Der Pharma- und Agrarchemiekonzern Bayer hat am 15. August einen wichtigen juristischen Sieg im Glyphosat-Streit errungen. Ein Bundesberufungsgericht in Philadelphia entschied einstimmig zugunsten von Bayer, indem es feststellte, dass Bayer keine Krebswarnungen auf dem Unkrautvernichter Roundup anbringen muss und diesbezüglich Klagen nichtig sind. Dieser Entscheid markiert eine bedeutende Wende in den Rechtsstreitigkeiten, die Bayer seit der Übernahme des nordamerikanischen Pharma-Riesen Monsanto im Jahr 2018 zu bewältigen hat. Während dieser Triumph für Bayer Hoffnung auf ein Ende der milliardenschweren Prozesse weckt, bleiben viele Fragen offen – insbesondere in Bezug auf die Zukunft des Unternehmens. Seit Monaten enttäuscht die Aktie, im Februar kürzte der Aspirin-Entwickler seine Dividende um 95 Prozent. Auch deshalb forderte der neue Geschäftsführer Bill Anderson kürzlich eine „radikale Neuausrichtung“. Bayer aber hat einen großen Plan – und dank des jüngsten Etappensiegs mächtig Rückenwind.
Bayer hat Blut geleckt – und will vor den Obersten Gerichtshof
Seit Jahren kämpft Bayer vor Gericht mit den Altlasten von Monsanto. Mehr als 10€ Milliarden hat man mittlerweile für Vergleiche ausgegeben, für weitere drohende Strafen stellte man kürzlich weitere 16€ Milliarden zurück. Seit Monaten hoffen Aktionäre auf eine juristische Trendwende – und die könnte nun gekommen sein. Im Mittelpunkt des jüngsten Falls steht die Frage, ob Monsanto – und damit Bayer – auf seinen glyphosathaltigen Produkten vor Krebsrisiken hätte warnen müssen. Roundup war eines von Monsantos Flaggschiff-Produkten und enthält das Herbizid Glyphosat, dessen Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit heiß diskutiert werden. Die Klägerseite argumentierte, dass der Konzern gegen Gesetze des Bundesstaates Pennsylvania verstoßen habe, indem er keine entsprechenden Warnhinweise auf seinen Produkten angebracht hatte. Das Gericht entschied jedoch, dass solche Warnhinweise nach den bundesrechtlichen Vorschriften nicht zulässig gewesen wären.
„Wir begrüßen die einstimmige Entscheidung des Berufungsgerichts, die besagt, dass Klagen wegen angeblich unzureichender Warnhinweise in einzelnen Bundesstaaten ausdrücklich durch Bundesrecht ausgeschlossen sind“, erklärte Bayer in einer Stellungnahme nach dem Urteil. Erledigt ist die Sache für Bayer damit aber noch nicht, denn das Urteil steht im Widerspruch zu früheren Entscheidungen anderer US-Gerichte, die ähnliche Argumente des Pharma-Riesen abgelehnt hatten. Derartige Unstimmigkeiten unter US-Gerichten, in der US-Rechtssprache Circuit Split genannt, könnte dazu führen, dass der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten letztlich eine Grundsatzentscheidung treffen muss. Bayer kündigte bereits an, für ein solches Verfahren gewappnet zu sein und kündigte an, den eigenen Standpunkt auch bis zur obersten Instanz des US-Rechtssystems durchzufechten, um endgültige Klarheit in dieser Angelegenheit zu schaffen.
Roundup krebserregend? Unklarheiten setzen Bayer zu
Die rechtlichen Auseinandersetzungen um Glyphosat begannen für Bayer mit der Übernahme des US-Unternehmens Monsanto im Jahr 2018. Mit dem Kauf für über $60 Milliarden holte sich Bayer nicht nur innovative Agrartechnologien ins Haus, sondern auch eine massive Klagewelle. Seitdem hat der Konzern Milliarden an Vergleichszahlungen geleistet und zahlreiche Gerichtsverfahren verloren, was das Vertrauen der Aktionäre erheblich erschüttert hat. Der Aktienkurs des Unternehmens ist seit der Übernahme um fast drei Viertel eingebrochen. Dennoch hat Bayer auch Erfolge verzeichnet: Von 23 größeren bisher abgeschlossenen Verfahren hat der Konzern 14 gewonnen, was die Strategie des Unternehmens, Prozesse weiterhin vor Gericht auszutragen, stützt.
In seiner Stellungnahme zum jüngsten Urteil betonte Bayer erneut, dass die Sicherheit von Roundup wissenschaftlich bewiesen sei und von Regulierungsbehörden weltweit bestätigt werde. Auch die Europäische Union äußerte sich vor wenigen Monaten positiv zu Bayers streitbarem Unkrautvernichter. Bayer selbst verweist dabei auf die nordamerikanischen Umweltbehörde, die festgestellt hat, dass Glyphosat nicht krebserregend sei und somit keine Warnhinweise auf dem Produkt erforderlich seien. Gleichzeitig steht Bayer vor der Herausforderung, dass die Weltgesundheitsorganisation WHO und ihre Krebsforschungsagentur IARC das Herbizid 2015 als wahrscheinlich krebserregend eingestuft haben. Diese gegensätzlichen Bewertungen haben zu erheblichen Unsicherheiten geführt und die Grundlage für die zahlreichen Klagen in den USA gelegt.
