In den vergangenen Tagen spitzte sich die Erwartungshaltung mit Blick auf die für Anfang Januar erwartete Zulassung der Bitcoin-Spot-ETFs weiter zu. Erst vor wenigen Tagen ließ der CEO von Grayscale in einem Interview verlauten, dass Bitcoin einen Markt mit einem Gesamtvolumen von mehreren Billionen Dollar erschließen könnte, sobald institutionelle Anleger durch börsengehandelte Spot-Anteile Zugang zum Kryptomarkt bekämen.
Ebenfalls Mitte der Woche wurde bekannt, dass BlackRock und Co. letzte Details in ihren Anträgen auf Geheiß der nordamerikanischen Börsenaufsicht (eng. Securities and Exchange Commission) geändert hätten. Und SEC-Boss Gary Gensler, der jahrelang polemisch gegen Blockchain-Investments schoss, druckste plötzlich herum, dass man sich Präzedenzfällen wie dem von Grayscale, dessen Rolle im Bitcoin-ETF-Poker wir hier beleuchtet haben, wohl oder übel beugen müsse.
Die Börsenaufsicht steht vor einer der wegweisendsten Entscheidungen in ihrer Geschichte: Es liegt in ihrer Hand, ob Bitcoin-Spot-ETFs demnächst auf den Markt kommen, oder nicht. Notorisch und über Jahre hinweg verschloss sie sich dieser Idee. Nun scheint sie plötzlich einzulenken. Aber woran liegt das eigentlich? Wie lässt sich erklären, dass die SEC mittlerweile sogar lebhaft daran interessiert sein könnte, Bitcoin in den Mainstream zu holen? Und warum sind private Kleinanleger in diesem Spiel genauso wichtig wie die großen Investmentfonds, die um Bitcoin-ETFs angesucht haben?
Diesen und vielen weiteren Fragen gehen wir in unserer dreiteiligen Miniserie über die nächsten Tage auf den Grund. Bleiben Sie also dran und lernen Sie eine Perspektive auf den Bitcoin, die SEC und den Spot-ETF kennen, die so noch niemand vorher eingenommen hat.
Ist der Krypto-Triumph unumgänglich?
Es sieht tatsächlich so aus, als hätte Bitcoin gewonnen und damit dem ganzen Kryptomarkt zum Sieg über die Sturheit des traditionellen Finanzsystems und seiner Wächter verholfen, wie es Verfechter des digitalen Goldes wohl formulieren würden. Bitcoin ist genau das, nämlich digitales Gold, wenn es nach BlackRock-Chef Larry Fink geht, der die größte Kryptowährung bis vor ein paar Monaten noch als Vehikel der internationalen Kriminalität und Geldwäsche gebrandmarkt hatte. Im Sommer drehte der Wind beim Wallstreet-Giganten unversehens und Fink sagte bei FoxNews: „Um sich vor Inflation zu schützen“, dürften große Investoren künftig auf Bitcoin bauen, „anstatt in Gold zu investieren“. Und Fink ging noch weiter: „Um es klarer zu sagen: Bitcoin ist ein internationaler Vermögenswert“.
Ein kleinlauter Gary Gensler, Larry Fink als frischgebackener Bitcoin-Maxi, 13 unaufhaltbar erscheinende Bitcoin-Spot-ETF-Anträge, deren Zulassung unter Experten als Formalität gilt – geht das nach all den Jahren erbitterter Krypto-Feindlichkeit des Fiat-Systems nicht alles ein bisschen zu einfach? Warum sollten die SEC und allen voran Gary Gensler jetzt einfach so klein beigeben und Bitcoin groß werden lassen – nachdem man sich jahrelang mit aller Macht gegen die Massenadaption von Kryptowährungen im traditionellen Finanzsystem gestemmt hatte? Die Antwort auf diese Frage ist simpel: Wenn die SEC den Bitcoin-ETF zulässt, dann tut sie es, weil kein Weg daran vorbeiführt.
