Zinsen und Wohnungsnot: Deutschlands Immo-Branche im Stresstest
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Zinsen und Wohnungsnot: Deutschlands Immo-Branche im Stresstest

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Murat Örs

Die Europäische Zentralbank (EZB) hatte in den letzten Jahren im Kampf gegen die hartnäckig hohe Inflation die Leitzinsen in einer historischen Geschwindigkeit kräftig angehoben. Diese Zinserhöhungen hatten weitreichende Folgen in der EU. Besonders den Immobilienmarkt, der besonders sensibel auf Veränderungen im Zinssatz reagiert, traf die gestraffte Geldpolitik empfindlich. Steigende Finanzierungskosten für Immobilienkredite in Kombination mit den hohen Baukosten, verschuldet durch die Inflation, führten zu einer abflauenden Nachfrage und einem dramatischen Einbruch in Deutschland. Selbst Immobilienriesen wie das Signa-Imperium des österreichischen Investors René Benko konnten der Zinsspirale nicht trotzen und mussten Insolvenz anmelden. Als größte Volkswirtschaft der Eurozone mit einem Bruttoinlandsprodukt von über 4€ Billionen ist Deutschland ein wichtiger Faktor für die Stärke des Euro. Doch die rigorose Zinswende der EZB hat die hiesige Immobilienbranche schwer getroffen. Der Aufschwung der letzten Jahre ist zum Stillstand gekommen.

Geht der Immobilien-Blase die Luft aus?

In den Jahren nach der Finanzkrise 2010 bis 2020 erlebte der deutsche Wohnimmobilienmarkt einen bemerkenswerten Aufschwung. Immobilienpreise und Mieten stiegen deutlich an. Wohninvestitionen avancierten für institutionelle Anleger zur favorisierten Assetklasse – begünstigt durch stabile Geldflüsse, viele neue Mieter und das niedrige Zinsumfeld. Jenes niedrige Zinsumfeld führte zu einem riesigen Hebeleffekt im Immobiliensektor. Es waren Finanzierungen von Wohnungen möglich, ohne eigenes Kapital mit einzubringen, oder nur einen geringen Betrag. Dies führte zu einem regelrechten Immo-Investor-Boom-Zyklus. Der Anteil von Wohnimmobilien am gesamten Transaktionsvolumen verdoppelte sich 2021 bis 2023 im Vergleich zu 2007 von 15 Prozentpunkte auf rund 30 Prozent. Eine Blase schien sich anzubahnen, denn so konnte es nicht ewig weitergehen.

Preise steigen, Mieten sinken

Der Inflationsschock auf der Angebotsseite und die daraufhin erfolgte geldpolitische Wende durch Zinserhöhungen der Zentralbanken führten zum stärksten Preissturz seit 60 Jahren im deutschen Immobilienmarkt. Höhere Kapital- und Finanzierungskosten durch gestiegene Basiszinsen, aktuell in der EU bei 4.5 Prozent, ließen die Immobilienwerte sinken. In Städten wie Bremen, München oder Frankfurt gingen die Preise teilweise um 20-30 Prozent zurück im Vergleich zum Höhepunkt des Wohnungsmarktes Ende 2022, bevor die Zinserhöhungen eingeleitet wurden. Gleichzeitig stieg die Nachfrage nach Mietwohnungen, da sich finanzstarke Käufer nun zunehmend aus dem Markt zurückzogen und Verbraucher teurere Mieten akzeptierten, da ein Immobilienkauf für viele unerschwinglich wurde. Liquidität war also da und so zogen die Mieten auf breiter Front an. Das machte das Leben in Deutschland immer teurer.

In Deutschland liegt der Anteil der Haushalte, die zur Miete wohnen, mit rund 58 Prozent deutlich über dem EU-Durchschnitt. Zum Vergleich: In den meisten anderen EU-Ländern liegt dieser Anteil bei unter 30 Prozent. Die durchschnittlichen Angebotsmieten für Mietwohnungen in den 14 größten deutschen Städten liegen bei etwa 12.23€ pro Quadratmeter für die Nettokaltmiete. Dies ist ein relativ hohes Mietpreisniveau im europäischen Vergleich. Wobei es innerhalb Deutschlands regional ein erhebliches Preisgefälle zwischen ländlichen Gebieten und städtischen Ballungsräumen gibt. Im ländlichen Bereich sind Quadratmeterpreise von 6.50€ im normalen Bereich.

