Ein Jahr nach dem Überfall der Hamas auf Israel, bei dem in israelischen Siedlungen und auf einem Festival rund 700 Menschen getötet wurden, steht der Nahe Osten kurz vor einem Flächenbrand. In den vergangenen Wochen hatte Israel immer wieder schwere Luftschläge gegen den angrenzenden Libanon geflogen, bei dem erst mehrere Führungspersonen der dort regierenden islamistischen Terrororganisation Hisbollah und schließlich auch deren Anführer Hassan Nasrallah ums Leben kamen. Nasrallah und die Hisbollah gelten als verlängerter Arm des Iran im Libanon, entsprechend scharf war die Reaktion des iranischen Regimes, das Israel Dienstagnacht mit rund 200 Raketen beschoss. Bereits im April hatte der Iran in einer Vergeltungsaktion mehr als 300 Drohnen und Raketen auf Israel abgefeuert, damals allerdings mit Ankündigung. Im Sommer beruhigte sich die geopolitische Lage schnell. Auch die heftige Volatilität an den Weltmärkten, die auf die iranische Attacke folgte, blieb von kurzer Dauer. Nun aber scheint eine Eskalation unausweichlich. Den Brennstoff-Markt, in dem der Iran eine führende Position einnimmt, könnte das destabilisieren.
Lieferketten-Blockaden und Rohöl-Engpässe drohen
Als iranische Streitkräfte Dienstagnacht 181 Raketen auf Israel abfeuerten, ging ein Beben durch die Finanzmärkte. Angst vor einem kriegerischen Flächenbrand sorgte für Anlegerflucht aus Risiko-Assets; vor allem Kryptowährungen wurden von anhaltendem Abgabedruck erfasst. In den Tagen davor war die israelische Armee mit Bodentruppen in den Süden seines Nachbarstaats Libanon einmarschiert, wo die Hisbollah als verlängerter Arm des Iran regiert. Die unmittelbaren Folgen der iranischen Angriffe auf Israel waren begrenzt, da die meisten Raketen von israelischen Verteidigungssystemen abgefangen wurden – die Auswirkungen auf den Energiemarkt könnten durch eine Eskalation in der wichtigen Ölregion mittelfristig aber gravierend sein. In den ersten Stunden nach den Angriffen blieben die Brennstoff-Börsen vorerst ruhig. Sollte der Iran durch Angriffe oder aus strategischen Gründen seine Ölförderung kürzen, könnte das zu drastischen Verwerfungen an globalen Handelsplätzen führen.
Trotz anhaltender westlicher Sanktionen gegen den Iran gehört das Land zu den wichtigsten Öl-Exporteuren der Welt. Und auch als mächtiges Mitglied des nahöstlichen Erdöl-Kartells OPEC sitzt der Iran an einem langen Hebel, um den mit Israel verbündeten Westen unter Druck zu setzen. Gut zu sprechen ist der Iran auf Europa und vor allem die USA nämlich schon seit Jahrzehnten nicht mehr. Bis in die späten 1970er-Jahre pflegten Israel und der Iran ein freundschaftliches Verhältnis. 1979 wurde im Iran die bis dahin amtierende pro-westliche Regierung gestürzt und ein fundamental-religiöses Regime installiert. Über die letzten 40 Jahre hat der Westen unter Ägide der Vereinigten Staaten immer wieder strenge Wirtschaftssanktionen gegen die Islamische Republik verhängt. Dennoch spielt der Islam eine zentrale Rolle im globalen Energiemarkt. Mit einer Produktion von über 3.3 Millionen Barrel pro Tag im August 2023 ist das Land laut der Organisation der Erdöl-exportierenden Länder (OPEC) einer der zehn größten Ölproduzenten der Welt. Zum Vergleich: Die Vereinigten Staaten produzieren pro Tag 13.2 Millionen Barrel, Russland rund elf Millionen und China fast fünf.
Wie viel Druck kann die Öl-Macht Iran aufbauen?
Rund die Hälfte der iranischen Produktion wird exportiert, was etwa zwei Prozent der weltweiten Ölversorgung ausmacht. Obwohl der Iran aufgrund internationaler Sanktionen seine Exporte in den vergangenen Jahren erheblich reduzieren musste, bleibt seine Produktion entscheidend für das Gleichgewicht auf den globalen Märkten. Das Land hält die viertgrößten Erdölreserven weltweit und ist ein bedeutender Akteur im OPEC-Kartell. Laut Experten nimmt der Iran damit eine Schlüsselrolle bei der Stabilisierung der Ölpreise ein. Die geografische Lage am Persischen Golf und an der Meerenge von Hormus, durch die 20 bis 30 Prozent des weltweiten Öltransports fließen, ist ein weiterer geopolitischer Trumpf, mit dem das iranische Regime Druck auf den Westen ausüben kann. Einen Vorgeschmack auf mögliche Blockaden wichtiger Handelsrouten gaben die mit dem Iran verbündeten Huthi-Milizen bereits im Januar, als sie vom Jemen aus westliche Handelsschiffe im Suezkanal attackierten. Damals waren zwölf Prozent des weltweiten Schiffshandels bedroht; Sorgen um Lieferketten sorgten für starke Volatilität im Brennstoffsektor.