Ein wissenschaftlicher Blick auf die ETF-Spekulation
Sie tut das nicht, weil sich etwas an ihrer Haltung zum Bitcoin geändert hätte. Und auch nicht, weil Gerichte sie dazu zwingen würden. Sondern ganz einfach, weil eine ETF-Zulassung die letzte Möglichkeit ist, die Dynamik wieder einzufangen, mit der Bitcoin ins Fiat-System vorstößt. Die SEC muss Bitcoin zum Mainstream machen, um Satoshi Nakamotos Vision von einer dezentralen Weltwährung, die das etablierte Geld- und Bankensystem ins Wanken bringt, zu verhindern. Das scheint auf den ersten Blick paradox. Aus spieltheoretischer Sicht ist es aber logisch zu argumentieren. Grundlage dafür ist ein wenig bekanntes, aber in Fachkreisen beliebtes wirtschaftswissenschaftliches Axiom: die Theorie der disruptiven Innovation.
Um zu verstehen, warum aus spieltheoretischer Sicht ein Bitcoin-Spot-ETF der einzige Weg für die SEC ist, den Bitcoin zu bändigen, welche Rolle Apples iPhone dabei spielt und warum gerade deshalb der Bitcoin-ETF für die Grundidee Satoshi Nakamotos eine potenzielle Gefahr darstellt, müssen wir die drei Teilnehmer dieses großen Spiels näher beleuchten: die SEC, BlackRock und die anderen ETF-Antragssteller sowie, auf der untersten Stufe der wirtschaftlichen Nahrungskette, private Investoren und Krypto-Enthusiasten. Wie bei wissenschaftlichen Hypothesen üblich, handelt es sich dabei um eine theoriegestützte Annahme, auf deren Basis keine Handelsentscheidungen getroffen werden sollten, die allerdings interessante Aufschlüsse darüber liefert, wie die SEC ticken könnte.
In diesem ersten Teil unserer dreiteiligen Miniserie widmen wir uns der Frage, was eine disruptive Innovation ist. Im zweiten Teil erklären wir, was der Bitcoin damit zu tun hat und wie die SEC sein revolutionäres Potenzial mithilfe einer ETF-Zulassung bremsen könnte. Im dritten und letzten Teil erfahren Sie dann, welche Rolle Vermögensverwalter und (Klein-) Anleger in diesem Spiel der mächtigen Wirtschaftsinteressen ausfüllen.
Wie disruptive Innovationen Märkte zerstören
Um zu verstehen, warum die SEC aus spieltheoretischer Sicht nachgerade dazu gezwungen ist, den Bitcoin-Spot-ETF zuzulassen, müssen wir uns zunächst die Theorie ansehen, die das Fundament für diese Hypothese bildet. Die Theorie der disruptiven Innovation wurde in den 1990er Jahren vom amerikanischen Wirtschaftswissenschaftler Clayton Christensen entwickelt, der an der Harvard Business School lehrte. Christensen beobachtete, dass so manche neue Technologie ganze Märkte durcheinanderwirbelt und bestehende Produkte plötzlich nutzlos macht, was wiederum dazu führt, dass marktführende Firmen von heute auf morgen verschwinden. So ein wirtschaftliches Erdbeben löste etwa der MP3-Player aus. Plötzlich wollte niemand mehr CDs hören oder einen Walkman benutzen. Unternehmen, die eben noch Milliarden mit analogen Tonträgern verdient hatten, standen kurz vor dem Bankrott.
