Über 1800 Prozent in guten zwölf Monaten und eine Verdreifachung des Kurses zwischen Jahreswechsel und Mitte März: Super Micro Computer avancierte zum High-Performer schlechthin im Tech-Sektor, flog wegen des Medienrummels um Nvidia aber bei vielen Anlegern unter dem Radar. Während Nvidia gerade die hochkarätig besetzte GTC-Konferenz mit Tech-Giganten wie Meta, Microsoft oder auch OpenAI ausrichtet und die stärksten Prozessoren vorstellt, die die Welt je gesehen hat, gerät Super Micro Computer in Turbulenzen. Der Spezialist für Rechenzentren und filigrane Hardware feierte zwar kürzlich die Aufnahme in den nordamerikanischen Leitindex Standard & Poor’s 500, enttäuschte seine Anleger dann aber mit der Ankündigung einer Kapitalerhöhung – gleichbedeutend mit der Ausgabe von mehreren Millionen neuer Aktien, die den Markt verwässern könnten. Während die Supermicro-Aktie abgestraft wurde, verbreiteten sich unter Apple-Fans die Spekulationen über die Integration der Google-KI Gemini in neue iPhone-Modelle wie ein Lauffeuer. Dabei sind die Gemini-Pläne durchaus umstritten – und das nicht nur, weil Elon Musk dem Programm exzessive Wokeness vorwirft. Vielmehr scheint die Google-Kooperation gleichbedeutend zu sein mit Apples Kapitulation in Sachen Künstlicher Intelligenz.
Apple opfert sein Auto – und hat trotzdem schlechte KI-Karten
„Verpassen Sie nicht diesen transformativen Moment für die Künstliche Intelligenz“, kündigte Nvidia die Rede von Geschäftsführer Jensen Huang am Montag an und bezeichnete seinen neuen KI-Superchip Blackwell bei dieser Gelegenheit als „Antrieb einer neuen industriellen Revolution“. Während der Chip-Gigant einen allumfassenden Paradigmenwechsel in der Tech-Branche heraufbeschwört, fehlt es ausgerechnet Apple, dem notorischen Vorreiter in Sachen bahnbrechender technologischer Ideen, an ebenjenem Antrieb – und das wortwörtlich: Erst kürzlich stampfte der Konzern seine Pläne für ein selbstfahrendes Auto ein und betraute den Großteil der Angestellten, die bisher an den Mobilitätsplänen geschraubt hatten, mit der Entwicklung einer eigenen Künstlichen Intelligenz. Denn vor allem Microsoft, das Apple nach Börsenwert an der Spitze der internationalen Märkte mittlerweile abgelöst hat, hat sich in den letzten Jahren einen deutlichen Vorsprung bei autonomen Algorithmen erarbeitet, den Apple nun aufholen will. Microsoft gelang durch Investments in Sam Altmans OpenAI, das wegen vermeintlicher Anleger-Täuschung in juristische Bredouille gerät, und die Förderung aufstrebender KI-Startups wie Mistral eine Vervierfachung des eigenen Aktienwerts. Apple konnte da nicht mithalten – obwohl man dem ewigen Konkurrenten Samsung nach Jahren des erbitterten Zweikampfs endlich die Krone in der Smartphone-Branche entreißen konnte und damit einen der etabliertesten Technologie-Märkte überhaupt dominiert.
Schwer hatten es Innovationen bei Apple schon in der Vergangenheit: Angeblich soll Steve Jobs sich lange geweigert haben, das iPhone ins Sortiment aufzunehmen, weil er befürchtete, dass man damit den hauseigenen iPod kannibalisieren würde (was sich letztlich auch als zutreffend erwies, allerdings zum Vorteil seines Herstellers). Außerdem ging Jobs davon aus, dass niemand Interesse an einem Computer hätte, der in ein Handygehäuse gepresst werde – und stand damit lange einer der wichtigsten disruptiven Innovationen des letzten Jahrhunderts im Weg. Jobs ließ sich am Ende umstimmen, Apple baute das iPhone und verdrängte damit den ehemaligen Smartphone-Giganten BlackBerry vom Markt – eine brisante Geschichte, die frappierende Parallelen zum Aufstieg des Bitcoins aufweist, wie wir in diesem Artikel ausführlich erklären. Apple hat nach dem Triumph über Samsung nun auch endlich die absolute Oberhoheit in diesem seit Jahrzehnten etablierten Markt – droht aber ausgerechnet in einem der gleichzeitig jüngsten und vielversprechendsten Sektoren der Tech-Branche den Anschluss zu verlieren, nämlich bei der Künstlichen Intelligenz. Welche wirtschaftlichen Folgen das haben könnte, verdeutlichen Schätzungen von Experten zur Entwicklung der beiden Marktsphären auf eindrückliche Weise: Der Wert des Smartphone-Marktes lag 2022 bei guten $600 Milliarden, der KI-Markt hatte damals ein Gewicht von weniger als $140 Milliarden. Bis 2030 soll die Smartphone-Branche auf rund $980 Milliarden anwachsen. Künstliche Intelligenz soll bis zum Ende des Jahrzehnts ein finanzielles Gesamtgewicht von fast $2 Billionen auf die Waage bringen.