Neben seiner Rolle als Produzent von fast fünf Prozent der globalen Rohöl-Fördermenge verfügt der Iran über ein starkes Netzwerk von Verbündeten, die im Falle einer Eskalation des Nahost-Konflikts ebenfalls die globale Energieversorgung beeinflussen könnten. Die Hisbollah im Libanon, die Huthi im Jemen und pro-iranische Milizen im Irak stehen bereit, den Iran bei einem militärischen Konflikt mit Israel zu unterstützen. Diese Gruppierungen könnten strategische Ziele angreifen, darunter Ölanlagen und Pipelines, die für den globalen Markt von Bedeutung sind – auch in Staaten, die nicht direkt in den Konflikt verwickelt sind. So haben die Huthi in der Vergangenheit wiederholt saudische Ölanlagen angegriffen, was zu kurzfristigen Versorgungsengpässen führte. „Die Eskalationsspirale dreht sich bereits und ist schwer zu stoppen“, sagte Abdolrasool Divsallar, Experte des Nahost-Instituts in Washington, bereits Anfang August der österreichischen Kleinen Zeitung. Ein Ausfall iranischer Ölreserven infolge eines möglichen israelischen Angriffs könnte auch dazu führen, dass die OPEC ihre restriktive Produktionspolitik überdenkt, was zusätzliche Volatilität in den Markt bringen könnte.
„Der Iran wird bezahlen“: Kommt es zum offenen Krieg?
Die Vereinigten Staaten und Europa stehen vor der Herausforderung, ihre Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen zu reduzieren, während gleichzeitig geopolitische Konflikte die Versorgungssicherheit gefährden. Vor allem in Europa, das stark auf Flüssiggas (LNG) aus Katar und den USA angewiesen ist, könnte eine Eskalation die Energiesicherheit bedrohen. Die globale Schifffahrt, insbesondere durch die Straße von Hormus, ist für den Export von Erdgas ebenso wichtig wie für den Öltransport. Störungen in dieser Region würden nicht nur die Preise für Rohöl, sondern auch für Erdgas in die Höhe treiben. Chinas wachsende Nachfrage nach Öl aufgrund seiner kürzlich angekündigten Konjunkturpakete könnte den Markt zusätzlich belasten, was die Preise weiter antreiben würde. Noch vor wenigen Tagen hatte ein prognostizierter Rückgang der chinesischen Ölnachfrage den Brennstoffmarkt in historisch bärische Gefilde bewegt. Dieser Trend könnte nun plötzlich drehen.
Entscheidend für die Stimmung rund um Bitcoin und Risiko-Aktien, aber auch für die mittelfristige Entwicklung der Ölmärkte dürfte nun sein, wie Israel auf die Vergeltungsschläge des Iran reagiert. Die stark dezimierte Hisbollah drohte bereits öffentlich, dass man israelische Reaktionen nicht ungeahndet lassen werde; der israelische Außenminister Abbas Araghchi schrieb auf X, vormals Twitter: „In diesem Fall wird unsere Antwort stärker und verheerender ausfallen!“ Hoffnung machen intensivierte diplomatische Gespräche: In den vergangenen Stunden telefonierte der iranische Außenminister laut der nationalen Nachrichtenagentur mit europäischen Außenministern. Am Apparat hatte er demnach unter anderem Annalena Baerbock und ihre Amtskollegen aus Großbritannien und Frankreich. Der Iran hat laut regionalen Beobachtern kein Interesse an einem offenen Krieg mit Israel, das seinerseits in der aktuellen Situation aber wohl kaum zurückstecken dürfte. Im Libanon toben zurzeit Scharmützel zwischen der Hisbollah und israelischen Bodentruppen, die Huthi-Milizen meldeten, Ziele in Israel aus der Luft angegriffen zu haben. In Richtung des Irans sagte Israels Regierungschef Benjamin Netanyahu am Mittwoch: „Der Iran hat heute Abend einen großen Fehler gemacht und er wird dafür bezahlen“. Entspannung ist in Nahost vorerst nicht in Sicht.


Seit Dienstag stieg Brent um zwölf Prozent und könnte im Alternativszenario über $82.35 ausbrechen. Abonnenten erhalten für beide Szenarien präzise Zielzonen.
Auch WTI zog nach Irans Angriff auf Israel um gute zwölf Prozent an. Ein alternativer Ausbruch könnte den Kurs in Richtung des Widerstands bei $95.03 treiben.
