Rezession und bullische Bitcoin-Prognosen – wie passt das zusammen?
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Rezession und bullische Bitcoin-Prognosen – wie passt das zusammen?

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Simeon Koch

Sie hatten es sich doch so fest vorgenommen. Es war Ihr Masterplan. Wahrscheinlich die erste und wichtigste Lektion, die Sie gelernt haben, als Sie begannen, sich mit den Finanzmärkten zu befassen. Kaufe, wenn Blut in den Straßen fließt – diesen Satz kennt fast jeder Anleger. Und doch hält sich kaum jemand daran. Jeder Investor startet mit großen Träumen und dem Plan, beim nächsten Boden einzusteigen. Dann aber spielen uns Angst und Gier einen teuren Streich und wir werfen unseren tollen Masterplan gemeinsam mit den Nerven über Bord – nur, weil alle anderen auf einmal behaupten, die Welt ginge unter. Oder weil unser Portfolio so tief im Minus steckt, dass uns die Furcht vor noch größeren Verlusten lähmt. Und tatsächlich ist es leichter gesagt als getan, am Boden einzusteigen. Denn wo der Boden war, weiß man immer erst, wenn die nächste Rallye läuft – also dann, wenn es schon zu spät ist. Bei jedem größeren Abverkauf ist man hin- und hergerissen: Soll ich jetzt einsteigen oder lieber die Hände vom fallenden Messer lassen? Ist der Boden nah oder geht es noch weiter abwärts? Ist der Zyklus schon vorbei und ich kaufe in den nächsten Bärenmarkt hinein? Besonders bei Bitcoin und den Altcoins quälen diese Fragen aktuell. Das ist ein bullisches Zeichen – aber nicht das einzige. Denn es gibt drei wichtige Gründe, aktuell bullisch auf Krypto zu sein.

Grund 1: Die Angst ist endlich da

Der Ton bei unserem Publikum ist rauer geworden. Das ist spätestens seit zwei oder drei Wochen zu spüren. Noch im Frühsommer waren unter unseren Postings auf X, YouTube und Instagram regelmäßig entschlossene Durchhalteparolen zu lesen. Gegenseitig bestärkten sich unsere Leser darin, bis zur nächsten Rallye durchzuhalten und nicht aus dem Markt gespült zu werden. Warnungen vor einer möglichen Rezession wurden als Panikmache abgetan, positive News gefeiert. Der Markt war sich sicher: Bald geht es wieder bergauf. Und was geschah? Es ging bergab. Natürlich. Das macht der Bitcoin nicht, weil er boshaft ist, sondern weil Finanzmärkte so funktionieren – vor allem junge Asset-Klassen, die wenig reguliert und damit Spielball großer Investoren sind. Wird der Markt zu gierig, geht es bergab. Sind sich die Anleger dann immer noch zu sicher, geht es weiter bergab. Und das so lange, bis der Ton umschlägt. Genau das ist gerade auf unseren Social-Media-Kanälen zu beobachten: Die Leute haben Angst. Und wer Angst hat, wird schnell aggressiv. Vergessen scheint die Entschlossenheit, vergessen der Masterplan. Die Zuversicht ist lähmender Angst gewichen, Frustration über rote Zahlen im Portfolio äußert sich in Vorwürfen. Es muss einen Schuldigen geben.

Der Fear and Greed-Index für den Kryptomarkt hat am Wochenende ein neues Jahrestief erreicht – in der Vergangenheit für gewöhnlich ein bullisches Signal

Es ist wissenschaftlich bewiesen, dass Menschen sich positive Errungenschaften gerne selbst auf die Fahne schreiben – auch, wenn ihnen andere dabei geholfen haben. Macht man aber Fehler, sucht man die Schuld bei anderen – auch, wenn man selbst verantwortlich ist. Das geschieht natürlich auch im Finanzmarkt. Wenn die Märkte steigen, ist jeder, der vorher gekauft hat, ein Genie. So fühlt es sich zumindest an. Wenn die Märkte fallen, fühlen sich diejenigen, die vorher gekauft haben, wie Vollidioten – oder werfen anderen vor, sie zum falschen Einstieg verleitet zu haben. Zwischen diesen Extremen gibt es nichts. Extreme Volatilität entsteht aus extremer Emotion. Wer parabolische Anstiege im Bullenmarkt erleben will, muss auch die Abwärts-Spiralen mitmachen. Keiner trifft den Boden perfekt, keiner verkauft exakt am Top. Machen wir aber andere für unsere Fehler verantwortlich, können wir nicht daraus lernen. Dann projizieren wir unsere Frustration, anstatt konstruktiv zu analysieren, was schiefgelaufen ist. Wenn wir anderen Vorwürfe machen, schränkt das unser Gefühl ein, selbstwirksam unser Schicksal gestalten zu können. Und das hält uns davon ab, etwas zu ändern. Es lähmt uns. Deshalb sind Phasen der Bodenbildung im Markt so zäh.

