Es brennt beim deutschen Stahlproduzenten Thyssenkrupp – leider nicht nur in den Hochöfen. In dieser Woche hat der milliardenschwere deutsche Stahlproduzent mitgeteilt, mehrere tausend Stellen streichen zu wollen. Thyssenkrupp beschäftigt in Deutschland derzeit etwa 61 000 Menschen. Fast jeder fünfte Arbeitsplatz soll in nächster Zeit wegfallen.
Ähnlich wie bei Volkswagen protestieren Gewerkschaften und Angestellte auch diesmal lautstark, auch dieser Fall wird zum Politikum: Das Land Nordrhein-Westfalen und die Bundesregierung subventionieren den wankenden Stahlriesen, der zuletzt deutlich rote Zahlen schrieb, bereits mit Milliarden an Steuergeldern. Trotzdem machen Experten für die aktuelle Krise auch die deutsche Energie- und Wirtschaftspolitik verantwortlich. Aber auch China ist – wie bei Volkswagen – nicht ganz unschuldig an Thyssenkrupps Misere.
Der Stahlmarkt schmilzt dahin – Thyssenkrupp wird zum Politikum
Seit Jahren steckt Thyssenkrupp in der Krise. Besonders die Stahlsparte, einst das Herzstück des DAX-Konzerns, belastet die Bilanz erheblich. Im abgelaufenen Geschäftsjahr verzeichnete der Konzern einen Nettoverlust von 1.5€ Milliarden, nachdem bereits im Vorjahr 2.1€ Milliarden verloren gegangen waren. Hauptursache sind Abschreibungen auf das Stahlgeschäft in Milliardenhöhe sowie zusätzliche Belastungen im Stahlhandel und der Automobilbranche.
Auch die Auftragslage hat sich verschlechtert: Der Auftragseingang sank zuletzt um elf Prozent auf 32.8€ Milliarden, der Umsatz um sieben Prozent auf 35€ Milliarden. Vor allem schwächelt die Nachfrage aus dem Maschinenbau, der Bauwirtschaft und wegen der verschärften Krise in der Automobilindustrie, kombiniert mit Überkapazitäten auf dem europäischen Stahlmarkt und Billigimporten aus Asien. Laut Clemens Fuest, Präsident des Münchner ifo-Instituts, ist die Stahlproduktion in Deutschland seit 2000 um ein Viertel zurückgegangen.
Auf die alarmierenden Zahlen reagiert Thyssenkrupp nun mit radikaler Restrukturierung. Der Konzern plant, insgesamt 11 000 Arbeitsplätze abzubauen, was rund 18 Prozent der Belegschaft entspricht. Von den 27 000 Stellen in der Stahlsparte werden 5 000 bis 2030 gestrichen, weitere 6 000 sollen durch Auslagerungen oder Verkäufe wegfallen.
Besonders betroffen ist der Standort Kreuztal-Eichen im Siegerland, der komplett geschlossen wird und rund 500 Arbeitsplätze verliert. Thyssenkrupps Vorstand betont, betriebsbedingte Kündigungen möglichst zu vermeiden, etwa durch den Abbau über Pensionierungen. „Wir nehmen unsere Verantwortung sehr ernst und wollen für möglichst viele unserer Beschäftigten langfristige Perspektiven schaffen“, erklärte Dennis Grimm, Chef der Stahlsparte. Dennoch protestiert die Gewerkschaft IG Metall lautstark und sprach von einer „Kampfansage“ an die Belegschaft.
„Schock“ für Arbeitnehmer – und die Klimapläne
Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) sprach kurz nach Bekanntwerden der Verschlankungspläne bei Thyssenkrupp von einem „Schock für tausende Beschäftigte und ihre Familien“ und betonte: „Die Landesregierung hat klare Erwartungen an Thyssenkrupp, dass es zu keinen betriebsbedingten Kündigungen kommt“. Schließlich soll der Stahlgigant nicht nur ein industrielles Standbein der Region und ihrer Arbeitskräfte bleiben, sondern auch die industrielle Transformation in Richtung Nachhaltigkeit vorantreiben – Stoff also für ein ausgewachsenes Politikum.
Mit politischer Unterstützung plant Thyssenkrupp schon länger den klimaneutralen Umbau seiner Stahlproduktion durch den Einsatz von Wasserstofftechnologie. Bund und Land NRW fördern das Projekt mit insgesamt 2€ Milliarden. Fachleute und Beschäftigte äußern jedoch Zweifel, ob die Umstellung rechtzeitig gelingt, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Hendrik Wüst forderte einmal mehr ausdrücklich, dass Stahl weiterhin eine Zukunft in Deutschland haben müsse.
