Wahljahr 2024: Tech-Giganten gegen KI-Manipulation
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Wahljahr 2024: Tech-Giganten gegen KI-Manipulation

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Simeon Koch

Viele nordamerikanische Bürger dürften sich in der letzten Woche ziemlich gewundert haben, als plötzlich Joe Biden anrief und sie persönlich bat, nicht zur Wahl zu gehen. Auf den Displays der Telefone wurde die Nummer vom politischen Komitee der Demokratischen Partei angezeigt – und trotzdem waren sie fingiert. Mithilfe von Künstlicher Intelligenz (KI) imitierte ein sogenannter Deep Fake die Stimme des amtierenden Präsidenten. Mindestens genauso abwegig wie ein persönlicher Anruf des Staatsoberhaupts ist wohl, dass Biden seine Sympathisanten auffordern könnte, zuhause zu bleiben. Schließlich braucht er bei der nächsten Wahl jede Stimme seiner Unterstützer. Trotzdem wurden viele Wähler von den falschen Anrufen getäuscht. Politexperten befürchten nun großflächige Manipulation durch Künstliche Intelligenz bei den diesjährigen wegweisenden Wahlen in USA, Europa und auch Russland. Um Betrügereien vorzubeugen, entwickelt der ChatGPT-Entwickler OpenAI Strategien gegen den Missbrauch der eigenen Produkte und verbietet die Benutzung für politische Kampagnen. Tech-Giganten wie Microsoft, Google und Meta schließen sich an.

Microsoft nutzt Krypto gegen Fake News

„Über die nächsten 14 Monate werden mehr als zwei Milliarden Menschen auf der ganzen Welt die Möglichkeit haben, in landesweiten Wahlen ihre Stimme abzugeben“, leitete Microsoft eine Stellungnahme aus dem vergangenen November ein, in der sich das zwischenzeitlich wertvollste Börsenunternehmen der Welt zu Wahlbetrug äußerte. „Von Indien bis zur Europäischen Union, dem Vereinigten Königreich und den USA werden die Demokratien dieser Welt geformt von Bürgern, die ihr fundamentalstes Recht ausüben.“ Während Wähler dieses Recht ausübten, sei aber noch „eine weitere Kraft am Werk, um die Ergebnisse dieser bedeutungsvollen Abstimmungen zu beeinflussen und zu verändern“. Demnach werde 2024 „nie dagewesene Herausforderungen für den Schutz von Wahlen“ mit sich bringen, an der Spitze von Desinformationskampagnen stünden demnach „autoritäre Staaten“, die „traditionelle Technologien mit Künstlicher Intelligenz“ kombinieren würden und dadurch „die Integrität des Wahlsystems bedrohen“.

Umso wichtiger sei es für „Technologiefirmen, den gesamten Markt und die Zivilbevölkerung, neue Initiativen zu ergreifen“ – und dabei wolle Microsoft vorangehen. Zunächst werde man Kandidaten dabei helfen, ihre eigenen Inhalte seriös zu vermitteln. Helfen soll dabei laut Microsoft ein „neues Tool“ der Content Authenticity Initiative (CAI), einer im November 2019 von Adobe, der New York Times und Twitter gegründeten Vereinigung, die sich auf die Fahne schreibt, die Herkunft digitaler Inhalte zu authentifizieren. Nutzer können ihre eigenen Inhalte über ein kryptographisches Protokoll digital signieren und damit die Echtheit der dargestellten Information belegen. Durch die Blockchain-Verbindung bleiben Inhalt und Herkunftsnachweis untrennbar verbunden und können nachträglich nicht mehr verändert werden. Eine zugehörige Schaltfläche soll Konsumenten ermöglichen, die Herkunft eines Beitrags auf digitalen Plattformen mithilfe dieser Technologie zu überprüfen. Fortbildungen und die Unterstützung durch Microsoft-Sicherheitsteams sollen Regierungen und Kampagnen zur Verfügung stehen, die eigene Informationsverbreitung über Suchmaschinen werde mithilfe von journalistischen Kollektiven wie Reporter ohne Grenzen überwacht.

OpenAI verbietet ChatGPT-Nutzung für Kampagnen

Das Problem gefälschter und irreführender Inhalte wird damit nur teilweise gelöst – schließlich konzentrieren sich die Maßnahmen von Microsoft primär auf die Urheber offizieller Information. Deep Fakes, also KI-generierte audiovisuelle oder lediglich akustische Inhalte wie Videos oder Telefonanrufe, wurden in den vergangenen Jahren immer besser – und deshalb von vielen US-Bundesstaaten auf dem politischen Parkett verboten. South Carolina etwa gab Mitte Januar bekannt, dass die Anfertigung und Verbreitung solcherart fingierter Medieninhalte über Wahlkandidaten ab 90 Tage vor einer Wahl von nun an verboten seien. Damit schloss man sich Washington, Minnesota und Michigan an, die ähnliche Gesetze bereits im vergangenen Jahr erlassen hatten. Am frühesten waren damit Texas, Kalifornien und Virginia im Jahr 2019 dran. Dabei gelten solche Gesetze als wenig wirkungsvoll – schließlich erlauben vielfältige digitale Kanäle die anonyme und massenhafte Verbreitung gefälschter Inhalte, die juristisch kaum zu verfolgen, geschweige denn überhaupt aufzuarbeiten sind. Zwar kündigte der Software-Sicherheitsdienstleister McAfee kürzlich erst eine neue Technologie an, die Deep Fakes zu 90 Prozent entlarven kann – automatisierte Anwendungen zur Identifikation von KI-generierten Inhalten sind derzeit aber zumeist noch sehr unzuverlässig.