Selbst schuld, würde man jetzt denken – die Marktführer hätten sich einfach nur genug umstellen müssen und sind an ihrer Trägheit gescheitert. So weit, so richtig, denn laut Christensen machen disruptive Innovationen bestimmte Dinge deutlich besser als bisherige Produkte – ein MP3-Player ist handlicher und kann mehr Musik speichern als eine CD. Trotzdem ist es den marktführenden Anbietern schlicht nicht möglich, auf den Zug aufzuspringen, den sie vor den eigenen Augen davonfahren sehen. Und der Grund dafür ist, was Christensen als Innovator’s Dilemma bezeichnete: Entscheidend für eine disruptive Technologie ist, dass sie in einem ganz wichtigen Detail eine so bedeutsame Schwäche aufweist, dass Marktführer die Innovation schlicht nicht übernehmen können, ohne den eigenen Markt vollständig zu zerstören.
Warum wird ein schwächeres Produkt erfolgreich?
Nehmen wir das Beispiel mit dem MP3-Player: Vinyl-Platten und CDs stehen für Klangqualität und eine bestimmte Form der Vermarktung – man kann sie nur haptisch kaufen. Wären ihre Produzenten ansatzlos auf digitale Produkte umgestiegen, hätten sie nicht nur ihr eigenes Produkt, sondern auch ein ganzes System von Angebot und Nachfrage zerstört, auf das sie angewiesen waren – oder zumindest fest daran glaubten. Wie aber kann eine Innovation einen Markt erobern, wenn sie schlechter ist als die bestehende Konkurrenz?
Laut Christensen ziemlich einfach: Disruptive Innovationen entwickeln sich im Windschatten der besseren Produkte. Niemand nimmt sie als Gefahr wahr, weil sie nicht wirklich praktikabel sind und ihre Vorteile nur von wenigen verstanden werden. Die Adaption schreitet voran und irgendwann ist es für etablierte Unternehmen zu spät, um den aufstrebenden Gegner aufzuhalten. Das wohl beeindruckendste Beispiel für ein solches Überholmanöver aus dem Windschatten heraus ist der Konkurrenzkampf zwischen Apples iPhone und den Smartphones von Blackberry.
Ein Riese geht unter
Kaum jemand besitzt heute noch ein Blackberry. Wäre dieser Text 2007 herausgekommen, hätte das ganz anders ausgesehen. Dann hätte nämlich jeder Fünfte, der diesen Artikel liest, so ein Handy besessen. Damals hatte Blackberry rund 20 Prozent des Marktanteils inne. Zum Vergleich: Heute steht Samsung bei dieser Marke, Apple knapp darunter. Als 2007 das iPhone herauskam, scherte sich kaum jemand darum. Man hatte ein Smartphone, um damit zu arbeiten und E-Mails zu schreiben. Da war das Blackberry einsame Spitze und selbst Steve Jobs weigerte sich jahrelang, in den Handymarkt einzusteigen. Er sah keinen Sinn darin, einen Computer in ein Handy einzubauen.
2007 kam das iPhone dann doch und war erstmal etwas für “Freaks”. 2011 schrieb Blackberry sogar noch einen Umsatzrekord. Wie sich herausstellen sollte, den letzten. Denn wir alle wissen, wie die Geschichte ausgegangen ist. BlackBerry konnte das iPhone nicht imitieren. Es hätte seinen eigenen Markt zerstören müssen, um mit Apple mitzuhalten. Heute dümpelt Blackberry bei einem Zwanzigstel seines Umsatzes von vor fünfzehn Jahren herum. Die Geräte sind weitgehend vom Markt verschwunden.
Was hat das jetzt mit Bitcoin zu tun? Kleiner Spoiler: Bitcoin ist genau so eine disruptive Innovation. Um einen iPhone-Moment für das traditionelle Währungssystem zu verhindern, muss die SEC den Spot-ETF aus spieltheoretischer Perspektive zulassen. Mehr dazu im nächsten, zweiten Teil dieser Miniserie. Dort erklären wir außerdem, wie die SEC einen Spot-ETF nutzen könnte, um Satoshi Nakamotos Vision einer dezentralen Weltwährung zu verhindern. Bis dahin sind alle analytischen Infos zum Bitcoin und seiner Preisentwicklung in unserem Krypto-Paket zu finden.