Die akute Schwäche von Thyssenkrupp ist trotz ihrer politischen Tragweite nur das jüngste Symptom einer tieferliegenden Krise in der deutschen Industrie, wie etwa ifo-Chef Clemens Fuest gegenüber der Tagesschau erklärte. Fuest beobachtet am Standort Deutschland demnach einen „Strukturwandeleffekt, der durch die deutsche Wirtschaftspolitik verschärft wird, die Kosten am Standort Deutschland erhöht und das Energieangebot verknappt“. Insgesamt sei die Lage für die gesamte Branche „sehr ernst“.
Schuld ist daran aber keineswegs nur die deutsche Wirtschaftspolitik. Denn weltweit gerät der Stahlmarkt aktuell in grobe Turbulenzen. Auslöser dafür ist China: Im Reich der Mitte scheint der steile Aufstieg, den die dortige Stahlindustrie über die vergangenen Jahre erlebte, in eine Sackgasse zu laufen – mit schwerwiegenden Folgen für Deutschland und die ganze Welt.
Überkapazität und schwache Nachfrage: China flutet den Stahlmarkt
Nicht erst seit gestern steckt die chinesische Stahlindustrie in einer tiefen Krise, die durch Überkapazitäten, eine schwächelnde Inlandsnachfrage und den globalen Druck auf Stahlpreise ausgelöst wurde. Die Branche ist mit erheblichen Verlusten konfrontiert: Nur etwa fünf Prozent der chinesischen Stahlproduzenten arbeiten profitabel, während fast drei Viertel rote Zahlen schreiben.
Ursachen sind der Einbruch im Immobiliensektor und das seit Monaten stagnierende Wirtschaftswachstum, die die industrielle Nachfrage stark gedrückt haben. Trotz der Reduzierung der Produktion bleiben Überkapazitäten bestehen, wodurch die weltweiten Stahlpreise weiter fallen. Denn China exportiert zunehmend Überschüsse und subventioniert großzügig, um die schwache Inlandsnachfrage auszugleichen. Die chinesischen Stahl-Exporte sind deshalb 2024 um 19 Prozent im Vergleich zum Vorjahr gestiegen und liegen ganze 50 Prozent über dem Fünfjahresdurchschnitt.
Dieser Exportdruck belastet internationale Märkte, da chinesischer Stahl oft unter Produktionskosten verkauft wird. Länder wie die USA, EU-Staaten und Indien haben darauf mit Zöllen und Antidumpingmaßnahmen reagiert, doch die Maßnahmen bieten keinen vollständigen Schutz. Chinesischer Stahl findet häufig über indirekte Routen seinen Weg in Märkte, was ein globales Handelsungleichgewicht erzeugt.
Für ifo-Chef Clemens Fuest ist die Sache klar: „Während der Standort Deutschland an Attraktivität verliert, entsteht zu wenig Neues in den heimischen Unternehmen – auch etwa in der Autobranche, dem zweiten großen Sorgenkind.“ Im Klartext bedeute das: „Es entstehen einfach zu wenig neue Unternehmen und Innovationen in Europa, weil es für aufstrebende Firmen besser ist, etwa in die USA zu gehen.“
Auszuhalten wäre die aktuelle Situation besser, wenn bei Thyssenkrupp entlassene Arbeitskräfte schnell neue Stellen fänden – das aber sei schwierig, weil „die Deindustrialisierung nun offenbar doch schneller an Fahrt gewinnt“. Von politischen Schnellschüssen aber rät Fuest ausdrücklich ab, auch wenn die Probleme dringlich seien: „Kurzfristige Subventionen bringen jetzt nichts, das schafft im schlimmsten Fall wenig nachhaltige Strukturen“. Vielmehr sollten sich die politischen Entscheidungsträger jetzt „Zeit nehmen, sorgfältig nachzudenken – überstürzte Sofortmaßnahmen sollte man bleiben lassen“.


Asien produziert mehr als zehnmal so viel Stahl wie Europa – trotzdem wächst der Stahl-Output der EU leicht (Quelle: World Steel Association).
Billiger Stahl aus China stürzt Thyssenkrupp in die Krise: Deutschland produzierte im laufenden Jahr gut 30 Millionen Tonnen – China schafft das Dreifache im Monat.
Allein im Oktober produzierte China 25-mal so viel Stahl wie Deutschland (erste Spalte) und wirft seine Überproduktion auf den Weltmarkt (Quelle: World Steel Association).

