nicht bekannt. Wer seine FET, AGIX oder OCEAN auf zentralisierten Börsen hält, wird automatisch in den Umtauschprozess einbezogen und muss selbst nicht aktiv werden. Für alle Selbstverwahrer werden Möglichkeiten des unkomplizierten Umtauschs über die offiziellen Kanäle der Projekte zur Verfügung gestellt. Auf starke Kursanstiege kann also etwa mit einem Kauf des FET-Tokens spekuliert werden, den wir in regelmäßig in unserem Altcoin-Paket analysieren. Sobald die Fusion erfolgt ist, werden dort natürlich Anpassungen vorgenommen und im Detail bekannt gegeben. Über die prognostizierte Kursentwicklung von ASI scheiden sich momentan noch die Geister. Für großes Kaufinteresse sprechen die neue Monopolstellung im Bereich Krypto-KI und die beträchtliche Reputation der teilnehmenden Projekte. Die jüngsten Kursanstiege bei FET, AGIX und OCEAN könnten allerdings auch auf ein Sell-The-News-Event hindeuten. In diesem Fall würden viele Anleger versuchen, vom Hype im Vorfeld zu profitieren und zum Zeitpunkt der tatsächlichen Fusion Gewinne realisieren. Auch die hohe Marktkapitalisierung von rund $7.5 Milliarden, die ASI beim Launch innehaben wird, steht laut Marktbeobachtern initial starken Anstiegen im Wege. Bis zur Marktkapitalisierung von Chainlink ($10.7 Milliarden), Polkadot ($12.3 Milliarden) oder Avalanche ($17.8 Milliarden) ist zwar noch ein bisschen Platz – das Kaufvolumen muss für deutliche Anstiege aber ungleich größer sein als bei den Ursprungsprojekten, die aktuell deutlich geringeres finanzielles Gewicht besitzen. Von der vereinten Strahl- und Kaufkraft der zusammengeführten Unterstützer-Communities könnte ASI wiederum profitieren. Ein neuer KI-Supercoin ist ASI in Sachen Technologie definitiv. Ob er es auch preislich wird, bleibt abzuwarten.




