Die wichtigsten Punkte
Inmitten eskalierender Handelskonflikte und geopolitischer Spannungen haben Chinas Präsident Xi Jinping, Russlands Präsident Wladimir Putin und Indiens Premierminister Narendra Modi auf dem Gipfel der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SOZ) in Tianjin eine demonstrative Show der Einheit inszeniert. Xi warnte vor einer „Weltkriegs-Mentalität" und rief zu einer neuen, gerechteren Weltordnung auf – eine klare Kampfansage an die von den USA dominierte Nachkriegsordnung. Das Treffen der drei Schwergewichte, die zusammen fast drei Milliarden Menschen repräsentieren, wird als Versuch gesehen, eine neue Allianz gegen den Westen zu schmieden und die Dominanz des US-Dollars zu brechen. Während Xi und Putin ihre enge Freundschaft zelebrierten, vollzog auch Indien eine bemerkenswerte Annäherung an China. Die Gründung einer eigenen Entwicklungsbank und die geplante Zusammenarbeit im Bereich der Künstlichen Intelligenz unterstreichen den Anspruch der SOZ, eine Alternative zu westlichen Institutionen zu schaffen.
Ein Gipfel der Superlative und der Symbolik
Selten war ein diplomatisches Treffen so reich an Symbolik wie der SOZ-Gipfel in der nordchinesischen Hafenstadt Tianjin. Das Bild, das um die Welt ging, zeigte Xi Jinping, Wladimir Putin und Narendra Modi lachend und Hände schüttelnd – eine demonstrative Geste der Einigkeit in einer Zeit, in der die USA unter Präsident Donald Trump mit Handelskriegen und Sanktionen für globale Unsicherheit sorgen. Xi Jinping, der Gastgeber des Gipfels, nutzte die große Bühne für eine Grundsatzrede, die es in sich hatte. Er warnte vor einer „Weltkriegs-Mentalität" und rief zu einer neuen, gerechteren Weltordnung auf. Die Welt erlebe Veränderungen, wie es sie seit einem Jahrhundert nicht mehr gegeben habe, mit deutlich zunehmender Instabilität und Unsicherheit. Die SOZ trage daher eine noch größere Verantwortung für die Wahrung des Friedens und der Stabilität in der Region. Es war eine kaum verhohlene Kritik an der Politik der USA, die von den anwesenden Staats- und Regierungschefs mit Applaus bedacht wurde.
Besonders herzlich fiel die Begrüßung zwischen Xi und Putin aus. Der chinesische Präsident bezeichnete seinen russischen Amtskollegen als „alten Freund" und platzierte ihn auf dem offiziellen Familienfoto direkt neben sich. Auch die Annäherung zwischen China und Indien, den beiden bevölkerungsreichsten Ländern der Welt, war ein zentrales Thema des Gipfels. Nach Jahren der Spannungen und Grenzkonflikte trafen sich Xi und Modi zum ersten Mal seit sieben Jahren auf chinesischem Boden und betonten ihre Absicht, als Partner und nicht als Rivalen zusammenzuarbeiten. Die Annäherung wird von Beobachtern auch als direkte Reaktion auf die von Trump verhängten Strafzölle gesehen, die sowohl China als auch Indien empfindlich treffen.
Eine neue Weltordnung ohne den Westen?
Der Gipfel von Tianjin war mehr als nur eine diplomatische Charmeoffensive. Er war der bisher deutlichste Versuch, eine neue, multipolare Weltordnung zu etablieren, in der die USA nicht mehr die alleinige Supermacht sind. Die Gründung einer eigenen Entwicklungsbank der SOZ ist ein direkter Angriff auf die von den USA dominierten Institutionen wie die Weltbank und den Internationalen Währungsfonds. China hat bereits zugesagt, die Bank mit zwei Milliarden Yuan (rund 280 Millionen US-Dollar) an kostenloser Hilfe und weiteren zehn Milliarden Yuan (rund 1,4 Milliarden US-Dollar) an Krediten auszustatten. Ziel ist es, eine Alternative zum US-Dollar zu schaffen und die Abhängigkeit vom amerikanischen Finanzsystem zu verringern.
Ein weiterer wichtiger Baustein der neuen Allianz ist die geplante Zusammenarbeit im Bereich der Künstlichen Intelligenz. In der Abschlusserklärung des Gipfels, der „Tianjin Declaration", verpflichteten sich die Mitgliedsstaaten, die Zusammenarbeit im Bereich der KI zu stärken und betonten das „gleiche Recht aller Länder, KI zu entwickeln und zu nutzen". China will hier eine Führungsrolle übernehmen und hat bereits die Gründung eines Kooperationszentrums für KI-Anwendungen und den Austausch von Open-Source-Modellen angekündigt. Auch hier ist die Botschaft klar: Man will sich von der technologischen Dominanz des Westens emanzipieren und eine eigene, unabhängige KI-Infrastruktur aufbauen.
Ein brüchiger Frieden und die Rolle Trumps
Trotz der demonstrativen Einigkeit in Tianjin bleiben die internen Konflikte und Rivalitäten innerhalb der SOZ bestehen. Insbesondere das Verhältnis zwischen China und Indien ist von tiefem Misstrauen geprägt. Der Grenzkonflikt im Himalaya ist ungelöst, und Indien sieht Chinas enge Beziehungen zu Pakistan mit Sorge. Auch die wirtschaftliche Dominanz Chinas innerhalb der Organisation wird von einigen Mitgliedsstaaten kritisch gesehen. Es ist daher fraglich, wie tragfähig die neue Allianz auf lange Sicht sein wird. Paradoxerweise ist es ausgerechnet US-Präsident Donald Trump, der mit seiner aggressiven Handelspolitik und seinen Drohungen gegen China und andere Länder den Zusammenhalt der SOZ stärkt. Seine Politik des „America First" hat viele Länder in die Arme Chinas getrieben und Pekings Bemühungen, sich als verlässlicherer und berechenbarerer Partner zu präsentieren, in die Hände gespielt. Der Gipfel von Tianjin hat gezeigt, dass die Welt im Umbruch ist. Die von den USA nach dem Zweiten Weltkrieg geschaffene Ordnung erodiert, und neue Machtzentren entstehen. Ob die SOZ in der Lage sein wird, eine echte Alternative zum Westen zu schaffen, ist offen. Aber das Treffen von Xi, Modi und Putin war ein klares Signal, dass die Zeit der alleinigen Dominanz der USA vorbei sein könnte.