Ist die Gemini-Partnerschaft Apples KI-Bankrott?
Vollmundig kündigte Apple-CEO Tim Cook Ende Februar an, bei generativer KI mit Apple künftig „Neuland“ zu betreten und „neue Wege“ zu gehen. Ob er damit auf Innovationen anspielte, die den Gesamtmarkt erschüttern könnten oder nur die internen Rückstände meinte, bliebt sein Geheimnis. Die Ambitionen sind aber groß, nicht von ungefähr begrub man nach zehn Jahren die eigenen Elektroauto-Pläne und verschob die frei gewordenen Ressourcen in Richtung KI-Forschung. Ähnlich wie beim Apple Car, dessen Fortschritt jahrelang unter Verschluss blieb, lässt sich Apple auch bei seiner KI-Entwicklung nicht in die Karten schauen. Die Aufforderung eines hochrangigen nordamerikanischen Gewerkschaftsverbandes, einen KI-Transparenzbericht vorzulegen, lehnte Apple vor drei Wochen ab – und zwar mit der Begründung, Geschäftsgeheimnisse schützen zu müssen. Den politischen Entscheidungsträgern, die bei der kommenden Präsidentenwahl schwere Manipulation durch KI-Anwendungen fürchten, dürfte diese Nachricht nicht gefallen haben. Die KI-Vorreiter um Microsoft und Meta erklärten sich im Dialog mit den Behörden schon Anfang des Jahres bereit, ihre Modelle schärfer zu kontrollieren, um ungebührliche politische Einflussnahme zu verhindern. Google etwa sperrte bei seinem KI-Modell Gemini wegen Bedenken über Fehlinformation jegliche Antworten auf Fragen zur Präsidentenwahl, was einen Sturm der Empörung auslöste.
In dieser angespannten Lage sickerten in den letzten Tagen Insider-Informationen über eine mögliche KI-Partnerschaft zwischen Apple und Google durch. Seit Jahren unterhalten beide einen Milliardendeal, der die Nutzung der Google-Suche auf Apples iPhones ermöglicht. Dem Vernehmen nach sollen Apple und Google nun verhandeln, Gemini auf den Flagship-Geräten zu installieren, um anspruchsvolle algorithmische Aufgaben zu erledigen, zuvor soll Apple auch mit OpenAI über eine Einbindung des Chatbots ChatGPT (auf den auch schon der deutsche Automobil-Primus Volkswagen setzt) verhandelt haben. Google würde von einer so prominenten Platzierung seiner KI-Speerspitze freilich profitieren, wofür genau Gemini auf den Smartphones genutzt werden soll, ist allerdings unklar. Für Branchenkenner drängt sich der Schluss auf, dass Apple bei KI nicht annähernd so weit ist, wie man sich das firmenintern vorgestellt hätte, manche sprechen gar von einer Kapitulation. Anstatt auf die eigenen KI-Programme, etwa das Large Language Model Ajax oder den Chatbot AppleGPT zu setzen, geht der Smartphone-Riese lieber zur Konkurrenz. Bei diesem KI-Deal dürften auch die Behörden ein Wörtchen mitreden: Schon der Suchmaschinen-Pakt wurde von Wettbewerbshütern kritisiert.
Hardware-Riese Supermicro büßt Vertrauen ein
Was Apple gerade versucht, ist Super Micro Computer bereits gelungen: Der Spezialist für Rechenzentren-Infrastruktur und KI-kompatible Hardware wurde auf der KI-Welle in den letzten Monaten rasant die Börsen-Hierarchie hinauf gespült. Die Marktkapitalisierung des Unternehmens hat sich im vergangenen Jahr auf mittlerweile rund $51 Milliarden fast verzwanzigfacht, allein von Mitte Januar bis Anfang März dieses Jahres stieg der Aktienkurs von rund $300 auf gut $1200. Entsprechend rasant stieß Supermicro in die nordamerikanische Aktienelite des Standard & Poor’s 500 auf, erst kürzlich erfolgte die offizielle Eingliederung. Die starke Nachfrage nach KI-Servern, die Supermicro mit seinem Partner Nvidia als einer der Marktführer bedient, entfachte in Kombination mit dem S&P-Debüt eine Welle der Euphorie unter Anlegern – der Höhenflug wurde nun aber abrupt gestoppt. Vor wenigen Stunden gab das Unternehmen bekannt, zwei Millionen neue Aktien herauszugeben, der Startpreis soll bei $875 Millionen liegen. Damit will Supermicro frisches Kapital akkumulieren, die Aktie allerdings sackte in den letzten Stunden unter diese Eintrittsschwelle. Zwar sind die Aussichten auf die Entwicklung des Unternehmens durch weitere geplante Investitionen in Produktionskapazität und Forschung mit dem neuen Kapital vielversprechend. Anleger fürchten nun aber, dass die neuen Aktien den Markt verwässern könnten. Dem Standard and Poor’s 500 machen diese Turbulenzen derweil wenig aus, laut unserer Analyse dürfte der Index demnächst neue Rekordstände erreichen. Apple, Google und Microsoft analysieren wir übrigens auch für Sie – inklusive lukrativer Einstiegs- und Handelssignale in unserem beliebten TECH33-Paket.