Der Wandel auf Deutschlands Bauplätzen

Die Baubranche in Deutschland sah sich in den letzten Jahren mit Hürden wie den hohen Zinsen und gestiegenen Energiekosten aufgrund des Ukraine-Konflikts konfrontiert, die auch dazu führten, dass unter anderem der rohstoffintensive Immobilienmarkt immer mehr in die Bredouille geriet. Experten warnen vor einer Wohnungslücke, da die Bautätigkeit zurückgeht. Das Statistische Bundesamt meldete am Donnerstag einen Rückgang von 0,3 Prozent bei der Fertigstellung neuer Wohnungen im letzten Jahr mit insgesamt 294.400 gebauten Einheiten. Diese Zahl verfehlt das Regierungsziel von 400.000 deutlich und stellt eine Herausforderung für den angeschlagenen deutschen Immobiliensektor dar.

Zwischen 2010 und 2020 stieg die Zahl der fertiggestellten Wohnungen von 159.800 auf 306.400. Seit 2021 stagniert das Wachstum jedoch. Der Trend bei den Fertigstellungen zeigt für die kommenden Jahre eindeutig nach unten. Auch Axel Gedaschko, Präsident des GdW, Bundesverbands deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen (ursprünglich: Gesamtverband deutscher Wohnungsunternehmen), äußerte sich besorgt: "Mit steigenden Kosten und Zinsen sowie fehlender Förderung für bezahlbaren Neubau können abgesehen vom geförderten Wohnungsbau kaum noch neue Projekte überhaupt diskutiert werden.“

Zukunftsvisionen werden zu Zukunftsruinen

Pekka Sagner vom Deutschen Wirtschaftsinstitut stimmte zu, dass sich die Wohnungsknappheit in naher Zukunft verschärfen wird. Seit 2022 gab es einen deutlichen Rückgang bei den erteilten Baugenehmigungen, dessen Auswirkungen sich frühestens 2024 zeigen werden. Die Behörden genehmigten 2023 nur 259.600 Bauvorhaben - der niedrigste Stand seit 2012. Separate Daten zeigen, dass die Zahl der Genehmigungen im ersten Quartal 2024 weiter sank. Die Bau-Statistiken umfassen Fertigstellungen von Neubauten, Bauarbeiten an Bestandsgebäuden sowie Wohnungen in Wohn- und Nichtwohngebäuden.

Alle gezählten Fertigstellungen betreffen neue Wohnräume. Eine Beispiel dafür, wie die gestiegenen Kosten viele Unternehmen an den Rand des Kollaps und darüber hinaus bringen können, ist der Immobilien-Unternehmer René Benko. Dieser hat im vergangenen Jahr mit seinem Unternehmen, der Signa-Gruppe, Insolvenz anmelden müssen. Die Kräne an seinen Bauvorhaben rosten nun - etwa beim Elbtower in Hamburg, direkt an den Elbbrücken. Ermittelt wird aktuell, welche Rolle Missmanagement bei der Signa-Pleite gespielt hat, denn René Benko dürfte am Niedergang seines einstigen Milliarden-Imperiums nicht ganz unschuldig sein - ähnlich wie die straffe Geldpolitik, die dem Mutterkonzern von Galeria Karstadt Kaufhof letztlich offenbar das Genick brach.

Ein wichtiger Faktor für die Zement-Tristesse auf dem deutschen Immobilienmarkt ist und bleibt die Geldpolitik der EU, gesteuert durch die Zinsentscheidungen der EZB. Wir werden dies für Sie weiter im Auge behalten und halten Sie auf dem Laufenden. Denn es gibt auch Unternehmen, die von den Zinsentscheidungen und der Verteuerung profitieren können. Daher schauen Sie gerne in unserem US-Titans- oder DAX40-Paket vorbei, wo wir in unseren täglichen Analysen Preisentwicklungen zu den wichtigsten einheimischen und internationalen Aktienunternehmen analysieren und unsere Prognosen tagesaktuell mit unseren Kunden teilen.

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