Der einzige effektive Weg, um Wahlmanipulation durch KI-generierte Fehlinformation zu verhindern, scheint also bis zu deren Quellen zu führen – und damit zu den Programmen, die für die Erstellung von gefälschten Medieninhalten genutzt werden. Mehrere nordamerikanische Tech-Giganten haben sich deshalb auf die Fahne geschrieben, ihre eigenen KI-Modelle vor Missbrauch zu schützen. OpenAI etwa schrieb in einem Blog-Post vergangene Woche, dass man möglichst genau rekonstruiere, wie politische Einflussnahe mithilfe von KI funktioniert, um Gegenmaßnahmen zu treffen. Bis man entsprechende technischen Maßnahmen für das eigene Large-Language-Modell ChatGPT entwickelt habe, gelte ein ausdrückliches Verbot, das Programm für Wahlkampagnen oder Lobbying einzusetzen. Außerdem sei es Programmierern untersagt, mithilfe der von OpenAI entwickelten Algorithmen Bots zu entwickeln, die sich fälschlicherweise für Kandidaten, Parteien oder politische Institutionen ausgeben. Wie und ob politischer KI-Missbrauch technisch verhindert oder das ausgesprochene Verbot auch wirklich durchgesetzt werden kann, gab OpenAI nicht bekannt. Entsprechend vage und inkonsequent – oder zumindest unausgereift – erscheint auch dieser Vorstoß.

Zensur durch Meinungsfilter?

Konkreter wird OpenAI bei Dall-E, einer KI-Anwendung, die Bilder erzeugen kann. Künftig soll besser ersichtlich sein, ob ein Foto mithilfe eines KI-Generators erschaffen worden ist, oder nicht. In den nächsten Wochen will OpenAI bei einer neuen Version des Programms ebenfalls den kryptographischen Herkunftsnachweis der Content Authenticity Initiative implementieren. Zudem schraubt OpenAI an einem eigenen Filter, der Bilder von Dall-E erkennen und kenntlich machen soll, eine Testriehe soll bald starten. Kritisiert wird das ehemalige Startup von Geschäftsführer Sam Altman wiederum für seine Strategie bei ChatGPT: Nicht nur soll die Verarbeitung aktueller und quellenfundierter Informationen verbessert werden – auch will man künftig Quellen inhaltlich filtern. Das soll dabei helfen, Falschinformationen auszusieben, könnte laut Kritikern aber auch dazu führen, dass Stimmen, die etwa Überdruss über das aktuelle politische oder Wahlsystem äußern, zensiert werden könnten. In diesem Kontext betonte Microsoft, dass man die staatlichen Gesetze gegen schädliche KI-Inhalte unterstütze, von denen aber ausdrücklich „Parodie, Satire und die Nutzung von KI-generierten Inhalten von Nachrichtenportalen“ ausgenommen seien.

Auch Google und Meta verlangen nun Nachweise über die Nutzung von Künstlicher Intelligenz bei der Erstellung von politischen Beiträgen, die auf den jeweiligen Kanälen, also etwas Facebook, Instagram oder YouTube veröffentlicht werden. Primär geht es dabei um akustische und visuelle Inhalte, um Deep Fakes zu vereiteln. Die demokratische Abgeordnete Yvette Clarke sagte dazu in einer Stellungnahme, die Schritte von Microsoft und Meta seien ein guter Beginn, aber nicht ausreichend: „Wir stehen an der Schwelle einer neuen Ära der Kriegsführung durch Desinformation mithilfe von Künstlicher Intelligenz“, bisher hänge man mit effizienter Regulation hinterher: „Der Kongress muss Sicherheitsvorkehrungen treffen, um nicht nur unsere Demokratie zu schützen, sondern auch die Flut irreführender, von KI generierter Inhalte einzudämmen, die das amerikanische Volk möglicherweise täuschen können“. Die weitere Erforschung von KI stellt aber nicht nur einen politischen Imperativ für die US-Regierung, sondern auch immenses Potenzial für die entwickelnden Firmen dar. Microsoft, Google und auch Meta haben sich als Vorreiter auf dem Gebiet der Künstlichen Intelligenz etabliert und dürften ihre Programme durch wohltemperierte Sicherheitsmaßnahmen noch massentauglicher machen. Wie sich deren Aktienkurse und die Werte von dreißig weiteren wichtigen Tech-Playern entwickeln, analysieren wir regelmäßig in unserem beliebten Tech33-Paket.

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Simeon Koch

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