Grund 2: Die Politik will keinen Crash

Es ist also alles andere als ungewöhnlich, dass die aktuelle Korrektur so lang dauert – und das macht sie umso schmerzhafter. Der angenehme Nebeneffekt dabei: Je länger die Konsolidierung dauert, desto pessimistischer wird der Markt – und je größer die Angst, desto näher ist für gewöhnlich der Boden und damit die Trendwende. Jetzt könnte man natürlich einwerfen, dass der Fear and Greed-Index, der im Kryptomarkt am Wochenende ein neues Jahrestief erreicht hat, allein keine Aussage über die Marktphase machen kann. Schließlich berücksichtigt er keine makroökonomischen Indikatoren und könnte auch einfach weiter fallen, wenn wir wirklich in die Rezession gehen. Und das stimmt auch. Niemand kann prognostizieren, wann die nächste Rezession kommt. Dass sie kommt, ist so gut wie gewiss, schließlich gehören Abschwünge zu einem normalen wirtschaftlichen Zyklus und sind wichtig, um nachhaltiges Wachstum zu sichern. Es gibt aber einige Anzeichen, dass die aktuelle Panik verfrüht ist. Einer der wichtigsten Gründe ist, dass auf höchster politischer Ebene lebhaftes Interesse daran besteht, den Finanzmarkt vorerst auf Wachstumskurs zu halten.

Durchschnittliche Jahre mit einer Präsidentschaftswahl in den USA sind im dritten Quartal schwach, im Winter dafür umso stärker

Schließlich steht die Präsidentschaftswahl in den Vereinigten Staaten kurz vor der Tür, der Wahlkampf geht aktuell in die finale Phase. Für die Republikanische Partei geht Donald Trump ins Rennen, der sich selbst als Krypto-Kandidat und Bitcoin-Freund stilisiert. Für die Demokraten ersetzt die aktuelle Vizepräsidentin Kamala Harris den ausgeschiedenen Amtsinhaber Joe Biden. Harris gilt nicht nur wegen ihrer Unterstützung einer Cannabis-Legalisierung als aufgeschlossen gegenüber neuen Märkten und ging in letzter Zeit auf Krypto-Größen wie Ripple, den Stablecoin-Herausgeber Circle oder auch Coinbase zu, um das Verhältnis ihrer Partei zum Kryptomarkt zu verbessern. Ganz unabhängig von den Positionen der beiden Kandidaten hat sich in der Vergangenheit gezeigt: Die Präsidentschaftswahl in den Vereinigten Staaten war fast schon ein Garant für steigende Kurse im jeweiligen Winterquartal. Im dritten Quartal hingegen erwiesen sich Wahljahre als eher ungemütlich – eine Regelmäßigkeit, die auch aktuell wieder zu beobachten ist. Man denke an die Marktpanik am 5. August oder auch die heftigen Abverkäufe der vergangenen Woche.

Grund 3: Der Bitcoin geht in seine stärkste Jahreszeit

Dass der Bitcoin im August und September schwächelt, ist historisch gesehen fast schon normal. Das dritte Quartal war auch in letzten Bullenmärkten häufig von deutlichen Korrekturen geprägt, ein ausgedehntes Sommerloch mit andauernden Altcoin-Crashes erlebt der Kryptomarkt nicht zum ersten Mal. Seit 2013 war der September in acht von elf Fällen tiefrot für den Bitcoin. Im August war das ebenfalls achtmal der Fall. Im Durchschnitt brachte der September ein Minus von rund fünf Prozent, der August ist gerade so mit knapp zwei Prozent positiv – das aber auch nur wegen der krassen Ausreißer von +30 Prozent und +65 Prozent in den Bullenmärkten 2013 und 2017. Beim Bullrun 2021 war der August mit einem Plus von gut 13 Prozent schon deutlich schwächer, besonders in den Jahren vor großen Aufschwüngen fiel dieser Monat enttäuschend aus. Noch übler steht es um den September: In keinem bisherigen Bullrun-Jahr war er positiv. Ganz anders präsentiert sich hingegen der Oktober, im Krypto-Space scherzhaft auch als Uptober bezeichnet. In neun von elf Jahren seit 2013 war der Oktober deutlich positiv, die einzigen zwei Ausnahmen waren die Bärenmarkt-Phasen 2014 und 2018.

Ein Sommerloch ist beim Bitcoin nicht ungewöhnlich. Oktober und November sind traditionell seine stärksten Monate. Davor sorgte ein schwacher September oft für Panik

Ähnlich sieht es im November aus, der immerhin in acht von elf Fällen positiv war und eine durchschnittliche Rendite von fürstlichen 46.81 Prozent abwarf. Damit stellt der November sogar den Oktober mit seinem kräftigen Durchschnittsplus von 22.9 Prozent in den Schatten. Dennoch sind diese beiden Monate historisch gesehen die mit Abstand stärksten in der Saisonalität des Bitcoin. Bisher passt der Verlauf dieses Jahres verblüffend gut in dieses Schema: Starker Frühling, schwacher Sommer – und jetzt ein bullisches viertes Quartal? Auch uns ist der Blick in die sprichwörtliche Glaskugel leider nicht möglich. Die drei Aspekte, die wir in diesem Artikel diskutiert haben, sprechen aber für eine deutliche Erholung des Kryptomarktes im Herbst und Winter. Bullische Bitcoin-Prognosen passen historisch gesehen also durchaus zur aktuellen Situation – auch, wenn es aktuell nicht nach Bullrun aussieht. Aber genau diese betrübte Gefühlslage scheint der breite Markt erreichen zu müssen, damit die nächste Rallye starten kann. So war es in den letzten Zyklen. Und bekanntlich sind die kostspieligsten vier Worte an der Börse: Diesmal kommt alles anders.

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Simeon Koch

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