Bayer bleibt kämpferisch – und hat einen Plan
Um die negativen Folgen vergangener Rechtsstreitigkeiten einzudämmen und weitere Risiken zu minimieren, hat Bayer einen umfassenden Fünf-Punkte-Plan entwickelt, der sowohl rechtliche als auch strategische Maßnahmen umfasst, soll dem Unternehmen helfen, die finanziellen Belastungen durch die Glyphosat-Prozesse zu reduzieren und gleichzeitig das Vertrauen der Anleger zurückzugewinnen. Der erste Punkt des Plans sieht vor, dass Bayer weiterhin auf eine Entscheidung des Obersten Gerichtshofs in den Vereinigten Staaten hinarbeitet. Eine positive Entscheidung dieses Organs könnte die meisten Rechtsstreitigkeiten beenden und Bayer erheblich entlasten. Ein weiterer zentraler Punkt des Plans ist die Handhabung aktueller Klagen. Bayer hat bisher rund 114 000 der insgesamt etwa 172 000 Klagen beigelegt oder anderweitig ausgeräumt. Vor weiteren juristischen Auseinandersetzungen scheut Bayer allerdings nicht zurück, wie der Konzern mehrfach bekanntgab.
„Da wir bewiesen haben, dass wir Prozesse gewinnen können, werden wir Klagen weiter vor Gericht austragen“, erklärte Bayer unlängst in einer Stellungnahme. Vergleichsverhandlungen werden demnach nur in Betracht gezogen, wenn sie klare wirtschaftliche Vorteile für das Unternehmen bringen. Ein bedeutender Schritt zur Risikominimierung ist Punkt drei des Plans, nämlich die neue Produktzusammensetzung für den US-Privatkundenmarkt. Bayer hat beschlossen, Roundup für den Privatgebrauch in den USA künftig ohne Glyphosat anzubieten. Stattdessen sollen alternative Wirkstoffe zum Einsatz kommen. Dieser Schritt, so betont das Unternehmen, sei rein strategisch, diene ausschließlich der Minimierung rechtlicher Risiken und „reflektiert in keinerlei Hinsicht etwaige Sicherheitsbedenken“, heißt es in der Stellungnahme.
Nimmt die Bayer-Aktie wieder Fahrt auf?
Für professionelle und landwirtschaftliche Nutzer in den USA bleibt Glyphosat weiterhin verfügbar. Da die meisten Klagen aus dem Privatkundensegment stammen, hofft Bayer, durch diese Maßnahme die Grundlage für zukünftige Rechtsstreitigkeiten weitgehend zu entziehen. Der vierte Punkt des Plans sieht ein Programm zum Umgang mit künftigen Ansprüchen vor. Ursprünglich hatte Bayer ein Programm entwickelt, an das sich potenzielle Kläger hätten wenden können, ohne über Anwälte zu gehen. Aufgrund der Erfolge vor Gericht wird dieses Programm jedoch ausgesetzt. Abgerundet wird der Fünf-Punkte-Plan durch verstärkte öffentliche Aufklärung. Bayer hat eine Website eingerichtet, auf der wissenschaftliche Studien zur Sicherheit von Glyphosat-Produkten veröffentlicht sind. Dadurch möchte Bayer laut eigener Aussage die Diskussion über die Sicherheit von Glyphosat auf eine sachliche Grundlage stellen und den Vorwurf entkräften, wichtige Daten zurückzuhalten.
Bayer ist also entschlossen, die Glyphosat-Krise zu bewältigen und das Unternehmen wieder auf einen stabilen Kurs zu bringen. Der jüngste Sieg vor dem Bundesberufungsgericht in Philadelphia dürfte dabei als wichtiger Meilenstein dienen. Ob der Erfolg tatsächlich ein Wendepunkt in den Rechtsstreitigkeiten ist, hängt von der Entscheidung des US Supreme Court ab. Sollte das höchste nordamerikanische Gericht zugunsten von Bayer entscheiden, wäre dies ein Befreiungsschlag für das Unternehmen, der die jahrzehntelangen rechtlichen und finanziellen Belastungen erheblich reduzieren könnte. Ob die positiven Signale aus den Gerichten ausreichen, um das Vertrauen der Anleger zurückzugewinnen, wird sich im Aktienkurs bemerkbar machen. Wie sich die Bayer-Aktie entwickelt, analysieren wir regelmäßig in unserem beliebten DAX40-Paket – gemeinsam mit sämtlichen Titeln des deutschen Leitindex DAX.


„Wir kommen schneller voran als erwartet und werden wie versprochen ab 2026 zwei Milliarden Euro jährlich einsparen“: Bayer-CEO Bill Anderson ist zuversichtlich.

